Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der Rausch der Plutokraten

Ja, es ist ein Elend. Wer einen Überblick über die sich schnell ablösenden und ineinandergreifenden Ereignisse behalten will, darf trotz des Schreckens, des Ekels, des Mitgefühls und des Entsetzens nicht im emotionalen Netz gefangen bleiben. Es ist klarer Verstand vonnöten. Dem Terror gegenüber der russischen Bevölkerung im Donbas und auf der Krim, der Weigerung der USA, der NATO, vor allem der Mitglieder Polens und des Baltikums, über für beide Seiten akzeptable Verhältnisse zu verhandeln, hat zur russischen Intervention geführt. Und die Intervention des damaligen britischen Premiers Boris Johnson hat verhindert, dass dieser Krieg nach zwei Monaten hätten beendet werden können. Die Verträge waren in Istanbul ausgehandelt und lagen auf dem Tisch. 

Die politischen Verhältnisse in den USA wären nicht so, wie sie sind, wenn sie sich nicht so entwickelt hätten, wie sie waren, als eine Mehrheit der Bevölkerung den Demokraten die Rote Karte zeigte. Der globalistische Imperialismus einer sich übrigens im Drohnenrausch befindlichen Elite hat zu der Verzweiflungstat geführt, einen Rabauken aus der Baubranche ein zweites Mal ins Präsidentenamt zu hieven. Analog zu dem Misstrauensvotum der französischen Bevölkerung gegenüber den etablierten Parteien im Falle Macrons wird auch in den USA ein böses Erwachen folgen. Nichts wird besser werden. Die Plutokratie hat die Macht übernommen. Und wer sich ein Bild davon machen will, in welche Hölle wir hier in Europa und Deutschland fahren werden, wenn wir dieser Art von Politik folgen, fahre in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und sehe sich die Verhältnisse genau an. Hier die Plutokraten, die ihren Reichtum ohne Hilfe nicht mehr beziffern können und dort die meisten Gefängnisinsassen weltweit, die meisten Obdachlosen, die meisten Drogentoten, die meisten, die durch Schüsse auf der Straße sterben. Und ein Mittelstand, der nur noch in den Geschichtsbüchern steht.

Und ja, der Terror der Hamas, der in seiner Brutalität biblisches Ausmaß hatte und, man muss es leider sagen, wie fast immer unschuldige Zivilisten traf, und der 60fach vergolten wurde an ebenso Unschuldigen. Es scheint, als habe man sich in den USA, in Europa und in Israel darauf geeinigt, dass die Vergeltung das alleinige Maß der Reaktion sein kann. Übrigens auf Zustände, an deren Qualität und Entstehung man selbst maßgeblich beteiligt war. 

Eine alte Maxime des Zivilisationsprozesses lautet, das Unrecht nicht mit Unrecht vergolten werden sollte. Dass es nicht im Sinne der Gattung ist, wenn man die Zerstörung als strategisches Ziel ausgibt. Und dass man sich nicht weigert, trotz aller Wunden und Unpässlichkeiten, miteinander zu sprechen. Wer der Kommunikation eine Absage erteilt, landet in der Konfrontation.

Die Appelle an die Vernunft scheinen bei denen, die die Macht an sich reißen konnten, nichts mehr zu fruchten. Sie haben die Möglichkeit, sich von den von ihnen verursachten Schlachtfeldern zu entfernen. Wer dort liegen bleibt, sind nicht nur die als unschuldig bezeichneten Zivilisten, sondern sie sind es auch, die den Reichtum schaffen. Arbeiter, Künstler, Bauern, Wissenschaftler. Und sie alle finden nicht mehr statt in einer Atmosphäre der Vernichtung und Mobilmachung.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Etwas Neues muss her. Eine andere Form der Gesellschaftsordnung als die, die im Taumel von Ranküne und Vergeltung ihr Heil sucht und die es zulässt, dass die Plutokraten zur Macht gelangen und die menschliche Zivilisation flächendeckend vernichten. 

Der Rausch der Plutokraten

Ostenmauer – 68. Verwertung

Im Postskriptum der bürgerlichen Gesellschaft wird einmal zu lesen sein, dass die Verwertung aller Werte zu tauschbaren Gütern die Entsubstanziierung des Gemeinwesens herbeigeführt habe. Tendenziell habe der Tausch den Gebrauch übertrumpft und die Menschen dadurch davor „bewahrt“, den Kopf noch frei zu haben für eine kreativ wirkende Sicht des eigenen Daseins. Der Schatten wurde zu einem Reich, das die eindringende Sonne erfolgreich bekämpfte.

