Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Chaqueteros

Dass Menschen ihre Meinung ändern, dass sie etwas von einer anderen Position aus betrachten und sich aufgrund dessen neu orientieren, sollte zur Normalität des Lebens gehören. Und wenn das so ist, dann ist es auch legitim und vernünftig, sich für die geänderte Sicht neue Bündnispartner zu suchen. Was sollte daran frevelhaft sein? Wenn dieses Schicksal Politikern widerfährt, ist es nicht so einfach. Natürlich haben Politiker wie jedermann sonst auch das Recht, sich grundlegend anders zu positionieren. Das Leben ist keine statische Veranstaltung. Und dass dies ausschließlich aufgrund einer Absage an die eigene und die Suche nach einer anderen Partei so schlecht beleumundet ist, zeugt nicht von einem demokratischen Verständnis. Wenn jetzt, zum Beispiel, Menschen nicht mehr mit den Vorstellungen einverstanden sind, die das Gros der Parteien zum Ukrainekrieg an den Tag legen, bei der Frage von Krieg und Frieden, sollte es doch möglich sein, einen solchen Schritt zu gehen. Dass davon bis heute nur wenige Gebrauch machen, sollte auf keinen Fall als uneingeschränkte Zustimmung aufgefasst werden.

Heikel wird es für Parteien, wenn sie durch den Wechsel Mandate verlieren, die, aus ihrer Sicht, wegen der von der Partei vertretenen Positionen erlangt worden sind, und nicht exklusiv durch die zur Wahl stehende Person. Aber wer will das messen oder beurteilen? Die Gesetzeslage ist hingegen klar und unmissverständlich: gewählte Abgeordnete sind exklusiv ihrem Gewissen verantwortlich. Ein durch die Partei bestimmtes imperatives Mandat existiert nicht.

Vor vielen Jahren hatte ich einen regen Austausch mit einer Spanierin und einem Chilenen. Wir diskutierten sehr oft und viel über Politik und hatten dabei Gelegenheit, eine Menge voneinander zu lernen. Die Spanierin hatte den Franco-Faschismus noch erlebt und der Chilene war durch die Folterkeller Pinochets gegangen und schließlich in einer Odyssee über Argentinien hier in Deutschland gelandet. Zu dieser Zeit gab es übrigens auch eine Diskussion darüber, ob man politische Flüchtlinge, die einem nicht schmeckten, nicht an ihre Heimatländer ausliefern könne. Der Wortführer dieser Position versuchte sich später sogar als Kanzlerkandidat.

Es war keine Überraschung, dass wir uns nicht nur über politische Systeme, über Diktatur und Demokratie, über Asyl und Exil und über die Frage der Gewalt unterhielten. Schließlich hatte der Franco-Faschismus sein endgültiges Ende nicht exklusiv durch das Bekenntnis des Königs zur Demokratie gefunden, sondern das erfolgreiche Attentat der ETA auf den designierten Franco-Nachfolger, den General Carrero Blanco, gefunden. Dass man selbiges nicht in den Geschichtsbüchern findet, steht auf einem anderen Blatt.

Was meine beiden Freunde jedoch gleichsam verabscheuten, war ein Politiker-Typus, der nicht aufgrund innerer Konflikte die Partei wechselte, sondern um sich persönliche Vorteile zu verschaffen. Und im Spanischen gab es dafür einen wunderbaren Begriff. Sie sprachen in diesem Zusammenhang immer von den Chaqueteros, den Jackenmännern. Sie trugen diesen Namen, weil sie, je nach persönlichem und momentanem Vorteil, die Partei wechselten wie das Jacket. Argwöhnisch beobachteten sie die Entwicklung in der noch jungen spanischen Demokratie und sie waren fest davon überzeugt, dass dieser Politiker-Typus eine ebensolche Gefahr für das politische System darstellte wie Figuren wie der damalige Oberstleutnant Tejero, der in Madrid ins Parlament vorgedrungen war und in die Kronleuchter geschossen hatte.

Wenn ich mir die damaligen Diskussionen ins Gedächtnis rufe, dann sehe ich den einen oder anderen Chaquetero, oder auch Chaqueteras, die allerlei Gründe für ihren Wechsel anführen. Von einem Gewissen, das die Entscheidung verursacht habe, ist da allerdings nie die Rede.

