Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Fundstück: Der Endsieg steht vor der Tür!

Ein Grund, warum sich die politische Satire nahezu flächendeckend verabschiedet hat, ist die täglich erlebte Realität. Denn das Schauspiel, das diese präsentiert, ist grotesker als alles, was sich kreative Quälgeister ersinnen könnten. Täglich überholt der Alltag den zynischsten Witz. Zu erleben ist das alles in den Medien, seien es die großen traditionellen Print-Organe oder die Radio- und Fernsehstationen, die rund um die Uhr mit Interviews und Talkshows versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dass diese geballte Kraft zum großen Teil die Politik treibt, gehört zu den Malaisen unserer Zeit. Wen sie dabei zu sich holen und als Experten präsentieren, das ist keine Fehlentwicklung mehr, sondern ein Komplott. Denn dümmer und dreister geht es nicht.

Da tauchen immer wieder dieselben Gesichter auf, von denen die meisten nicht wissen, warum sie dort auftauchen und wo ihre Referenzen liegen. Dass das Gros aus Denkfabriken stammt, die direkt oder indirekt von interessierter Seite der USA finanziert sind, gilt nicht als Hinderungsgrund, sondern als Empfehlung. Oder sie gehören zu der Fraktion, die es seit langer Zeit wieder in die Regierungsverantwortung geschafft hat und die schon einmal unter Beweis stellen konnte, dass sie mit dem Instrument der moralischen Demagogie ihr Klientel schneller in die Kriegsbegeisterung treibt, als dass es jede Form von Anstand zuließe.

Und gerade aus diesem Milieu kommen die ideologischen Speerspitzen, auf die alles anwendbar ist, was in den seichten Fahrwassern der alten Republik noch als Rechtsradikalismus bezeichnet wurde. Die Kriegspropaganda wird geschmückt mit rassistischen Accessoires, die eigenen Völkerrechtsverletzungen werden als humanistische Akte verkauft, der politische Beischlaf mit Verbrechern als Notwendigkeit einer regelbasierten Ordnung gepriesen, die offenen Rechnungen aus den Verletzungen durch den Kolonialismus als aggressive Schimären diskreditiert, die schrittweise Aussetzung von Grundrechten als Bedingung für das eigene Überleben gepriesen.

In diesen Tagen kulminiert dieser Affront in der Omnipräsenz einer Redakteurin aus dem Szene-Blättchen, die nicht nur von einer energetischen Kriegsökonomie schwärmt, sondern auch noch den Endsieg gegen Russland in Aussicht stellt. Sie spricht offen darüber, dass die Regierung bei der jetzigen Lösung in Bezug auf den befristeten Weiterbetrieb der verbliebenen drei deutschen Kernkraftwerke von der Hoffnung ausgehe, dass ab dem Frühjahr wieder russisches Gas nach Deutschland komme, da Russland militärisch vor dem Zusammenbruch stehe.

Für alle, die sich nicht schlüssig sind, was die Dame sagt: Der Endsieg steht vor der Tür! Während den Mitgliedern der Grünen zuzutrauen ist, dass sie diesem Unfug glauben schenken, beunruhigt zum einen die Frage, ob die Bundesregierung in toto dermaßen den Verstand verloren hat oder nicht. Und es zeigt sich, dass die wiederholte Bemühung einer solchen Quelle durch verschiedene mediale Formate die Unmöglichkeit einer jeglichen Reform unterstreicht. Das Ausmaß der Desinformation, welches in dieser Republik unter staatlicher Mitwirkung und institutioneller Duldung Verbreitung findet, beantwortet die Frage, wie es nach dem jetzigen Krieg weitergehen soll.

Da von den zitierten Trommlern sowieso niemand von einem Ende des Konfliktes spricht, ist davon auszugehen, dass sie nach dem Motto „Sieg oder Tod“ unterwegs sind. Bis jetzt sind sie schon recht erfolgreich gewesen, denn die Ukraine als Staat mit einer unabhängigen Zukunft wird es nicht mehr geben. Und vieles spricht dafür, dass ein handlungsfähiges Europa ebensowenig übrig bleiben wird. Wie gesagt, wenn es die gegenwärtig so gehypten Irrlichter nicht noch fertigbringen, den Krieg flächenmäßig oder nuklear auszudehnen und es noch ein Danach geben sollte, dann muss die Formulierung, Verantwortung zu übernehmen, eine ganz andere Bedeutung bekommen.

