Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Angst und Macht

Um dem Umgang mit Autoritäten auf den Grund zu kommen, ist es sinnvoll, in der eigenen Erinnerung zu kramen. Ja, die eigene Sozialisation ist nicht selten ein guter Schlüssel zu abstrakten Begriffen. Weil sie sich im eigenen Werden als ganz konkrete Erscheinungen manifestieren. Bei mir waren es neben meinem Vater bestimmte Lehrer. Im Gegensatz zu ersterem, der zwar streng sein konnte, aber nie ungerecht war, waren bestimmte Lehrer ein ganz anderes Kaliber. Diejenigen, die wir mochten und von denen wir etwas gelernt haben, überzeugten durch ihr unprätentiöses Verhalten, durch einen Blick auf unsere Sorgen und unsere Bedürfnisse. Und diejenigen, die bis heute als Autoritäten in Erinnerung geblieben sind, waren nicht selten üble Tyrannen, die es genossen, Macht auszuüben, völlig gleich, was sie damit bewirkten. Es war der Gestus allein, der sie berauschte.

Was diese Autoritäten nicht sahen, war ihre Wirkung. Natürlich flößten sie Furcht ein und natürlich verursachten sie Schmerzen. Aber sie trieben uns auch dahin, wohin sie uns gar nicht haben wollten. Irgendwann waren wir an dem Punkt, an dem wir uns überlegten, was wir tun mussten, um ihnen das Handwerk zu legen oder ihren Fängen zu entgleiten. Aus Sicht der Tyrannen war so etwas das größte Kapitalverbrechen, dessen wir uns schuldig machen konnten. Und dennoch trieben wir, d.h. die Gruppe derer, die es einfach nicht ertrugen, unausweichlich auf diesen Punkt zu. Der Punkt hieß Rebellion oder Ausbruch.

Und so, als wohnte diesem Prozess der Ent-Terrorisierung etwas Mystisches inne, rochen die Tyrannen geradezu den beginnenden Verlust ihrer Autorität. Ihr Misstrauen wuchs genau denen gegenüber, die sich im bis dahin heimlichen Widerstand am meisten profilierten. Und so, als verströmten sie eine Aura der Zersetzung, versuchten sie, die heranreifenden Rebellen noch einmal durch besondere Schikanen zu demoralisieren. Aber es half nicht. Ganz im Gegenteil, für jeden Schlag ins Gesicht, für jede Strafe, für jede Demütigung wuchs eine Kraft, die die Überzeugung der Notwendigkeit des Aufbegehrens stärkte. 

So infantil diese Erfahrungen auch waren, so sehr lehrten sie bereits über den Charakter jener Autorität, die nicht aus einer Kompetenz, sondern der Macht alleine resultiert und die so sehr verstört. Die Macht an sich übt auf der einen Seite eine sehr hohe Anziehungskraft auf jene aus, die entweder immer zu schwach sein werden, sich mit dieser Macht zu messen oder die nicht von ihrem destruktiven Charakter per se bedrängt werden. Das Gespür für das Unbändige, Destruktive, führt zu einer nahezu sexuellen Aufwallung bei jenen, die sich lediglich an der Peripherie des Machtzentrums aufhalten. Diejenigen, die nicht die notwendigen Kräfte zum Widerstand mobilisieren können, werden durch ihr Wirken auf Dauer traumatisiert und sie finden nicht selten bis ans Ende ihrer Tage keine Erlösung. Das ist bitter, aber diese Erfahrung ist auch verantwortlich für die Energie derer, die sich gegen das Destruktive der Macht zu stemmen vermögen.

Wer sich im Bannkreis der Macht bewegt und darüber sinniert, gegen sie aufzubegehren, dem ist das Gefühl der Angst vertraut. Nicht nur die Enttäuschten und Mutlosen, sondern auch die Kämpferischen und Mutigen kennen die Angst aus dem FF. Doch das Verhältnis zu ihr wird geklärt in einem Urerlebnis, das nur die Durchleben, die als erstes gegen sie aufbegehren. Nur wer sich gegen sie erhebt, wird die Erfahrung sammeln, dass sie sich nicht mehr gegen ihn stellen kann. Wer einmal die Angst überwindet, der wird ihr nicht mehr begegnen. 

