Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Die Dramaturgie des Sommerlochs

Das viel beschriebene Sommerloch böte eigentlich die Gelegenheit, sich von den vielen aufgeladenen Nachrichten und Meldungen, die das ganze Jahr über auf das ungeschützte Publikum herunterprasseln, etwas zu erholen. Denn zu wenig hat das alles noch mit einem Recht auf Information zu tun. Bagatellen aus allen Weltregionen werden emotional aufgeladen als wichtige Neuigkeiten verkauft und tatsächlich wichtige Ereignisse und Entscheidungen, diejenigen, wo Weichen gestellt werden und durch die das Publikum tatsächlich betroffen wird, werden entweder gar nicht übermittelt oder sie laufen als unerhebliche Petitesse so eben mit durch den Ticker. Das Ganze hat System, ist aber nicht alles. Das Sommerloch, das so gut tun könnte als eine temporäre Schonung der Nerven und als Übung, auch ohne artifizielle Überreizung für eine Weile leben zu können, hat eine bestimmte dramaturgische Funktion.

Jedes Jahr, wenn das Parlament nicht tagt, die Hitze über das Land zieht und die Familien mit den Kindern das Weite oder die Natur suchen, wird zumeist ein Thema durch die Gazetten gejagt, das alles ersetzt, was sonst der Meldung würdig wäre. Zumeist ist es eine Übung in Ideologie. Denn die meisten Organe, die online bis auf jedes Smartphone von Ibiza bis in den Himalaya strahlen, machen nichts mehr aus purem Vergnügen und schon gar nichts, um gesellschaftliche Ereignisse im Sinne ihres Auftrages und ihrer Freiheit kritisch zu reflektieren. Sie probieren aus, wie weit sie gehen können gegenüber dem Volke mit abenteuerlichen Thesen, einer unverschämt rücksichtslosen Haltung oder einer an den Grundfesten nagenden Außenpolitik.

Und kaum haben die letzten großen Bastionen der Schulkinder in Deutschlands Süden nun auch Ferien, da hat das Land das Thema seines Sommerlochs. Das wahrhaft Schlimme daran ist, dass es zumeist um Menschen geht, die hier Schutz suchen und die keinen Schutz haben oder aufbauen können gegen die vielen Versuche, sie in bestimmten Lichtern zu sehen. Abgeschottet von der Öffentlichkeit verharren sie im Wartezustand, während so genannte Spezialisten das Thema Flüchtlinge und Asyl vor den Kameras durchexerzieren. Und alles, was an abstrusen Ideen von irgendwelchen Hinterbänklern artikuliert wird, findet sich in den Schlagzeilen des nächsten Tages. So ganz nebenbei ist das wieder ein Beleg für die sittliche Reife derer, die derartige Nachrichten aufbereiten. Sie spielen mit Existenzen, statt sie in ihrer Würde zu schützen.

Und als wäre es nicht genug mit diesem Sommerloch-Thema des Jahres 2015, so wird gleichzeitig versucht, gegen Enthüllungen im Netz mit dem staatsanwaltlichen Hammer zuzuschlagen. Die Meinungsfreiheit, die sich im Netz und in der Bloggerszene Form verschafft hat, ist anscheinend den über die Meinungsindustrie Herrschenden ein Dorn im Auge. Cameron, der am übel riechenden britischen Nationalismus leckende Populist, will drüben, auf der Insel, Facebook verbieten, und hier soll die Bloggerszene zum Schweigen gebracht werden. Da ist Freiheit in Gefahr, und zwar essentiell!

Und, um das Thema Flüchtlinge noch einmal aufzugreifen: Die Bundesrepublik Deutschland, selbst ein Artefakt aus unzähligen Migrationsbewegungen, hat es verstanden, über Jahrzehnte das Thema Einwanderung konsequent auszublenden. Sie mäandert durch die Epoche der Globalisierung zum einen mit einem antiquierten Begriff Ius sanguinis, der Staatsbürgerschaft aufgrund von Blutlinien, und sie hat keine formulierte Vorstellung davon, wer in diesem Land eine Heimat finden kann und wer nicht. Jetzt diskutieren überforderte Ministerpräsidenten, wie sie Kriterien für Asyl neu interpretieren können, um die Anzahl der Herkommenden zu reduzieren. Und die Verteidigungsministerin fährt nach Tunis, um die dortige Regierung zu überzeugen, die Grenzen wieder dicht zu machen wie zu Ben Alis Zeiten. Das ist schlecht, das ist unwürdig, und es zeugt nicht von einer Kompetenz, die zu Lösungen fähig wäre. Das allerdings ist in der Meinungsindustrie kein Thema.

