Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Das Streben nach Bedeutung

Nietzsche verglich die Verweildauer der Menschheit in der kosmischen Existenz mit dem Moment, den der Ochse brauche, um ein lästiges Insekt abzuschütteln. Damit wählte er zum einen eine Metapher, die über die Kürze der Zeit hinaus der Menschheit noch weniger schmeichelte und den Kosmos als Träger der Last Menschheit auch nicht verschonte, und zum anderen übertrieb er sogar die Dauer menschlicher Existenz. In Wahrheit ist sie kürzer, nur verglichen nach der Dunkelheit als Folge des Urknalls, die ihrerseits 700 Millionen Jahre dauerte, bevor es Licht wurde.

Angesichts dieser Erkenntnis wäre es befremdlich zu beobachten, mit welcher Inbrunst einzelne, zahlenmäßig nicht zu unterschätzende Exemplare dieser Spezies nach Bedeutung streben. Sie opfern ihre Energien dafür, sind sind bereit, andere Zeitgenossen dafür über die berühmte Klinge springen zu lassen und sie lassen sich durch keine persönliche Niederlage davon abbringen, das zu erreichen, was sie als die große Bedeutung begreifen. Und selbst wenn sie um die Vergänglichkeit der humanen Welt wissen, lassen Sie von ihrem großen Unterfangen nicht ab.

Die Erklärung für diese unsinnige Verwegenheit liegt in etwas begründet, das unabhängig von der Determination der menschlichen Rasse und seiner historischen Verweildauer liegt. Es ist das innere Bild, das sich das Individuum von sich selbst macht. Gemäß der vorgegebenen Sozialisationsparameter stehen dort bestimmte Werte, die von Elternhaus, Umgebung und Schule vermittelt werden und die vielleicht auch bereits intrinsisch vorhanden sind. Dort steht allerdings weniger die Bedeutung als Kriterium der Abhebung von den anderen, doch das Gefühl, das in Situationen der Niederlage entsteht, weniger bedeuten zu können oder weniger Wert zu haben als andere, führt zu einer Traumatisierung, die in der Lage ist, Energien freizusetzen, die nicht mit dem, was immer auch erreicht wird, korrespondieren.

Dem Streben nach Bedeutung soll hier auf keinen Fall der Müßiggang der Besserwisser entgegengestellt werden. Diese Reaktion liegt vielen Vertretern der Erkenntnis der zum Teil pathologischen Bedeutungssucht nahe, aber es ist die falsche trotz richtiger Wahrnehmung. Bedeutungssucht als pathologisch zu beschreiben ist das Eine, das Desinteresse und die Faulheit als Medikation zu verschreiben das Andere, aber Falsche.

Das konstruktive Pendant zum Bedeutungssüchtigen, der ständig am ganz großen Rad dreht und dabei sein eigenes, profanes Leben verpasst, findet sich durchaus im realen Leben. Es sind diejenigen, die ihre Bestimmung darin sehen, etwas zu vollbringen, was sie sich vorgenommen haben und die die Mittel, die sie dazu benötigen, nach dem Aspekt des Nutzens und nicht der Bedeutung auswählen. Es sind genau die Gestalten, von denen der Volksmund sagt, dass sie verbunden sind mit der großen Masse, dass sie die Erdhaftung nicht verlieren, was immer sie auch Großartiges tun und die selbst in ihrem größten Erfolg mit einer Bescheidenheit daherkommen, die von den Bedeutungssüchtigen als grenzenlose Dummheit betrachtet würde. Denn wenn du Erfolg hast, so ihr Denken, dann musst du die Gunst der Stunde nutzen und dir für alle sichtbare Statussymbole geben lassen, sodass deine Bedeutung allen noch sichtbarer wird und nie verblasst.

Es geht also auch hier um die Frage, ob, bei aller Kurzfristigkeit der menschlichen Existenz, ein Streben nach persönlichem Ruhm das Movens ist oder der Wunsch nach Gelingen. Person oder Funktion, individuelle Bereicherung oder Entwicklung des sozialen Gefüges, trotz zeitlicher Begrenztheit der gesamten Wirkung. Ein Spiel, das nichts entscheidet und dennoch entscheidend ist, für das Glück des Augenblicks.

