Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Einhalten!

Es ist schon kurios. Nach einer Abstimmung, die zwei Optionen zuließ, scheinen sich zumindest alle, die in der Konstruktion EU eine offizielle Rolle spielen, völlig überrascht darüber zu sein, dass die Möglichkeit, die auch zur Abstimmung stand und den Austritt Großbritanniens parat hielt, mit einem eindeutigen Votum gezogen wurde. Das lässt den Schluss zu, dass das, was nicht sein darf, auch nicht entschieden werden hätte können. So kann es aber gehen, und so ist es gekommen. Nun, da offiziell ist, was viele nicht wahrhaben wollten, sind die, die immer mit schnellen Erklärungen bei der Hand sind, an der vordersten Kommunikationsfront und konkurrieren mit Szenarien darüber, wie schlimm es Großbritannien ergehen wird, wie furchtbar die Wählerinnen und Wähler dem Rechtspopulismus auf den Leim gegangen sind und wie nun erst recht der bisherige Kurs weitergefahren werden soll. Gelernt scheinen sie nichts zu haben, dafür scheinen sie auch nicht engagiert zu sein.

Ja, es gibt berechtigte Zweifel an der Art und Weise, wie Großbritannien sich in den letzten Jahrzehnten definiert hat, wie es seine Wirtschaft ruiniert hat und wie es umgegangen ist mit Herausforderungen, die ein internationaler Standort, der im globalen Kommunikationsprozess steht, annehmen muss. Zukunftsweisend ist weder der dortige, bis zum Exzess getriebene Wirtschaftsliberalismus noch ein Isolationismus, der im übrigen ganz und gar nicht britisch ist. Gesiegt hat aber eine Skepsis, deren Wurzeln auch in dem zu finden ist, wie sich die EU vor allem in der letzten Dekade generiert hat.

Die EU hat sich in starkem Maße nicht nur den wirtschaftlichen Export auf die Fahne geschrieben, von dem vor allem auch die Bundesrepublik Deutschland profitiert hat, sondern sie hat sich zu einer Instanz entwickelt, die sich mehr und mehr zu einer gigantischen, zentralistisch operierenden Planungsbehörde entwickelt hat, die nicht nur ihre Bürokraten auf alle existierenden nationalen Besonderheiten gejagt hat, sondern auch immer mehr Geld eingesammelt und zentralistisch wieder verteilt hat. Überschaubar war und ist das für viele nicht mehr, und eine Logik, bis auf die eines Lobbyismus, ist darin auch nicht zu erkennen. Dass ein Land, in dem der Liberalismus, und zwar im positiven Sinne, wie in Großbritannien zuhause ist, da so langsam die Geduld verliert, ist nicht sonderlich überraschend.

Nun, da in Großbritannien die Entscheidung gefallen ist, kann auch ein Dominoeffekt eintreten. Die Niederlande und Frankreich wären potente Kandidaten, um sich des riesigen Apparates zu entledigen, die Republiken im Süden, die als Sanierungsfälle in Privatisierungsexzesse getrieben wurden, hätten noch mehr Grund, sich aus der EU zu verabschieden.

Der Verweis auf die jubelnden Nationalisten vor allem in Frankreich und Deutschland ruft eine Duplizität hervor, die die gleichen Gefahren birgt, wie die Handhabung des Anschwellens der neuen Rechten im nationalen Maßstab. Wird erkannt, dass das britische Votum eine Reaktion auf die gegenwärtige EU-Politik ist, dann besteht die Chance, von dem verhängnisvollen Weg einer zentralistischen, intransparent arbeitenden Giga-Bürokratie abzudrehen und den Versuch einer Neudefinition zu wagen. Das bereits kursierende Rezept, die Nationalisten nun mit mehr Vehemenz zu bekämpfen, lässt jedoch die Diagnose zu, die Fehler bei anderen und nicht in der eigenen Politik zu suchen. Aber Technokraten zu erklären, dass Wahrnehmen und Zuhören zuweilen Tugenden und keine Schwächen sind, ist vielleicht zu viel verlangt. Sie begreifen es einfach nicht. Das lässt nur den Schluss zu, wieder politisch zu denken und die technokratischen Ansätze zu verbannen. Hoffnung ist immer. Ob sie berechtigt ist, wird sich zeigen.

