Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Wie sähe das aus?

Wie sähe das aus? Was wäre zu tun, um die Fluchtursachen im Nahen Osten zu bekämpfen? Bevor Sie an Syrien, die Türkei oder den Libanon denken, richten Sie Ihren Blick bitte nach Washington D.C.. Dort wurden bereits vor 15 Jahren Pläne ausgebrütet, die immer wieder unter dem Namen Regime Change auftauchten. Bereits im Jahr 2001 wurden sieben Länder identifiziert, in denen ein Regime Change stattzufinden haben. Darunter waren Libyen und Ägypten, aber auch Syrien. Und es ging dabei nicht um Demokratie. Es ging um Rohstoffe, die sich das Imperium sichern wollte. So einfach ist das. Es lässt sich alles dokumentieren.

Diese Wahrheit darf jedoch nicht gesehen werden. Um dies zu vermeiden, hat ein in Deutschland installiertes, durch Zwangsgebühren finanziertes Monopol die Rolle der propagandistischen Regie übernommen. Alles, was über die Länder, in denen der Regime Change berichtet wurde und wird, ist in Zweifel zu ziehen. Der Grund: Wer so viel lügt wie die öffentlich-rechtlichen Dogmatismus-Anstalten hat das verwirkt, was bei der Übertragung von Informationen das Wichtigste ist, nämlich das Vertrauen. Wir kennen das aus dem großen Fundus unserer kollektiven Erfahrung: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, heißt es da. Und wer immer lügt, wie im Falle Syriens, dem könnte man wünschen, dass er nicht im Bett stürbe. Denn die verbreiteten Lügen dienen der Vernichtung des syrischen Volkes und seines Rechtes auf Souveränität. Nie war der Staat, der der NS-Vergangenheit entsprang, so auf Seiten des Unrechts wie in diesen Tagen. Ein Tiefpunkt ist erreicht, der aus der Entwicklung zu einem Staatsmonopol resultiert. Die lebenswichtige Form der Opposition wurde gemeuchelt, der angebliche gesellschaftliche Konsens mutierte zur Doktrin.

Dass ein Krieg, der seit Jahren geführt wird, dem tausende von Zivilisten zum Opfer fielen und der fünf Millionen Flüchtlinge produzierte, dass ein solcher Krieg trotz aller medialer Propaganda irgendwann nicht mehr gerechtfertigt werden kann und in einem Schuldspruch finalisiert werden muss, war klar. Jetzt, nach fünfjährigen US-Bombardements, nach deutscher, britischer, französischer wie türkischer Intervention aus der Luft und zu Lande, jetzt wird ausgerechnet Russland zum Henker des syrischen Volkes erkoren. Dreister geht es nicht, und wer dieses Lied singt, der reiht sich in die Reihe der braunen Propaganda, aus der ein Stürmer hervorging, nahtlos ein. Es ist eine grausame Koinzidenz, aber wir müssen lernen, mit diesem Makel zu leben. Selbst siebzig Jahre nach dem Einsturz des tausendjährigen Reiches funktionieren immer wieder die bekannten Hebel der Mystifikation. Und heute, im Jahr 2016, wünscht man sich die schlesischen Weber eines Heinrich Heine herbei, die in das Leichentuch des alten Deutschland ihren Fluch einwebten.

Doch zurück zur Ausgangsfrage! Was müsste geschehen, um die Fluchtursachen zum Beispiel der Millionen Syrer zu bekämpfen? Vielleicht wäre es zunächst ein Hackerangriff auf die Aggressionszentralen des Imperiums dort drüben am Potomac. Sicherlich müssten auch die Energiewerke daran glauben. Wenn  Ballistik wie Propaganda nicht mehr funktionieren, dann braucht man auch keine völkerrechtswidrigen Drohnen. Das amerikanische Volk könnte vor dem Terror aus der Luft, mit dem immer mehr Länder überzogen werden, bewahrt werden. Sie könnten weiterhin ihre Grillpartys durchführen, nur für ihren Regime Change, da bekämen sie Exportverbot. Und vielleicht führte es auch zu Ergebnissen, wenn Onkel Sam mit ansehen müsste, wie den transeuropäischen Lakaien so langsam in den jeweils eigenen Ländern der Garaus gemacht würde. Ja, so könnte es aussehen.

Wann kommt der deutsche Trump?

