Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Satire: Ran an die eigenen Verhältnisse!

Nicht, dass wir auf die Schnapsidee kämen, die politische Satire sei hierzulande nicht mehr erlaubt! Nein, sie blüht wie lange nicht mehr. Bei der Beobachtung von dem, was sich zumindest als politische Satire versteht oder selbst so nennt, fällt zunächst auf, dass sowohl in den so genannten Mainstream- und Qualitätsmedien die gleichen Politikerinnen und Politiker aufs Korn genommen werden, wie z.B. in den sozialen Netzwerken. Und es fällt auf, dass es nahezu exklusiv Männer sind, die ihr Fett abbekommen. Vor allem die Kongruenz zwischen den staatsloyalen und den alternativen Plattformen sollte verstören. Irgend etwas scheint nicht zu stimmen.

Es ist zu beobachten, dass es bestimmte Objekte gibt, an denen es sich exzellent abarbeiten lässt. Die wohl tatsächlich schillerndste Figur in der internationalen Politik ist Donald Trump. Das Schöne bei ihm ist, dass er verantwortlich zeichnet für eine neue Politik der USA gegenüber der Bundesrepublik. Das Patronat hat sich in einen knallharten Konkurrenten verwandelt und der Unmut darüber ist in der hiesigen Nomenklatura riesengroß. Und schon ledert alles, was karikieren, überzeichnen, diffamieren und kolportieren kann gegen die Person los. Und, Gott ist den christlichen Demokraten gewogen, jetzt gesellt sich zu dem letzten Exemplar eines satirischen Punching Balls noch ein gewisser Boris Johnson.

Nicht, dass diese und andere, die immer einmal wieder mit mäandern, die Ehre einer kräftigen Überzeichnung nicht verdient hätten. Das steht außer Frage, Trump wie Johnson sind Prototypen eines skrupellosen Polit-Show-Geschäfts, das an destruktiven Wirkungen kaum zu überbieten ist. Und dennoch sollte die Einseitigkeit, mit der der letzte Spott vor allem auch in den sozialen Netzwerken mobilisiert wird, zu denken geben. 

Die auf der Hand liegende Frage lautet: Was geschieht eigentlich mit den ganzen Politclowns im eigenen Land? Die daher schwätzen wie junge Papageien, die sinnentleerte Sätze in die Massen streuen, die keine Position bis zum nächsten Tweed halten können, die über strategische Kompetenzen verfügen wie die Amöben und die Sympathiewerte haben wie der Restmüll? Dass sich die herrschenden Medien ihnen gegenüber nicht der Satire bedienen, liegt an der durch sie existenzsichernden Politik. Aber warum lässt sich der in Ansätzen vorhandene Widerstand derartig konditionieren, dass er von ihnen lässt? 

Es scheint eine psychische Entlastung zu sein, sich bei den immer obszöner werdenden Zügen der herrschenden Politik an bestimmten Figuren abarbeiten zu können. Doch müssen die in Washington, Pjöngjang, Moskau oder London leben? Wenn es dabei bleibt, dann ist das Hündchen wohl gut konditioniert!

Wie wäre es, das Besteck der Satire mal so richtig auszupacken gegen die Merkels, die von der Leyens, die Kram-Karrenbauers, die Maas und, auch das wäre ein dankbares Feld, die Lagardes und Macrons? Immer nur die, die den Genannten nicht in den kram passen, das ist allzu durchsichtig. Da verwandelt sich ein Medium der Opposition ganz schnell zu einer lahmen, aber herrschaftssichernden Methode. Indem nur die Trumps, nicht aber die Merkels im Fokus des Spottes stehen, wird selbst dieses Genre zum Mittel der Propaganda.

Übrigens: Es existieren Ausnahmen, wie zum Beispiel die Anstalt, die nicht nur Respekt verdienen, sondern anhand derer auch demonstriert werden kann, was gute Satire bewirken kann. Sie klärt auf, und die Getroffenen belagern die Gerichte. Beides ist ein guter Indikator. Also ran an die eigenen Verhältnisse! 

