Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Nur Fußball? Klasse und Verein!

Gerade heute fiel mir, aus aktuellem Anlass, wie es so oft heißt, wieder eine Szene ein, die ich vor vielen Jahren erlebte, quasi am Beginn meiner Reise durchs Leben. Als ich mich von Freunden und Bekannten verabschiedete, um zunächst einmal zu studieren und nicht im benachbarten Umland, sondern weiter weg, nahm mich ein Bergmann, der noch unter Tage arbeitete, beiseite, sah mir tief in die Augen und sagte: „Egal, wohin du gehst, egal was du machst, eines darfst du nicht tun: du darfst nie deine Klasse und nie deinen Verein verraten!“ Ich wusste sofort, was er meinte, denn der Klassenbegriff war im damaligen Ruhrgebiet noch sehr eindeutig und der Verein war eng mit ihm verbunden, denn der Fußball, der dort gespielt wurde, hatte sehr viel mit dem Alltag dieser Klasse zu tun. Dass das mit der Klasse in meinem Fall nicht so eindeutig war, wusste ich bereits zum Zeitpunkt des Rates. Ich deutete es so, dass die Menschen, das Milieu, in dem ich aufgewachsen war, so etwas darstellten wie meine Klasse. Dazu gehörten Bergleute, kleine Kaufleute, Bauern und auch der eine oder andere skurrile Intellektuelle. Und mein Verein, den hatte ich schon, und der entsprach 1:1 den Vorstellungen des Bergmanns.

Nun, mein Leben verlief bis dato sehr abwechslungsreich und ich erlebte viele unterschiedliche soziale Milieus auf verschiedenen Kontinenten und auch noch ganz andere Vereine als die, die ich in meiner Region kennengelernt hatte. Nicht, dass ich den damaligen Rat des Bergmanns mir so zu Herzen genommen hätte, wie er es mir nahegelegt hatte. Das musste ich nämlich gar nicht, denn irgendwie gehörte die Devise sowieso zu meinem Kompass. Die Menschen, die mir alles gegeben hatten, um das werden zu können, was ich wollte, die konnte und wollte ich nie vergessen und der Verein, mit dem ich groß geworden war, der hatte mich, auch wenn ich mir das anders gewünscht hätte, sehr intensiv gelehrt, wie man mit Niederlagen umgeht und wann Loyalität wichtiger ist als alles andere. 

Nun, das ist kein Plädoyer für ständiges Verharren, für die Negation des Wandels und eine seichte Romantik. Nein. Es geht um ein Prinzip. Es ist das Prinzip, das sich aus einer gewissen Dankbarkeit und Zugehörigkeit speist und sich dem Ansinnen flüchtiger Opportunität verweigert.  Der Geist, der dem damaligen Ruhrgebiet und seinen Formulierungen von Moral entsprach, speiste sich aus sehr konkreten Vorstellungen von Verlässlichkeit. Keine Frage, wenn die nicht gegeben war, dann spielten die da unten, unter Tage, mit ihrem Leben. Im Ruhrgebiet durftest du alles machen, wenn du nur verlässlich warst. Und keine deiner Taten glänzte, mochten sie auch noch so gekonnt sein, wenn sie den Beigeschmack der Unzuverlässigkeit hatten.

Ich selbst denke noch heute, Jahrzehnte nach diesem Rat des Bergmanns, immer wieder an ihn. Die Frage, die sein Rat aufwirft, hat mich in unzähligen Lebenssituationen immer wieder begleitet. Ist die Entscheidung, die du jetzt treffen musst, so etwas wie ein Verrat an denen und dem,  was dich geprägt hat? Ich, für meinen bescheidenen Teil, habe mich nie verbiegen müssen. Ich habe diesen Verrat nie begangen, obwohl ich vieles in meinem Leben verändern musste, obwohl ich mit Menschen und Organisationen gebrochen habe und mit so mancher Rebellion nicht nur angenehme Situationen hinterlassen habe. Aber meine Klasse und mein Verein? Mit denen bin ich immer noch im Reinen! 

