Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Weder Stärke noch Prinzipientreue

Es grummelt gewaltig. Überall. Doch bevor es zum Ausbruch kommt, legen sich die unterschiedlichen Fraktionen die Karten der Deutung bereits zurecht. Die Lage, die dazu führen wird, ist allzu bekannt. Aufgrund der Sanktionspolitik gegenüber Russland und den Vorstellungen der Bundesregierung hinsichtlich der Energiewende sind die Preise für die einer Industriegesellschaft notwendigen Grundstoffe exorbitant gestiegen. Wenn sich die Preise für diese Grundstoffe dramatisch verteuern, bleibt die Reaktion nicht aus. Alles, was auf Basis dieser Grundstoffe produziert wird, wird ebenfalls teurer. Wenn gleichzeitig die Kaufkraft der Konsumenten nicht steigt, wird es zu der Situation führen, die nun alle realistischerweise erwarten. Es wird zu einer Verarmung großer Teile der Bevölkerung führen und die Produzenten werden auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig sein. 

Wenn man so will, ist das Modell Deutschland als eine Nation mit einer gut ausgebildeten Workforce, einer entwickelten Technologie und einer effizienten wie effektiven Produktion tot. Nicht alles resultiert ausschließlich aus den politischen Maßnahmen in der Corona-Krise und während des Ukraine-Krieges. Die Defizite im Bildungswesen, die überforderte Bürokratie und die Monopolisierung durch Großkonzerne auf Kosten des Mittelstandes begannen mit der Einschwörung auf das Primat einer spekulativ ausgerichteten Finanzwirtschaft. Eine industrielle Strukturpolitik, wie sie zu dem kometenhaften Aufstieg der westdeutschen Wirtschaft gehörte, existiert nicht mehr.

Das Dumme, oder besser gesagt, der Erfolg einer den Interessen des spekulativen Finanzsektors untergeordneten Informationspolitik haben dazu geführt, dass nicht um die essenziellen Dinge gestritten wird, sondern alle möglichen Schimären den politischen Diskurs bestimmen. Hört man sich die Verlautbarungen aus dem Regierungslager an, dann kann man das Gefühl bekommen, dass es einer feindlichen, sowohl russischen als auch rechtsradikalen Kamarilla gelungen ist, die Bevölkerung gegen den Regierungskurs zunehmend aufzubringen. Nicht die politischen Entscheidungen, die sowohl zu den strukturellen wie den akuten Problemen geführt haben, sind mehr die Ursache von Not und wachsendem Unmut, sondern feindliche Propaganda von innen wie von außen. Und wenn die Innenministerin jetzt an einer Gesetzesinitiative bastelt, die alle Versuche, die Regierung zu delegitimieren, unter Strafe stellt, dann hat sie das Terrain der Demokratie bereits verlassen. Das ist Autokratenhandwerk.

Die Legitimation von Politik entsteht in einem sich demokratisch nennenden Staatswesen durch Wahlen und die Art und Weise, wie die Amtsgeschäfte geführt werden. Diese sind gestützt auf einen Eid, dessen Verpflichtung angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen ernsthaft in Zweifel gezogen werden darf. Und für diesen Umstand liefert sogar das Grundgesetz eine Möglichkeit: Dort ist zu lesen, dass, wenn der gesellschaftliche Zusammenhalt und die garantierten Grundsätze der Verfassung gefährdet sind, andere Abhilfe gestattet ist. Das heißt, und das mögen Juristen vielleicht in einer Expertise bestätigen: Wenn die Gesellschaft als Gebilde gefährdet ist, ist Aufstand legitim.

Für die Versuche, alle Argumente, die für eine andere Politik werben, als russische Infiltration oder faschistisches Propagandaunterfangen zu diskreditieren, muss man den Verantwortlichen attestieren, dass sie mit ihren Tiraden den Boden der Demokratie bereits verlassen haben. Mit dieser Strategie, die außer dem Mittel der Diskreditierung noch den ständigen Versuch beinhaltet, die Bevölkerung gegeneinander aufzuhetzen und zu spalten, ist denen gedient, die sie vorgibt zu bekämpfen. Diese Beschränktheit der Sichtweise ist bereits seit Jahren zu verzeichnen. Und sie dokumentiert weder Stärke noch Prinzipientreue.  

