Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Südliche Systeme, westliche Euphorie und zentraler Wille

Was ist mit einem Gebilde los, in dem sich die einzelnen regionalen Qualitäten geographisch verschieben? Das ist nicht nur eine interessante, sondern vielleicht auch die alles überragende Frage einer systemischen Analyse Europas. Wie immer mit einem zwinkernden Auge, denn natürlich ist das alte Jägerspiel, der Fußball, nur etwas für Jungen, die gerne träumen und mit der Realität, so wie sie viele Frauen sehen, nichts zu tun hat. Selbstverständlich vermeintlich. Denn, so trotzen die verschmähten maskulinen Perspektiven, warum sollte eine Welt wie die Politik, in der zumeist die Männer noch das Sagen haben, warum sollte diese Welt nicht so funktionieren wie das Männer- und Jägerspiel Fußball? Lassen wir es wirken!

Zurück zur Ausgangsfrage. Der Verlauf des Turnieres, das, auch das muss gesagt werden, eigentlich noch gar nicht begonnen hat, zumindest was die Echt-Auftritte anbelangt, der Verlauf des Turnieres hat dennoch bereits gezeigt, dass in Europa momentan so etwas wie das Upside-Down-Syndrom zu verzeichnen ist. Der Süden, der sonst für Spontaneität und Lebensfreude steht, entpuppt sich vor allem mit Spanien und Italien als eiskalt kalkulierendes Theoriegebäude kantischer Dimension. Wie auf dem Schachbrett der Welterklärung werden dort nach einem eisernen System die Figuren verschoben und das, was den Süden ansonsten so sympathisch macht, das Feuer und das Gefühl, das ist verbannt und liegt im Eisfach.

Der Westen, der immer getragen war von Abenteuerlust und Eroberungsphantasien, der spielt mit den Teams England und Frankreich feurig auf, erscheint aber etwas konzeptionslos und macht trotz aller Wucht einen fragilen Eindruck. Da wird es reichen, das eine kalte Schnauze auftaucht, die einen kühlen Plan umzusetzen weiß, und die alten Antipoden des hundertjährigen Krieges werden einstürzen wie die Holzscheite am heidnischen Osterfeuer.

Das Zentrum schließlich, das sich so fühlte wie am Dirigentenpodest, wähnt sich noch in einer Probe und fuchtelt mit dem Stab recht wirr in der Luft herum. Ob der deutsche Dirigent in der Lage ist, mit seiner Partitur die einzelnen Sätze zu einem harmonischen Auftritt zu bewegen, wird von vielem abhängen, letztendlich von der Überzeugung, dass es alle wollen. Saturiertheit war schon oft der größte Feind erfolgreicher Armeen. Einmal siegreich und vollgefressen und selbst armselige Räuberbanden hatten ihre historische Chance.

Über die Gewalt, in die sich ganz Europa zunehmend manövriert, wurde bereits berichtet, über die Privatisierungsnummer á la UEFA noch nicht genug. Das Vermarktungsmonopol bringt es mit sich, dass sich diese Organisation tatsächlich aufführt wie ein Monopol aus alter Zeit. Es herrscht Zensur, Informationen werden gezielt gestreut und gesetzt, Bilder werden nur gezeigt, wenn die Absicht der Manipulation gestützt wird und sanktioniert wird jeder, der sich dem Monopol und seinen Vorgaben widersetzt. Wie abgeschlunzt ist doch ein System, in dem nach Gewalttätern genauso gefahndet wird wie nach einem Spieler, der einem Fan einen Gefallen tun will!

Und auch da ist die Analogie einmal wieder angebracht. Wie steht es um die europäischen Organisationen, wenn sie wie die Dampfwalzen über den Sinn der ganzen Veranstaltung hinwegrollen? So wie die europäische Politik nicht bestimmt werden kann von Bürokraten, wenn sie erfolgreich sein soll, so kann der Fußball nicht gedeihen, wenn Bürokraten ihre Machtphantasien ausspielen und den möglichen Reichtum an Ideen im Keim ersticken. Das Publikum mag sich drehen und wenden, wie es will: Wer hinschaut, kann richtig etwas lernen!

