Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Das Dilemma des falschen Weges

Wer genug erlebt hat in seiner Biographie, der kennt auch das: Irgendwann muss man in einer brenzligen Situation eine Entscheidung treffen und man tut das, was der bisherigen Praxis entspricht, obwohl man bereits seit einiger Zeit das Gefühl nicht los wird, grundsätzlich etwas falsch gemacht zu haben. Aber die Autoritäten, das Umfeld, die Kommentatoren und alles, was dich umgibt, applaudieren dir, wenn du das machst, was in der falschen Logik folgerichtig ist. Dass sich die Ergebnisse dann irgendwann gegen dich stellen, ist durchaus folgerichtig, aber nichts hilft dann mehr. Je weiter der falsche Weg beschritten wird, desto schwieriger wird es, sich zu korrigieren. Wenn eine große Gruppe so unterwegs ist, dann endet das normalerweise in einer grandiosen Pleite.

Allerdings dauert es bis dahin noch ein bisschen. Es tauchen Stimmen der Kritik auf, die allerdings bei diesem Setting keine Chance haben. Sehr oft passiert dann etwas, was man als einen höchst problematischen negativen Nebeneffekt bezeichnen muss. Erstens treibt man die Kritiker, die es gut meinen, den Bauernfängern zu, die ganz anderes im Sinn haben und freudig die Arme ausbreiten, um die kritischen Stimmen zu empfangen. Und zweitens bleibt denen auf dem falschen Weg nichts anderes übrig, als die Stimmen, die ihr Handeln kritisch begleiten, zu beschimpfen und sie denen zuzurechnen, die das Ganze zerstören wollen.

Für die, die in einem solchen Prozess in der Verantwortung stehen, wird die Situation irgendwann nicht mehr beherrschbar. Zum einen, weil sich auf dem falschen Weg eine beträchtliche Summe unfähigen Personals eingeschlichen hat, das die Tragweite des Irrtums weder begreift noch richtig einzuschätzen vermag. Zum anderen ist die Möglichkeit einer radikalen Kurskorrektur ab einem kritischen Punkt nicht mehr möglich. Ab diesem Zeitpunkt liefert nicht mehr die analytische Unterscheidung zwischen richtig und falsch den Kompass, sondern Ängste. Wie verhalten sich die Mächte, in deren Interesse ich bisher gehandelt habe, wenn ich schwächele und kann ich mit denen, gegen die ich agiert habe, überhaupt noch ins Gespräch kommen? Oder sind dann beide Lager, das eigene wie das gegenüberliegende, zu Feinden geworden, die sich ihrerseits aus der Affäre ziehen wollen und sich bereits der Überlegung hingeben, wer sich bei dem zu erwartenden Desaster als bester Schuldiger machen würde?

Es handelt sich bei dieser Betrachtung nicht um eine weit hergeholte Geschichte aus der Märchenwelt, sondern um ein Beispiel aus dem Alltag. Es passiert, jeden Tag, im Kleinen und im Großen. Nennen wir es das Dilemma des falschen Weges. Und es gibt sogar einen Rat, den jeder und jede befolgen sollte: Entscheiden Sie immer so, wie sie es für richtig halten, auch wenn die Konsequenzen schmerzhaft sein können. Dann sind Sie nicht nur mit sich im Reinen, sondern dann genießen Sie auch bei allen anderen Beteiligten zumindest soviel Achtung, dass man Sie ernst nimmt. Andernfalls werden sie verachtet. Wegen Ihrer Schwäche und wegen Ihrer Verlogenheit. Da nützt Ihnen dann auch nicht, wenn Sie Gott und die Welt beschimpfen, dass es kein Halten mehr gibt. Das macht Sie nur noch lächerlicher.  

Oder Sie machen so weiter, wie bisher. Auch dieses Stück hat einen Ausgang: Denn dann kommt der Sensenmann und alle landen in der Hölle.