20.10.2022

SNAFU

Das Prinzip, oder besser gesagt, der Zustand, der aus dem Prinzip entsteht, ist so alt wie die Menschheit. Der skurrile und blasphemische Name hingegen tauchte zum ersten Mal in der US-Armee während des II. Weltkrieges auf. Dort hieß es dann: Situation normal, all fucked up! Kurz: SNAFU. Die Umschreibung faszinierte so, dass sie sich nicht nur wie ein Lauffeuer in der Armee ausbreitete, sondern es bis in die Literatur und in die Organisationssoziologie schaffte. Einmal abgesehen von der Massenwirksamkeit, die die Formulierung aufgrund ihrer Griffigkeit sehr schnell erlangte, ist die sich dahinter verbergende Situation das Interessante.

Lange Zeit, vor allem in der erwähnten Organisationssoziologie, wurde sie dazu benutzt, um ein Phänomen zu beschreiben, das nahezu alle Menschen, die einmal in Organisationen gearbeitet haben, kennen. Es geht dabei um das Vorenthalten von Informationen. Gerne gemacht und aufgrund der etablierten Stellung ermöglicht, wurde und wird das bewusste Verschweigen von Informationen innerhalb der Hierarchie als Instrument gepflegt. Diejenigen, die es machen, versprechen sich davon Vorteile. Man muss nicht gleich von Herrschaftswissen sprechen. Aber die eine oder andere Information kann in bestimmten Situationen Vorteile bringen, wenn man allein in deren Besitz ist. Wenn das Phänomen verbreitet ist, entsteht daraus ein Allgemeinzustand, der sich sehr gut mit SNAFU beschreiben lässt. Denn die Motive, bestimmte Entscheidungen zu treffen oder Handlungen vorzunehmen, sind nicht nur unterschiedlich, sondern sie haben keine gemeinsame Basis mehr. Das notwendige Ergebnis ist das Chaos. Man kann es auch anders formulieren: der Wunsch, sich bestimmte Vorteile in der Hierarchie zu verschaffen, bringt die Organisation in existenzielle Gefahr.

So zutreffend es ist, die heutige Situation mit SNAFU zu beschreiben, so wenig ist sie auf das Motiv der eigenen Vorteilssicherung zu reduzieren. Vor allem in gesellschaftlichen und politischen Kontexten ist die Situation weitaus komplexer. Hinzu kommen Motive, tatsächliche Strukturen, die nur von Eingeweihten erkannt werden, vor der großen Masse zu verbergen. Ein Beispiel ist das nicht Verfolgen oder Verschweigen der Zerstörung der deutschen Gas-Pipelines in der Ostsee. Käme heraus, wer dafür verantwortlich ist, wäre die komplette politische Argumentation hinsichtlich der Sicherheit in der bestehenden Bündnisstruktur außer Kraft gesetzt. Ein politisches Erdbeben wäre die Folge. Um dieses zu verhindern, wird geschwiegen.

Da es sich bei diesem Beispiel nicht um einen Einzelfall handelt, sondern wir eher von der Regel sprechen müssten, wenn man an die Kriegsursachen in der Ukraine denkt, oder an die systematische Umgehung von Sanktionen gegen Russland, oder die Motive zum Außerkraftsetzen von verbrieften Grundrechten während der Corona-Krise etc.., ist die Situation, in der immer mehr Menschen den Eindruck eines argumentativen Irrenhauses bekommen, das Ergebnis von systematischem Vorenthalten von Fakten. Dass die totale Transparenz, die gerne in diesem Kontext gefordert wird, andere Verhältnisse hervorzubringen in der Lage wäre, sei dahin gestellt.

Was strukturell für den beschriebenen Zustand verantwortlich zeichnet, ist die Vorstellung, dass eine kollektive Aufgabe durch die Nicht- oder Desinformation großer Teile des Kollektivs gelöst werden kann. Dieser Irrglaube führt zu den zu verzeichnenden irren und wirren Verhältnissen. Im Gegensatz zu mancher Groteske aus der Militärgeschichte oder dem Arbeitsleben hat sich die Situation jedoch zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen ausgewachsen. Irgendwie entsteht der Eindruck, dass Instrumentarien der guten Regierungsführung, zu denen Kategorien wie Vertrauen und Diskretion führen, zu absurdem Geschnatter und jämmerlichen Versuchen der Verheimlichung degeneriert sind. SANFU eben. Situation normal, all fucked up?