Gelassen bleiben: One of these days! — Neue Debatte

Die Bedeutung ist so wuchtig wie einfach. Es geht darum, eben einen jener Tage zu benennen, an denen nichts so geschieht, wie es üblich ist, an denen etwas schief geht, in denen Verkettungen von Ereignissen zu absonderlichen Reaktionen führen, in denen das Kalkulierbare auf der Verliererstraße ist. Der Beitrag Gelassen bleiben: One of these days!…

Gelassen bleiben: One of these days! — Neue Debatte

One of these days

In allen Sprachen existieren Redewendungen, die treffen es einfach. Aus ihnen spricht die Unendlichkeit der kollektiven Erfahrung. Deshalb haben sie sich etabliert, deshalb haben sie sich gehalten. One of these days, dieses Beispiel aus dem Englischen, gehört dazu. Ich habe es überall gehört, auf verschiedenen Kontinenten. Es hat Musiker wie Filmemacher inspiriert und ist zu einem spirituellen Evergreen avanciert. 

Die Bedeutung ist so wuchtig wie einfach. Es geht darum, eben einen jener Tage zu benennen, an denen nichts so geschieht, wie es üblich ist, an denen etwas schief geht, in denen Verkettungen von Ereignissen zu absonderlichen Reaktionen führen, in denen das Kalkulierbare auf der Verliererstraße ist. Diejenigen, die diese Redewendung benutzen, sind allerdings alles andere als entsetzt oder depressiv, was hinsichtlich des Anlasses durchaus möglich wäre. Nein, sie wollen mit der Redewendungen signalisieren, dass es zwar jene Tage, an denen die eigene Absicht und Hoffnung eine Abfuhr erhalten hat, zur menschlichen Existenz gehören. Die Redewendung relativiert das Desaster zu einem nicht sonderlich gewünschten, aber immer wieder realistischen Ereignis. 

One of these days birgt die Kenntnis, dass es Niederlagen gibt, dass Fehler gemacht werden und dass nicht alles so wird, wie man sich das wünscht. Bezüglich der Geschichte unserer Gattung handelt es sich also quasi um einen pädagogischen Hinweis aus der kollektiven Weisheit, dass Scheitern zum Leben gehört und Gram die schlechteste aller möglichen Antworten darstellt. Das Leben ist so, wie es ist. Es existieren Tage des Glücks wie des Unglücks und der Verlauf des Ganzen hängt auch davon ab, wie man mit dieser Gewissheit umgeht. Vielleicht ist die beste Eigenschaft, die es ermöglicht, mit dieser harten Tatsache umzugehen, die schlichte Gelassenheit.

In unseren Tagen, wie wir sie erleben, könnte man allerdings sehr oft, vielleicht sogar täglich diese Redewendung anbringen. Es vergeht derzeit kein Tag, an dem sie nicht angebracht wäre. Ob in der Politik, national wie international, in der Kultur, im öffentlichen Leben wie im privaten Bereich. 

So ist das, wenn die Zeiten bewegt sind. So ist das, wenn Ordnungen erodieren und neue noch nicht etabliert sind. Es sind Tage, Monate und Jahre, in denen alles im Fluss ist und immer und immer wieder etwas passiert, was man sich so nicht vorgestellt hat und das die Vorstellungen von Verlauf und Zukunft enttäuscht. 

Wer da resigniert den Kopf senkt, gibt das Pfund, das dazu ermächtigt, Einfluss auf die Zukunft zu haben, im Kleinen wie im Großen, einfach aus der Hand. Und ja, oft ist es schwer, aber die erwähnte Gelassenheit ist das Einzige, was oft bleibt, wenn man konfrontiert ist mit dem konfusen, irren, nostalgischen, reaktionären und unsinnigen Gestammel, das sich im Äther verbreitet angesichts des rasenden Tempos der Veränderung. Es ist Ausdruck der Panik über den Verlust von Gewissheit. 

Aber es hilf nichts. Auch heute, und morgen, und übermorgen werden wir wieder Grund dazu haben, one of these days zu sagen, aber indem wir das tun, gestehen wir ein, dass es diese Tage eben gibt. Manchmal mehr davon, manchmal wenige, zur Zeit sehr viele. Denken wir an den Sinn dieser Formulierung, aus dem die Weisheit spricht. Verzagen wir nicht! Bleiben wir gelassen!