EU-Wahlen: Gute Tage sehen anders aus

Nun sind alle Katzen aus dem Sack. In Europa ist gewählt worden. Und, das sollte nicht unter den Tisch fallen, es wurden die Abgeordneten des Europäischen Parlaments gewählt. Das birgt einige Implikationen, ist aber dennoch vom Betroffenheitsgrad der Bürgerinnen und Bürger nicht so entscheidend wie nationale Wahlen. Die Ergebnisse entsprechen dem, was eigentlich alle erwartet hatten. Zum einen wurde der Trend bestätigt, dass sich viele Menschen in der EU um ihr eigenes Land sorgen und dem Gedanken eines Europas, das auch als Regierungssystem stattfindet, zunehmend skeptisch gegenüber stehen. Nahezu psychoanalytisch muss ein Faktum bewertet werden, das sowohl den Wahlkampf als auch letztendlich die Stimmabgabe bestimmt hat und von den großen Parteien, die momentan die Politik der EU zu verantworten haben, nahezu gar nicht thematisiert wurde. Es handelt sich dabei um die Frage von Krieg und Frieden und die  Auswirkungen des Neoliberalismus auf die Gemeinwesen. Da wurde so geredet, als sei das alles gesetzt und in Ordnung. Und genau das hat viele Menschen motiviert, so zu wählen, wie sie es getan haben. Auch wenn die unterschiedlichen Gewinner zum Teil nur eine einzige Attraktion aufwiesen, nämlich die, die anderen zu ärgern.

Hört man sich die Analysen derer an, die gravierende Verluste zu verbuchen hatten, dann offenbart sich ein Potpourri aus hilflosem Gestammel und massiver Publikumsbeschimpfung. Wenn sich bei der Lektüre dieser Analysen eine Erkenntnis aufdrängt, dann ist es die Diagnose von Lernunfähigkeit und/oder Unwille. Weder werden die großen Linien der praktizierten Europa-Politik einer kritischen Analyse unterzogen, noch wird die eigene Einstellung gegenüber dem Souverän thematisiert. Denn da liegen die Verhältnisse im Argen. Die Liaison von EU und NATO als synchron operierende Formationen, die von den USA administriert werden, hat zu einer existenziellen Krise geführt. Und, als zweitem Punkt, die Reklamation des Anspruchs durch die EU wie die national in der Verantwortung stehenden Funktionäre, besser zu wissen, wann der Souverän seine verbrieften Rechte in Anspruch nehmen darf und wann nicht, haben zu einem tiefen Vertrauensverlust geführt. Die Reaktionen aus den verschiedenen durch die Wahl gerupften Lagern dokumentieren, dass diese Botschaft nicht angekommen ist. 

Die tatsächlichen Ergebnisse sind, was den Fortbestand der gegenwärtigen Regierungsführung anbetrifft, nicht so dramatisch, wie beschrieben – für diejenigen, die so weiter machen wollen, wie bisher. Sie werden sich zusammenraufen und vor allem die europäischen Sicherheitsinteressen denen einer um globale Dominanz kämpfenden USA unterordnen. Und sie werden an dem Diktum festhalten, dass gute Regierungsführung nach dem System von Regel und Sanktion zu funktionieren hat. Die Freiheit und das Recht derer, die in diesem Verbund versammelt sind, wird weiterhin von einem immer ausufernderen bürokratischen Aufwand systemisch minimiert.

Die Freude derer über die Bestrafung derjenigen, die die aktuelle Politik zu verantworten haben, sollte sich angesichts dieser Betrachtung in Grenzen halten. Besser werden die Verhältnisse nicht, grundsätzlich wird sich nichts ändern. Auch wenn es emotional durchaus zu befreienden Gefühlen kommen kann, wenn eine Partei, die bei den letzten Wahlen als Friedensstifterin aufgetreten ist, um danach zu einem zähnefletschenden Kriegsensemble ohne jede Idee einer Friedensordnung zu werden, die größten Verluste zu verbuchen hat. Und vor allem bei den ganz Jungen, auf die sie gesetzt hat. So, wie es scheint, ist der Souverän mal wieder klüger als die Blasenbewohner aus den Parteizentralen. Gute Tage sehen anders aus. Auch wenn heute die Sonne scheint.  