Zwischen Scheitern und Beherrschen

Wer schon einmal die Verabschiedung eines Schulrektors oder einer Schulrektorin erlebt hat, kann sich vorstellen, dass die regelmäßige Teilnahme an solchen Veranstaltungen durchaus die Lage schafft, gehörig traumatisiert zu werden. Zu sehr existiert ein Protokoll, das von Erinnerungen und Persönlichem, dem konkreten Schulalltag, allgemeinen pädagogischen Statements bis zu dem Recht eines jeden, der einmal eine Schule betreten hat, etwas zu sagen, reicht. Es dauert Stunden, beginnt zumeist mit einstudierten Musikstücken der Schülerinnen und Schüler, Reden aus dem Regierungspräsidium mit uralten Zitaten aus den Personalakten der zu Verabschiedenden, salbungsvollen Worten von Kolleginnen und Kollegen, politischen Statements zur Schulpolitik von Kommunalpolitikern, mal schnippischen, mal nostalgischen Worten der Elternvertreter etc. bis hin zu besonderen Überraschungen aus der Lehrerschaft, die durchaus schon einmal in einem Hasenballett der Lehrerinnen und den ersten Anzeichen von Wahnsinn in den Gesichtern der Besucher enden kann.

Diese Veranstaltungen sind, vor allem auch wegen der pädagogischen Aussagen, hervorragend für diagnostische Zwecke geeignet. Nur in selteneren Fällen entsteht auch der Eindruck, dass Schule durchaus etwas mit dem zu tun hat, wofür sie eigentlich vorbereiten soll, nämlich mit dem Leben. Da fällt mir persönlich eine Rektorenverabschiedung ein, die so ganz anders verlief, weil der Rektor, der da verabschiedet wurde, eine Persönlichkeit war, die eigentlich nicht in das Schema des Regierungspräsidiums passte, allerdings in der Stadt, in der er tätig war, durchaus geschätzt wurde. Es handelte sich um den Rektor einer berufsbildenden Schule, in der es vor allem um Industrie-technische Ausbildungen ging. In diese Schule ginge mehrere tausend Schüler, die nicht unbedingt zu einem pflegeleichten oder esoterischen Publikum gerechnet werden konnten. Der Rektor hatte dort mehr als zwanzig Jahre lang den Laden geleitet, und alle attestierten ihm es sehr erfolgreich gemacht zu haben. Das Programm der Veranstaltung war auf Wunsch des Rektors auf das Wesentliche reduziert worden.

Die entscheidenden Sätze fielen, als der bereits festgelegte Nachfolger, ein dort bereits seit geraumer Zeit aktiver, jüngerer Lehrer ans Podium ging, sich bei dem scheidenden Rektor bedankte und ihn fragte, wie man es mache, so erfolgreich wie er zu sein. In seiner Schlussbemerkung griff dieser die Frage noch einmal auf und antwortete sehr knapp, ihm sei es immer darum gegangen, Entscheidungen zu treffen, die mal die richtigen und mal die falschen waren. Die falschen, für die er immer wieder Schläge bekommen hätte, seien die wichtigeren für ihn gewesen. Denn der Lernprozess, dem sich ein Mensch stellen müsse, wenn er etwas bewegen wolle, sei eine Aneinanderreihung von Irrtümern und Niederlagen. Und auch damit müsse man umzugehen lernen, sonst befürchte er Schlimmes.

Diese Worte erstaunten das Publikum, weil sie nicht zu den zitierten pädagogischen Leitsätzen passten, die vielleicht als Mainstream des Schulwesens identifiziert werden könnten. Die Sicherheit, mit der der beschriebene Rektor das Scheitern zu einem festen Bestandteil eines weiterbringenden Lernprozesses beschrieb, steht im Gegensatz zu dem Versuch, auch die fehlerhaften Versuche als wunderbare Leistungen anzupreisen, weil sie das Ergebnis eines energetischen Aufwandes an sich sind. Das Ergebnis ist die Umwandlung der Pädagogik in einen therapeutischen Zugang, der von der wesentlichen Zweckbestimmung ablenkt. Das Lob für den bloßen ersten Versuch scheint deplatziert zu sein, wenn es erst gar nicht mehr dazu kommt, den zweiten, dritten oder vierten Anlauf honorieren zu müssen, weil nicht eine, sondern mehrere Niederlagen zwischen dem Scheitern und dem Beherrschen liegen.