Fundstück: Macron wie Trump

12. Juni 2017

Vielleicht war die historische Analogie keine einmalige Sache. Die „Amerikaner“ um Benjamin Franklin, die im Paris des Ancién Regime weilten und um französische Waffenlieferungen warben, mit denen sie in Übersee den Erzfeind Großbritannien bekämpfen konnten, sie hatten den Gedanken der Revolution auf den alten Kontinent gebracht. Nichts war so heroisch, wie es die Geschichtsbücher berichten, weder der amerikanische Unabhängigkeitskampf gegen die Briten noch die spätere französische Revolution, aber es veränderte dennoch die Welt. Seit jener Zeit pflegen diese beiden Nationen ein besonderes Verhältnis, in dem sie beide sich als die Prototypen des bürgerlichen Zeitalters begreifen.

Obwohl von der europäischen Öffentlichkeit ganz anders wahrgenommen, existiert momentan wieder eine Analogie zwischen den USA und Frankreich. Sie ist gekennzeichnet durch eine so noch nicht da gewesene Abkehr der wahlberechtigten Bevölkerung von dem jeweils verfassungsrechtlich garantierten Wahlsystem. Sowohl in den USA als auch in Frankreich hat das so genannte politische Establishment bei den letzten Wahlen seine Demission erhalten. 

Der gewählte Präsident Donald Trump trat in den USA gegen die Auswirkungen der Globalisierung an und machte gegen die bestehenden Akteure des politischen Systems mobil. Ob die politische Stoßrichtung, die er dabei wählte, zu einer neuen Qualität von Politik gereicht, sei zwar bezweifelt, aber diese Frage ist zunächst sekundär. Wichtig scheint, dass die Abkehr der Wahlbevölkerung von den bestehenden Protagonisten des jeweiligen politischen Systems so noch nicht da gewesen ist. Fest steht, dass vor allem die deutschen Kommentatoren außer Rand und Band geraten, wenn sie darüber zu berichten haben.

Anders hingegen in Frankreich. Da ist die Lage von den Fakten ähnlich, der neue, nicht dem politischen System entstammende Präsident Macron wird wie eine Heiligenfigur verehrt, obwohl seine Agenda sehr viele Parallelen zu der des Donald Trump aufweist. Mit seiner Liste, mit der er in die Parlamentswahlen ging, gewann er die Mehrheit und damit hatten die etablierten Parteien der Konservativen, der Sozialisten, der Linken wie der Rechten das Nachsehen. Und obwohl die 32 Prozent für seine Liste bei einer hälftigen Wahlbeteiligung nur 15 Prozent Unterstützung aus der Bevölkerung bedeuten, und obwohl nicht klar ist, was sein Mandat in der tatsächlichen Politik bedeuten wird, wird Macron hierzulande ebenso rational gefeiert wie Trump verdammt. 

Wie der Hass gegen einen Bastard, der nicht ins etablierte politische Milieu passt, umschlagen kann in nahezu amouröse Zuneigung wie bei Macron, sei denen überlassen, die sich auf dem Feld von Psychoanalyse und Massenpsychose besser auskennen. Es scheint nur in hohem Maße irrational, was da gerade passiert und wie mit beiden Phänomenen umgegangen wird.

Was zu den unumstößlichen Fakten zählt ist die Analogie beider Länder im Bereich eines sich andeutenden Politikwechsels. So wie es scheint, haben sich die Funktionäre der Globalisierung in ihrer Massenwirkung gehörig verschlissen. Und so wie es scheint, reichen momentan einige Gesten aus, um sich von diesem Sozialtypus zu distanzieren. Trump hat dieses gemacht im typologisch reinen Sinne in Form des amerikanischen Selfmademans, hemdsärmelig und derb, während Macron daher kommt wie der unbefleckte Eliteschüler, der sich über den schmutzigen Willen der Funktionäre hinwegsetzt. 

Macron wie Trump stellen das bisherige parlamentarisch-demokratische System in Frage. Beide haben als Agenda noch mehr Zurückdrängung von Politik zugunsten der Wirtschaft. Der eine wird dafür gefeiert, der andere verdammt. So ungerecht kann die Welt sein. 

EM 2024: Mal wieder Fußball?

