Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Chronik wie Psychoanalyse

Christoph Hein, Das Narrenschiff. Roman

Wenn auf dem Klappentext steht, dass der Autor eines Romans die Geschichte der DDR erzählt, ist, zumindest bei mir, eine gewisse Portion Skepsis im Vorspann. Da halte ich es mit dem Berliner Satz. Haben Sie es nicht auch ein bißchen kleiner? Doch, ich muss gestehen, wenn mich in letzter Zeit ein Roman in erheblichem Maß beeindruckt hat, dann war es tatsächlich Christoph Heins „Narrenschiff“. Von der ersten bis zur letzten Seite haben mich die Lebensgeschichten von insgesamt acht Protagonisten, deren eigener Verlauf wie deren Beziehungen untereinander, gefesselt. Denn was sich dort in nahezu epischer Perfektion ausbreitet, ist tatsächlich eine Chronik der DDR. 

Wobei die Chronik, d.h. der tatsächlich historisch belegbare Verlauf, nur den Rahmen bildet. Was in den landläufigen Chroniken nämlich nicht steht, das sind die psychomotorischen Vorgänge, die Motivlagen und die Traumata der handelnden Personen. Diese, richtig, weil vielleicht prototypisch gewählt, bilden das tatsächliche Panoptikum eines Staates. Das „Narrenschiff“ ist Chronik wie Psychoanalyse.

Und in Heins „Narrenschiff“ sind die Prototypen vertreten: den durch die im Exil erlebten Moskauer Prozesse traumatisierten Altkommunisten, den im Krieg vom Stahlhelm zur Siegerpartei konvertierten Dogmatiker, die in die Parteikarriere gedrängte Ehefrau, der Intellektuelle, der aus dem britischen Exil in der grauen Parteitristesse gelandet ist, zunehmend renitente Kinder, die etwas vom Kuchen der Freiheit teilhaben wollen. Jedes Ereignis dieser heute historischen Republik wird zu einer spannungsgeladenen Szene und vermittelt einen Eindruck der tatsächlichen Komplexität dessen, was man Geschichte nennt. Da handeln keine Monster, sondern Menschen, wie sie in jedem Gesellschaftssystem der Neuzeit zur finden sind: Idealisten, Funktionäre, Träumer, kleine Lichter und weit Blickende, Drecksäcke wie Liebenswerte. 

Dass diese Republik lange unter dem Trauma und der Verdrängung dessen aufwuchs, was später gemeinhin mit den Gräueltaten des Stalinismus beschrieben wurde, ist das eine. Dass es jedoch dort einen Kampf gab zwischen den in jedem Machtgefüge vertretenen Prototypen, denen, denen es um Status und die Insignien der Macht ging und jenen, die nach der sozialen Vervollkommnung strebten, wird zur Ehre derer, die dort ihr Leben gaben, transparent. Und dass die großen Player in Ost und West ihre Deals machten, obwohl sie unter den Scheinwerfern der Weltöffentlichkeit als unversöhnlich galten, ist eine Beigabe dieses großartigen Romans, die alleine schon als Leseempfehlung gelten kann. Das Stichwort Mauerbau mag dazu in einer Rezension genügen.

Voraussetzung für die Lektüre dieses aus meiner Sicht einzigartigen Romans ist ein wirkliches Interesse an der Geschichte dieser Republik, die aus dem Debakel geboren wurde und die heute nicht mehr ist. Wer tatsächlich Interesse an dieser Geschichte hat und im Westen aufwuchs, wird viele der Klischees, mit denen dieser Staat bedacht war, über Bord werfen müssen und, wenn er einigermaßen reflektiert ist, wird er bestimmte Herrschaftsstrukturen und Behauptungsmethoden wieder entdecken, die im vermeintlich freien Teil des Landes genauso Anwendung fanden die „drüben“. 

Warum Christoph Hein dieses Buch „Narrenschiff“ genannt hat, ist das einzige, was mich befremdet. Es als Titel nur für einen Teil dieses Landes zu reklamieren, scheint mir falsch zu sein. Wenn, dann trifft dieser Titel auf beide Teile zu. Denn es gibt kein richtiges Leben im falschen. Hüben wie drüben.   

Chronik wie Psychoanalyse

Ostenmauer – 35. Vom Hinfallen

Mein Vater, wie alle die Väter meiner Generation, hatte einen Rat immer parat: Hinfallen ist nicht schlimm, aber liegen bleiben. Wie das kommt? Sie waren im Krieg. Der hatte sie diese schlichte Wahrheit gelehrt. Wer liegen blieb, der war so gut wie tot. Wer hinfiel, musste möglichst schnell wieder auf die Beine kommen, um weiter vorwärts oder rückwärts zu stürmen, egal in welche Richtung. Wem das nicht gelang, der wurde vom Feind oder den eigenen Leuten überlaufen und verreckte im Dreck. Das Interessante für mich war und ist, dass diese Kriegsweisheit auch im zivilen Leben nur allzu sehr den Kern trifft. Wenn du abstürzt und dich nicht wieder aufrappelst, dann bist du weg, dann nimmt dein Leben einen anderen Lauf. Dann bist du nicht Jäger, sondern Beute.

Warum so martialisch? Weil es, zumindest in der Welt, in der ich mich bewegte, stimmte. Ob auf der Straße, in der Schule oder im Beruf. Diejenigen, die Niederlagen erlitten und sich nicht davon erholten, waren aus dem Spiel. In einer netten, sozial ausgewogenen Atmosphäre ließ man sie in Ruhe dahin vegetieren, im harten Konkurrenzkampf bekam man pausenlos etwas auf die Schnauze. 