Insinuation statt Information

Es ist eine alt bekannte Weise. Es geschieht etwas Schreckliches, es ist aber aufgrund der Informationslage nicht sofort zu erklären. Journalismus, der über so etwas zu berichten hat, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Widmet er sich seinem Auftrag, sofern er einen Kodex hat, der besagt, dass er zunächst gesicherte Informationen weitergibt, oder erliegt er der Versuchung, schnelle Antworten zu geben, um dem Durst der wilden Spekulanten ein volles Glas zu servieren. In Zeiten, in denen Konfrontationslinien bereits bestehen, ist die Lage umso prekärer. Zumal wenn sich eine Variante des Journalismus bereits dafür entschieden hat, Partei zu ergreifen. Da wundert es nicht, dass das einzige Mittel, das der parteiischen Berichterstattung bei mangelnder Information zur Verfügung steht, bereitwillig ergriffen wird. Es ist das Mittel der Insinuation.

Die Insinuation hat bei der zu beobachtenden Variante des Journalismus längst den Platz der Information eingenommen. Ist es so, so ist die Schwelle zur Propaganda bereits überschritten. Insinuation bedeutet, etwas nahe zu legen, was nicht feststeht. Etymologisch kommt es aus dem Kontext der Schmeichelei und es hat sich bis heute zur handfesten Verdächtigung gemausert. Die Insinuation gehört heute zum Handwerkszeug des herrschenden Journalismus.

Politische Morde hat es schon immer gegeben. Das entschuldigt sie nicht. Sie sind das Ende eines jeden zivilisierten politischen Prozesses, obwohl die Politik, wenn es um Machtinteressen geht, sehr gut ohne zivilisatorische Bindung auskommt. Von Patrice Lumumba bis zu Boris Nemzow ist die Liste derer, die für ihre politische Überzeugung sterben mussten, sehr lang. Zumeist dokumentieren diese Taten die Skrupellosigkeit von Regimes, wenn es darum ging, ihre Interessen nicht zu gefährden. Wie gesagt, die Liste ist lang, und nicht immer gelangen die Morde, was  vielleicht die lange Liste der verunglückten Mordanschläge der CIA auf Fidel Castro am deutlichsten illustriert.

Der Mord an Boris Nemzow veranlasste die berichtenden Medien, hier sei stellvertretend die Tagesschau der ARD genannt, sehr  zeitnah darüber zu berichten. Der Korrespondent vor Ort berichtete in einem Satz über den vermuteten Tathergang, der vieles im Dunkeln ließ. Anstatt darauf zu verweisen, dass es zu früh sei, gesicherte Informationen liefern zu können, begann er jedoch dann, die bereits im Umlauf befindlichen Legenden von sich zu geben und Passanten auf der Straße zu befragen, was sie dazu meinten. Da es sich bei diesen um politische Sympathisanten des Opfers handelte, war nichts anderes zu erwarten, als den Verdacht auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Drahtzieher zu lenken. Nichts anderes war zu erwarten. Es passt in den allgemeinen Kontext der Konfrontationslinie und dokumentiert deren Zementierung. Natürlich verwies der Korrespondent darauf, dass das die Meinung vieler sei, aber damit war die Insinuation an die stelle der Information getreten. 

Dass der amerikanische Präsident Obama versuchte, Russland in dieser Situation die Signatur des Bösen zuzuweisen, war nur folgerichtig und dass Kanzlerin Merkel Präsident Putin dazu aufforderte, den Fall ohne Rücksicht aufzuklären, dokumentiert den Status der ungehemmten Einmischung. Man denke sich einen umgekehrten Fall, oder erinnere sich an die immer wieder vorkommenden des gewaltsamen Tode türkischer Staatsbürger in Deutschland und die Reaktion auf die Aufforderung durch türkische Politiker, diese Fälle aufzuklären. Die blanke Empörung rauscht dann durch den deutschen Blätterwald. Die Anlässe zur Enthüllung der diskreten Interessen werden drastischer, und die öffentliche Demontage des staatlich finanzierten Journalismus wird bedrückender. Die historischen Desaster der Moderne begannen immer wieder mit diesem Muster.