Die Entwicklung des Fußballgeschäftes hat seit der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien rasante Formen angenommen. Es begann mit dem Transfer eines Spielers für das Äquivalent einer Air Bus Maschine, Magnaten übernahmen Vereine, von ihrer Herkunft her nicht unbedingt aus Ländern, in denen das Fußballspiel auf eine beachtenswerte Tradition blicken kann. Dass man mit dem Metier Geld, sehr viel Geld verdienen kann, ist allerdings bekannt. Dort, wo es in Bezug auf Finanzbewegungen besonders heftig zugeht, sind entweder Ölmagnaten, Baulöwen oder sogar Fonds im Spiel. Die großen Stars des Metiers spielen dort, wo das meiste Geld gezahlt wird. Viele Vereine, vor allem in den Ländern mit einer großen Fußballtradition, sind nicht mehr im großen Spiel und verlieren, zumindest was das Sammeln von Titeln anbetrifft, massiv an Bedeutung. Mehr noch, sie kämpfen ums Dasein. Und es hilft nicht weiter, mit dem Finger nach Spanien oder Großbritannien zu zeigen, auch im eigenen Land schaffte es der Primus, 11 mal hintereinander die Meisterschale zu holen. Man nennt so etwas auch Monopol.

Die jetzige Europameisterschaft mit deutschem Austragungsort sollte der durch monetäre Exzesse weitgehend demoralisierten Branche und dem Überdruss über furchtbare politische Entwicklungen ein Ende bereiten. Mit Namen wie dem eines Rudi Völlers und eines juvenilen Julian Nagelsmanns soll der deutsche Fußball, wie er sich immer selbst definierte und wofür er international geachtet wurde, wieder zum Leben gerufen werden. Weg von Konzepten aus der Beraterszene, in denen Module changiert werden, hin zur Bereitschaft, sein letztes Hemd zu geben und die Freiheit, situativ dem eigenen Instinkt folgen zu dürfen, sollen dem Spiel wieder etwas Leben einhauchen. Das ist, man höre und staune, bis jetzt in einer gewissen Weise gelungen. Fast höre ich meinen Vater, der aus dem Grab die Sätze von sich gibt, „mach, was du kannst, und sei, was du bist.“

Der Fußball ist, so, wie er gespielt wird und so, wie er organisiert wird, immer ein Abbild der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse. Insider wussten das schon immer und diejenigen, die mit dem Spiel nichts am Hut haben, werden es nie begreifen. Und da wären wir an einem Punkt, der weniger positiv stimmen kann. Momentan reden wir von den Teams aus Europa. Bis dato haben sich keine Anzeichen für irgend eine Innovation gezeigt. Vielleicht ist es sogar symptomatisch, dass  – stand jetzt – noch nie so viele Eigentore zu bilanzieren waren. Fast könnte man auf die Idee kommen, es handele sich um eine Metapher für die europäische Außenpolitik.

Und da ist es wiederum interessant, dass trotz der permanenten medialen Mobilmachung und trotz der andauernden verbalen Militarisierung ausgerechnet die Fußballfans aus den angereisten Ländern zumeist nur das Interesse an einer guten, friedvollen Zeit mit netten Begegnungen haben. Das parallel zu täglichen Meldungen über das Ansteigen der Gewaltdelikte im Alltag! Man kann es auch anders formulieren: die Fußballfans, die sich hier versammelt haben, trotzen dem Gedanken des Krieges.

Und, es ist immer ratsam, sich bei den Spielen auch ab und zu die Bandenwerbung anzuschauen. Dass die Bundesbahn den durch die täglichen Verzögerungen ramponierten Ruf damit wieder herstellen könnten, ist eine Illusion. Aber dass, auch und gerade in Stuttgart, von Mercedes Benz nichts zu sehen ist, während das chinesische Label BYD (Build Your Dreams) von allen Seiten lacht, kann auch noch einmal ein Hinweis darauf sein, wo sich der Industriestandort Deutschland momentan befindet.

Ob das Spiel, welches die Brasilianer das schöne nennen, im weiteren Verlauf noch wird begeistern können, steht in den Sternen. Fest steht, dass es bis dato nichts Neues gibt. Aber vielleicht steht es an einem Wendepunkt. Das wäre schon einmal etwas. Oder?