Bürokraten, diesseits und jenseits des Rheins

Es ist ein Kuriosum. Vor allem Deutschland und Frankreich können historisch als die Länder betrachtet werden, die sich bei der Organisation der bürgerlichen Gesellschaft in hohem Maße verdient gemacht haben. Während die Revolution im Wesentlichen und mit Wucht in Frankreich zuhause war, konnten die Deutschen damit weniger anfangen. Dafür taten sie, besonders in Preußen das, wofür sie schon immer weltweit bekannt sind: Sie bauten Systeme auf und organisierten sie. Die Verwaltung der bürgerlichen Gesellschaft, an der auch die Franzosen sehr erfolgreich und vielleicht gegen ihr Naturell gearbeitet haben, ist ein entscheidender Baustein der bürgerlichen Gesellschaft.

Vielleicht hat es doch mit der Revolution zu tun, dass man in Frankreich durchaus die Formulierung zu hören bekommt, bei dieser oder jener Person handele es sich um einen Spitzenbürokraten oder eine Spitzenbürokratin. Dass ist ernst gemeint und vor allem als außergewöhnliches Lob zu verstehen. In Deutschland wäre ein solcher Kommentar hingegen undenkbar, weil die Bürokratie generell unter dem Stigma leidet, sie sei unsensibel, mache alle gleich und vor allem von den wahren Verhältnissen, in denen die Menschen leben, weit entfernt.

In diesem Kontext fällt mir immer die Episode ein, dass mir gerade indonesische Kolleginnen und Kollegen, die sehr unter einer individualisierenden und einzelfallbezogenen Bürokratie litten, wie sie selbst sagten, sprich einem Apparat, der auf Beziehungen und monetären Zuwendungen beruhte, ihre Auffassung zu Protokoll gaben, dass sie ein Land wie Deutschland beneideten, weil die Bürokratie alles gleich mache und ohne Einfluss von irgendwo ihren Gang ginge.

Ein anderer Zugang ist der etymologische. Bürokratie heißt, wörtlich übersetzt, die Herrschaft des Büros. Das ergibt natürlich keinen Sinn, denn eine Organisationsform der Gesellschaft, der Arbeit oder des Sports etc. sollte nicht das Maß dessen sein, wohin sich die Körperschaft entwickelt. Das riecht fürchterlich nach Selbstzweck und erklärt das Ressentiment, das in Deutschland herrscht. Mangels Revolution hat sich dort der Selbstzweck, zunächst durchaus in staatsräsonaler Absicht, weit in der Vordergrund drängen können, weil mangels demokratischer Revolution der Konnex zu dem sozialen Ereignis nicht hergestellt werden konnte. Die französische Variante hatte es da leichter. Dort wurden die Bürokraten willkommene Helfer, um die Revolution in den Alltag zu gießen. Die Arbeit mochte niemand so richtig, aber diejenigen, die sie zu verrichten vermochten, genossen und genießen hohes Ansehen.

In Deutschland hingegen, wo die Organisation an sich bereits eine hohe erotische Ausstrahlung hat, laufen diejenigen, die sich mit ihr befassen, immer wieder Gefahr, ihr Geschäft überzubewerten und ohne Skrupel zum Selbstzweck werden zu lassen. Das ist immer wieder gefährlich, weil es einen gesellschaftlichen Überdruss erzeugt, den die Politik dann irgendwie kanalisieren muss. Die Lobby der Bürokraten ist in Deutschland ausgenommen stark und nicht selten bestimmt sie die Politik anstatt dass die Politik die Bürokraten vor sich her treibt. Das ist in Frankreich immer noch anders, auch wenn ebenfalls immer einmal wieder eine bestimmte Eigendynamik zu verzeichnen ist.

Der Sinn von Bürokratie ist es, den Zweck der Organisation, von der Gesellschaft bis hin zum kleinen Verein, zu einem möglichen Ziel zu machen. Die Probleme und Routinen des Alltages sind von ihr so zu gestalten, dass sich die Beteiligten zurecht finden und zu ihrem Recht kommen. Der eigentliche Zweck jedoch sollte immer eine höhere Kategorie sein als die temporären Bedürfnisse der Bürokraten. Wenn dem so ist, dann stehen die Verhältnisse auf dem Kopf.