Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Spannung im Maschinenraum

Noch ist die Saison nicht beendet. Dennoch lässt sich ein Resümee ziehen. Da ist die Meisterschaft von Bayern München, das sich mit seiner Politik wie nie zuvor zu einem Monopol generierte. Der sportliche Erfolg für diese Position ist nicht so, wie von den dortigen Protagonisten erwartet. Die Meisterschaft wurde unangefochten gewonnen, doch der universale Anspruch erlitt wieder einmal eine Niederlage. Mit dem Ausscheiden im DFB-Pokal gegen den Konkurrenten der letzten Jahre, Borussia Dortmund, erlitt man eine symbolisch bedenkliche Schlappe und vom CF Barcelona wurde man im Halbfinale der Champions League wie schon im Vorjahr von Real Madrid böse deklassiert. Nun, nach diesem Fazit, klingt es nahezu mimosenhaft, wenn Karl-Heinz Rummenigge mangelnden Respekt der Öffentlichkeit vor dem Meistertitel vorwirft. Wer alle Superlative für sich reklamiert, darf sich nicht wundern, dass sich Spott breit macht, wenn sie nicht erreicht werden.

Die befürchtete Langeweile in der Liga bezog sich allerdings nur auf den Titel. Der Kampf um die internationalen Plätze war dennoch spannend und das Abstiegsszenario entschädigte mit seiner Dynamik für die Tristesse an der Tabellenspitze. Dass letztendlich zumindest mit Paderborn und Freiburg eher gesetzte Kandidaten tatsachlich abstiegen, hat viele enttäuscht. Paderborn war ein Underdog, der sportlich nicht mithalten konnte, aber von der Haltung her faszinierte, Freiburg, seit Jahren Sympathieträger, wurde oft benachteiligt, wehrte sich grandios und zahlte zum Schluss doch dafür, dass es immer den Charakter eines Durchlauferhitzers für Talente hat, weil die finanziellen Mittel bescheiden bleiben. Der Verein verdient großen Respekt, weil er in der Lage ist, sehr gut mit dieser Identität zu leben und sich wieder aufrichten wird.
Ganz anders sieht es mit den großen Traditionsclubs Stuttgart und Hamburg aus. Stuttgart erhält mit dem Klassenerhalt die letzte Möglichkeit, sich noch einmal neu zu erfinden. Denn die Struktur, vor allem mit einem Honoratiorenvorstand, der eine Strategie für die Zukunft bis dato verhinderte, bedarf einer Reform. Vor einer ähnlichen Aufgabe steht der große HSV. Sollte er sich gegen den Karlsruher SC in der Relegation durchsetzen, muss eine radikale Veränderung ebenso her wie bei einem tatsächlichen Abstieg.

Borussia Dortmund hat den Schock der sportlichen Krise überwunden und es sieht so aus, dass ein weitsichtig denkender Vorstand das Schiff wieder auf Kurs bekommen wird. Anders hingegen bei dem Reviernachbarn Schalke 04, wo wieder einmal Köpfe rollen, weil das Ziel nicht erreicht wurde, aber das sich nicht anschickt, die Abhängigkeit von einem Fleischindustriellen, der wie auf einer Auktion im Kühlhaus herumschreit und den Patriarchen spielt. Das besticht dann doch die Besonnenheit, mit der man in Mönchengladbach mit richtigem Personal an langfristigen Konzepten arbeitet.

Wolfsburg, das analog zu Leverkusen mit Konzerngeld gestopft ist, hat in dieser Saison in vielerlei Hinsicht die Position Dortmunds eingenommen. Dass der FC Bayern nun erneut versucht, die Leistungsträger von Wolfsburg abzuwerben, entspricht der Jahrzehnte alten Strategie, erst einmal die Mitkonkurrenten zu schwächen. Der Ausgang ist relativ gewiss und insofern dürfen wir damit rechnen, dass es bei der Meisterschaft in der nächsten Saison wieder langweilig wird, es sei denn, in München selbst hätte man das strategische Gen in Bezug auf die Weiterentwicklung der eigenen Formation verloren. Vieles spricht dafür, dass auf der Brücke weiter über die Flaute geklagt wird, während die Spannung im Maschinenraum steigt. Warten wir es ab.