10.01.1994

Verwertung

Fucking Crazy und die Implosion

Ja, manche Zeilen aus längst vergangener Lyrik entpuppen sich als überaus prophetisch. Nicht, weil plötzlich etwas eingetreten ist, das noch nie da war, sondern weil sich in der Geschichte bestimmte Dinge wiederholen und dann die künstlerische Darstellung aus der Vergangenheit so schrecklich aktuell wirkt. Noch schlimmer wird es allerdings, wenn man sich in historischen Phasen befindet, in denen Kunst und Kultur keine Bedeutung mehr beigemessen wird, es sei denn, es handelt sich um affirmative, das Bestehende feiernde „Kunst“, ein Genre, das den Namen nicht verdient.

Anlass zu dieser Betrachtung war die Zeile aus John Lennons Working Class Hero, in der es so treffend heißt:

They hurt you at home and they hit you at school

They hate you if you ´re clever and they despise a fool

´Til you ´re so fucking crazy you can ´t follow their rules.

Wieviel Wahrheit verbirgt sich hinter dieser Sentenz! Nicht, dass mit Prügel in der Schule unbedingt etwas Physisches gemeint sein muss, sondern es reicht, wenn man sich die ideologische Bevormundung ansieht. Und der Hass gegenüber all jenen, die in der Lage sind, sich die tatsächliche Entwicklung jenseits der proklamierten Wahrheit vorzustellen, bewegt sich bereits wieder in Superlativen. Und die Arroganz denen gegenüber, die ihr Dasein längst in großer Zahl jenseits gesellschaftlicher Teilhabe fristen, ist jeden Tag und stündlich zu spüren. Dass viele Menschen bei solchen Verhältnissen die weiße Fahne hissen und laut deklamieren, sie kennten sich nicht mehr aus, ist kein Wunder.

Ob diese Beschreibung aus dem Working Class Hero allerdings nur noch auf die besagte soziale Klasse reduziert werden kann, ist fraglich. Ob nach dreieinhalb Jahrzehnten Herrschaft des Wirtschaftsliberalismus noch eine ordnende Substanz vorhanden ist, die in den Köpfen der Menschen als Kompass zu dienen vermag, ist allerdings fraglich. Angesichts dessen, was wir in dem täglichen politischen Diskurs und bei dem erleben, was sich als Medienwesen präsentiert, stellt sich zu recht die Frage, ob der Zustand des „fucking crazy“ nicht den Status einer allgemein gültigen Zustandsbeschreibung erreicht hat.

Verschiedene Indizien sprechen dafür: Die Kausalität als Grundmuster der Logik ist in der Politik außer Kraft gesetzt. Die Verifizierung von Behauptungen wird nicht mehr als erforderlich erachtet. Die Regeln der Sprache und ihrer Bedeutung genießen keinen Schutz mehr. Alles geht und alles ist erlaubt. Ideologische Umdeutungen von Sinn gehören zur Tagesordnung, die Sprache als die Zone, in der allgemein verbindliche Regeln gelten, die von allen bei deren Nutzung verbindlich sind, damit eine für alle verständliche Kommunikation entstehen kann, ist zu einem Schauplatz zweckgebundener Vermarktung geworden. Alles ist beliebig, alles geht, und jede Form der Vermarktung von Information ist legitim.

Bei derartigen Zuständen ist nicht nur der Weg für ein kollektives „fucking Crazy“ geebnet. Es mehren sich die Anzeichen, dass diese Entwicklung auch für etwas sorgt, was historisch in bestimmten Kulturen und ihren Institutionen für so etwas wie eine plötzliche Implosion gesorgt hat. Da genügte nur ein kleiner Anlass, dass wie von mächtiger Hand alles in Windeseile zusammenbrach und alles in einem grandiosen Chaos endete. Wenn eine Gesellschaft Referenzen wie ihre Kultur, ihre Sprache und ihre Verpflichtung zu einer kollektiv akzeptierten Wahrheit nicht mehr pflegt, dann ist mit einer solchen Implosion zu rechnen.  

Fucking Crazy und die Implosion