Die Empörung ist groß. Immer, wenn der Name Donald Trump fällt, sind sich die Beobachter hierzulande schnell einig, dass diese Figur nicht nur ein Ärgernis darstellt. Nein, oft folgt im gleichen Atemzug die Äußerung, dass es sich bei diesem Gegenentwurf eines Politikers um ein typisches amerikanisches Dekadenzphänomen handelt. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass Trumps Gegenkandidatin Hilary Clinton in diesem Vergleich viel zu gut wegkommt, denn ihre Vita beinhaltet vieles, was vor allem europäische Friedensfreunde in hohem Maße beunruhigen sollte, ist die Aussage mehr als blauäugig. Denn der bisherige Erfolg Donald Trumps kann auch als eine Warnung angesehen werden. Er ist ein Vorbote für einen dramatischen Wechsel im politischen Geschäft weltweit.

Die Globalisierung mit ihren heutigen Konnotationen ist eine Epoche, die exorbitant viel von denjenigen verlangt, die sie noch lesen und verstehen wollen. Die einstige Nationalstaatlichkeit hilft schon lange nicht mehr dabei, das zu verstehen, was jedermann betrifft. Längst reichen nationale Aktionen nicht mehr aus, um dem zu begegnen, was die Globalisierung bewegt. Ein Grund dafür ist die Assistenz vieler nationaler Politiken, dem Agieren der Global Player aus einem nationalen Interesse zu begegnen. Ohne Gegenwehr wurde die Ideologie des sich selbst regulierenden Marktes übernommen und der Untergang ganzer sozialer Klassen begünstigt. Das Gesetz der maximalen Verwertung bei Plünderung nationaler Ressourcen von Mensch bis Materie wurde flankiert von einem Defätismus bei der Beteiligung derer an den entstandenen lokalen Kosten, die als die Gewinner aus diesem Prozess herausgingen, hat zu einer Demontage vieler Gemeinwesen geführt. Letztere wären jedoch der letzte Garant bei der Regulierung der gesellschaftlichen Kosten, die durch die ungezügelte individuelle Bereicherung entstehen.

Monokausale Ansätze zur Erklärung der destruktiven Prozesse nützen nichts mehr, denn sie greifen zu kurz. Das Verständnis der Globalisierung setzt die Fähigkeit voraus, Komplexität zu erfassen, Interdependenzen zu erkennen und die Verhältnisse nach den konvergierenden oder sich entgegenstehenden Interessen zu strukturieren. Mit dieser Aufgabe sind viele überfordert. Flankiert wird diese wachsende Unfähigkeit, die von der Klasse der Politiker über die Gruppe vieler Wissenschaftler bis hin zu den Wählerinnen und Wählern reicht, durch eine atemberaubende Erosion von Bildung und Wissen. Die Globalisierung hat mit der Digitalisierung der Kommunikation ein Höllentempo der Informationsweitergabe geschaffen, das vermeintlich keine Zeit mehr lässt für die ruhig und kühl angelegte Analyse. Dass letztere auch in den Bildungsinstitutionen ad acta gelegt worden ist, macht die desolate Situation perfekt.

Was passiert, wenn die Menschen zwar täglich die ganze Wucht der Veränderungen zu spüren bekommen, aber nicht mehr in der Lage sind, zu erklären, warum das so ist und woher das kommt? Sie suchen nach schnellen Erklärungen, die Sicherheit zurückbringen. Diese Erklärungen sind jedoch zumeist falsch und treffen das Phänomen nicht, aber sie beruhigen die Emotion und führen zu der vermissten Sicherheit. Die Reduktion von Komplexität kann bei der Analyse der Phänomene zwar helfen, aber die Komplexität selbst bleibt davon unberührt. Wem das ob des eigenen Vorteils egal ist, der haut in diese Kerbe.

Donald Trump ist so einer und die amerikanische Gesellschaft auch. Auch sie hat gerade in den letzten zwanzig Jahren traumatische Erlebnisse hinter sich und sucht nach Sicherheiten. Das liegt in der Natur der Sache und es wird dazu kommen, dass analoge Erscheinungen auch in der deutschen Gesellschaft greifen werden. Der Reflex gegen eine Politik, die die harten sozialen Schläge gegen wachsende Minderheiten mit sich bringt und die Unfähigkeit, die multiple Kausalität zu lesen, wird auch hier Figuren dazu animieren, den Trump zu machen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Klerikale Doppelmoral und investigativer Journalismus

Tom McCarthy. Spotlight

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ein Film über den Erfolg von investigativem Journalismus außerordentlich positive Resonanz erfahren hat. Selbstverständlich hängt das mit den skandalösen Zuständen zusammen, die aufgedeckt wurden. Dennoch spricht einiges dafür, dass die Tatsache an sich, d.h. die journalistische Attacke gegen ein regelrechte Festung des Schweigens und gegen massive Versuche aus der Stadtgesellschaft bis zum Ende geführt wurde.

