Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Beratungsresistenz: Es kommt, was kommen muss!

In gewissen Kreisen wird, wenn man aufgrund von kaum erklärlichen oder verstörenden Entscheidungen und Taten von Vorständen und Geschäftsführungen irritiert ist, die Formulierung benutzt, da sei man wohl beratungsresistent. Letzteres beinhaltet jedoch die Existenz von tatsächlich vorhandener Expertise, auf die man zurückgreifen kann. Auf dem besonderen Feld der Politik, wo viele Handlungen selten erklärlich und oft verstörend sind, und wo besagte Formulierung oft benutzt wird, kommt man allerdings immer wieder zu dem Schluss, dass genug Expertise vorhanden wäre, die man abrufen könnte, wenn man nur wollte. Wäre das im Falle der gegenwärtigen Bundesrepublik Deutschland nicht gegeben, dann müsste man generell von einem Failed State sprechen. Obwohl dieses Gebilde auf dem besten Weg ist, ein solcher zu werden,  sei zugestanden, dass es immer noch genug kluge Köpfe gäbe, um das Land wieder auf Kurs zu bringen.

Ohne in parteipolitische Polemik verfallen zu müssen, muss man leider konzedieren, dass die neue Bundesregierung sich auf die Beschleunigungsspur Richtung Failed State begeben hat. Und, um es gleich vorweg zu nehmen, sie hat nicht beabsichtigt, sich irgendwelche Expertise ins Haus zu holen, weil ihr Auftrag gerade in einer breit angelegten Zerstörung von Gemeinwesen und internationaler Ordnung liegt. Ganz nach dem Motto: wenn wir nicht global bestimmen dürfen, wohin die Reise geht, dann sprengen wir alles in die Luft.

Unter normalen, zumindest residualen Voraussetzungen staatlicher Vernunft wäre es zum Beispiel ein Ding der Unmöglichkeit, jemanden als Außenminister auch nur zu vereidigen, der quasi als Einlassung auf sein zukünftiges Amt davon spricht, traditionell wie auf lange Sicht die größte Population auf dem Kontinent als den kollektiven Feind anzusehen. Da kann es nur eine Frage geben: Was will der Mann in diesem Amt?

Ein anderer Beleg ist die durchaus positiv zu sehende Absicht einer neuen Ministerin, das Berufsbeamtentum mit Eigenleistung in die Solidargemeinschaft mit aufzunehmen. Wenn ein Rülpser aus den Reihen jener Lobby genügt, dass man schnell wieder davon absieht, Arbeitsverhältnisse aus Kaisers Zeiten, ohne die übrigens zahlreiche andere Demokratien sei jeher auskommen, abzuschaffen, dann braucht man auch kein Staatsministerium für Digitalisierung. Dann findet schlichtweg keine Modernisierung statt.

Und wenn ein in der Bevölkerung nicht mehrheitsfähiger Kanzler davon zu schwärmen beginnt, die größte militärische Streitmacht auf dem Kontinent schaffen zu wollen und niemand daran erinnert, dass in der internationalen Politik das Streben nach Frieden die größte Rendite abwirft, dann kann man ohne große Bedenken davon sprechen, dass mit der gegenwärtigen Regierung bereits Hopfen und Malz verloren ist.

Da braucht man auch nicht mehr darüber zu räsonieren, ob man es mit Beratungsresistenz zu tun hat. Da sind  Modelle am Werk, die aus der historischen Mottenkiste stammen und die im Grunde eine Bilanz bestätigen, die vernichtend ist. Nach dem vermeintlichen Sieg des westlichen Kapitalismus mit seiner parlamentarisch-demokratischen Staatsform im Jahr 1990 setzte ein Kontinuum von Krisen ein, die massive Verschiebungen der Weltordnung zur Folge hatten und denen man nicht mit intelligenten Strategien zu begegnen suchte, sondern – ganz in alter kolonialer Attitüde – mit militantem Streben nach der guten alten Zeit. Und so kann, ohne weitere Überlegungen über die Möglichkeit einer Umsteuerung anzustellen, nur noch Erklärungshilfe bei Shakespeare gesucht werden:

„Wir wissen nicht mal, wer wir sind,

Es kommt, was kommen muss,

Und das geschwind!“

Beratungsresistenz: Es kommt, was kommen muss!

