Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

FUTUR II – Einladung zum praktisch Kleinen

Bei dem Versuch, über die Zukunft zu sprechen, taucht immer die Erschwernis auf, sich auf das konzentrieren zu wollen, was die Gegenwart ausmacht. Das ist zunächst logisch und vernünftig, andererseits bindet es zu sehr die Imaginationskräfte, derer es bedarf, um frei zu denken. Das Problem lässt sich theoretisch ebensowenig lösen wie durch Appelle. Nach dem Motto: Machen Sie einfach einmal den Kopf frei und vergessen Sie alles, was bisher geschah. Versuchen Sie es, es wird nicht gelingen. Und obwohl die Voraussetzungen sich so gestalten, wie sie sind, und obwohl sie als äußerst schwierig zu beurteilen sind, kann der Rat nur dahin gehen, einfach einmal mit den Zukunftsentwürfen zu beginnen und sich weder zu sehr durch die Gegenwart demotivieren zu lassen noch durch den vor allem in unserem Kulturkreis vorherrschenden Anspruch des Universalen, an Komplexität nicht zu überbietenden, an jedem Beispiel verifizierbar sein Müssenden. 

Ganz im Gegenteil. Gefordert sind kleine, pragmatische, praktikable Ansätze einer Vision. Vielleicht ist es dabei hilfreich, sich etwas beim angelsächsischen Pragmatismus zu orientieren. Nach der Devise, einfach einmal zu beginnen und alles, d.h. die vielen kleinen Entwürfe, zu sammeln. Es wird sich zeigen, dass, sind erst einmal etliche Versuche gesammelt, eine Struktur zu identifizieren sein wird. Dann kann geordnet werden. Das vorher tun zu wollen, wie es die komplexe Systemik fordert, führt, wie erwähnt, in endlose meta-theoretische Debatten, die sich um Voraussetzungen, Prinzipien wie logische Erfordernisse scheren und die Zukunftsperspektive gänzlich aus den Augen verlieren. Sie merken, wie vertraut derartige Szenarien sind!

Sammeln sich genügend Vorschläge, dann wird, so die Vorstellung, um eine Prognose zu wagen, eine Struktur entstehen, aus der folgende Begriffe herausstechen werden:

Wirtschaft, Bildung, Technologie, Ökologie, Militär, Finanzen, Steuern, Kultur, EU, NATO, Staat.

Es ist nicht auszuschließen, dass sich noch andere Themen einfügen werden. Das liegt an den zu sammelnden Vorschlägen. Hat sich die Struktur gebildet, wird vorgeschlagen, sich mit den einzelnen Themen näher zu beschäftigen. Das kann in Tagungen, Workshops und Konferenzen geschehen. Wichtig wird sein, die Themen präziser zu fassen, sich einer kurzen Situationsbeschreibung zu widmen, sich dann aber mit den möglichen Lösungsansätzen zu befassen und dabei die möglichen Widerstände gegen das Angestrebte zu identifizieren. Denn die Einladung zu dem Projekt Futur II muss als ausdrücklicher Hinweis auf den Zustand gelten, in dem das Heute bereits hinter uns liegt und ein erstrebenswertes Morgen bereits begonnen hat.

Es ist bekannt, dass vieles aus dem, wie es sich heute gestaltet, resultieren wird. Dennoch möchten wir darauf hinweisen, dass es keinen Sinn macht, sich weiter über das Heute und seine Rahmenbedingungen zu beklagen. Das haben wir hinter uns. Wer Zukunft sagt, muss Zukunft meinen. Daher haben wir uns selbst verpflichtet, zeitnah mit den ersten Entwürfen zu beginnen. Dabei ist uns aufgefallen, dass der von uns vorgeschlagene Rückblick aus einer Zukunft, die mehrere Dekaden vor uns liegt, vielleicht zu anspruchsvoll ist. 

Angesichts der aktuellen, rasenden Veränderungen, die aus der Digitalisierung wie der Corona-Krise resultieren, schlagen wir deshalb vor, die Frage neu zu stellen: 

Wie sieht eine erfolgreiche, politisch zu wünschende Weichenstellung aus, wenn wir in drei bis fünf Jahren darüber sprechen? 

Auf gehts! 