Der Film Spotlight des Regisseurs Tom McCarthy zeichnet das Vorgehen eines Redaktionsteams des Boston Globe gegen die katholische Kirche in Boston. Damit ist auch schon gesagt, wieviel Courage und Entschlossenheit erforderlich waren, um ein erfolgreiches Vorgehen zu gewährleisten. Es ging historisch gesehen um die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs von Kindern durch katholische Priester in großer Anzahl. In Boston, der exterritorialen Hauptstadt des erzkatholischen Irlands, in der der Pietismus und die borniertesten Moralvorstellungen, die der Katholizismus zu bieten hat, als offizielle Version des Zusammenlebens gelten.

McCarthys Film besticht durch die trockene, manchmal spröde wirkende Art, wie die Story erzählt wird. Spannung im klassischen Sinne kommt nie auf, sondern es ist eher ein Mitfiebern beim Sezieren der Zustände. Ein neuer Redaktionschef kommt zu dem Blatt und ihm fällt eine kleine Notiz im Lokalteil über den Missbrauch eines Kindes durch einen Priester auf. Er setzt ein Team darauf an und bittet, nicht nur weitere Einzelfälle zu ermitteln, sondern das System zu durchschauen. Der Film handelt von dieser Arbeit, der es tatsächlich gelingt, ein System zu dechiffrieren, ein System, wie der zuständige Bischof mit dem Problem umzugehen pflegt.

Die wahre Geschichte ereignete sich um die Jahrtausendwende. Wie im Film wurden hunderte von notorisch Kinder missbrauchenden katholischen Geistlichen in den USA und anderen Staaten ermittelt. Der Bischof von Boston vertuschte die Fälle, indem er die Priester versetzte oder beurlaubte. Eine Art interne Ermittlung fand nie statt. Wissenschaftler, die sich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen auseinandersetzten, wiesen auf einen Konnex zum Zölibat hin und taxierten die Größe von sechs Prozent als die Quote von übergriffigen Priestern aus dem Gesamtbestand. In Boston waren das 87! Als die Artikelserie des Boston Globe erschien, meldeten sich noch unzählige Opfer und die Lawine kam ins Rollen. Letztendlich reagierte Rom und der Bischof von Boston wurde nach ebendort berufen. Aus dem Vatikan kamen Signale der Kenntnisnahme und das Versprechen, zu handeln. Wie, bei Beibehaltung des Zölibats, blieb allerdings schleierhaft.

Bei Spotlight handelt es sich um einen Film, der einerseits in beeindruckend unspektakulären Art und Weise zeigt, mit welchen Schwierigkeiten hartnäckiger Journalismus konfrontiert wird, vor allem, wenn er eine Wand des kollektiven Schweigens durchbrechen muss. Es ist den Produzenten zugute zu halten, dass sie nicht in die Falle liefen und wilde kriminelle Verhinderungsversuche mit absurd eingeflochtenen Sexualverwicklungen verbanden, um so etwas wie Kurzweil und Spannung zu erzeugen. Beides hat weder die historische Vorlage der Ereignisse noch das Thema selbst nötig. Dem Film gelingt es, die feinen, aber entscheidenden psychologischen Abhängigkeiten, Kämpfe und Verwerfungen, die im sozialen Umfeld der Akteure eine Rolle spielen, als das persönliche Kampffeld derer auszuweisen, die sich der Aufdeckung der Wahrheit verschrieben haben. Je unspektakulärer diese persönlichen Auseinandersetzungen zu sein scheinen, desto mehr Mut ist von den Beteiligten aufzubringen.

In einer Zeit, in der klerikale Doppelmoral nach wie vor das Dasein durchdringt und in einer Zeit, in der investigativer Journalismus eine immer schwierigere Existenz führen muss, ist der Film extrem geeignet, um sich mit beidem zu befassen.