Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Scheindebatten

Nicht, dass wir nichts Dringendes hätten, worum wir uns alle kümmern müssten. Da toben Kriege vor unserer Haustür, da machen reihenweise Unternehmen dicht, da avanciert der Reichtum wie die Armut zur gleichen Zeit, da kümmern sich Parlamentarier nicht mehr um die Sorgen der Bevölkerung, da implodieren Institutionen wie die öffentliche Verwaltung und die Justiz, da herrscht überall eine Atmosphäre des Hasses und der Einschüchterung und das alles wird allen möglichen Verursachern zugeschrieben, die weit weg sind, die man nicht zur Verantwortung ziehen kann und die bei näherem Hinsehen gar nicht für die Malaise in dieser Dimension verantwortlich sind. 

Die sitzen nämlich im eigenen Land, die haben durch ihre Hörigkeit und Passivität den Krieg in der Ukraine mit vorbereitet, die haben das Desaster mit den Energiepreisen hingenommen, die haben aus den Ärmsten immer mehr herausgepresst und die Couponschneider verschont, die haben die Interessen der Bevölkerung öffentlich als naives Gehabe diskreditiert, die haben die öffentliche Verwaltung zu einem Versorgungsfond für ermattete Politkarrieristen degenerieren lassen, die haben die Justiz mit eigenen Gefolgsleuten infiltriert und die haben seit der Corona-Krise gegen alles gehetzt, was sich gegen den Abbau unveräußerlicher Rechte gestellt hat. Und, das sei nicht vergessen, die haben einen Großteil der Organisationen der Zivilgesellschaft an den eigenen Finanztropf gehängt und zu eigenen Propagandatrupps umgewandelt.

Vieles von dem, wofür dieses Land über seine Grenzen hinaus bekannt war, gehört der Vergangenheit an. Wie es so stolz hieß, lebten hier die Weltmeister: im Export, im Fußball, im Automobilbau, in der Werkzeugtechnik, in der Verwaltung, im Transport und in der feinen Trennung der Gewalten. Hält man die beiden Zustände gegeneinander, dann wäre nur eine Reaktion vernünftig. Und die hieße Aufstand!

Die einzigen Disziplinen, in denen Weltniveau erreicht wurde, sind die der Symbolpolitik und den daraus resultierenden Scheindebatten. Sobald ein Satz gesagt wird, der einen Inhalt mit sich trägt, mit dem man den allgemeinen Empörungsofen so richtig befeuern kann, sind die Propagandaabteilungen schnell mit dem Zündholz bei der Hand und entfachen eines der vielen irrelevanten Feuer, an denen sich alle, die morgens in den Spiegel schauen und sich als unerschrockene Kämpfer identifizieren wollen, erwärmen können, ohne sich die Finger zu verbrennen. Es geht dabei nie um tatsächliche Veränderungen, sondern um Self Fulfilling Prophecy auf allen Seiten. Die einen haben schon immer gewusst, dass die anderen mit dem Beelzebub im Bunde sind und die anderen wiederum sehen sich in der Attestierung der Verkommenheit des Gegenübers bestätigt. Praktische Folgen haben solche Orgien überhaupt nicht. Und das ist auch nicht beabsichtigt.

Allen, die sich bei diesen irrsinnigen Exerzitien so wohl und so toll fühlen, sei der Rat  gegeben: kümmert euch darum, dass das richtige Personal für die tatsächlich notwendigen Projekte gefunden wird und jagt dieses Ensemble von Dilettanten über den Zaun. Setzt euch für eine konstruktive Friedenspolitik ein. Kämpft für ein gerechtes Steuersystem. Kämpft für Reformen und Investitionen in den Bereichen der Gesundheit, der Bildung und des öffentlichen Verkehrswesens, hört selber auf zu hetzen und gewöhnt euch an Dissens, gebt Kunst und Wissenschaft wieder eine Chance und alimentiert nicht mehr die dumpfen Claqueure! Kurz: beendet endlich die Scheindebatten! Sie sind nichts anderes als ein Testat dafür, dass ihr Teil des Problems seid!

Scheindebatten

Und im Feuer wohnen wir


Massenpanik im kleinen Kreise

Tote Würfel ohne Augen

Schweißige Hände am Rednerpult

Leere Blicke im Konsortium.

Staubige Seelen im Gemach

Alte Lügen im Skript

Euphorie im Krematorium

Auch ein Leichenschmaus ist schön.

Immergrüne Schauermärchen

Kalte Rochen auf dem Tisch

Fliegen im Notdepot

Rostige Messer im Kabinett.

Lass mich frieren

Gib mir Freiheit

Soll der Himmel klirren

Und an Fahnenmasten rütteln.

Gesetze, die nach Fäule stinken

Feinde, die sympathisch blinken

Entsetzensschreie, wo nichts ist

Tote Mäuse, die es nicht gibt.

In der Wüste ist die Skyline

Und im Keller wohnt das Bier

Am Pranger steht der freie Wille

Und im Feuer wohnen wir.

Und im Feuer wohnen wir

Und immer blinkt die Klinge

Bevor es ans Sterben geht,

Will man noch ein bißchen leben,

Oder?

Du kämpfst dich nach vorne,

Indem du dich aufgibst?

Und Frau Ribeira kriegt ein Kind!

Schwermut ist der Tugend Unterpfand.

Am Licht der Sonne

Leckt die Motte.

Es ist, wie es ist.

Geduld,

Die Tugend der Überlebenden?

Die Frau aus Schalke:

Wir lassen uns von den Arschlöchern

Nicht unterkriegen!

Herbststürme an der Küste,

Großreinemachen im Kopf. 

Die Mutter aller Schlachten

Sitzt im Garten

Und raucht Zigarre.

Wer gaukelt, der strauchelt?

Herr Chechov sagt,

Dass die Lüge

Irgendwann die Seele frisst.

Hör ma:

Mit hinterher schlauer

Verschleierst du,

Wie doof du warst.

Mein lieber Herr Robespierre:

Terror ohne Tugend ist Barbarei,

Tugend ohne Terror ist wirkungslos?

Ist der Weinberg 

Frei von Füchsen?

Und immer blinkt die Klinge

In der Sonne.

Und immer blinkt die Klinge