Die Tragik kannte lange Zeit kein Ende

Maria Schrader. Vor der Morgenröte

Es sind die letzten Kapitel in einem Leben voll von Opulenz. Opulenz von Bildung, Opulenz von bürgerlicher Lebensweise, Opulenz von politischer Katastrophe und die Opulenz eines Gegenbildes zum eigenen Leben. Maria Schraders Film Vor der Morgenröte, dessen Titel eine Zeile aus Stefan Zweigs Abschiedsbrief ist, hat die letzten Exilstationen des großen österreichischen Erzählers eingefangen. Josef Hader, der bekannt ist durch seine Fähigkeit, das Grobschlächtige und Böse darzustellen, gelingt es, den feinsinnigen Intellektuellen mit gebrochenem Herzen in eine Präsenz zu zaubern, die angesichts der Aktualität des Exilthemas angebracht ist.

Stefan Zweig gehörte sicherlich zu den Schriftstellern im Exil, die durch ihren bereits vor der nationalsozialistischen Katastrophe erlangten Weltruhm Zugänge fanden, die anderen verwehrt blieben und über Mittel verfügten, die ein halbwegs erträgliches Leben in der Fremde zu führen ermöglichten. Aber es waren wenige Privilegierte, wie noch Thomas Mann und Lion Feuchtwanger, deren Exil sich so gestalten ließ, dass sie dem Metier der Schriftstellerei im Großen und Ganzen treu bleiben konnten.

Stefan Zweig, der Feinsinnige, der mehrere Sprachen sprach, der das europäische Kulturerbe mit sich herumtrug, der das ganze Arsenal der Psychoanalyse in seinem Werk zur Anwendung bringen konnte, der die Geschichte Europas immer wieder versuchte in ihren aktuellen Botschaften darzustellen, dieser Stefan Zweig gehörte nun auch zu dem großen Heer derer, die dort, wo ihre Sprache gesprochen wurde, kein Gehör mehr fanden und sich in einer Welt zurechtfinden mussten, die sich gegen das faschistische Deutschland zu formieren begann und die die Verjagten zu instrumentalisieren suchten. Genau dagegen wehrte sich Zweig, was sicherlich auch zu Enttäuschungen bei Kollegen führte. Zweig sprach aus der Ferne nicht gegen Deutschland, sondern stets für seine Vision von einem gerechten Europa. Das reichte vielen nicht.

In dem Film Vor der Morgenröte wird der Grundkonflikt des Exilanten nur sanft berührt und nimmt nicht die Dimension ein, die er in realiter hatte. Darunter leidet der Film allerdings nicht. Die Auseinandersetzung zwischen den Exilanten drehte sich immer um den Punkt, ob jetzt so etwas wie Littérature engagée an den Tag gelegt werden musste, in dem sich die Schriftsteller der Tagespolitik widmeten oder ob das zu schaffende Kunstwerk trotz des Grauen an dem Anspruch von Wahrheit und Grundsätzlichkeit zu messen sei. Zweig bleib bei letzterem und nahm dafür Anfeindungen in Kauf.

Wie ein schleichendes Gift hingegen lähmte ihn der schleichende Verlust des Erzählraumes in seinem Gedächtnis, das Bewusstsein, irgendwann nicht mehr die Sicherheit zu haben, das europäische Leben in seiner kulturellen Tiefe darstellen zu können, weil er sich nicht mehr darin befand und weil ihn dort als Stimme niemand mehr vermisste. Dieser nagende Zweifel erreichte nahezu alle, die aus dem den Untergang exportierenden und selbst untergehenden Deutschland in die Welt geschleudert wurden und die, um mit Zweigs Worten zu sprechen, die Träger des Geheimnisses des künstlerischen Schaffens waren.

Vor der Morgenröte fängt viele Momente ein, die auf den sukzessiven Verlust dieser Sicherheit hinweisen und die die Trauer vermitteln, die damit verbunden ist. Der Kontrast des üppigen, tropischen und bunten Brasiliens, der letzten Exilstationen Zweigs, zu dem Leben eines älter werdenden Mannes, der sich seiner kulturellen Wurzeln zunehmend beraubt fühlt, dieser Kontrast führte wohl zu der Hoffnungslosigkeit, die Zweig und seine Gefährtin zu dem trieben, was die kulturelle Nachwelt noch mehr demoralisierte. Die Tragik kannte lange Zeit kein Ende.

