Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Fundstück: Alles nach unserer Facon?

Ja, es ist hilfreich, ab und zu einen Blick in das eigene Innere zu werfen. Vor allem in einem Zeitalter, in dem bewusst und professionell unzählige Reize von außen gesetzt werden, um bestimmte Haltungen und Verhaltensweisen zu begünstigen, die nicht unbedingt der inneren Befindlichkeit und Überzeugung entsprechen. Ganze Industrien beschäftigen sich damit. Ihr Ziel ist die Manipulation, und, seien wir ehrlich, das ganze Treiben führt zu einer groß angelegten Desorientierung der immer isolierter dahin vegetierenden Individuen.

Das Plädoyer für die Introspektion entspringt der Überzeugung, dass die Stille, vielleicht auch die Einsamkeit, die beim Blick auf das eigene Ich entsteht, zu neuen Erkenntnissen führen kann. Da kann deutlich werden, wie und nach welchen Maximen man sich selbst organisiert, es kann tatsächlich dazu führen, eine Ahnung von dem zu bekommen,  was man eigentlich will und es kann zu der Erhellung führen, wo und hinter was sich die existenziellen Ängste verbergen. Wenn dem so ist, dann wäre das viel an Gewinn, sehr viel. Es kann aber auch dazu kommen, feststellen zu müssen, dass man sich gar nicht mehr auskennt und sich verloren vorkommt in dieser Welt voller Reize. Das wäre schlimm, aber eine wertvolle Erkenntnis wäre es dennoch. 

Und obwohl die Introspektion unbedingt empfohlen wird, sei darauf verwiesen, dass das Verweilen im Innern, ohne einen Abgleich mit dem zu vollziehen, was allgemein als die Außenwelt bezeichnet wird, zu schlimmen Verfehlungen führen kann. Menschen sind soziale Wesen und für sich allein ist ihre Existenz ein Nichts. Nur in Interaktion und Korrespondenz mit den anderen kann das gefunden werden, was wir Glück und Erfolg nennen. Die Wunsch nach Anerkennung und die Früchte der Kooperation sind es, die uns in unserer eigenen, individuellen Existenz ein gutes Dasein bescheren. 

Auch wenn der Gedankengang zunächst trivial erscheinen mag, so kann er, wenn man ihn mit den gegenwärtigen Zuständen in unserer Gesellschaft einmal abgleicht, zu Ergebnissen führen, die kritisch sind. Denn weder die Apotheose, d.h. die absolute Vergötterung des Individuums, noch die komplette Ausblendung der restlichen Welt sind dazu geeignet, das individuelle wie das gesellschaftlich Dasein zu gestalten. Beides führt zu Brüchen und Frustrationen. 

Die Aufgaben, die sich daraus ableiten, sind zum einen das Bewusstwerden der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Ziele, und zum anderen die Befindlichkeit der Außenwelt. Bei letzterem ist es vor allem wichtig, sie nicht nach den eigenen Vorstellungen zu verzerren, sondern sie so zu sehen, wie sie ist. 

Unter diesem Aspekt ist es mehr als interessant, die innere Befindlichkeit unserer Gesellschaft einmal zu betrachten. Introspektion ist individuell wie gesellschaftlich groß in Mode, aber es geschieht nicht im Sinne einer Findung tatsächlicher Bedürfnisse, sondern nur unter der Maxime der größt möglichen Abgrenzung von allen anderen. Das, was das Wesen des Homo sapiens ausmacht, nämlich die Fähigkeit zur Kooperation, spielt keine große Rolle. Es handelt sich um ein Stadium der Spaltung wie Auflösung. 

Und was im Innren geschieht, vollzieht sich auch in Bezug auf die Außenwelt. Nicht wir, dieses kleine Land, nicht diese dysfunktionale EU und auch nicht das, was einst als Westen so geglänzt hat, ist repräsentativ für die Welt. Wenn man wohlwollend alles zusammenzählt, kommt man auf ein Achtel der Weltgesellschaft. Und, man verzeihe das barsche Urteil, es kommt einem so vor, als wolle dieser Teil, der mit sich selbst nicht im Reinen ist, ganz im Sinne des alten Kolonialismus die große Majorität der Menschen nach seiner Facon beglücken. 

