Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Manche Schätze werden spät geborgen

Erich Kästner. Der Gang vor die Hunde

Manche Schätze werden spät geborgen. Die ursprüngliche Fassung von Erich Kästners Roman, der unter dem Namen „Fabian“ ein Erfolg in traurigen Zeiten hatte, kommt heute, nach über 90 Jahren, in unsere Hände. Unter dem Titel „Der Gang vor die Hunde“ hatte Kästner die Urfassung bei seinem Verlag eingereicht. Dem war die gesamte Textur angesichts der politischen Entwicklungen zu Beginn der 1930iger Jahre zu heikel. Und so wurden wesentliche Passagen gekürzt. Dass der Atrium Verlag nun den Muttertext auf dem Markt bringt, ist ein großes Geschenk.

Was sich bei der Lektüre zeigt, ist, dass Kästner genau wusste, wohin die Reise politisch gehen musste. Da sind Passagen, die in ihrer prognostischen Formulierung nicht nur – leider – durch den weiteren Verlauf der Geschichte verifiziert wurden. Nein, manches träfe auch auf unsere heutigen Verhältnisse zu. Und formulierte der Autor, wäre er noch unter uns, ähnliche Erwartungen, hätte er das Etikett des Verschwörungstheoretikers am Revers. „Europa hatte große Pause. Die Lehrer waren fort. Der Stundenplan war verschwunden. Der alte Kontinent würde das Klassenziel nicht erreichen. Das Ziel keiner Klasse.“ Wer die Aktualität solcher Zeilen verspürt, wird bei der Lektüre noch ganz andere geistige Herausforderungen erleben als die Betrachtung einer längst vergangenen Zeit.

Die Handlung des Romans ist ein Konvolut aus Alltagsszenen und Extravaganzen. Und gerade dieses gerät zu einem aussagekräftigen Sittengemälde des Berlins dieser Zeit. Blanke Not und Armut hier, dekadenter Reichtum dort, Prostitution aus Not und Prostitution aus Langeweile, Intrige als Sport mit tödlichem Ausgang und Belanglosigkeit als Reaktion auf die täglichen Katastrophen. Es regieren Gier und Verzweiflung und der nackte Überlebenswille sieht im Spiegel den Todestrieb.

Was Erich Kästner, der, auch das der Geschichte geschuldet, diesmal der der Rezeption, über das treffende Klischee des Kinderbuchautors lange Zeit nicht hinauskam, eben auch ausgemacht hat, war ein scharfer Blick auf alles Profane, aus dem er in der Lage war literarisch das politische Substrat zu ziehen.

Die Handlung dieser Geschichte, die von Anfang an unter dem Titel „Der Gang vor die Hunde“ konzipiert war, konnte bei dieser Konzeption nicht gut ausgehen. Da steht am Ende kein Happy End, sondern das Scheitern in allen erdenklichen Varianten. Literarisch ist das ein großer Wurf, der seine Validität in den Geschichtsbüchern erhielt. Das wollte lange niemand mehr wissen, und jetzt, wo die historische Analogie hell beleuchtet auf der Bühne steht, könnte es wieder einmal zu spät sein.

Die Ausgabe glänzt nicht nur durch verschiedene Vorworte des Autors, sondern auch durch eine Dokumentation der Passagen, die aus Angst vor dem damaligen politischen Zeitgeist verändert oder gekürzt wurden. Auch da stolpert man über Dinge,  die einem gar nicht mehr so fremd vorkommen.

„Der Gang vor die Hunde“ ist, als Lektüre, aus meiner Sicht ein Muss. Als historisch gelebte Analogie hoffentlich nicht!

Unser Mann in Jakarta

Als wir ihn zum ersten mal trafen, befanden wir uns auf einer Erkundungsreise. Wir wollten herausfinden, ob wir mit dem Land und der Kultur klarkämen, um dort für einige Jahre zu arbeiten und zu leben. Wir waren nach Jakarta geflogen und hatten uns in unserer Unwissenheit ein Hotel im Chinesenviertel ausgesucht. Dorthin, wo es derb zuging, Tag und Nacht viele rote Lichter brannten und Europäer nie zu sehen waren. In der Tasche hatten wir eine Telefonnummer. Das sei ein wichtiger Kontakt. Von dem erführen wir viel. Als ich ihn anrief und er hörte, wo wir residierten, hörte ich ein rauchiges Lachen und den Vorschlag, wir sollten uns ein Taxi nehmen und ins Zentrum kommen, da müsse er nicht rund um den Pudding fahren.

