Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Droht der kollektive Gang ins Wasser?

Bitte genau hinsehen und einen kühlen Kopf bewahren! Sofern man nicht längst der Auffassung ist, dass freie, gleiche und geheime Wahlen nichts mehr bewirken und es sich dabei um eine Alibi-Veranstaltung handelt. Bleiben wir bei denen, die noch Vertrauen in Wahlen investieren! Die letzten Jahre haben aus deutscher Sicht gezeigt, wie selbstverletzend die hörige Mitgliedschaft in einer Allianz ausgreifen kann, solange eine einzige Macht bestimmt, was gemacht wird und die exklusiv die eigenen Interessen im Blick hat. Und wer meint, dieses Verhalten finge mit dem neuen Präsidenten Trump erst an, hat in den letzten Jahren allzu treu jenen zugehört, die sich und ihre Unzulänglichkeit hinter dieser Allianz versteckt haben. Die kalten Zahlen bezeugen, dass das Verhalten in dem Konflikt mit Russland keine Vorteile für die eigene Bevölkerung gebracht hat. 

Manche glauben, dass dieses von den amerikanischen Demokraten von Obama bis zu Biden zu verantwortende Debakel vorbei sei, wenn ein wie auch immer gearteter Frieden mit Russland geschlossen wird. Aber die in der Atlantikbrücke et. al gepamperten Politiker werden mit anderen Parteibüchern wieder auftauchen und vielleicht, gleich dem amerikanischen Imperium, sogar beginnen, die russische Karte zu spielen, um dieses Mal China ins Fadenkreuz zu nehmen. Hört man sich maßgebliche Politiker der CDU an, so ist nämlich genau dieses zu erwarten. Da man sich selbst nicht verteidigen könne, so die Diktion, müsse man weiter mit den USA gehen und sich in eine Phalanx gegen China begeben. 

Wenn man so will, wird die erste Abrissbirne, nämlich jene, welche die günstige Energieversorgung zerschmetterte, außer Betrieb genommen und durch eine neue ersetzt. Es ist dann die, welche den chinesischen Markt für deutsche Produkte endgültig zunichte macht. Angesichts dieser Ankündigung kann man sich ausmalen, wie das aggressive Gekläffe weitergehen wird. Dass in einer solchen Regierung die Grünen als Sturmabteilung des US-Imperialismus gut aufgehoben wären, versteht sich von selbst. Wobei, zumindest was die Ressorts Wirtschaft und Äußeres anbetrifft, dort sogar der Begriff der Abrissbirne auf einzelne Personen in der Vergangenheit zutrifft.

Und wer auf anderes setzt, sollte ebenfalls genau hinschauen. Die einen sind neoliberal und imperialistisch, die anderen neigen, wie alle ihre Vorgänger und Mitbewerber, zur nahezu traditionellen Selbstverstümmelung. Insofern ist, wie gesagt, wenn man Wahlen als die Möglichkeit betrachtet, die Verhältnisse verändern zu können, eine Sackgasse vorgezeichnet.  Im Grunde genommen kann man den alten Kalauer des Dramaturgen Herbert Achternbusch noch einmal bemühen, weil er so gut passt: Du hast keine Chance, aber nutze sie!

Uns, als Wählerinnen und Wähler, sollte doch zu denken geben, dass sowohl Stimmen aus den USA, als auch aus Russland und China und nicht zuletzt sogar aus der EU in aller Öffentlichkeit die Frage aufwerfen, was eigentlich los ist in Deutschland? Wie es kommen kann, dass man hier die eigenen Interessen dermaßen vernachlässigt und sich mit Figuren zufrieden gibt, die in keiner halbwegs funktionierenden Organisation auch nur eine untergeordnete Führungsposition bekämen? Und, ebenso häufig zu lesen, warum sowohl die Vertreter der Wirtschaft als auch die der Gewerkschaften so schweigsam sind?

Fragen, die wir uns ebenso stellen. Die aber keine Antwort finden. Vielleicht haben wir ja das Stadium einer Sekte erreicht, die kurz davor ist, kollektiv ins Wasser zu gehen und dem Elend ein Ende zu bereiten?  