Lost Angeles

James Ellroy. Brown´s Requiem

Wie ist es möglich, einer Marke, zumal auf dem Literaturmarkt, nach Jahren des Erfolgs und der Etablierung als festes Bild, noch einmal auf die Schliche zu kommen? Ist es im Rahmen des Erreichbaren, die ursprünglichen Antriebe und Erfahrungen zu dechiffrieren? Ja, richtig, ein Korridor, der in diese Richtung führt, ist eine Recherche des ersten oder der ersten Versuche. Bei dieser Vorgehensweise gelingt es immer wieder, vieles, das durch den Mythos als allzu trivial erscheinen würde, dennoch als wichtig zu identifizieren und manches, das als die Kernaussage immer wieder gehandelt wird, in seine Schranken zu verweisen. Es lohnt sich also, die ersten Versuche des künstlerischen Schaffens immer wieder unter die Lupe zu nehmen, um nicht im Meer des erzeugten Scheins zu ertrinken und den klaren Blick auf das Wesentliche zu verlieren.

James Ellroy, 1948 geboren und Kind des schmutzigen, lasterhaften, korrupten und gewalttätigen Los Angeles, ist nach zahlreichen Romanen und Verfilmungen derselben so ein Markenzeichen, bei dem alles gesagt zu sein scheint und das für sich spricht. Heute steht er da, in Interviews, wie ein abgeklärter Literat, der die Abgründe seiner eigenen Topographie kennt und den Blick in die Finsternis gerne mit seinem Lesepublikum teilt. Das, was aber hinter dieser Maske steckt, ist durchaus dechiffrierbar. Die Lektüre von Brown´s Requiem, Ellroys erstem Roman, ist der direkte Konnex zu seiner eigenen Biographie und zeichnet Themen wie Obsessionen seiner späteren Werke deutlich vor. Erschienen ist Brown´s Requiem 1981, da war Ellroy 33 Jahre alt und hatte bereits eine gescheiterte Karriere als Gelegenheitsarbeiter und Spezialist als Betäubungsmittel hinter sich. Und genau diese Erfahrungen mit sich und dem Los Angeles seiner Zeit sind es, die den Roman lesenswert machen.

Alles, was in dem spannend geschriebenen Roman, der nicht dem späteren Ellroy-Stil Erzählmodus entspricht, zur Sprache kommt, ist dem eigenen Erfahrungshorizont entnommen. Das Los Angeles der krassen Gegensätze und der multi-ethnischen Clashs und Arrangements, die pittoreske Immigrantenszene, die amerikanische Leitkultur und ihr Gegenentwurf, die nicht unterscheidbaren Welten von Ordnung und Korruption, die gleitenden Grenzen von Sex und Pornographie, die Drogenszene, die Guten in den schlechten Milieus und die Schlechten in den guten Milieus, alles findet sich bereits n Brown´s Requiem. Interessant dabei ist besonders, dass die negativen Zuweisungen, die die Kritik später dem Autor Ellroy gerne gemacht hat, von ihm in diesem Roman selbst den negativen Charakteren zugeschrieben werden, vor allem der Antisemitismus und das Faible für abstruse Formen von Sexualität.

In Brown´s Requiem beschreibt Ellroy eine regelrechte Bestie, die den Irrsinn menschlicher Existenz sehr plastisch darstellt und die deutlich macht, wie schwierig es ist, das Gute vom Bösen zu trennen. Der deutsch-stämmige Fritz Brown, seinerseits Ich-Erzähler des Romans und Frederick „Fat Dog“ Baker, die Bestie, bilden die Folie, auf der die späteren Romane Ellroys lesbar werden. Beide sind ambivalent, der eine aus noch halbwegs beeinflussbaren freien Willen, der andere aus quasi genetischer Obsession. Und die großen Bilder, die Ellroy bereits hier bemüht, sind die Werke der europäischen Klassik, Zeichen für Ordnung und Zivilisation und die diesen entgegenstehende Libertinage von Sex, Drugs & Rock ´n Roll. Dass sowohl der positive Held als auch der Schattenspieler des Bösen in diesem Roman in beiden Bildern zuhause sind, sprich für den damals noch jungen Autor. Er belässt es mit der Unauflöslichkeit der Welt.