Ein Attentat, das Pupperl und der freie Westen

Nach dem Attentat auf Donald Trump habe ich mir vorgestellt, was medial veranstaltet worden wäre, wenn es dem jetzigen Präsidenten Biden gegolten hätte. Von einem Ausnahmezustand zu sprechen, wäre noch eine gewaltige Untertreibung. Stattdessen wird der Mordanschlag verniedlicht, das eigenartige Verhalten des Secret Service, der trotz diverser Hinweise aus dem Publikum auf einen Sniper zunächst passiv verharrte, nicht hinterfragt und die schnelle Reaktion Trumps als geschickte Selbstinszenierung gedeutet. So geht Partei. Das Ensemble deutscher Berichterstattung steht fest, und das Zitat eines österreichischen Kollegen sei erlaubt, hinter dem taumelnden Pupperl amerikanischer Waffenschmieden. Dass das Pupperl nicht mehr bei Sinnen ist, beweist mittlerweile jeder Auftritt. Die Frage, wer die Fäden in Händen hält, wird vom Propagandakorps nicht gestellt.

Die scheinheilige Sorge, dass so etwas wie in Amerika auch hier in Europa geschehen könnte, setzt wieder einmal auf das Phänomen der kollektiven Amnesie. Die Hetze derer, die immer wieder laut in den Saal schreien, man müsse gegen Hass und Hetze entschieden vorgehen, zeitigte bei dem slowakischen Präsidenten Robert Fico noch im Juni Erfolg. Er entging nur knapp einem Mordanschlag und war vorher immer wieder wegen seiner Auffassung, man müsse den Krieg in der Ukraine beenden, scharf angegriffen und verdammt worden. Eine ähnliche, aber noch gesteigerte Kampagne läuft momentan gegen den ungarischen Präsidenten Orban, der tatsächlich die Chuzpe besessen hat, mit Selenskij, Putin, Xi, Erdogan und Trump zu sprechen, um die diplomatischen Korridore wieder zu öffnen. Von der Leyen will ihn nun in der EU isolieren und seine Initiative blockieren. Wer bis drei zählen kann, wird zu dem Schluss kommen, dass Orban als Person sehr gefährdet ist.

Was der über alle möglichen Portale, Think Tanks und Stiftungen gekaufte europäische Pulk, der im Interesse amerikanischer Kriegsführung ohne eigene direkte Beteiligung sich auch einfallen lässt – die größte Gefahr für diese Partei wäre ein Sieg von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen im November. So, wie es momentan aussieht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das der Fall sein wird. Was dann passieren wird, davor graut der europäischen Söldnertruppe. Für diese Situation sind sie nämlich nicht vorbereitet. Insofern muss abgewartet werden, ob das Attentat auf Trump der letzte Versuch war, um das Pupperl im Amt zu halten.

Sieht man sich die Reaktionen auf die Ereignisse in der Bevölkerung an, dann ist davon auszugehen, dass das Spiel, welches momentan von offizieller Politik wie Medien gespielt wird, sollte es nicht in den nächsten drei Monaten zu einem heißen Krieg kommen, in heftigen, gewaltsamen Auseinandersetzungen enden wird. Bis auf die von der Verblendung heimgesuchten Dunsträume ist der Großteil der Bevölkerung für einen Waffenstillstand und Friedensgespräche. Wenn die Rückendeckung aus den USA ausbleibt, ist es mit dem Bellizismus schnell vorbei. Der Schaden, der in vielen europäischen Ländern bereits durch die Osterweiterung der NATO angerichtet und den daraus resultierenden Krieg ausgelöst wurde, ist bereits immens. Und die grenzenlose Dummheit der immer mehr in Totalitarismus versinkenden Parteigänger wird dafür sorgen, dass es zu keinem glücklichen Ende kommen wird. Während hier in den Reformläden bitterlich über das Schicksal der Uiguren geweint wird, ist der russischen Bevölkerung in Lettland bei Strafe verboten, ihre eigene Sprache zu sprechen. Ganz nach dem Vorbild aus der Ukraine. Das ging übrigens den Basken zur Zeit des Franco-Faschismus auch so. Gott sei Dank leben wir im freien Westen!

EM: Furia Roja, eine Blaupause für gesellschaftliches Gelingen?