Die kollektive kognitive Dissonanz

Das Phänomen ist bekannt wie benannt. Ein Individuum kennt die Ursachen für einen beklagenswerten Zustand, macht aber nichts, ihn zu beenden, weil das Wissen um konfligierende Mächte den Aufwand als zu groß erscheinen lässt. Der amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger nannte diese Erscheinung treffend kognitive Dissonanz. Wenn man sich die Verhaltensweisen von Menschen in einem Geflecht sozialer Beziehungen vor Augen führt, wird deutlich, dass kognitive Dissonanz quasi zum sozialen Alltag von Individuen gehört. Dass das Phänomen allerdings nicht zur Lösung von Konflikten führt, weil es Kausalitäten tabuisiert, ist eine Binsenweisheit. Die Sozialpsychologie rät, die Misere der kognitiven Dissonanz durch den Versuch offener Kommunikation aller beteiligten Parteien aufzulösen. 

Dramatisch wird kognitive Dissonanz, wenn sie kollektiv zu wirken beginnt und eine politische, d.h. die gesamte Gesellschaft betreffende Dimensionen annimmt. Wenn ganze Gesellschaften bestimmte Ursachen für Missstände kollektiv ausblenden und nichts dagegen unternehmen, weil sie Unannehmlichkeiten vermeiden möchten, geraten sie in der Regel in weitaus prekärere Situationen, als sie es vielleicht wahrhaben wollen. Nichtstun ist die denkbar schlechteste Option.

In Anbetracht der jüngeren deutschen Geschichte ist es unvermeidlich, die Nachkriegskonstellationen nicht wahrgenommen zu haben und die Ereignisse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der deutschen Vereinigung auszublenden. Insofern ist es folgerichtig, ein markantes Sicherheitsbedürfnis Russlands, das den höchsten Preis in der Bezwingung des Hitler-Faschismus bezahlt hat, zu konstatieren. Was die Entwicklungen in der Ukraine anbetrifft, so herrschte in der bundesrepublikanischen Berichterstattung sogar eine Art Common Sense in Bezug auf die Beschaffenheit der ukrainischen Gesellschaft, den Terror gegen die russische Bevölkerung, die Korruption und die mafiösen Strukturen. Wer sich die diversen politischen Magazine vor allem in den Jahren von 2008 bis 2014 ansieht, wird es feststellen können. Mit der angebotenen Option eines EU-Beitritts, der an eine NATO-Mitgliedschaft gekoppelt sein sollte, war klar, wer wen zu bedrohen gedachte.

Das Wissen um diese Geschichte ist vorhanden, es kollidiert allerdings mit der Vernichtung der Lufthoheit eines zuweilen investigativen Journalismus und einem nahezu totalitären Schub während der Corona-Krise. Dadurch wurde eine Atmosphäre erschaffen, die das Phänomen der kognitiven Dissonanz sogar zu einem bequemen Refugium machte, wenn man sich nicht dem Risiko der öffentlichen Hinrichtung ausliefern wollte. 

Und so befinden wir uns in einer Art der kollektiven kognitiven Dissonanz, die die Gesellschaft in einen Zustand versetzt hat, der mit dem Kaninchen vor der Schlange gut verglichen werden kann. Für Sozialpsychologen ist der gegenwärtige gesellschaftliche Zustand ein wahrer Fundus. Ein Phänomen jagt das andere. Der so genannte Benjamin-Franklin-Effekt, der wachsende Sympathie mit einem vermeintlichen Opfer vergrößert, sobald man ihm hilft, bis zu dem massenhaft vertretenen Pinocchio-Syndrom, das die zunehmende Unfähigkeit beschreibt, überhaupt noch die Wahrheit zu sagen bzw. es zu einem Zwang hat werden lassen, permanent sich und andere zu belügen, ist vieles vorhanden. 

Die zu konstatierende kollektive kognitive Dissonanz ist dazu geeignet, jedwede Lösung gesellschaftlicher Probleme zu verhindern, geschweige denn eine Strategie zu beschreiben, die einen vernünftigen politischen Weg weisen könnte. Der verbreitete Selbstbetrug wird vor allem gespeist durch Ängste, in Konflikte zu geraten, wie zum Beispiel mit einem Bündnis, das zunehmend einem aggressiven Kriegskonsortium gleicht, in dem gegeneinander intrigiert wird und Sabotage-Akte verübt werden und der dieses Bündnis dominierenden Macht, die exklusiv ihre Interessen vertritt und das Bündnis dazu hemmungslos instrumentalisiert. 