Franz Liszt und der Bruch mit den Verhältnissen

„Glücklich, wer mit den Verhältnissen zu brechen versteht, ehe sie ihn gebrochen haben!“ Der ungarische Musiker, Komponist und Schriftsteller Franz Liszt formulierte damit eher Gedanken, die zum neuen Erkenntnisstandard des 19. Jahrhunderts zählten, als dass es eines ausgewiesenen Revolutionärs bedurft hätte, um zu einer solchen Quintessenz zu kommen. Ihm sei die Ehre erwiesen, etwas formuliert zu haben, dass die kritische Selbstbeurteilung der eigenen Lebensumstände in die verantwortungsvolle Reflexion des Individuums legte. Es ging darum, sich zu fragen, ob das soziale Arrangement, auf das man sich eingelassen hatte, zu den Ergebnissen führte, die man sich existenziell erhofft hatte. Bei einem negativen Ergebnis dieser Überlegung stand die Option: Brich mit diesen Verhältnissen, sie ruinieren dich!

Was daraus zu lernen ist? Nicht jede Form des Individualismus, der als der Leitgedanke des bürgerlichen Zeitalters benannt werden muss, war gleich ein Akt egoistischer Absonderung im sozialen, gesellschaftlichen Sinn. Ganz im Gegenteil! In dem das Individuum aufgefordert wurde, für sich herauszufinden, ob die guten, reinen Ziele, die es sich gesetzt hatte, unter den gegebenen Umständen zu erzielen seien. Und die Schlussfolgerung, die bei einer negativen Bewertung folgte, war nicht die radikale Abkehr von der Gesellschaft, sondern die Aufforderung, mit ihren negativen Verhältnissen zu brechen und neue, bessere zu schaffen.

Die Eintrittskarte dazu konnte, wie das obige Zitat eindrucksvoll untermalt, ein radikaler, gewaltsamer Bruch mit dem Regelwerk sein, in dem sich das Individuum befand. Insofern hatte das bürgerliche Zeitalter immer einen revolutionären Impuls, der vom Individuum ausging. Diesen auf das große, die Gemeinschaft, das Kollektiv zu übertragen, sollte das große Unterfangen der sozialen, der proletarischen Revolution sein. 

Heute bewerten zu wollen, dass entweder die bürgerliche oder die proletarische Revolution oder gar beide gescheitert sind, ist eine historisch verfrühte Anmaßung. Das einzige, was bis heute als gescheitert angesehen werden kann, ist die Aristokratie und das mit ihr assoziierte Feudalsystem. Alles andere ist noch im Fluß. Bürgerliche wie proletarisch ausgerichtete Gesellschaften führten in Diktaturen und Kriege, die soziale wie individuelle Emanzipation sind beide Modelle im positiven Sinne noch schuldig. Die Karten liegen immer noch auf dem Tisch und das Spiel läuft noch.

„Die Verhältnisse“, schrieb Bertolt Brecht, „sie sind nicht so“. Das ist der Stein, der angestoßen werden muss, um zu einem Erkenntnisprozess zu kommen, der dazu führen kann, mit ihnen zu brechen und andere zu schaffen. Das große Versprechen der bürgerlichen Revolution war, dass die Menschen, sprich die Individuen, die aus ihrer Gesellschaftsordnung erwuchsen, auch in der Lage seien, die kritische Reflexion vorzunehmen. 

Historisch betrachtet gab es Phasen, in denen dieser Anspruch an die bürgerliche Gesellschaft eingelöst wurde und Phasen, in denen die Individuen mit dieser Last überfordert waren. Dann schlug die Stunde des Kollektivismus, der dieses Defizit zu begeben suchte, aber dem Individuum nicht die Stärke zurück gab, derer es bedarf, um selbst zu entscheiden, mit den gegebenen Verhältnissen zu brechen. Vielleicht schrieb Franz Liszt deshalb auch von Glück, das jenen beschieden war, denen es gelang.