Ein Thrill und Historisches vom Balkan und der Schweiz

Philip Kerr. The Lady from Zagreb

Der britische Autor Philip Kerr ist bereits seit Jahren mit einer Kunstfigur unterwegs, die eine sehr heikle Mission verfolgt. Heikel im jeweils vorliegenden Narrativ, aber wohl noch heikler in ihrem eigenen Konstrukt. Es handelt sich um den Berliner Kriminalpolizisten Bernie Gunther, seinerseits ehemaliges Mitglied der Mordkommission, im Laufe der Machtergreifung der Nazis aber als bekennender Sozialdemokrat trotz exzeptioneller Fähigkeiten nicht geeignet für eine weitere Karriere. Ganz im Gegenteil, was Gunther überhaupt im Polizeiapparat hält, sind seine außergewöhnlichen Talente, auf die auch die Nazis nicht verzichten wollen. Gunther selbst such seinen Weg zu überleben, indem er den ständigen Drahtseilakt vollzieht zwischen Kompromiss und Subversion, immer den Abgrund vor Augen.

Das heikle an der Figur Bernie Gunther ist diese historische Konstellation, die im Metier des Kriminalgenres sehr schnell abgleiten kann in eine Form der Kolportage, die das historische Drama, das die Folie der Handlungen bildet, beschädigt und bagatellisiert. Das Erstaunliche ist jedoch, dass es Philip Kerr gelingt, diesen Absturz zu verhindern und darüber hinaus noch bestimmte Phasen in der Zeit des Nazi-Imperiums mit durchaus neuen und interessanten Aspekten zu beleuchten.

Mit dem Roman The Lady from Zagreb ist Kerr wiederum eine sehr anregende, manchmal vielleicht mit bestimmten historischen Aspekten überladene und etwas konstruierte Erzählung gelungen, die jenseits der sich aneinander reihenden Kriminalfälle geopolitische Aspekte der Kriegsjahre 1943 ff. ins Rampenlicht rücken. Jenen, die den Thriller für sich behalten wollen, sei das natürlich überlassen, es ist jedoch nicht zu viel verraten, von den Spots, dem Balkan wie der Schweiz ein kurzes Szenario zu entwerfen.

Durchaus glaubhaft und historisch belegbar wird von der deutschen Präsenz auf dem Balkan berichtet, von den Verbindungen vor allem zu den kroatischen Faschisten und deren Gräueltaten gegenüber allem, was Serbisch ist. Auch dort gab es Konzentrationslager, nur dort wurden sie von der kroatischen Terrororganisation Ustascha in einer Art und Weise geführt, dass selbst die SS den Atem anhielt und sich voller Ekel abwandte. Insgesamt ist der Balkan für die deutschen Nazis eine sehr unangenehme Erfahrung gewesen, die auf den dort üblichen Grausamkeiten beruhte, was angesichts der Schuldliste der Nazis fast wie eine Unmöglichkeit erscheint. Als Randnotiz sei erwähnt, dass allerdings genau die Bündnisse, die aus dieser Zeit stammen, zur außenpolitischen Neupositionierung der Bundesregierung nach dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990iger Jahren geführt haben. Die alten Bündnisse funktionieren noch und es ist an Absurdität nicht zu überbieten, dass ausgerechnet die moralische Keule gegen Serbien bei der Vorbereitung einer militärischen Operation ausgepackt wurde.

Das andere, in The Lady from Zagreb ausgepackte Thema ist das Verhältnis der Nazis zur offiziell unabhängigen Schweiz. Kerr zeigt in seinem Krimi sehr gut, wie groß die beiderseitigen Abhängigkeiten waren. Hier die Schweiz, die nur mit deutschen Devisen die Neutralität durchhalten konnte und aufgrund dessen mit den Nazis immer wieder Geschäfte machte, die in der offiziellen Geschichtsschreibung des Landes keine besondere Hervorhebung genießen. Und dort ein in der Administration gespaltenes Deutschland, das einerseits ständig die Invasion der Schweiz gedanklich durchspielte und andererseits in einer neutralen Schweiz das Tor zu Verhandlungen nach einem möglichen Ende des Monsters sahen.

The Lady from Zagreb ist ein Kriminalroman, der neben der eigentlichen Handlung vieles abwirft, das Gegenstand weiterer Betrachtung sein sollte. Insofern handelt es sich auch hier um ein Exemplar, das weit über vielen anderen des Genres steht.

