Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Neu: Riefenstahl und Seidenstraße

Es ist seltsam. Ausgerechnet eine Nation, deren Eigenschaften es ist , sich genau daran zu erinnern, wie sich andere gegenüber der eigenen Entität verhalten haben, geht mit einer Nonchalance durchs Weltgeschehen, als unterstellte man den anderen, sie hätten ein Gedächtnis gleich den Amöben, nämlich keines. Was, wenn es das eines Elefanten ist? Die Betrachtung der Welt nur aus den eigenen Augen, zumal in einer global vernetzten, beinhaltet ein nahezu pathologisches Ich-Gefühl. Wer meint, er könne alles erklären, er selbst sei im Besitz einer absoluten Wahrheit und zu seinem Handeln gäbe es keine Alternative, tritt das Recht der andren Akteure mit Füßen, auch wenn das im Rausch des Hochmuts und der Selbstgewissheit nicht beabsichtigt ist. Die hohe Form des Subjektivismus verkennt, dass es auch noch andere Wahrheiten gibt. Die absolute Wahrheit hat sich immer als eine Fiktion herausgestellt, mit bestürzenden Folgen. 

Neben der selbstverliebten Gewissheit der eigenen Position kommt noch eine andere Erscheinung hinzu, die allerdings weit über die eigenen Grenzen verbreitet ist. Es handelt sich um den Mangel an Solidarität. Man kann es auch anders nennen, Empathie und Hilfsbereitschaft, wenn das genehmer erscheint. Es gab Zeiten, und die sind gar nicht so lange her, da regten sich die Menschen, wenn in anderen Ländern, in anderen Erdteilen etwas geschah, das Not und Elend hervorrief, dass man überall Stimmen hörte, man müsse tatkräftig helfen, was auch meistens geschah, bei Naturkatastrophen wie bei sozialen Kämpfen. Das Wort der Solidarität war ein geflügeltes, gestützt durch Taten.

Doch die Welt des Westens, im Rausch des vermeintlichen Sieges über den Osten, zog damit ein Virus, das weit verheerender wirkt als das des augenblicklich beklagten. Es ist das Virus der Selbstsucht und der kalten Zahlen, das alles in den Hintergrund drängt. Das Virus hat alles befallen, es hat die Immunkräfte der Gesellschaften befallen, d.h. der Organisationen und Parteien, die das Gemeinwohl und die Schwachen einmal im Sinne hatten. Auch sie wurden ergriffen und setzten sich nicht mehr zur Wehr. Nach den sozialen Immunkräften kamen die gesellschaftlichen Institutionen und Verkehrsformen an die Reihe. Gesundheit, Bildung, Infrastruktur, alles wurde Opfer der größten Pandemie, die den Westen jemals befallen hatte.

Das Ergebnis steht für sich. Im Angesicht der gegenwärtigen Krise fehlt es an allem. Und denen, denen es am meisten fehlt, hilft kein Mensch und kein Staat. Die Selbstsucht hat dazu geführt, dass manche, ohne Zutun, noch privilegierter aus der Krise hervorgehen und andere endgültig auf der sozialen Deponie landen werden. 

Der Hochmut, das Argument, man habe gut gewirtschaftet, basiert auf der Sachlage, dass das gute Wirtschaften darin bestand, im Vorfeld gesellschaftliche Einrichtungen wie das Gesundheitswesen nach den Richtlinien betriebswirtschaftlicher Effizienz in den Zustand katapultiert zu haben, der die heutigen Restriktionen in dieser Dimension zu erfordern scheint. Und er basiert auf der Tatsache, dass man gute Geschäfte gemacht hat mit denen, die die verlockend dargebotenen Kredite, die zum Kauf der hiesigen Waren feilgeboten wurden, annahmen und irgendwann nicht mehr zurückzahlen konnten. Dann presste man sie zu Reformen in Gesundheit und Bildung und die übrig gebliebenen Filets des Staates mussten veräußert werden. 

Genau das, die Bilanz des eigenen Handelns, liegt jetzt auf den Tischen der europäischen Regierungen. Und selbst bei der Vorlage dieser Dokumente bleibt es bei einem Nein, wenn es um Hilfe geht. Welches Ergebnis wird das haben? Reichte es, wenn die EU-Kommissionspräsidentin im Wochentakt im Stile einer Leni Riefenstahl gigantomanische Projekte wie den New Green Deal oder den Neuen Marshall-Plan inszeniert, aber das Management der gegenseitigen, schnellen und pragmatischen Hilfe nicht gelingt?

Und, was den „Osten“ dieser Welt angeht, welche Schlüsse wird er ziehen, aufgrund der ewigen Schelte aus Selbstüberhebung und dem Scheitern in der Tat? So viel ist zu beobachten: China hilft den gebeutelten Staaten im Süden Europas und die Neue Seidenstraße mäandert weiter nach Westen.

