Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Prognosen: die süßeste Form der Rache

Es ist erstaunlich. Alles, was in diesen Tagen und zu diesem Anlass an Ansichten, Meinungen, Analysen, vermeintlichen Gewissheiten und Spekulationen geschrieben und aufgenommen wird, war schon einmal da. Ob in den Nachrichtensendungen, den politischen Journalen, in allen möglichen Diskussionsrunden, in den Predigten von der Kanzel und im Wort zum Sonntag: Appelle an die Vernunft, Klagen, über die Boshaftigkeit der Welt im Allgemeinen, über die Unbelehrbarkeit des Menschen im Besonderen und bestimmter Artgenossen im Spezifischen, das Beteuern der Fragilität der menschlichen Existenz und der Entwurf von Szenarien, die den unvermeidlichen Untergang schmücken werden. Manche derer, die da kommentieren, schluchzen förmlich laut auf und andere, von denen es nicht wenige gibt, ergötzen sich an den verschiedenen Versionen des Untergangs, als handele es sich jeweils um eine lang ersehnte Erlösung mit dem kleinen Preis höchst möglichen Schmerzes. Und wiederum andere Kommentatoren des Zeitgeschehens werden nicht müde, die tatsächlichen oder nur gefühlten Bedrückungen als Notwendigkeiten auf dem Weg zur Erlösung zu sehen. Denn diese steht genauso vor der Tür wie die sprichwörtliche Hölle auf Erden. Auch das Paradies ist nicht fern. 

Es sollte beruhigen, dass beide Varianten, die des Untergangs wie die der Befreiung, immer dann Hochkonjunktur haben, wenn sich die Verhältnisse ändern. Wenn die Krise, als Chance wie als Verhängnis, von den Menschen und ihren Ordnungen Entscheidungen verlangen, weil es so, wie es für einen bestimmten Zeitraum war, nicht mehr weitergehen kann. Da reichten mal kleine technische Erfindungen und mal waren es große, blutige Revolutionen, die die Zustände nicht mehr so zuließen, wie sie sich eingerichtet hatten. Und dann tauchten sie alle auf, die Untergangsphilosophen wie die Heilsbringer. Und zumeist erging es ihnen so, wie sie es prophezeit hatten. Manche endeten auf dem Scheiterhaufen und andere im Götzentempel. Die Verhältnisse hingegen, die aus dem Tumult entstanden, waren da weitaus rationaler und ohne großes Pathos. Vieles wurde ohne großes Aufheben gelöst und anderes, was vorher als Unglaublichkeit gefürchtet war, interessierte plötzlich nicht mehr sonderlich. 

Wenn aus dem, war wir momentan an Erhitzung in der einen wie der anderen Richtung erleben, ein Schluss gezogen werden kann, dann ist es, dass es eine typische Erscheinung in Krisenzeiten ist, die emotional das hochspielt, was sich zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Kühlung eingesetzt hat, ganz pragmatisch lösen lässt. Oder, um einen Umkehrschluss nicht außer Betracht zu lassen: alles, was derzeit als kochend heißes Problem beschrieben wird, wird sich in nächster Zeit nicht lösen lassen oder ändern. Und alles, was schon lange als problematisch beschrieben wurde, aber von der Hitze aktueller Fragen überstrahlt wird, ist kurz vor der Möglichkeit einer vernünftigen Lösung. 

Noch eine Schlussfolgerung? Ja. Lasst die Schreier schreien, lasst sie Hölle wie Paradies versprechen. Es wird nichts mit dem zu tun haben, wie eine von Menschen gemachte Zukunft aussehen wird. Betrachten Sie das als ein Theaterstück zum Ende der wabernden Wechsel. Und sehen Sie zuversichtlich in die Zukunft. Nicht nur die Rache ist etwas, um eine alte sizilianische Weisheit zu zitieren, das man eiskalt serviert. Die Lösung heikler Fragen ebenso. Es ist die süßeste Form der Rache. 

Es flackert noch ein Licht

Es ist ein leises Wimmern. Überall zu vernehmen. Wenn die Sinne noch funktionieren. Es ist die Klage über zu viele schlechte Bilder. Die in den Köpfen Platz genommen haben. Krieg, Vernichtung, Rache, Eigennutz. Der Blick für das Paradies ist verstellt. Vor allem der für das irdische. Und die Klage ist in aller Munde. Über das schlechte Leben. Obwohl das im Vergleich zu vielen anderen Plätzen auf der Welt eine Unverfrorenheit ist. Deshalb versteht man die nicht, die tatsächlich im Schatten stehen. Und es ist seit langem klar, dass der Geldsack in der eigenen Hand nicht der Zugang zum Glück ist. Doch die Erkenntnis nützt dem wenig, bei dem es in der Tasche nicht klimpert. Ja, es ist nicht einfach. Aber ist es schwer? Trotz aller Möglichkeiten, die weit über denen vieler anderer liegen? Was sollen die sagen, die ihre Primärbedürfnisse nicht befriedigen können? Über das Wetter klagen, über die unfreundlichen Nachbarn? Oder über andere Lebenskonzepte? Nicht ein Hinweis, wie es besser werden könnte. Schreit denn alles nach dem großen Desaster, um schätzen zu lernen, was das Dasein ohne den großen Wurf, den es sowieso nicht gibt, bieten kann? Nichts, was du nicht bräuchtest, kannst du nicht erreichen. Wenn du nur willst und Menschen findest, die mit dir gleich tun. Der Individualismus ist eine feine Sache. Bist du seine Grenzen siehst. Bist du begreifst, dass alles ohne die anderen nichts ist. Dann ist alles schrecklich. Schrecklich einsam, schrecklich langweilig, schrecklich monoton. Ganz weit hinten, im letzten Winkel dieser unserer Welt, flackert noch ein Licht, das die Erkenntnis bescheint. Wir sind ein soziales Wesen, das nur in Kooperation eine Zukunft hat. In menschlicher, in sozialer, in kultureller und in politischer Hinsicht. Und alle, die die Raubritterfahne schwingen, egal wo sie stehen oder woher sie kommen, wollen, dass wir diesen Winkel nicht finden. Aber es gibt ihn. Und die dort verborgene Erkenntnis wartet, entdeckt zu werden. Mit oder ohne Desaster. Mit oder ohne Hilfe. Nicht unbegrenzt. 