Die gegenwärtige Phase unserer gesellschaftlichen Befindlichkeit zeichnet sich durch eine vordergründige Stärkung des Individuums aus, in dem es ihm  eine ungeheure Varianz an Befindlichkeiten  zugesteht, jedoch keinen eigenen, individuellen, selbst gestalteten Handlungsspielraum lässt. Es handelt sich ihm einen gravierenden Widerspruch zu den emanzipatorischen Zielen der bürgerlichen Revolution. Das Spiel mit den Befindlichkeiten lenkt ab von den notwendigen Taten. Lässt uns glücklich sein, brechen wir mit den Verhältnissen, die uns sonst zu brechen drohen. 

Steht noch dahin!

Christone „Kingfish“ Ingram. Kingfish

Wow! Der Junge hat bereits eine Lobby, die sich sehen lassen kann. Christone „Kingfish“ Ingram ist jetzt 20 Jahre alt und stammt aus Clarksdale, Mississippi. Zu der früh gestrickten Legende gehört, dass er bereits mit vier Jahren, als er das Instrument noch nicht beherrschte, an den berühmten, nahe gelegenen Crossroads der Highways 61 und 49 stand und Blues Tunes sang, die er aus dem Gottesdienst kannte. Lange schon gilt er als großes Talent des Genres, Buddy Guy, einer seiner vehementen Förderer, nannte ihn gar „The Future of Blues“. Das erweckte große Aufmerksamkeit. Bis dahin existierten nur Ausschnitte von Live-Auftritten, vor allem auf YouTube. Wer sich auskennt, weiß, was es heißt, Jimi Hendrix zu covern. Auch viele der Großen haben das versucht und sie sind alle gescheitert – bis auf Stevie Ray Vaughan, der Voodoo Chile wie Hendrix spielte und Willy de Ville, der das einzig Richtige tat und Hey Joe radikal verfremdete. Und nun steht dieser massiv übergewichtige junge Mann aus dem Süden auf der Bühne und spielt Hey Joe. Das Verblüffende: er fällt damit nicht durch, sondern er hat den Spirit erfasst!

Jetzt endlich liegt das von vielen erwartete Debüt-Album des „Königsdorschs“ vor und es trägt den unprätentiösen Namen „Kingfish“. Bemerkenswert, dass auf zwei Stücken die Lobby mit durch die Tür schaut: Buddy Guy auf „Fresh Out“ und Keb Mo bei dem Titel „Listen“. Auch hier wird bereits am Mythos gebastelt, indem z.B. der Titel „Been Here Before“ ein Zitat seiner Großmutter darstellt, die ihm das mystische Gen zuspricht, das ein großer Blues Musiker braucht.

Insgesamt muss gesagt werden, dass es sich bei „Kingfish“ um ein extrem reifes Album handelt. Es ist variantenreich und bietet eine Reise von den den heutigen Südstaatenvarianten über den Electric Blues des Nordens bis hin zu akustischen Country-Blues Weisen. Christone „Kingfish“ Ingram beherrscht sie alle. Er kennt das Genre, seine Spielweise ist faszinierend virtuos wie jung, er zitiert die Tradition und man spürt dennoch, dass da ein Kid aus dem 21. Jahrhundert in der Zeitmaschine sitzt. Vieles ist vielleicht zu gekonnt, es versprüht eine Leichtigkeit, die man zumindest beim bisherigen Blues nicht so gewohnt ist.

Aber vielleicht ist das ja das Neue, mit dem sich die Traditionalisten anfreunden müssen. Der „Kingfish“ ist, das dokumentiert das gleichnamige Album, eine erfrischende Erscheinung. Er hat großes Talent und verfügt über alle technischen Fertigkeiten, die ein großer Blues-Musiker haben muss. Aber, wie Hendrix den Blues so treffen charakterisierte: It´s easy to play, but hard to feel. 

Gemäß dieser Erkenntnis braucht der Kingfish noch etwas Zeit. Wie er mit seinem Leben umgeht, wie er die Krisen verarbeitet, die da noch kommen werden und wie er diese in die Vertonung bringen wird, das steht noch dahin. Können würde er es, ob es ihm gelingen wird, wird die Zeit zeigen. Vorschusslorbeeren können auch eine bittere Hypothek sein. 

Das Album Kingfish ist auf jeden Fall zu empfehlen. Nicht nur zur Beurteilung eines jungen Talentes, sondern auch zum unbefangenen Genuss. Das ist doch schon mal was!