5. Juli 2021

Friedrich Nietzsche und der Niedergang der Moral

Ein Satz, der lange Zeit in den Hintergrund getreten wahr, bringt sich wieder zur Geltung. Wo man auch hinhört, da fällt er in Gesprächen. Unabhängig davon, um was sich die Unterhaltung dreht. Wenn es um die Einstellungen von Menschen und die sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Ereignisse geht, kann man ihn immer wieder hören: Ich kenn mich nicht mehr aus!“ Der Satz dokumentiert eine gewisse Orientierungslosigkeit. Wem oder was soll man noch glauben? Was entspricht der Realität und was nicht? Doch was als eine Überforderung einer größeren Anzahl von Individuen erscheint, ist eine untrügliche Referenz für einen weiter greifenden Umstand: Wir befinden uns in einer Zeit großer Veränderungen, wir besichtigen den Einsturz von Gewissheiten und wir erleben den Niedergang dessen, was wir über lange Zeiträume als eine Art kollektivem ethischen Kompass angesehen haben.

Vor wenigen Tagen im Bundestag: Der Kanzlerkandidat der Union für die kommenden Wahlen griff den Kanzler an, in dem er ihm vorwarf, nicht dafür zu sorgen, dass Waffen aus deutscher Produktion schnell genug in die Ukraine und nach Israel geliefert würden. Die Replik des Kanzlers war nicht eine Infragestellung einer derartigen Vision von Außenpolitik, sondern er unterstellte der in allen Aspekten als Retro-Modell des Neoliberalismus zu klassifizierenden Figur, sie irre sich, alles geschehe so schnell, wie möglich. 

Dieser kurze Dialog offenbarte das Desaster unserer Tage. Zusammengefasst kann gesagt werden, dass das Konfliktmanagement der gegenwärtigen Politik exklusiv aus Eskalationsmodellen von Gewalt besteht.  Und das Selbstzerstörerische daran ist die Tatsache, dass man es in allen Belangen und immer wieder fertig bringt, die Anwendung von Gewalt moralisch zu begründen. Der erste diabolische Prophet dieser sektiererischeren Politik war vor zwanzig Jahren ein grüner Außenminister. Und was damals als moralisch einwandfrei begründete Zerschlagung Jugoslawiens angesehen wurde, hat, politisch-ideologisch, bis heute Schule gemacht. Und das Handeln der Musterschüler kann man heute täglich mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen. Die Werte, um die es in den Wonnestunden der bürgerlichen Demokratie einmal ging, sind heute Hauptmotive für Krieg und Gewalt.

Genau das ist der Zustand, der den Philosophen Friedrich Nietzsche zu seinem Werk „Zur Genealogie der Moral“ bewegte und der den Krisenzustand von Gesellschaften, deren moralische Substanz verloren gegangen war, mit dem Kampfruf zur „Umkehrung aller Werte“ begegnete. Wenn wir uns die heutigen Zustände genauer ansehen, dann könnten sie die Vorlage für Nietzsches Ausführungen und Schlussfolgerungen gewesen sein. Die Werte haben ihre ethische Substanz verloren, die Moral hat sich an Waffengeschäften abgearbeitet. Wer Krieg und Gewalt mit Moral legitimieren will, so könnte man in der heutigen Diktion sagen, der hat fertig. 

Und hören Sie genau zu, lesen Sie akribisch Zeitung! Genau so ist es. Was als gesellschaftlicher Konsens allenthalben gepriesen wird, ist ein Offenbarungseid kollektiver Ethik. Marodieren ist nun einmal keine Tugend.

Und Nietzsche, der seinerseits schon fest in den Schubladen einer mehr als hirnrissigen historischen Bewertung steckt, hatte gar nicht so Unrecht, wenn er schrieb:

„Unterschätzen wir dies nicht: wir selbst, wir freien Geister, sind bereits eine ‚Umwertung aller Werthe‘, eine leibhafte Kriegs- und Siegs-Erklärung an alle alten Begriffe von ‚wahr‘ und ‚unwahr‘“ (Der Antichrist, KSA 6 179)

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich ihm recht geben.