Startseite

Belarus, die Neue Seidenstraße und der FC Bayern

Belarus ist zu einem wichtigen Baustein der von China initiierten und betriebenen neuen Seidenstraße geworden. Direkt vor der Haustür von Minsk befindet sich ein Gewerbegebiet, Industriepark und Umschlagplatz, das unter dem Namen Great Stone figuriert. Finanziert worden sind die Facilities zumeist von chinesischen Banken. Die Schienenanbindung wurde von dem deutschen Unternehmen Duisport projektiert. Die Investitionen, die durch die chinesische Seite in Belarus getätigt wurden, liegen immer noch unter denen Russlands, doch die Relationen beginnen sich zu verschieben. Der geostrategische Stellenwert von Belarus hat sich durch das Projekt der Neuen Seidenstraße dramatisch zugunsten des Landes erhöht. Der Kampf um Dominanz und Weltherrschaft, der dahinter steckt, hat jedoch auch die politische Stabilität in Frage gestellt. Es empfiehlt sich, die momentanen Auseinandersetzungen unter dem Aspekt der Interessen zu betrachten. Da das Gelingen der Neuen Seidenstraße ebenso eine Rolle spielt wie der geplante NATO-Militärgürtel gegen Russland von Litauen bis zum Schwarzen Meer, wird deutlich, welche Brisanz dort entstanden ist. 

Der Köder, der bei solchen Gelegenheiten immer auf dem Tisch liegt, heißt Freiheit. Was die Menschen, die in den Betrieben und auf den Straßen von Minsk fordern, sind gesicherte Rechtszustände, demokratische Freiheiten und Gewaltenteilung. Damit nicht korrelieren die Ziele, die sich hinter der medial aufgepumpten neuen Freiheitsikone Tiychonowskaja verbergen. Sie steht für die radikale Auflösung des Staates und seinen Verkauf an Oligarchen. Was das bedeutet, ist an der Ukraine gut abzulesen. Verloren hat der Großteil der Bevölkerung und die Freiheit. 

Im Sommertheater lässt sich gut inszenieren. Der russische Regimekritiker Nawalny wurde, laut Aussagen aus seinem Umfeld, vergiftet. Da diese Interpretation sehr gut in die weltpolitische Lage derer passt, die einen Zugriff auf die Neue Seidenstraße in Belarus haben wollen, wird diese Version flächendeckend kommuniziert, bevor sie als gesichert gelten kann. Der Transport Nawalnys wurde finanziert durch eine Organisation namens Cinema For Peace. Sie wiederum wird unter anderem von dem in Russland verurteilten und in der Schweiz lebenden Oligarchen Chodorkowski finanziert. Zudem taucht dort auch immer wieder der Name des US-Lobbyisten Joscha Fischer auf. Wer denkt, dass irgend jemand auf die Idee käme, auf diesem Feld zu recherchieren, sollte das als Illusion aus seinem gutgläubigen Kopf verbannen.

Dass Freiheit und Menschenrechte zu den zentralen Begriffen des in allen Belangen überlegenen deutschen Systems zählen, wird an dem Spektakel deutlich, mit dem sich die Öffentlichkeit am heutigen Sonntag beschäftigt. Da kommt nämlich abends das dreckigste Champions-League-Finale der Geschichte in die Wohnzimmer. Das ohne Zuschauer in Lissabon ausgetragene Turnier, von dem Karl-Heinz Rummenigge sagte, eine solch tolle Atmosphäre habe er noch nie erlebt, spielt sich tatsächlich vor einer kuriosen Kulisse ab. Da stehen sich Paris Saint Germain, seinerseits im direkten Besitz der Menschenrechtsoase Katar und der immer wieder gerne dorthin reisende FC Bayern gegenüber. Dass in Katar eine Sklavenhaltergesellschaft residiert, konnte schon Franz Beckenbauer im Edelhotel nicht feststellen und dass jenes Paris Saint Germain es war, das die Schallmauer durchbrach und einen Spieler für das Geldäquivalent eines Airbusses auf die Seine holte, sollte nicht vergessen werden. Der FC Bayern, der in der Diktion der deutschen Kriegssportberichterstatter noch gegen den CF Barcelona diesem seine Macht demonstriert und ihn gedemütigt hatte, soll nun dem anderen deutschen Trainer zeigen, wo der Hammer hängt.

Gestern tickerte durch die Nachrichtenagenturen, dass Bundespräsident Steinmeier in Bezug auf die Umstände der dramatischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Herrn Nawalny eine genaue Untersuchung der Umstände fordere. Die Forderung ist gut. Sie sollte sich vor allem mit der Tatsache beschäftigen, warum diese unsere Bundesregierung emotional immer kollabiert, wenn es um Geschehnisse in Russland und China geht, und warum sie mit Gleichmut über die Ruinierung menschlicher Existenzen hinwegschwebt, wenn es in Ländern der NATO geschieht oder dort, wo Rohstoffe liegen, die als strategisch gelten.