Staatsfernsehen

Der konservative Kanzler Kohl und der ebenso konservative Bundespräsident Herzog waren weitsichtige Männer. Sie fädelten bereits vor dreißig Jahren das ein, worüber sich halbwegs analytisch denkende Menschen jeden Tag erzürnen müssen. Es ist die Befindlichkeit in der gegenwärtigen Medienlandschaft. Helmut Kohl setzte, im Zusammenspiel mit einem Förderer der CDU, dem Medienmogul Leo Kirch, die Etablierung des Privatfernsehens durch, das es bis dahin nicht gab. Die damals formulierte Kritik an kaufbaren Medien, die zur Massenmanipulation geeignet sind, griff Herzog als Präsident des Bundesverfassungsgerichtes auf und sicherte den öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten ein dauerhaftes Monopol zu. Beide Politiker argumentierten, es müsse einerseits die Freiheit geben, selbst auf Sendung gehen zu können und andererseits gesichert sein, dass eine kritische Reflexion von Politik mit einem öffentlichen Auftrag gesichert sein müsse.

Bei Einführung des Privatfernsehens wurde viel über die zu erwartende Qualität spekuliert. Und die Kritiker schienen Recht zu behalten, die ersten Produktionen, die auf Sendung gingen, waren scheußlich und ständig von Werbung unterbrochen. Schnell etablierte sich ein Unterschichtenfernsehen, das sich in den Untiefen sozialer Tristesse und persönlicher Verzweiflung aalte und lange Zeit schien es so, als sei die Existenz zweier Rundfunk- und Fernsehwelten, die sich gravierend voneinander unterschieden, gesichert. Womit kaum jemand gerechnet hatte: nicht die privaten Anstalten orientierten sich qualitativ an den öffentlich-rechtlichen , sondern umgekehrt. Die Einschaltquoten wurden zum Maß aller Dinge und der unaufhaltsame Fall der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten konnte beginnen.

Die heutige Situation stellt sich dar als ein im Vergleich zu früheren Jahrzehnten verheerend unkritischen Journalismus und einer gefärbten wie selektiv betriebenen Information. Wer hätte gedacht, dass sich irgendwann einmal Bürger der Republik bei ausländischen Medien informieren müssen, um sich ein Bild darüber machen zu können, was auf der Welt passiert. Die Erfahrungen, die dabei entstehen, sind entsetzlich, denn es stellt sich heraus, dass sich das staatlich geschützte Monopol, dass als demokratische Kontrollinstanz gedacht war, als ein Staatsfernsehen reinsten Wassers verfestigt hat. Zudem ist es regelrecht unterwandert von US- geförderten Journalisten. Das Personal besteht zum einen aus diesen Boten amerikanischer Think Tanks und zum anderen aus dem schwülstigen Demokratieproporz der ökologischen Erwachungsphase, das über die Phase der political correctness nun das Stadium der Kriegstreiberei erreicht hat.

Ganz nach dem Motto, komm, wir spielen Konsensdemokratie, hat sich, wie anders zu erwarten und von den Privaten als Pilot vorgemacht, ein Talk- und Moderationsformat etabliert, in dem nur zugelassene Positionen austariert werden. Analysen, die in die Tiefe gehen, finden nicht statt und sobald Positionen vertreten werden, die nicht der Intention entsprechen, werden regelrechte Kampagnen gegen deren Vertreter gefahren. Die Stars sind die Moderatoren, die bis zu 100.000 Euro pro Sendung einstreichen. Sie sind die Ideologen, für gute Journalisten in den Nachrichtensendungen ist angeblich kein Geld da. Eine Reform von Innen heraus und mit diesem Personal, scheint nicht mehr möglich zu sein.

Die alte Weisheit der südamerikanischen Revolutionäre, dass du die Lehrer, die Redakteure und die Polizisten brauchst, um die Verhältnisse zu ändern, hat nicht an Bedeutung verloren. Das Bildungssystem ist durch Diffusion wirkungslos, der Polizeiapparat noch das am besten erreichbare Organ, weil dort direkte Erfahrungen mit den tatsächlichen Lebenswelten vorliegen, und die öffentlich-rechtlichen Medien haben ihren Tiefpunkt erreicht. Aber es ist besser, sich der Wahrheit zu widmen als sich in der Illusion zu verlieren.