Hingefallen bin ich in jungen Jahren oft, das Aufstehen musste ich lange üben. Ohne Narben ging das nicht vonstatten. Aber, wie es so ist, wenn du den Punkt einmal überwunden hast und weißt, wie das Spiel funktioniert, dann hast du keine Angst mehr, dann spürst du keinen Schmerz mehr, sondern alle deine Energie fokussiert sich auf das Aufstehen. Der Preis war zuweilen hoch, weil das Leben in der einen oder anderen Situation sogar bequemer verlaufen wäre, wenn ich das Liegenbleiben vorgezogen hätte. Vielleicht nicht einmal so schlecht. Aber, und das ist der andere Preis, wenn du einmal aufgestanden bist, kannst du beim nächsten mal nicht liegen bleiben. Das würde dich vernichten. Weil nicht nur du von dir selbst enttäuscht wärest, sondern alle anderen den letzten Respekt vor dir verloren hätten.

Und noch einmal. Das gilt für mich. Jede Generation hat ihren Ballast, ihre Metaphern und ihre Lebensweisheiten. Auch diese Erkenntnis beruhigt. Es ist auch ein schönes Gefühl, niemanden belehren zu wollen oder zu müssen. Goethe! Der Mensch ist frei und sein Feld ist die Welt! 

Vom Hinfallen

Proteste: Tesla oder BILD?

Es ist bemerkenswert, wie sich die Sichtweisen verschoben haben. Das Halali, welches eine monopolisierte Presse bläst, scheint für alle, die sich auf dem Feld der Meinungsbildung tummeln, das verbindliche Signal zu sein. Zuerst und zubitterst sieht man das bei einer substanzlosen politischen Kaste, die sich auf alles hetzen lässt, was von den Marionettenspielern im Hintergrund auserkoren wird. Das beste Beispiel ist das der aktiven Parteinahme in einem imperialistisch inszenierten Krieg in der Ukraine. Die Schößlinge der monopolistisch veröffentlichen Meinung merken dabei nicht einmal mehr, dass sie wortgetreu den Ressentiments der alten Nazis folgen. Heutige Minister reden wie die Galgenvögel aus der Reichspropagandaabteilung während des II. Weltkrieges und niemand, bis auf die längst als aussätzig Erklärten und wo möglich Relegierten scheint es zu bemerken. Der Geist des historischen Faschismus ist längst zurück. Und zwar mitten in Regierung und Parlament.

Dass die Art der Verhetzung keine Grenzen mehr kennt,  liegt an der Willfährigkeit derer, die über Jahre hinaus an die beschämende Schlichtheit der Massenbeeinflussung gewöhnt wurden. Machen Sie einmal den Test und stellen sich vor, wie manche Tagesmeldungen von heute vor zwanzig Jahren auf die damals noch nicht gemietete,  sondern real existierende Zivilgesellschaft gewirkt hätte! Es hätte einen Sturm der Entrüstung gegeben, auch aus den Medienhäusern, in denen noch Menschen saßen, die das Handwerk des Journalismus in Übersee gelernt hatten und das damals auch dort noch seiner Aufgabe nachkam: die Mächtigen zu kontrollieren.

Stattdessen wurde der Boulevard zum Qualitätsmaßstab erhoben und es vergeht kein Tag, an dem nicht mit Hass und Hetze auf das Publikum eingewirkt wird. Und, bitte achten Sie auch darauf, diejenigen, die am lautesten gegen Hass und Hetze schreien,  sind diejenigen, die dieses Medium lediglich als Monopol für sich reklamieren. Keine Plattitüde ist ihnen zu frivol, und kein Amt zu heilig, um es nicht mit den eigenen Wort-Fäkalien zu beschmieren.

Und wieder werden wir Zeugen, wie weit das führen kann. Ein Beispiel sind die Elektroautos aus den Fabriken eines amerikanischen Milliardärs. Die waren vor einiger Zeit noch Referenzstücke für einen neuen Zeitgeist und sind nun zum Hassobjekt gegen eine nicht mehr genehme Politik verkommen. Und die Fahrt ist frei für Kampagnen gegen das Industrieprodukt bis hin zur öffentlichen Begeisterung über dessen Demolierung. Wenn man dokumentieren will, wie weit eine Gesellschaft mental und intellektuell am Boden liegt, dann sehe man sich diese Form der Verirrung an. 

Es sei denn, man richtete seine überall befeuerte Wut gegen die Stellen, die diesen ganzen Irrsinn initiieren und in Massenproduktion verfertigen. So etwas gab es auch in der Geschichte der Bundesrepublik schon einmal. Da wandte sich ein Teil der Gesellschaft gegen die medialen Demagogen und Kriegstreiber.  Da wurde die Auslieferung dieser Hetzblätter verhindert und die Initiatoren an den Pranger gestellt. 

Bei der gegenwärtigen, politisch hoch brisanten und gefährlichen Lage, wäre vielleicht doch noch einmal zu überdenken, ob eine Ansage an den Produzenten von Tesla tatsächlich etwas bewirkte oder ob es nicht angebrachter wäre, den Springern und Schaubs und den vermaledeiten Mediengruppen ab und zu martialische Grüße zu schicken, damit sie realisierten, dass das Feuer, das sie täglich schüren auch dazu führen kann, dass sie selbst sich gehörig die Finger verbrennen. 

Proteste: Tesla oder BILD?