Spieglein, Spieglein, an der Wand!

In Zeiten der existenziellen Polarisierung ist es schwer, ehrlich zu sein. Ständig fühlt man sich von Kontrahenten beobachtet. Und immer soll es vermieden werden, den eigenen Standpunkt zu verwässern. Es existiert, abgesehen von therapeutisch eskortierten Methoden, nur eine Möglichkeit, um ganz in sich zu gehen und die eigenen Züge zu studieren. Wir haben in unserem kollektiven Gedächtnis eine Erzählung, die dem nahe kommt, auch wenn die Geschichte dort ganz anders verläuft als es hier gewollt ist. Es ist die Befragung des Spiegels. Stellen wir uns vor den Spiegel, alleine, ohne Störung, und sehen uns an. Und fragen wir das tote Ding mit einer schlichten physikalischen Wirkung bitte nicht, wer der oder die Schönste, Schlaueste oder Vernünftigste im ganzen Land ist.

Nein, sehen wir uns in die Augen. Betrachten wird die Falten und Narben, entschlüsseln wir, ob wir gezeichnet sind von einem großen Lebenswillen, vom Hang zur Zuversicht oder sind wir Zeugen von Trauer und Melancholie? Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann können wir das lesen. Und fragen wir uns dann bitte nicht, wer dafür verantwortlich ist, dass wir vielleicht nicht so sind, wie wir es uns wünschen. Und suchen wir nach Indizien, ob wir, als Individuen, alles das tun, was wir im Austausch von allen anderen, mit denen wir interagieren, getan haben oder tun. Im Jubiläumsjahr des großen, kleinen Immanuel Kant dürfen wir uns diese Art der Libertinage durchaus einmal gönnen. Alles, was wir in uns sehen, ist eine Muster dessen, wie es auch den anderen ergeht, wenn sie sich dieser Probe unterziehen. Es muss heißen, Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Ehrlichste im ganzen Land? 

Und die Ergebnisse, diese Nachricht kann leider nicht der Zensur zum Opfer fallen, sind verheerend. Wir befinden uns im Zustand der allgemeinen und allseitigen Schuldzuweisung. Alle sind Opfer der Verhältnisse und niemand steht zu dem, was er oder sie verursacht hat. Ja, es wird schmerzen, aber das einzige, was uns noch retten kann, ist die bedingungslose Analyse unserer Selbst und das absolute Bekenntnis zur Wahrheit. Und jede Form der Erregung steht dieser Suche im Weg. Wahrscheinlich wird sie deshalb so zelebriert. 

Denn, wenn die Idee der Demokratie überhaupt noch einen Sinn vermittelt, dann ist es die Offenlegung der Ziele und Wünsche aller und die Sezierung der Motive. Wer jetzt sein Handeln nur noch im Fehlverhalten anderer begründet, erweist sich im demokratischen System als untauglich. Es muss ein konsensuales Grundmuster vorliegen und erarbeitet werden. Wollen wir in Frieden leben? Wollen wir selbstbestimmt unsere Geschicke bestimmen können? Auf welchen Niveau der Zivilisation wollen wir uns bewegen? Darum geht es, nicht um mehr, aber auch nicht um weniger.

Und wir stehen immer noch vor dem Spiegel und müssen uns fragen, ob wir es sind, die das Debakel mitverursachen, dass wir nicht mehr aufeinander hören, dass wir virtuos sind in der Verurteilung anderer, dass wir so uns selbst als Opfer alles Schlechten exkulpieren? Das legendäre Spieglein hilft nicht nur, das eigene Ich mit der Wahrheit zu konfrontieren, sondern auch, alle zu identifizieren, die der Wahrheit die Treue geschworen haben. Und, niemand solle bei der Übung verzweifeln: Jedes Alter hat seine Schönheit! Und für die Wahrheit ist es nie zu spät!