Der bereits angerichtete Schaden sollte dazu führen, den kollektiven Selbstbetrug zu beenden. Sollte! 

Ostenmauer – 7. Ruhrpott

In kaum einer Region Europas wurde so im Dreck gewühlt. Der große Bedarf an Energie bei dem  gewaltigen und gewalttätigen Projekt des industriellen Kapitalismus hatte im Kohlenpott eine Heimstätte gefunden. Was an Energievorkommen unter der Erde lag, musste geborgen werden. Hunderttausende Migranten wurden aus Zügen ausgeladen und unter die Erde gejagt. Die Kohle, die gefördert wurde, befeuerte sofort die Stahlwerke, die gleich nebenan aus der Erde schossen. Eine wilde Menschenmischung aus Westfalen, Polen, Ostpreußen, Spaniern, Italienern und später vom Balkan und aus der Türkei fuhr ein, wie es heißt, um teils tiefer als tausend Meter unter der Erde, bei kochender Hitze und tödlichem Steinstaub den Grundstein zu legen für die Zivilisation, die auf Wertproduktion und Export basierte. Nicht umsonst entlehnten die Bewohner dieses gewaltigen Molochs einen französischen Terminus, den die napoleonische Armee im Gedächtnis hinterlassen hatte, um das alles zu bezeichnen. Der Pütt, abgeleitet von Putaine, der Hure, was zeigt, dass die Poesie dort, wo alles immer gleich mit Menschenleben bezahlt werden musste, notwendigerweise zum Derben neigt.

So wie die Liebe im Pott eher als ein Geschäft gesehen wird, so ist der höchste Wert in der zwischenmenschlichen Beziehung bis heute der der Verlässlichkeit. Das resultiert aus dem Ur-Erlebnis unter Tage, wo es nicht auf Zuneigung, sondern Verlass ankommt. Das ist es, woran bis heute alles gemessen wird. Du kannst machen, was du willst, du kannst sein, wie du willst, keiner muss dich lieben, aber wenn man sich auf dich verlassen kann, dann ist das in Ordnung so und du gehörst dazu. Bist du ein unsicherer Kantonist hingegen, dann bist du draußen, da hilft dir kein Charme und keine Begabung. Wer das nicht weiß, der wird die Seele des Ruhrpotts nie begreifen.

Denn der Ruhrpott, dieser großartige Moloch, den nur die lieben können, die seinen Dreck gefressen und seinen Schweiß gerochen haben, den gibt es in dieser Form gar nicht mehr. Er ist Geschichte, die nur noch auflebt in der Erinnerung und bei den Fußballspielen, die bis heute die Welt erleuchten wie früher nachts die Kokereien. So reich und mächtig diese Region einst war, so brutal wurde sie in die Knie gezwungen. Der so genannte Strukturwandel hat mehr menschliche Existenzen auf dem Gewissen als die brutalen Klassenkämpfe der zwanziger Jahre und die Verheerungen des großen Krieges. Die früheren Zechen sind heute Museen und manches Stahlwerk ist heute ein High-Tech- oder Kulturtempel. Dafür steht in Dortmund das wohl geilste Fußballstadion der Welt, was am Publikum liegt, dafür hat Schalke eine eigene Kapelle und einen eigenen Friedhof und einen Stan-Libuda-Ring. Und in Essen lag schon Siegfried, der deutsche Mythos schlechthin, in den Armen einer Schönen.

Und dennoch, auch wenn die harten Formen des Seins längst verblichen sind, bleibt das kollektive Gedächtnis und eine Mentalität, die stärker ist als die materielle Konkretisierung des Seins. Die Mentalität des Ruhrpotts existiert noch und sie scheint ein Modell zu sein, dass der Unterwerfung auch zukünftig trotzt. Da ist das Lakonische, das Laisser-faire, da ist die Toleranz und die Zuverlässigkeit und da ist der Humor, der jeder Macht spielerisch die Stirn bietet. Den Ruhrpott, den hast du im Blut, wenn dich dort deine Mutter zur Brust nahm, egal, woher sie auch kam, denn das spielt dort keine Rolle.