Auch in der Krise: Betriebswirtschaft ist nicht gleich Volkswirtschaft

Im Juli 2019 legte die BertelsmannStiftung ein Gutachten vor, in dem sie empfahl, die medizinische Versorgung in der Republik durch die Schließung der Hälfte aller Krankenhäuser zu verbessern. Genau gesprochen, sollten nur noch 600 statt, wie gegenwärtig, 1400 Krankenhäuser zur Verfügung stehen. Das Gutachten argumentiert mit Bezugsgrößen, die nicht außer Acht zu lassen sind. Zum Beispiel mit Mangel an qualifiziertem Fachpersonal und mit mangelhafter technischer Ausstattung. Das wird als gegeben genommen. Und es ist ein Zeichen dieser Zeit, dass nicht die Frage danach gestellt wird, wie diese Größen zu verändern, d.h. wie mehr Menschen für die entsprechenden Berufe motiviert werden und wie mehr in das technische Equipment und dessen Wartung investiert werden kann. Das einzelne Krankenhaus wird als betriebswirtschaftliche Größe gesehen, exklusiv. 

In dem Fall dieses Gutachtens, das angesichts der gegenwärtigen pandemischen Krise von anderen genüsslich zitiert wird, gibt sich die Stiftung Mühe, das Gesicht zu wahren. Auf der Website ist ein Verweis zu sehen auf eine Erklärung, in der steht, dass es nun darum gehe, der Bedrohung durch das Virus entgegen zu treten und man in einer Nahbetrachtung auch noch einmal das Gutachten unter die Lupe nehmen müsse. 

Das Problem, das sich hinter dem nun wunderbar ausschlachtbaren Gutachten verbirgt, ist ein anderes. Die Beratung von Politik, übrigens eine Leistung, die sich die aktive Politik seit jeher und vernünftigerweise geholt hat, hat sich seit der Jahrtausendwende dramatisch verändert. Was vorher von Menschen angeboten wurde, die ihrerseits den Betrieb von Politik, Kommunikation und Strategie her aufgrund ihrer eigenen Biographien kannten, wurde zunehmend von Beratungsgesellschaften angeboten, die ihrerseits aus der Unternehmenswelt kamen und von ihrer Ausrichtung die betriebswirtschaftliche Steuerung im Blickfeld hatten. Von der BertelsmannStiftung, die vor allem im Bildungsbereich zahlreiche Gutachten zur Politikberatung erstellt hat, bis zu McKinsey, welches in Legionsstärke im Verteidigungsministerium von Frau von der Leyen unterwegs war, von Price Waterhouse Cooper bis Roland Berger, letzterer von Gerhard Schröder sehr geschätzt, sind die Flaggschiffe der Beratungsgesellschaften dick im politischen Geschäft. 

Sie alle trugen zu einer weitgehenden Implementierung der BWL in das politische Denken bei. Mehr noch, sieht man sich die Biographien der jüngeren Politiker an, vor allem von denen, die aus den ehemals klassischen Volksparteien stammen, so ist festzustellen, dass sie eine Phase ihrer beruflichen Entwicklung innerhalb dieser Gesellschaften verbracht haben. Heraus kommen Politiker, die betriebswirtschaftlich geeicht sind und dann auf Gesellschaft wie Volkswirtschaft ihre erworbenen Kenntnisse anwenden. Wohin das, zum Beispiel auf die Einkommensverteilung innerhalb der Gesellschaft, führt, haben die letzten Jahre sehr deutlich gemacht. Und wohin das führen kann, zeigt das anfangs zitierte Gutachten der BertelsmannStiftung. Betriebswirtschaft ist nicht gleich Volkswirtschaft.

Die Dominanz von Betriebswirtschaftslehre und Markttheorie bei der Behandlung aller Felder der Politik hat zu der strukturellen Krise geführt, in der sich viele Gesellschaften des Westens befinden. Die Kohäsion, der Zusammenhalt, hat einen bedenklichen Zustand erreicht. Niemand kann vorhersagen, welcher Anlass genügen wird, um die explosive Mischung, die in der Luft liegt, zu entzünden. 

Das Paradoxe an der jetzigen, krisenhaften Situation, scheint darin zu liegen, dass diejenigen, die von der Ideologie des freien Marktes sozialisiert wurden, nun einen Zustand managen sollen, der sich den Gesetzen des freien Marktes entzieht. Man sieht, wie viele dabei ins Schlingern geraten, und man sieht, wie andere in sozialdarwinistische Muster verfallen. Beides ist wenig hilfreich. Und Konsequenzen sind dringend notwendig. In Bezug auf die Sozialisation von Politikern wie auf deren Beratung. Der Souverän hat vieles zu überdenken.