Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der inszenierte Schock

Vordergründig geht jetzt alles sehr schnell. Da entstehen über Nacht politische Karrieren und andere fallen vom Himmel der Publizität herunter wie schwere Meteoriten. Schon während des Wahlkampfes war zu beobachten, dass manche, die sich als Gladiatoren wähnten, die erforderliche Professionalität im Spiel der Macht gewaltig unterschätzt hatten. Wer schlichten Gemütes nur noch dem Instinkt folgte, der demoskopischen Mode zu frönen, ohne die Möglichkeit des eigenen Scheiterns mit einzukalkulieren oder das Szenario einer schwierigen Koalitionsbildung mit in Erwägung zu ziehen, der war schon tot, bevor das Wahlvolk an die Urnen ging. Die ehemalige Weinkönigin aus der Pfalz ist so eine, und der mit dem grimmigen Kuscheltier aus dem Schwabenland ebenfalls. Menetekel upharsin, gewogen und zu leicht befunden.

Für alle, die dieses Spiel mögen, und es sind nicht wenige, werden es noch spannende Tage werden. Denn über das wilde spekulieren um Personen hinaus bekommt das Publikum noch eine Lehrstunde erster Güte über die Wertschätzung der Akteurinnen und Akteure hinsichtlich des Wählervotums. Das Geschwafel von einer Deutschland-Koalition in Baden-Württemberg ist eine solche Lehrstunde, die zeigt, dass vielen der Napf wichtiger ist als das Mandat. Aber, das sollte nicht vergessen werden, es geht nicht in erster Linie um dieses Spiel.

Viel bedeutender ist die Frage, wie die Parteien, die hinter den handelnden Personen stehen, mit dem Wahlergebnis umgehen. Da zeigt sich schnell, ob sie bereit sind, zu lernen, oder sie sich dogmatisch auf ein Weiter so! beschränken. Der gewaltige Zuspruch, den die AfD in weiten Kreisen des Wahlvolkes erhalten hat, sollte Anlass genug sein, sich darüber Gedanken zu machen, was da eigentlich passiert ist. Wer jetzt mit der Bildungskeule kommt und das Wahlverhalten mit der Dummheit der Leute erklärt, der hat nichts gelernt oder nichts begriffen oder beides. Mögen die Parolen oder die Personen, die diesen Zuspruch erhalten haben nun gefallen oder nicht, es spielt keine Rolle. Die Wählerschaft der AfD ist zu diffus, als dass sie eine gemeinsame politische Programmatik überhaupt zuließe. Die These sei aufgestellt: die AfD hätte sagen können, was sie gewollt hätte, sie wäre in den gleichen Anteilen gewählt worden.

Vieles, sehr vieles spricht dafür, dass es der Gestus war, mit dem diese Partei ihre gegenwärtige Bedeutung erlangt hat. Und es ist in der Geschichte nicht neu, dass die Inszenierung des Schocks zuweilen ausreicht, um Sympathien zu erlangen. Wer sich als das Enfant terrible präsentiert, oder sich von mir aus auch wie eine Wildsau aufführt und gegen alles verstößt, was in der politischen Landschaft an Tischsitten etabliert ist, der bekommt nur dann Applaus, wenn diese Tischsitten nicht mehr akzeptiert werden. Das Protestative dieser Wählerinnen und Wähler bezieht sich auf die Intransparenz von Entscheidungen, den Moralismus der öffentlichen Personen, die tendenziöse Berichterstattung über alle Dinge, die von Belang sind und es bezieht sich auf die Feindbilder, die das politische Establishment selbst geschaffen hat.

Die alles beherrschende Frage, wie die AfD entlarvt und ihre Wählerinnen und Wähler bekehrt werden können, ist nicht mit den bekannten Kampagnen gegen die AfD zu beantworten. Wer es wirklich ernst meint, der beginnt damit, der Intransparenz des eigenen politischen Handelns den Kampf anzusagen, dem unerträglichen, dogmatischen und erzieherischen Moralismus eine Absage zu erteilen, mitzuhelfen, das Rundfunk- und Pressewesen wieder zu professionalisieren und die infame Produktion von Feindbildern selbst einzustellen. Geschähe das, wäre der Schock ein heilsamer gewesen.

Willkommen in der Ära Bush!