Avantgarde und Mainstream

Thelonious Monk, einer der prägenden Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts, brachte es auf den Punkt. Nach seinem Prinzip gefragt, wie er spiele und was er komponiere, antwortete er: Spiele deine Musik und nicht das, was die Leute hören wollen. Vielleicht brauchen sie zehn, fünfzehn Jahre, bis sie es mögen. Das war schlicht und einfach das Bekenntnis eines Avantgardisten zu einem alten Prinzip des künstlerischen Schaffens, dem die eigene Idee und Kreativität innewohnt. Monk richtete sich nicht gegen etwas, sondern er sprach sich für eine Selbstverständlichkeit aus, die große Künstlerinnen und Künstler immer wieder ausgezeichnet hat. Um sie zu leben, nahmen sie Armut und Exil in Kauf, um sie zu vollenden, verzichteten sie teilweise sogar auf ihr soziales Leben. Das Streben nach Einzigartigkeit schuf das Große, mit dem wir sie bis heute in Verbindung bringen. Als Resümee könnte der Satz stehen, dass gute, ausdrucksvolle, forminteressante und inspirierende Kunst immer Avantgarde und nie Mainstream ist.

Die Avantgarde, historisch eine Entwicklung in der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war die Antwort auf ein bürgerliches Zeitalter, das es sich bequem gemacht hatte und darauf hinstrebte, sich in Kriegen zu zerfleischen. Der Kunstbetrieb war es, gegen den sich die Avantgarde richtete, der so tat, als sei alles in Ordnung und der Standards entwickelt hatte, die Kunst als Konsumartikel auf den Warenmarkt warf. Die Avantgarde war sehr politisch und wollte mittels des Schocks das bürgerliche Publikum zum Nachdenken bringen. Die wohl spektakulärste Strömung der Avantgarde war Dada. Und gerade Dada ist das beste Dokument dafür, wie der Kunstmarkt funktioniert. Selbst die revolutionärsten Appelle gegen den Mainstream schockieren zunächst, aber ihr rebellischer Gehalt wird dadurch entleert, als auch für sie das Prinzip der Vermarktung gilt. Da unterscheidet sich Dada nicht vom Punk.

Die Kritik an den Funktionsmechanismen des Warenmarktes in Bezug auf die Kunst ist nicht neu. Neu ist allerdings die Dimension der Anstrengungen, die auf den Prozess der Waren-Werdung der Kunstwerke ausgerichtet sind. Immer mehr Institutionen fokussieren sich darauf, jungen Menschen, die sich künstlerisch betätigen wollen, die Techniken, Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, derer es bedarf, um Erfolg zu haben, d.h. Waren zu produzieren, die auf dem Markt absetzbar sind. Das ist skurril, weil es einer Vorstellung entspricht, als könne man den Prozess des künstlerischen Schaffens erlernen, ohne eine Idee zu besitzen. So sieht dann vieles, was aus diesen Institutionen kommt, auch aus: Es ist technisch gut, es ist von der Vermarktungsstrategie pfiffig gemacht, aber es ist oft inhaltsleer und fade, geschweige denn inspirierend und weiterführend. Die leitende Idee der Produktion ist der Absatz und der Absatz wird dem etablierten Geschmack auf dem Markt zugesprochen.

Um bei der Musik zu bleiben: Viele Produkte aus der marktkonditionierten Retorte haben keine Seele. Soul, an dem sich nach den anfänglichen Erfolgen einer Amy Winehouse eine ganze Generation junger Frauen in Lehranstalten abarbeitete, ist ein Genre, das von den sozialen Erfahrungen eines Milieus lebt. Entweder sie werden mitgebracht oder nicht. Wer aus dem Mittelstand oder der Upper Class kommt, wird die Melancholie, die aus der Ausgrenzung und Verweigerung resultieren, immer nur artifiziell, aber nie authentisch zum Ausdruck bringen können, es sei denn, die eigene Biographie wiese diese Erfahrungen aus. Der Mainstream versucht es, aber er besitzt keine Spiritualität, die aus dem Streben resultiert, etwas Einzigartiges schaffen zu wollen, auch um den Preis, dass es sich nicht gleich vermarkten lässt. Der göttliche Mönch hat es gewusst.