Ostenmauer – 36. Wandel

„Zuweilen, wenn uns das Alte nichts mehr und das Neue noch nichts sagt, mögen wir uns wundern über die Kraft, die in uns, in diesem Zustand des Schwellendaseins liegt. Vielleicht werden wir müßigen Gewohnheitsproselyten in jenen Stunden der Vor-Dynamik gewahr, dass die Kraft unseres Daseins im Wandel liegt? Denn wir sind dann erst bewusste Menschen, wenn wir uns wachen Auges der Veränderung stellen und heiteren Blickes das Glas der Vergänglichkeit leeren und mit russischem Übermut hinter uns werfen, auf dass es zerschelle an der kalten Wand der apodiktischen Gewissheit.“ 

10.01.1994

Wandel

Dummdreiste Geschichten als Running Gags

Bereits im letzten Jahr erzählte mir eine Frau, die sich zusammen mit ihrem Mann für einige Zeit in Kiew aufgehalten hatte, von ihren dortigen Gesprächen und Erfahrungen. Quasi nebenbei war ihr aufgefallen, dass die immer noch von den meisten Ukrainern benutzte Sprache das Russische sei, und es war zu registrieren, dass es eine offizielle Darstellung des Zustandes im Krieg gab und sie andererseits in vielen Gesprächen jenseits des Protokolls und mit denen, denen in der Regel niemand ein Mikrophon vor das Gesicht halte, ganz andere Geschichten zum Vorschein kamen. Dass nämlich die Bevölkerung kriegsmüde sei, dass alle Angst hätten, dass noch die letzten wehrfähigen Männer aufgespürt und in den Fleischwolf geworfen würden, obwohl alle wüssten, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen sei und dass der Wunsch nach Frieden bei allen an erster Stelle stehe. Auf die Frage der hier zitierten Frau, warum man denn dann nicht zum Ausdruck bringe, dass Schluss sein müsse mit dem Wahnsinn, sei sie jedesmal mit der Gegenfrage konfrontiert worden: Wann hört ihr denn endlich auf, Waffen zu liefern?

Diese Geschichte, die, wenn man den Verlauf dieses Krieges einigermaßen verfolgt hat, nichts Unerwartetes beinhaltet, fiel mir heute morgen wieder ein, als in den Nachrichten vermeldet wurde, dass Saboteure versucht hätten, Anschläge auf Waffentransporte aus Deutschland zu verüben und bei den Planungen verhaftet worden seien.  Bei den drei Festgenommenen handele es sich um ukrainische Staatsbürger. Und, wie sollte es anders ein, es wurde umgehend der Verdacht geäußert, dass sie durch den russischen Geheimdienst beauftragt worden seien, derartige Sabotage zu betreiben.

Für alle, die es noch nicht wissen: in der aktuellen bundesrepublikanischen Gesellschaft fungieren derartige Meldungen mittlerweile als Running Gags. Und da es nicht aufhört, quasi täglich mit irgendwelchen Fantasiegeschichten aufzuwarten, um die abstrusen Feindbilder des eigenen, maßgeblich von der Waffenindustrie instrumentalisierten politischen Personals fortzuschreiben, stellen sich, oberflächlich betrachtet, zwei Fragen.

Die erste widmet sich der Vermutung, ob die bundesrepublikanische Propaganda mittlerweile Weltklasseniveau erreicht hat? Und die sich anschließende wäre die, inwieweit es sich bei dem deutschen Publikum um das global manipulationsaffinste, oder, um es brutal zu formulieren, das dümmste auf diesem Planeten handelt?

Zur Beruhigung der verirrten Leserschaft, seien die Antworten gleich gegeben:  Die Flachheit und Idiotie der Propaganda ist mitnichten auf Weltniveau, sondern sie dokumentiert nichts anderes als den mentalen Verfall aller Organe, die sich diesem nichtswürdigen Geschäft verschrieben haben. Und das deutsche Publikum hat, jenseits der offiziell geäußerten Statements, die Armseligkeit des Dargebotenen längst durchschaut und treibt es auf dem Hof des populären Humors längst vor sich her. 

Natürlich, verehrte Informationskoryphäen, auch wenn es Ukrainer sind, so steckt dahinter doch der Russe. Das Beruhigende an diesen hirnrissigen Geschichten, denen nur noch die politisierte Waffenlobby bereit ist zu folgen, ist die Analogie zu der jeweiligen Atmosphäre, die vorherrscht, bevor ganze Kartenhäuser einstürzen und ganz reale Kassenzettel auf den Tisch gelegt werden. Dann bleibt kein Auge trocken. So ist es jedesmal. Auch jetzt. Verzagen Sie nicht! Am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat!    

Dummdreiste Geschichten als Running Gags