Last Exit Brexit

In der Literatur ist ein Schild mit dem Hinweis Last Exit in der Regel der Verweis auf eine gefährliche Situation. Vor allem in New York, denn wer da eine Abfahrt sogar verpasst, der kann im wahren Sinne des Wortes in Teufels Küche landen. Da geht es darum, dass das Verpassen einer Abfahrt bedeuten kann, in unbekanntes und lebensgefährliches soziales Gefilde zu kommen und dort mit Sicherheit untergehen zu können. In Tom Wolfes Roman Jahrmarkt der Eitelkeiten wird dies nicht nur deutlich, sondern zur Metapher schlechthin. Wer sich in der Welt Metropole verfährt, der ist auf Todeskurs. Und dort, wo momentan auch von einem Exit gesprochen wird, in Großbritannien, ist die Begrifflichkeit des Todeskurses nicht nur nicht deplaziert, sondern sie beschreibt eine mittlerweile alte, längst bekannte Weise der insularen Politik.

Großbritannien ist das Beispiel für einen suizidalen Kurs der eigenen Politik schlechthin. Das Gift, dass sich das Land seit nunmehr 35 Jahren kontinuierlich auf den Frühstückstisch legt, heißt Neoliberalismus und hat eine ähnliche Langzeitwirkung wie Opium. Vielleicht ist es auch das, was die Ironie der Geschichte genannt wird, dass nun das Kapitel im finalen Akt des Untergangs des einstigen Empires schreibt. Ausgerechnet jene Macht, die ihre asiatische Dominanz mit dem militärisch abgesicherten Opiumhandel nach China über große Zeiträume untermauerte, liegt jetzt da wie auf einer schäbigen Matte in einer hoffnungslosen Opiumhöhle und halluziniert ausgezehrt einem vermeintlich erlösenden Ende entgegen.

Der Neoliberalismus, genauer gesagt seine Inthronisationsmegäre Margaret Thatcher und alle die folgten, inklusive der verhängnisvolle Tony Blair, veranstalteten einen langen, kontinuierlichen Akt der Dekonstruktion. Das Mutterland des Kapitalismus, von dem aus durch Wertschöpfung der Welthandel revolutioniert wurde, bekam die glimmende Pfeife gefüllt mit der euphorisierenden Droge, die suggeriert, dass sich Wohlstand erreichen lässt ohne Leistung und Anstrengung, zumindest der jeweils eigenen. Systematisch wurde die Gesellschaft entstaatlicht und alles privatisiert, was sich versilbern ließ. Die Wertschöpfung wurde schlichtweg liquidiert, es begann mit den Gruben und Stahlhütten, es folgte alles, wozu es eines Proletariats bedurfte. Heute lungern ca. vier Millionen Proletarier in Englands Ghettos oder in fremden Fußballstadien herum, die niemand mehr braucht.

Stattdessen wurde das Heil gesucht in der Börse. Folglich wurde aus London das, was Gerhard Zwerenz einmal so treffend mit der Formulierung Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond beschrieben hat. In die City of London kann man tagsüber noch zu Besuch, wohnen kann da kaum noch ein Brite, weil es schlichtweg nicht mehr bezahlbar ist und manche Makler scherzen bereits, die Nuller auf dem Preisschild seien noch nie ihre Sorge gewesen. Ganze Straßenzüge werden bewohnt von den Börsenterroristen dieser Welt, die weitaus mehr Schaden anrichten als die armen Seelen, die mit veralteten Knarren ihr Teufelswerk untermauern.

Und nun, da Großbritannien auf der Matte liegt, taucht am Horizont der Verwüstung die Schimäre vom Brexit auf, die suggeriert, die Schwäche des Landes resultiere aus der Anbindung an einen Markt, der bestimmte Standards verlange. Die Antwort wäre zwar eine andere, denn wer keine Werte mehr schafft, der darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann, wenn das Familiensilber verhökert ist, mit leeren Händen auf dem Markt erscheint. Die Perspektive, die sich hinter dem Brexit für das Land zeichnen lässt, ist denn auch wirklich nur noch im finalen Opiumrausch zu ertragen. Ein Land voller Gewalt, ein Land ohne Zukunft, ein in den Atlantik vorgeschobener, öder Posten der USA.