Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich in uralte Bibliotheken gehen, dort, wo noch keine Computer standen und mich nach Büchern umsehen, die aus heutiger Sicht hilfreiche Erkenntnisse und Botschaften enthielten, die zum Teil Eingang in die Praxis fanden und dann wieder in der Vergessenheit verschwanden. Das hört sich etwas mysteriös an. Mir hilft da eine Erinnerung.
Als ich 1990 mit einem Kollegen, seinerseits ein ausgewiesener Pädagoge, nach Dresden fuhr, um mich dort mit Menschen zu treffen, die aus allen möglichen Berufen kamen, und nun eine Kommunalverwaltung aufbauen sollten. Die, welche wir dort trafen, waren zuständig für Personal und seine Qualifizierung. Da wir vermuteten, dass trotz unterschiedlicher Inhalte der Unterricht in der DDR analog zu dem in der BRD vonstatten gegangen war, sprich, die so genannte Musik von vorne, gleiche Zeiten, gleiche Pausen etc., entschieden wir uns für die Mitnahme eines Buches. Es handelte sich um Frederic Vester, Denken, Lernen Vergessen. Es war 1975 erschienen und war eine Anleitung zur methodischen Revolutionierung des Unterrichts. Wir diskutierten den Inhalt im Vorfeld und kamen dabei zu dem enttäuschenden Resümee, dass das, was dort an Erkenntnissen und Methoden beschrieben war, weit davon entfernt war, sich im westdeutschen Unterricht etabliert zu haben. Die Inhalte hielten wir dennoch für richtig. Deshalb nahmen wir es mit. Und wir kommunizierten, dass die Erkenntnisse vorlägen, die bundesrepublikanische Praxis jedoch weit davon entfernt war, diese umzusetzen.
Wenn ich heute, fast vier Jahrzehnte später über das Buch nachdenke, komme ich im Großen und Ganzen zu dem gleichen Schluss. Und wenn ich mir die Lage ansehe, in denen sich dieses Land befindet und darüber nachdenke, was alles erforderlich wäre, um es aus dieser tiefen systemischen Krise wieder herauszubringen, dann fallen mir noch viele andere Ideen und Methoden ein, die durchaus vorhanden waren, mit denen in Betrieben und Organisationen gearbeitet worden ist und die sich in der jeweiligen Praxis als durchaus hilf- und erfolgreich erwiesen haben. Bei der Analyse der Verhältnisse, bei der Benennung von Handlungsfeldern, bei Fragen der Priorisierung, bei der Beschreibung von Lösungsansätzen, bei der Zuordnung von operativer Verantwortlichkeit und bei der Beschreibung möglicher und zu erwartender Widerstände.
Eingang in die gesellschaftliche Praxis, d.h. als Hilfen bei der Entwicklung von politischen Strategien und als Vehikel bei herausfordernden Entscheidungsprozessen fanden diese Werkzeuge nicht. Dass Politik, auch wenn das viele Verantwortliche nicht gerne hören mögen, ein populistischer Abklatsch gesellschaftlich durchaus vorhandener Erkenntnisse ist, ist eine Wahrheit, mit der man leben muss. Dass jedoch die kommunikative, manipulative und affirmative Vermarktung von Partikularinteressen es fertig gebracht hat, durchaus vorhandene und dringend benötigte Potenziale zum Schweigen zu bringen, ist nicht hinnehmbar.
Einmal abgesehen davon, dass im politischen Überbau diese Methoden nicht internalisiert sind, besteht auch kein Interesse, mit diesen zu arbeiten und man feilt mit Hochtouren daran, ihre Existenz zu verschweigen. Die Schlussfolgerung ist nämlich, dass alles furchtbar kompliziert und komplex ist und wir letztendlich machtlos sind. Sind wir aber nicht. Die Erkenntnisse, die dabei behilflich sind, eine Krise zu beschreiben und wie der Weg aussieht, wieder herauszukommen, sind vorhanden. Man muss nur wollen, sie auch anzuwenden. Und das ist nicht der Fall. Es ist ein Herrschaftskalkül. Mit fatalen Folgen.
Zum vielleicht folgenden Gedankengang, sollte vielleicht mit der Frage begonnen werden: wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich…
Das wäre mal ein Anfang.