Fundstück: Blut geleckt

Fitti Merz, der Randalebruder aus der Briloner Eisküche, hat tatsächlich wieder Blut geleckt. Alle, die die Wirkung kennen, bezeugen, dass es zwar geschmacklich und olfaktorisch sehr ambivalent anfängt, mit dem sanguinen Konsum, dass die psychedelische Wirkung jedoch recht schnell das Süß-Saure und das Stinken überstrahlt. Deshalb hat sich Fitti auch so schnell von dem Schock erholt, dass der Putsch gegen Merkel und AKK nicht gelungen ist. Als er, für die Kulisse, noch aufstehen und wie ein fairer Verlierer der obsiegenden Konkurrentin applaudieren musste, wirkte seine Physiognomie wie die eines Huhnes bei schwerem Gewitter. Aber was ein chronischer Blutsäufer ist, der erholt sich schnell.

Und schon schickte der lange Schlackel Angie einen Brief und bot großzügig seine Dienste als Minister an. Insider kolportieren, dass er wohl Gefallen an dem Ministerium der Verteidigung hätte. Zum einen, weil die Auftragsvergabepraxis der jetzigen Ministerin penetrant die Aura von Korruption versprühe und ihre Halbwertzeit aufgrund dessen noch einmal gesunken sei. Zum anderen, weil der Fitti noch heute seinen Jugendtraum pflegt, dabei sein zu dürfen, wenn es darum geht, dem zotteligen russischen Bären einmal so richtig den Pelz zu verbrennen. Dass die kalte Maria aus der Uckermark ihm jetzt den Traum verwehrt hat, bedeutet nicht, dass der Fitti ihn nicht weiter träumt. Welche Träume bleiben einem eingefleischten Atlantiker denn sonst noch? Der freie Westen?

Ob die gesamte Mischpoke, die sich hinter der hochtrabenden Chiffre „Andenpakt“ verbirgt, den finalen Schlag bereits überwunden hat, ist mehr als fraglich. Am schlimmsten muss es wohl die Revolverschnauze aus dem Badenerland getroffen haben. Um die Welt gingen die Bilder, wie er verzweifelt den Kopf geschüttelt hat ob der Dummheit seiner Parteifreunde, der Merkel-Doublette mit dem Kürzel eines Schnellfeuergewehrs, AKK, das Vertrauen ausgesprochen zu haben. Da wurde dem Wolfi bewusst, dass er eigentlich Radio hört, und immer denselben Satz, den er seinerseits fälschlicherweise einem historischen Fußballspiel in der Schweiz zugeordnet hatte: Das Spiel ist aus! Ich werd verrückt, das Spiel ist aus!

So schön war alles eingefädelt, die Knallchargen von Koch bis Öttinger in Stellung gebracht und mit dem Fitti ein richtiger Joker aus dem Chapeau Claque gezogen. Aber es ist nicht aufgegangen. Mein etwas zum Ordinären neigender Nachbar sagt immer, wenn die richtig großen Scheißhaufen verladen werden, dann ist der Wolfi immer mitten drin.

Entweder, so der Nachbar, und, ich wage es kaum auszusprechen, der Mann ist Lehrer, entweder er putscht, oder er zieht ein ganzes Volk über den Tisch. Geputscht hat er nun zweimal, einmal gegen den Kanzler der Einheit und einmal gegen dessen „Mädchen“. Und ein Volk über den Tisch gezogen hat er nun auch zweimal, einmal die Ostdeutschen mit dem Einigungsvertrag und einmal die Griechen mit dem Rettungspaket. Wenn alle guten Dinge drei sind, so der Pädagoge, dann Gute Nacht Germanistan!

Na ja, ganz so dramatisch muss es nicht beleuchtet werden. Obwohl – der Wille von Fitti, doch noch Minister werden zu wollen, das hat schon etwas sehr Notorisches. Der ganze Klüngel, der da den Putschplänen von Schäubles Wolfi aufgesessen ist, scheint so ein Konvolut aus am Stolz zerbrochenen Machismo aus dem letzten Jahrtausend zu sein. Darüber können auch die bereits in jungen Jahren auf der Karriereleiter völlig durchgescheuerten Talente nicht hinwegtäuschen, die von Es Annegret, dem Schnellfeuergewehr, als Hoffnungsträger verkauft werden.

Doch tief im Innern lieben wir alle das Theater. Ein kleiner Trost muss sein.