Das gestaltende Subjekt und die Zeit

Jede Ressource hat ihren Wert. Es kommt darauf an, wozu sie genutzt wird und für welchen Zeitraum sie zur Verfügung steht. Die so genannten natürlichen Ressourcen stehen immer in diesem Zwiespalt. Alles, was die Menschheit in welchem Kontext auch immer an natürlichen Ressourcen verbraucht, hat ein Haltbarkeitsdatum oder eine Kontingentgrenze. Die Rohstoffe, die genutzt werden, um Energie zu erzeugen, sind in diesem Portfolio eindeutig. Werden sie nach Tagesbedarf veräußert, lässt sich mit den heutigen Mitteln ziemlich genau ausrechnen, wann sie zur Neige gehen werden. Eine Schwierigkeit, die sich mit ihrer Nutzung verbindet, ist das Phänomen der Kollateralschäden. Emissionen der fossilen Brennstoffe tilgen gleichzeitig andere Ressourcen, wie zum Beispiel gute Luft oder Wasser. Das alles ist mehr oder weniger bekannt und der Irrsinn, der zuweilen das Dasein belastet, resultiert nicht aus dem mangelnden Wissen, sondern aus den Gesetzen der Verwertung. Gewinne monetärer Art sind der Wirkungsmechanismus, der der Vernunft in Bezug auf eine strategische Sicht besonders entgegensteht.

Eine andere Art der Ressource, die jede menschliche Existenz betrifft, wirkt nahezu gegenteilig. Es ist die Zeit. Zeit ist ein Gut, das alle brauchen, aber das nicht gekennzeichnet ist durch die eigene Endlichkeit. Die Zeit existiert unabhängig vom menschlichen Bedarf in Hülle und Fülle und ihre Endlichkeit ist nicht das Problem. Das Problem der Zeit resultiert vielmehr aus der Limitiertheit des menschlichen Daseins. Zeit als Ressource ist immer subjektiv und sie schert sich nicht um das Maß ihrer Nutzung durch die Menschen. Der gern benutzte Leitsatz, dass Zeit Geld ist, hat nur etwas zu tun mit dem menschlichen Blick. Es ist an ihm, dem Menschen, was er aus seinem Kontingent an Zeit macht. Lässt er sie verstreichen oder nutzt er sie akribisch, der Ressource selbst ist das gleich. Das ist die Macht der Zeit, und alle Probleme, die der Mensch mit ihr hat, spielen letztendlich keine Rolle.

Es hängt also von dem Konzept des Daseins eines jeden Individuums ab, was es in der eigenen Laufzeit mit ihr macht. Manche folgen den gelassenen, kontemplativen Philosophien und lassen sie verstreichen, um zu sehen, was geschieht. Andere wiederum glauben, dass die Gestaltung des Daseins durch sie selbst das Maß sind, nach dem ihre Nutzung bestimmt wird. Der Gedanke der Nachhaltigkeit, der vor allem bei der Betrachtung aller natürlichen Ressourcen so ungeheuer reüssiert, produziert bei der Nutzung der Zeit keinen Sinn. Auch Nachhaltigkeit ist eine Kategorie, die letztendlich ökonomisch interpretiert werden muss. Zeit hingegen ist das unermessliche, menschlich beschränkte Gut, das nur ethisch gedeutet werden kann.

Menschen, die sich der Gestaltung verschrieben haben, wissen, dass für sie die Zeit ein sehr begrenztes Kontingent ist, mit dem sie sehr sorgsam umgehen müssen. Die gestaltenden Subjekte sind zumeist kalkulatorische Hochleistungsaggregate, die jeden Schritt, den sie gehen und jede Tat, die sie begehen, genau bemessen, um jenseits der existenziellen Routinen die Zeiträume herauszuschinden, in denen sie das tun können, was sie selbst als ihre Bestimmung ansehen. Das ist der Preis, den die Gestaltung erfordert und es sind die Werke, die in diesem Spannungsraum entstehen, von denen die Menschheit als Kollektiv und Generationen übergreifend etwas haben. Das ist ein Wert an sich, der sich auseinandersetzt mit der existenziellen Bagatelle, dass alles sein ein Ende hat. Auch das sichere Scheitern bietet Möglichkeiten, etwas zu gestalten, das mehr Bestand hat als das einzelne Individuum.