Trotz der immer wiederkehrenden Botschaft, Deutschland sei das Land der Sonderwege, die zudem nicht falsch ist, eine Analogie lässt sich ebenso wenig leugnen. Es ist der Nachhall auf Bewegungen in den USA. Das ist kulturell so, das ist wirtschaftlich so und das trifft auch auf die Politik zu. Kulturell befindet sich die Berliner Republik ebenso im Nirwana wie die USA vor zehn Jahren, wirtschaftlich posaunt ein Bundesfinanzminister seine liberalistische Doktrin in den Äther wie dort vor zwanzig Jahren und nun kommt hier die Dämmerung auf, die auf Bill Clinton folgte und durch den Namen George W. Bush geprägt wurde. Wer sich mit der politischen Atmosphäre auseinandersetzen möchte, die das Ende der Clinton-Ära prägte, dem sei Philipp Roth´ Roman Der menschliche Makel empfohlen. Es ist ein erschütternder Verweis, welches Unrecht Political Correctness auslösen kann und wie sehr sich diese instrumentalisieren ließ. Der Aufschwung der Republikaner speiste sich aus einem Überdruss der Bevölkerung an allem, was mit Multi-Kulti, Öko und Gleichstellung zu tun hatte.

Nun folgt Deutschland nicht der Entwicklung in den USA 1:1. Neben der zeitlichen Verzögerung sind auch noch andere Nuancen wahrzunehmen, die nicht unterschätzt werden dürfen. Die gestrigen Wahlen in drei Bundesländern haben es vor allem sehr schwer gemacht, die Situation, in der sich vor allem die Volksparteien der CDU, SPD und der Grünen befinden, realistisch einzuschätzen. Die Ergebnisse in Baden-Württemberg für die Grünen und in Rheinland-Pfalz für die Sozialdemokraten mögen suggerieren, dass alles nicht so schlimm ist. Doch diese Interpretation gleicht dem tiefen Schluck aus der Pulle mit Hochprozentigem. Sowohl Kretschmann als auch Dreier sind keine typischen Vertreter ihrer Parteien, sondern besondere Persönlichkeiten mit Eigenheiten, die dem Mainstream der Mutterparteien entgegenstehen. Sowohl die SPD, als auch die Grünen und die CDU haben dramatisch verloren. Die grandiosen Gewinne der AfD stehen für den protestativen Reflex gegen das Mantra der Political Correctness.

Was die Götterdämmerung noch wird verzögern können, sind Bündnisse aus CDU und Grünen, die eine Art Aktionseinheit des alten wie des neuen Mittelstandes verkörpern und auf Zeit setzen könnten. Die Zeit dessen, was gerne auch als Rollback bezeichnet wird, wird aller Wahrscheinlichkeit nach dennoch kommen. Folgt man dem Muster der amerikanischen Entwicklung, dann wird die Innenpolitik harscher die Interessen der Besitzenden verfolgen und nach außen ein aggressiverer Impetus zu militärischen Konflikten führen. Mit welchem Resultat, steht noch dahin, das hängt auch davon ab, wie sich die Kräfte sammeln werden, die ihre Lektion gelernt haben und sich vom eigenen Dogmatismus verabschieden, um wieder in die Politik mit Aussicht auf Erfolg eingreifen zu können.

Aus der zu erwartenden Koalition von Schwarz/Grün wird irgendwann ein bürgerliches Lager hervorgehen, das mit ein bisschen Philanthropie geschmückt die Interessen der neuen, bio-energetischen Bourgeoisie vertritt. Und wenn die Selbstkritik nicht völlig verschwunden ist, dann wird sich als Pendant zu dieser erneuerten Kraft eine neue Partei formieren, die die Koalitionsrechte der Besitzlosen und Diskriminierten ernst nimmt und als vereinigte Linke ein Programm entwickelt hat, das eine nachvollziehbare Alternative zur Herrschaft der plutokratischen Welterklärung darstellt.

In acht Jahren hat George W. Bush nicht nur die USA, sondern die Welt verändert. Mit den katastrophalen Folgen wird sich die Menschheit noch einige Zeit beschäftigen müssen. Eine Analogie in Deutschland und Europa wäre furchtbar. Der größte Feind dieser Schreckensvision ist schnelles Lernen. Wer die Verhältnisse jetzt schön redet, ist bereits ein Bote des Unheils.