Das Tabu der Unsterblichkeit

Es ist keine Religiosität erforderlich, um der biblischen Metapher, dass wir alle nur Gast auf dieser Erde sind, etwas abgewinnen zu können. Sie ist so treffend, dass sie sogar als realistische Beschreibung unseres Daseins genommen werden kann. Was sie unangenehm macht, ist die eindeutige Aussage, dass unser Verweilen auf diesem Planeten temporär ist. Damit wird ein Tabu gebrochen, das sich mit der Phantasie von der Beherrschbarkeit der Welt seit dem Durchbruch von Naturwissenschaft und Technik zu einer vermeintlichen Wahrheit gemausert hat. Alles, was dem Zweifel an der irdischen Existenz über lange Perioden der Menschheitsgeschichte Stoff lieferte, nämlich genau die Gewissheiten über die eigene Fehlbarkeit und Endlichkeit, wurde nach und nach aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt.

Mit Industrialisierung und Technokratie wurde der Zweifel ersetzt durch den Mythos von Juvenilität und Dynamik. Der Mythos herrscht und tilgt jeden Zweifel. Dass er zu einer kollektiven Hybris geführt hat, die die einzelnen Individuen in den Irrsinn getrieben hat, sich selbst die ewige Jugend zu bescheinigen, ist dabei eher eine karikaturhafte Begleiterscheinung. Wie sehen sie aus, die Prototypen der ewigen Jugend? Wie Figuren aus dem Schattenreich, die jegliches Schamgefühl verloren haben. Und wie ist es um die Würde derer bestellt, die den existenziellen Kampf ihrem Ende nahen sehen? Sie werden entsorgt wie die einzige Peinlichkeit, die in der sterilen Welt des Wahns noch zum Vorschein kommt.

Dieses einzige Tabu, dass die Machbarkeit des Daseins in die Hände technischer Abläufe zu legen bereit ist, ist nicht nur eine durchschaubare Phantasmagorie, sondern ein Instrument der Herrschaft selbst geworden. Indem das kollektive Bewusstsein den Glauben protegiert, die individuelle Endlichkeit sei überwunden, holt sie den Glauben an das Paradies auf die Erde selbst. Da herrscht nicht einmal mehr ein Doppelcharakter des guten Glaubens. Der Verweis auf das bessere Jenseits in den Weltreligionen hatte den Charakter einer Unterwerfung, weil er davon ablenkte, das Hier und Jetzt ändern zu können. Aber ihm wohnte auch immer etwas Protestatives inne: Indem dem Jenseits bessere Zustände zugeschrieben wurden, wurde das Diesseits grundlegend kritisiert. 

Der Wahn, mit der generellen Machbarkeit das Diesseits im Griff zu haben, impliziert die Kritik am Subjekt. Der Mensch ist im Gedanken an Machbarkeit und Perfektion zu einem Objekt verkommen, das durch seine Fehlbarkeit die absolute Machbarkeit verhindert. Der Begriff des menschlichen Versagens ist das inquisitorische Dogma unserer Tage. Wäre da nicht die lästige Fehlbarkeit des Menschen, dann wäre das Paradies, dem wir doch schon so nahe sind, längst Realität. Wer wollte da noch widersprechen? Nicht diejenigen, die den Genuss der technisierten Welt bereits derartig in ihre Lebensroutinen aufgenommen haben, als dass sie sich noch vorstellen könnten, ihr eigenes Leben ohne sie zu gestalten.

Das Tabu der Unsterblichkeit einerseits und die Idee von der absoluten Machbarkeit andererseits sind die Kernfragmente einer aggressiven, an Terrorismus grenzenden Weltanschauung, die der Würde des Menschen den Kampf angesagt hat. Sie zu entlarven ist eine sehr anstrengende Aufgabe, die immer mit groben Sanktionen verbunden ist. Das Exil ist das Pendant zu diesem Mechanismus. Ausgrenzung aus der Gemeinschaft ist die Folge. Wer sich dem Fortschritt, was immer er auch sein mag, mit dem Ruf nach Räson widersetzt, muss sich den Vorwurf der mangelnden Eignung für die glorreiche Zeit aussetzen. Das war allerdings schon immer so. Und dennoch fanden sich Geister, die dem Wahn des Bestehenden nicht mehr folgen wollten. Und sie haben die Welt verändert.