Der Mann, der uns als Experte für Indonesien empfohlen wurde, sah eher aus wie ein großer, intellektueller und etwas ungelenker Brite aus Graham Greene-Romanen. Tatsächlich war er Deutscher, lebte bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in Jakarta und kannte sich bestens aus. Jenes erste Treffen, das neben einem riesigen, rumpelnden Lautsprecher in einer Bar mit einer Liveband stattfand und bis zum frühen Morgen dauerte, diente dazu, uns eine Orientierung zu geben. Es reichte, uns zu überzeugen. Wir hatten danach Adressen und Kontakte in der Tasche, die wir alle nutzten und die weiterhin überzeugten, dass wir das Abenteuer Indonesien wagen wollten. 

Meine Tätigkeit bei einer Regierungsinstitution, die sich aufgrund zu erwartender und schließlich auch eintretender politischer Veränderungen radikal reformieren wollte, war auch der Ort, wo er sein Büro hatte. Er öffnete mir alle Türen, er gab mir Tipps und vermittelte mir Kontakte, auf die ich beim besten Willen nicht gekommen wäre. Ich lernte schnell, dass es auf die ankam, und nicht auf irgendwelche Organigramme. Und als 1998 Jakarta brannte und Soeharto gestürzt wurde, bot er an, uns mit einem Hubschrauber in Sicherheit bringen zu lassen. Kein Kontakt, den er nicht hatte. 

Sein Büro, in dem immer eine alte Klimaanlage gegen die Hitze hilflos anleierte, lag im Halbdunkel. Hinter einem großen alten Schreibtisch saß er, immer eine Kretek-Zigarette im Mundwinkel, was zur Folge hatte, dass er nie ein Hemd ohne Brandspuren trug. Eine seiner vielen Sekretärinnen brachte zuckersüßen, pechschwarzen javanischen Kaffee. Und dann wurden Pläne geschmiedet, die vom Anspruch die höchsten Vulkane des schönen Javas erklommen und die Touren und Routen in diesem Land der unzähligen Inseln beschrieben, die Abenteuer en masse versprachen. Java, Sulawesi, Sumatra, Lombok, Bali. Wir erlebten zusammen Schiffshavarien und Beinahe-Flugzeugabstürze, in der Regenzeit unbefahrbare Straßen. Manchmal saßen wir in Orten fest, die auf keiner Landkarte standen.

Er kannte gefühlt alle und alle kannten gefühlt ihn. Der Orang Jerman, wie ihn viele nannten, machte vieles möglich. Alles wurde versucht, um in diesem gewaltigen Land mit den unzähligen Kulturen zusammen mit diesen wunderbaren Menschen etwas zu verändern. Die Reisen mit ihm waren pure Abenteuer. Wir saßen bei Gouverneuren, Kapitänen, Philosophen, Fischern und in Spelunken, immer bei Kretek und einem Bintang Bier. Haute Volée und Tingeltangel wechselten sich ab, wir waren in Moscheen und Kirchen, in Hochschulen und auf Märkten. Immer wieder trafen wir Menschen, die ihm irgend etwas verdankten und ihn sehr respektierten.

Obwohl er in seinen letztendlich nahezu vierzig Jahren in Indonesien sicherlich sehr viel Geld verdient hat, war er nicht reich. Zum einen liebte er das Leben in vollen Zügen, er hatte mehr Beschäftigte, als er brauchte, nur um Arbeitsplätze zu schaffen und er bezahlte unzähligen Kindern die Schule und er lieh vielen, die sich selbstständig machen wollten Geld, das er nie wiedersah. Er scherte sich nicht um Besitz und Status, was ihm auf deutscher Seite schadete, auf der indonesischen allerdings nicht. Er speiste mit Präsidenten und Generälen und zählte Minister und Staatssekretäre zu seinen Freunden, er adoptierte einen Waisen und stellte dessen spätere Frau als Sekretärin ein. Als Person und Charakter erschien er vielen als unstet. Als Unterstützer derer, die es nötig hatten, war er ein stabiler Faktor.

Unser Kontakt blieb bis zuletzt. Wenn ich ihm schrieb, konnte es sein, dass ich monatelang nichts hörte. Dann kam, wenn ich gar nicht damit rechnete, eine Antwort, die sich präzise auf meinen letzten Brief bezog. So war er. Heute erhielt ich von einem niederländischen Freund, der auf Java lebt, die Nachricht, dass er in der letzten Nacht verstorben ist.

Vor kurzem noch las ich den Satz, dass Heimat nicht der Ort ist, wo man geboren wurde oder aufwuchs, sondern dort, wo man begraben werde. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das stimmen mag. Bei ihm, unserem Mann in Jakarta, trifft er zu. Farewell, my friend!