Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Verbrannte Illusionen: Zeit für einen Neuanfang

Behalten wir die Augen offen! Obwohl der Aktionsradius gewaltig eingeschränkt ist, sind Verhaltensweisen zu beobachten, die den Status unserer Befindlichkeit deutlich machen. Da sind die Nachrichten, die sich erhärten, dass die USA überall, wo sie Zugriff haben, Flugzeuge mit Masken und Desinfektionsmitteln, die von anderen Ländern angekauft wurden, zwangsweise in die USA umleiten. So geschehen gestern mit einer Ladung, die nach Frankreich sollte. So, wie es aussieht, macht Not nicht nur solidarisch, sondern auch egoistisch. EU wie NATO zeigen gegenwärtig, zu was sie taugen, wenn es brenzlig wird. Die EU findet nicht statt und die NATO beharrt auf einer Erhöhung der Militärausgaben. Das sind Bilanzen, die man sich wird merken müssen. Es bedarf allerdings der Präzision.

Die pandemische Krise, die von einer ökonomischen wie der des Zerfalls der geostrategischen Ordnung nicht mehr zu trennen ist, zeigt das Gesicht der freien westlichen Wertegemeinschaft zunehmend als das, was sie ist: eine Schimäre. Nicht, dass eine solche Feststellung Spaß machte, aber es ist zu überlegen, ob die Zeit für Illusionen noch vorhanden ist. Charaktere wie der gegenwärtige Präsident der USA schrecken vor nichts zurück. Sie kalkulieren Massentod betriebswirtschaftlich, sie spielen High Noon auf der internationalen Bühne und sie werden die mit der Krise hingenommenen Ausnahmezustände dazu nutzen, ihre Macht ins Unverschämte und Diktatorische auszudehnen. 

Die Skepsis, die auch hierzulande herrscht, hat mit den täglich neu bekannt werdenden Beispielen zu tun, die zeigen, dass auch in Europa das Lied an die Freude eine Hymne ist, die mit der Alltagspraxis der Herrschereliten nicht viel zu tun hat. Die deutsche Vorstellung, alles müsse in der EU einheitlich und abgestimmt sein, ist zudem eine Vorstellung, die sonst niemand teilt. Und das zu Recht. Denn die lokalen Gegebenheiten sind nun einmal unterschiedlich, das Wissen um die Notwendigkeiten vor Ort ist nicht in den Fluren einer zentralen Bürokratie vorhanden, sondern vor Ort. Und wem, das ist die Frage, trauen die Menschen mehr Kompetenz in der Beurteilung der Krise zu, den Brüsseler Spitzenbeamten oder den Bürgermeistern vor Ort? Die Vision von der Einheitlichkeit, die im übrigen innerhalb der Republik erneut die Kritik am Föderalismus nährt, hat totalitären Charakter. 

Die ökonomisch hoch entwickelten Zonen, von der Lombardei über Bayern bis nach Stuttgart, wo die Epidemie am stärksten um sich greift, sind genauso zu administrieren wie die wenig betroffenen und dünn besiedelten Zonen am friesischen Watt? Aber, so die Antwort, eine Differenzierung sei der Bevölkerung aufgrund der Komplexität nicht zuzumuten. Ja, da haben wir es, und das wird alles zum Einstürzen bringen: Die Bevölkerung ist eben nicht so dumm, wie  gerne angenommen und vorausgesetzt. Daran werden die rund um die Uhr laufenden Sondersendungen und Talk Shows nichts ändern, die versuchen, mit Halbwahrheiten, Desinformation und Feindbildern die Hirne zu vernebeln. 

Und nun beginnt es auch noch in den Mikrokosmen. In den Nachbarschaften brechen Konflikte aus, die es in sich haben. Da werden in den Hausfluren Rechnungen aufgemacht, die seit Jahrzehnten in den geistigen Archiven lagen. Das, was noch vor kurzem der Fußball Community als schlechtes Benehmen exklusiv angehaftet wurde, beginnt nun überall, in jeder sozialen Schicht, sein Gesicht zu zeigen. Die Verrohung ist Gemeingut geworden. Es bedarf eines radikalen Neuanfangs. Da heißt es nüchtern bleiben. Die Illusionen verbrennen gerade. Eine nach der anderen. Aber, für einen Neuanfang ist das doch gar nicht so schlecht, oder? 