Über das Prinzip der Gegenseitigkeit

Manchmal, wenn die Tagesnachrichten mehrheitlich über das Scheitern von Bemühungen berichten, zwischen Parteien mit unterschiedlichen Interessen zu einem Kompromiss zu kommen, ist es sinnvoll, sich über das Konstrukt eines Konsenses, der zu einem praktischen Handeln führen soll, Gedanken zu machen. Der Zeitpunkt ist in vielerlei Hinsicht wieder einmal gekommen. Voraussetzung für alles, was weiter führt, ist eine gelungene Kommunikation. In einem Zeitalter, dass sich selbst unter anderem als das der Kommunikation und seiner Techniken definiert, ist es erheblich, die Grundlagen noch einmal zu beleuchten. 

Da ist die Allerweltsweisheit, dass Kommunikation nur dann funktioniert, wenn alle Beteiligten sich daran halten, im Prozess der Kommunikation selbst ein Verhalten an den Tag zu legen, dass ihnen selbst als eine wesentliche Voraussetzung gilt. In Variation des Kategorischen Imperativs heißt das, sich selbst nur so zu verhalten, wie man es selbst von den anderen Interakteuren erwartet. Das bedeutet, die anderen wahr zu nehmen, sie anzuhören und ihnen zu unterstellen, dass sie selbst mit dem Interesse eines Gelingens zu dem Unterfangen angetreten sind. Denn selbst möchte man nicht mit der Anschuldigung konfrontiert werden, etwas anderes im Schilde zu führen und in „Wahrheit“ mit einer zweiten Agenda unterwegs zu sein, die beinhaltet, die anderen Teilnehmer hinters Licht zu führen. Diese Voraussetzung kann jedoch nur dann erfüllt werden, wenn allen unterstellt werden kann, dass sie das Ziel der Kommunikation, nämlich eine Verständigung zu erreichen, als ihr eigenes anerkennen. In der modernen Kommunikationsforschung heißt das, es existiert eine gemeinsame Intentionalität. Ist diese nicht gegeben, dann ist das Scheitern programmiert.

Bei Betrachtung der großen Enttäuschungen, die gegenwärtig allgemein kommuniziert werden, ist genau diese gemeinsame Intentionalität nicht gegeben. Der Versuch der Kommunikation, die in einem praktischen Lösungsmodell für Interessenkonflikte eine Perspektive finden soll, entsteht jedoch nicht aus einem intrinsischen Interesse der Konfliktlösung, sondern aus einem vor der Öffentlichkeit bestehenden Legitimationszwang. Es existiert ein Druck, der den Akteueren signalisiert, dass mit Verwerfungen zu rechnen ist, wenn sie sich nicht mühen, zu einer durch Vernunft geprägten Lösung zu kommen. Das wiederum korrespondiert nicht mit der eigenen Agenda. Sie besteht in den auffälligsten und mächtigsten Fällen in dem Ziel, die andere Seite zu bezwingen.Das Scheitern ist so sicher wie die Nutzlosigkeit der Übung.

Dei beiden großen Konflikte, die in diesen Tagen die Öffentlichkeit bewegen, der Konflikt in der und um die Ukraine wie das Desaster um die griechische Ökonomie, sind von einem Mangel an gemeinsamer Intentionalität geprägt. In der Ukraine geht es um geostrategische Dominanz, in Griechenland um den Schutz einer mächtigen Gruppe der Krisenverursachung selbst. Die Akteure, die durch den Legitimationsdruck von außen mobilisiert sind, bekunden, an einer fairen Kommunikation interessiert zu sein, aber sie weichen nicht ab von ihrer Agenda. Die daraus resultierenden Handlungen enden folglich so, wie sie begonnen haben: Sie manifestieren die gegenseitigen Anschuldigungen, ganz andere Ziele zu haben als die vorgegebenen und sie offenbaren die ständige Verletzung der Regeln eines zielgerichteten Kommunikationsprozesses selbst.

Da schlösse sich die Frage an, welche politische Dimension es hätte, wenn das ganze ideologische Beiwerk von der eigenen Überlegenheit von Werten und Menschenrechten den harten Zielen, die damit verbunden sind, wiche. Wenn offen bekannt würde, dass es um Landgewinn, um Schürfungsrechte, um Märkte, um Bankenschutz und um nackte Dominanz ginge. Es stellte sich die Frage, welche Mehrheiten dann zustande kämen. Ob sie anders aussähen, steht dahin, aber es wäre den Versuch wert und es beendete das unwürdige Spiel einer trügerischen Bereitschaft, sich in den Sphären der Vernunft zu bewegen.