Die Harmonie von Wall Street und Charity

Bertolt Brecht. Die Heilige Johanna der Schlachthöfe

Kurz nach dem großen Börsencrash in der New Yorker Wall Street schrieb Bertolt Brecht 1929/30 Die Heiligen Johanna der Schlachthöfe. Auf die Bühne konnte das Werk in Deutschland nicht mehr gebracht werden. Die Uraufführung kam erst 1959 in Hamburg unter der Regie von Gustav Gründgens zustande. Bertolt Brecht wandte sich mit dem Stück den konkreten wirtschaftlichen Auswirkungen des internationalen Finanzkapitalismus zu. Dass er sich als Ort der Handlung die Fleischfabriken Chicagos aussuchte, hatte zweierlei Gründe. Zum einen entsprach der Ort seiner Konzeption von geographischer Ferne, um Verhältnisse, die ebenfalls sein eigenes Publikum betrafen, aus der direkten Hitze der örtlichen Auseinandersetzungen zu nehmen, um der kühlen Reflexion mehr Raum zu geben. Zum anderen standen die Schlachthöfe Chicagos für die schamloseste Variante kapitalistischer Ausbeutung. Bereits 1906 hatte der Amerikaner Upton Sinclair mit seinem Roman Der Dschungel weltweites Entsetzen über die dortigen Verhältnisse ausgelöst.

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe geriet zu einem sehr komplexen Stück, das in der Folge und bis heute in mancherlei Hinsicht das Publikum überforderte. Ursache dafür war die Absicht, gleich zwei essenzielle Fragen in den Fokus zu stellen. Es ging Brecht um die börsengesteuerte Funktionsweise von Angebot und Nachfrage sowie um die Erörterung der Wirkung von religiös motivierter Wohltätigkeit. Beides wird von den beiden Protagonisten, der anfangs im Auftrag der Heilsarmee agierenden Johanna und dem Fleischspekulanten und Börsianer Mauler personifiziert. Ihre Interaktion ist das reflektierte Zentrum des Stücks. Während Johanna an Mauler herantritt und ihn um die Öffnung der Fabriken für die ausgesperrten Arbeiter bittet, versucht dieser, den Zeitpunkt seiner Entscheidungen mit den für ihn jeweils wirtschaftlich günstigsten Wirkungen zu koordinieren.

Die zunächst religiös motivierte Johanna gerät in der laufenden Handlung immer mehr in Zweifel, weil sie die Abhängigkeit ihrer eigenen Organisation von den agierenden Kapitalisten begreift und sie die Ausweglosigkeit der Streikenden und ausgesperrten Arbeiter immer mehr motivieren, sich mit ihnen zusammenzuschließen. Doch dort begegnet sie aufgrund ihrer Vergangenheit bei der Heilsarmee großer Skepsis. Mauler, der immer wieder Dossiers von seinen Freunden der New Yorker Börse erhält, spielt sein Spiel, das auf Monopolbildung und maximalen Gewinn ausgerichtet ist. In einem solchen Konstrukt ist für ein Happy End kein Platz. Johanna begibt sich zu den streikenden Arbeitern ins Schneetreiben, bekommt eine Lungenentzündung und stirbt. Mauler, der immer wieder das Gebaren eines Börsentickerjunkies an den Tag legt, spielt das Spiel zu Ende. Er kauft alle Fleischvorräte auf und cornert sie, wie der Terminus für die künstliche Verknappung lautet, um sie später für Wucherpreise an die Hungernden verkaufen zu können. Als sein Deal gelingt, spendet er reichlich an die Heilsarmee, die ihrerseits die an diesem Widerspruch gescheiterte Johanna zur Heiligen erklärt.

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe beschreibt die Funktionsweise des Raubtierkapitalismus in drastischer, aber treffender Weise. Gleichzeitig macht das Stück deutlich, dass die organisierte Wohltätigkeit Bestandteil dieses Systems und nicht dazu geeignet ist, die Verelendung der Arbeiter aufzuhalten. Ganz im Gegenteil, sie hält davon ab, sich der politischen Konsequenzen bewusst zu werden, die vonnöten sind, um das System der spekulativen Inszenierung von Angebot und Nachfrage zu überwinden.

Die Verbilligung von Produkten, um die Konkurrenz auszuschalten und dessen Cornern oder Horten, um den Preis nach Erreichung der Monopolstellung in die Höhe treiben zu können wie die Illusionserzeugung durch den Charity-Gedanken sind bis heute brandaktuell.