Krise X: Das Sein und das Nichts

Das Gute an der gegenwärtigen Krise ist gleichzeitig existenziell und explosiv. Wir sind, ohne in die Kategorie des Dramas greifen zu wollen, tatsächlich an einem Scheidepunkt angekommen. Gehen wir den Weg weiter, so wie er sich in den letzten Jahren abgezeichnet hat, dann sind wir auf der Beschleunigungsspur zur Selbstaufgabe. Oder, um es existenzialistisch auszudrücken, dann sind wir kurz vorm Erreichen des Status des An-sich. Die Alternative wäre, um bei dem letzten Hinweis zu bleiben, wechseln wir die Richtung und suchen nach der Straße zu einem neuen Für-sich? Letzteres hätte rettenden Charakter.

Die Situation, in der wir uns befinden, hat viel Gutes. Wir sind zu Hause, unsere sozialen Kontakte tendieren gegen Null, wir sitzen aber in keiner Zelle. Die Eremitage, in der wir uns befinden, bringt allerdings Probleme hervor, die jeder Strafgefangene kennt. Wer sich gehen lässt, verkommt. Schon kursieren Hinweise, was alles gemacht werden kann und muss, um nicht abzugleiten. Schaffen Sie sich eine Struktur, heißt es allenthalben. Damit sind Routinen gemeint, die uns einen Rahmen geben, der das Zivilisatorische sichert. Zu beistimmten Zeiten aufstehen, Körperhygiene, Morgengymnastik, ein Spaziergang, Frühstück, eine Aufgabe erledigen, Einkaufen, Lesen, Abendspaziergang, Kochen, Essen etc.. Der Tagesablauf rettet vor Verlotterung, er rettet aber auch vor Fragen, die beunruhigende Antworten bergen können.

Ist die Arbeit, von vielen als Broterwerb, von anderen als Fläche der Selbstverwirklichung begriffen, tatsächlich das einzige Medium, das noch Erziehung und Rettung vor dem Absturz bietet? Und, wie sieht es eigentlich mit uns selbst, den einzigartigen und freien, aber gleichen Individuen aus? Haben wir tatsächlich so viel Substanz, als dass wir einer kollektiven sozialen Interaktion soviel bieten könnten, dass es sich lohnte? Vieles deutet auf eine existenzielle Dominanz des Konsums hin, was problematisch ist.

Wie eine Horrorvision taucht am Horizont das auf, was in den letzten beiden Jahrzehnten als die Ultima Ratio galt. Es ist die Fokussierung auf das Sein an sich. Nicht das, was als Leistung und Wirkung den Menschen ausmacht, das Für-sich, sondern sein passiver Status wurde zu der Währung, mit der die Menschen auf dem Markt der Politik gehandelt wurden. Das viel gerühmte Ende der Geschichte endete mit dem Menschen als Objekt. Das Fatale dabei war, dass sie, die Opfer, sich dabei noch wunderbar exotisch und vielfältig vorkamen, wenn sie damit renommierten, aus welchem Erdwinkel sie stammten, in welche soziale Kaste sie hineingeboren wurden oder mit welcher Physis sie das Licht der Welt erblickten. Alles, nur nicht das Resultat ihrer selbst. Das Eigene, der Wille, die Leistung und die Wirkung verschwanden aus dem politischen Diskurs. Die Degradierung des Menschen zum etikettierten Handelsobjekt war abgeschlossen. 

Die Zeit, die jetzt zur Verfügung steht, bringt die Möglichkeit, aus der Deklassierung des Menschen zum bloßen Objekt eine Umkehr zum handelnden Objekt abzuleiten. Unsere Existenz, als passiver Zustand, ist eine Verschwendung aller Möglichkeiten. Der Eintrag in das Pflichtenheft der menschlichen Existenz, den Jean Paul Sartre in seinem  Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ formulierte, ist einfach. Unsere Existenz, so flüsterte er den längst dekadenten, in der Verwertungsmaschine zu Objekten verkommenen Beaus seiner Zeit ins Ohr, unsere Existenz ist etwas zu Leistendes. 

Hört auf, Euch mit dem zu begnügen, was Ihr seid! Macht Euch auf den Weg, das zu erreichen, was Ihr wollt!