Die Wehrmacht, die gegenwärtigen Kriege, Benjamin Franklin und der Terrorismus

Es kommt immer auf den historischen Kontext an. Und den Maßstab. Und die gegenwärtige Interessenlage. Wann hat ein Krieg den Charakter eines aggressiven Angriffs, wann ist es ein reiner Verteidigungskrieg und wann hat eine Aggression eine gar präventive Natur? Fragen, die historisch in der einen oder anderen Weise beantwortet wurden, je nach Perspektive, versteht sich, und die sich heute aktuell an mehreren Brennpunkten stellen. War die Reaktion auf terroristisch organisierte Angriffe seitens der Wehrmacht Bestandteil der begangenen Kriegsverbrechen, weil sie in keinem Verhältnis zum erlittenen Schaden standen, in Russland, in Polen, in Italien, in Frankreich – überall stehen Mahnmale, die auf diese als Verbrechen eingestuften Gräueltaten hinweisen. Aktuell sieht das alles anders aus: ein zwanzig Jahre andauernder Krieg in Afghanistan als Reaktion auf 9/11, die verbrannte Erde mit unzähligen Toten in Gaza als Reaktion auf die HAMAS-Anschläge. Allein die Überlegung zur Frage der Verhältnismäßigkeit ist gegenwärtig genauso Tabu wie zur Zeit der Vergeltungsorgien der Wehrmacht. 

Es kommt immer auf den historischen Kontext an. Und den Maßstab. Und die gegenwärtige Interessenlage. Folgen wir dem Rat Bertolt Brechts und gehen weg vom aktuellen Geschehen und reisen, zumindest historisch, in die Ferne. Da steht der Name eines Benjamin Franklin in den Büchern. Ja, schauen Sie nach. Eine beeindruckende Persönlichkeit. Sie werden dort finden seine Erfolge als Drucker und Unternehmer, sein Ruf als Erfinder, erwähnt wird unter anderem immer der Blitzableiter, seinen Beitrag an der Formulierung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und seine tragende Rolle bei der Gründung der USA. Und wenn Sie Glück haben, finden Sie auch noch seine nahezu zehnjährige Tätigkeit als Diplomat in Paris.

Und was hat Benjamin Franklin dort gemacht? Er hat am französischen Hof, seinerseits in einer ständigen und kriegerischen Konkurrenz mit Britannien, um Unterstützung für den amerikanischen Unabhängigkeitskampf gegen eben dieses Britannien geworben. Und zumindest bei einem Teil des Adels hatte er Erfolg. Ein gewisser Beaumarchais, seinerseits bekannt durch Libretti wie dem zur Hochzeit des Figaro, sammelte heimlich Geld und organisierte Schiffsladungen voller Waffen, die schließlich französische Häfen mit dem Ziel Nordamerika verließen. Nach einer gewissen Zeit gesellten sich auch junge Adelige hinzu und lernten in dem Kampf in Übersee, wie man Monarchien bekämpft und wie man in einer entstehenden Republik miteinander umgeht. Einer von ihnen trug den Namen Lafayette. 

Was das französische Königshaus nicht begriff, war, dass das Treiben Benjamin Franklins nicht nur für Waffen nach Amerika gut war, sondern auch dafür sorgte, dass die Idee der Revolution mit den leeren Schiffen und beeindruckten Franzosen zurück ins goldene Frankreich kam. Nicht umsonst schenkten später die Franzosen den Amerikanern die Freiheitsstatue, die bis heute das Wahrzeichen des Hafens von New York ist. 

Nach heutigen Maßstäben, in den ahistorisch angelegten Köpfen der Politkommentatoren, gälte Benjamin Franklin zum einen als Separatist, weil er für die Abtrennung der nordamerikanischen englischen Provinzen eintrat und das mit Waffengewalt. D.h. er wäre nicht nur Separatist, sondern auch noch Terrorist. Und das Erstaunliche: trotz dieser Aspekte glänzt er in den offiziellen Annalen der Vereinigten Staaten von Amerika als eine Lichtgestalt ohne Fehl und Tadel. Übrigens zu Recht. 

Wie gesagt: Es kommt immer auf den historischen Kontext an. Und den Maßstab. Und die gegenwärtige Interessenlage. Only Time Will Tell!