Dummdreiste Deutungsübungen und eine getäuschte Öffentlichkeit

Weit muss man der Logik nicht folgen, um entweder auf dem Pfad des Irrsinns zu wandeln, alle Gründe zu haben, Amok zu laufen oder sich dem schwarzen Humor hinzugeben. Letzteres ist die wohl sozial verträglichste Form, um auf das zu reagieren, was aus dem politischen Lager täglich abgesondert wird. Heute morgen waren es Sätze des Verteidigungsministers, der es fertig brachte, die Beteiligung der Bundesmarine bei Manövern im chinesischen Meer mit der Freiheit der Weltmeere zu begründen. Die Sicht Chinas, das ein Interesse an bestimmten Sicherheitszonen vor der eigenen Küste reklamiert, das durch einen von den Briten geführten Drogenkrieg und eine japanische Invasion und Besetzung bis heute traumatisiert ist, wird als eine zunehmend bedrohliche und aggressive Attitüde umgedeutet. Da sollte, und das hoffen wir alle, der Herr Pistorius doch mit den Küstenkähnen der Bundesmarine auch dafür Sorge tragen, dass russischen Kriegsschiffen und chinesischen Flugzeugträgern die freie Fahrt vor us-amerikanischen Küsten garantiert wird. Das wäre mal ein Maßstab, der für alle gilt. Und der Applaus der amerikanischen Freunde wäre dem vermeintlichen Kriegshelden sicher.

Genauso frivol ist das Verdammen jeglicher Kritik an der US-Präsidentschaftskandidatin, die dem auf kaltem Wege abgesetzten Biden folgt. Die Kritik an ihr auf Misogynie zu reduzieren, wie es das Fake News Magazin Spiegel soeben gemacht hat, lässt die Erwartung wachsen, dass bei kommenden bundesrepublikanischen Wahlkämpfen eine Sahra Wagenknecht oder eine Alice Weidel unter den gleichen ideologischen Schutz gestellt werden. Wer allerdings darauf wartet, braucht das Privileg des ewigen Lebens.

Das Gutheißen von Mordanschlägen auf fremden Territorien und die Geiselnahme von wehrloser Zivilbevölkerung seitens der israelischen Streitkräfte durch den erlittenen Holocaust könnte auch so manche Bewohner von Hiroshima und Nagasaki durchaus moralisch legitimieren, um in den USA Anschläge zu verüben, die es in sich haben. Nur scheint die Bevölkerung Japans über einen anderen ethischen Kompass zu verfügen als die Mordschergen des freien Westens.

Die historisch verbrieften Verbrechen der jüngeren Geschichte sind nicht nur im kollektiven Bewusstsein der jeweiligen Opfer noch durchaus präsent. Es gehört zum großen Glück des Westens, egal ob wir vom spanischen, englischen, niederländischen, portugiesischen, deutschen und französischen Kolonialismus reden, oder von den imperialen Kriegen I und II, den Atombombenabwürfen seitens der USA und die mehr als 45 militärischen Interventionen derselben seit 1945, dass die jeweiligen Opfer nicht mit dem selben Maß messen wie die Täter. Aber gemerkt haben sie es sich, und sie wissen um den Charakter derer, die ihnen heute daher kommen von Werten, Freiheiten und Rechten. Das Lügengebäude ist implodiert. Wer das große Glück beim Erlernen der basalen Mathematik hatte, wird es sich sogar an den Fingern abzählen können.

Und noch etwas sehr Amüsantes: es wird in den monopolisierten und gleichgeschalteten Presseorganen des freien Westens gerne von der Propaganda und der Manipulation der Menschen gesprochen, die ausgerechnet in den Ländern leben, die als Feinde der Freiheit reklamiert werden. Eine Öffentlichkeit jedoch, die unwidersprochen die durch nichts mehr zu rechtfertigenden dummdreisten Deutungsübungen einer Außenministerin oder eines Verteidigungsministers ohne offene Rebellion über sich ergehen lässt, hat sich das Attribut einer durch Propaganda hinter das Licht geführten Masse redlich verdient. Und das ist nicht mehr zum Lachen. Das ist die bittere Wahrheit!