Trotz, oder wegen des Tobens in unserer Welt, über das wir von schlechten Menschen, die nichts können, unterrichtet und auf bestimmte Meinungen festgelegt werden sollen, scheint es sinnvoll, zu warten, bis der Blutdruck etwas abgesunken ist und die Ratio wieder die Oberhand gewonnen hat. Eine Übung dafür kann ein kleines Resümee der Fußballeuropameisterschaft sein. Ich hatte an dieser Stelle bereits ausgeführt, dass zu den Signifikanzen dieses Turniers zählte, dass die Etablierten mit den großen Namen sich vor allem auf die Verteidigung fokussiert haben und die Erfolge im Angriff zumeist Produkte des Zufalls waren. Und es war aufgefallen, wie viele Eigentore geschossen wurden. Man könnte es auch anders lesen: da, wo ökonomische Potenz vorhanden war, konzentrierte man sich aufs Verwalten, strategisch waren manche Entscheidungen grottenfalsch und begeistern konnten diese Einheiten zumeist nicht einmal mehr ihren eigenen Anhang.

Positive Beispiele für so etwas wie Aufbruchstimmung und eine Regie, die sich aus einer mentalen Stärke ableitete, gab es auch. Wie immer, in dieser materiellen Welt, ging einem bei der Betrachtung das Herz auf. Dass letztendlich dann doch die kalte Ration phantasieloser Mächte für deren Ausscheiden sorgte, gehört zu den Gesetzmäßigkeiten des Machtspiels.

Eine Mannschaft, die sowohl mit Potenz, als auch mit Phantasie und mentaler Stärke dabei war, hat letztendlich das Turnier gewonnen. Ohne Beigeschmack und ohne Zweifel. Auch wenn von deutscher Seite Missklänge zu hören waren, die sich aus der Enttäuschung speisten, nah, ganz nah an einer Überraschung gewesen zu sein: den einen Tick war das Team der Furia Roja weiter.

Und betrachtet man dieses Team, das alle Spiele gewonnen hat, dann lässt sich folgendes resümieren: der Spirit schien sehr gut gewesen zu sein. Es verfügte über eine altersmäßige Normalverteidigung, d.h. ältere, erfahrene, mit allen Wassern gewaschene und blutunge, talentierte, kreative Spieler griffen ineinander. Sie beherrschten unzählige Spielsysteme und waren groß in ihrer Variation. Und nur eine Chance zu brauchen, um eben ein Tor zu erzielen, zeugt von einer kollektiven Gewissheit, wann die Situation da ist. Da wurde nichts von einem System oder einer Ideologie dominiert, sondern situativ entschieden, und dann das Instrumentarium gewählt, das am vielversprechendsten zum Erfolg führt. Ein hoher Grad von Berechnung gab sich die Hand mit individueller Freiheit und Kreativität.

Es empfiehlt sich, diese systemische Konstellation auf die Politik zu übertragen. Vieles, von dem, was wir täglich erleben, deckt sich mit dem Auftreten der Etablierten in diesem Turnier. Durchaus potent, aber ideenlos und zumeist einer Philosophie auf Gedeih und Verderb verschrieben. Das Erfolgsmodell sah anders aus: Eine Symbiose aus juveniler Vitalität, pragmatischer Vernunft und dem Blick alter Füchse, eine klar umrissene und eindeutige Strategie, hohe technische Präzision und Eigenverantwortung, kollektive Pflichten und individuelle Freiheiten und ein Spirit, der die Erkenntnis verkörpert, dass nur das Ineinandergreifen der Einzelteile zum Erfolg führen kann.

Das Erfolgsmodell bleibt auch über das Turnier bestehen. Die täglich erlebte Politik ist davon weit entfernt. Auch in dem Land, aus dem die neuen Europameister kommen. Aber der Fußball hat nun einmal die Impertinenz, auch ab und zu die Blaupause für gesellschaftliches Gelingen vorzuexerzieren. Das hat das spanische Team gemacht und dafür kann man dankbar sein. Vieles spricht dafür, dass das spanische Team weiterhin auf Erfolgskurs bleiben wird. Alles andere ist eine Frage der gesellschaftlichen Umsetzung. Wie das ausgehen wird? Zu dieser Prognose lasse ich mich heute nicht hinreißen!