Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Armes Amerika

So geht es selbstverständlich auch. Man beginnt ein Spiel mit einer Variante, die nicht ganz koscher ist. Während der ersten Züge sieht das noch einigermaßen akzeptabel aus, aber je länger das Spiel dauert, desto verstörender wird es. Die Variante stellt sich sehr schnell als nicht akzeptabel heraus. Die Gegenseite ist ebenfalls empört, erkennt aber bald, dass sie von der schmählichen Weise des Counterparts profitieren kann. Dennoch, auch die inakzeptable Variante kann punkten und die Unterstützer dieser Nummer ordnen ihr eigenes Unwohlsein dem Zweck des Gewinnens unter. Aber immer wieder kommen Dinge zum Vorschein, für die sie sich eigentlich schämen müssten. Nicht, dass dieses Spiel eine besonders moralische Angelegenheit wäre. Es geht schließlich um Macht und Geld. Aber dennoch: jedes Spiel hat einen Codex. Und wer, je weiter das unwürdige Treiben geht, mit seinem eigenen Gewissen zu kämpfen hat, der sucht nach einem Grund, im letzten Moment noch aussteigen zu können, um nicht für das verantwortlich gemacht zu werden, was als Ergebnis auf der Tafel steht.

Die amerikanischen Republikaner haben mit der Figur des Donald Trump ein Spiel eröffnet, das eine Besonderheit mit sich bringt. Es könnte nämlich ihr letztes sein, wenn sie es nicht gewinnen. Die USA befinden sich in einer gewaltigen Transitionsphase, sozial wie demographisch, und die weißen Ostküsteneliten, für die auch Hilary Clinton steht, kämpfen ihre letzten Schlachten. Nun versuchen sie alle zu mobilisieren, die von Verlust- und Untergangsängsten geplagt oder bereits in den Schredder der Verwertungsmaschine geraten sind. Ein Teil des Mittelstandes existiert nicht mehr, auf der anderen Seite hat sich in den wertschöpfenden Sektoren der Wirtschaft und an den Universitäten, übrigens im Gegensatz zu Deutschland, die Erkenntnis durchgesetzt, dass nur eine starke Gewerkschaftsorganisation und der politische Kampf dem freien Spiel der Kräfte Einhalt gebieten kann. Bernie Sanders von den Demokraten stand für diese Haltung.

Donald Trump, auf den sich die hiesigen Medien so gerne stürzen, stand von Anfang an für die nicht koschere Variante der Spieleröffnung. Dabei sollte bedacht werden, dass politisch noch weit schlimmere Prototypen bereit standen, die von ihrer politischen Programmatik Entsetzlicheres vertraten. Doch letztendlich entschieden sich die Republikaner für den Banausen, weil vieles den Anschein erweckte, dass er gut ankam und punkten konnte. Während des bisherigen Wahlkampfes hat er mit Provokationen und Dummheiten geglänzt. Sie waren furchtbar und es gab nur einen, der in den endlosen, seifigen Debatten dieser Kampfscheuche des untergehenden Republikanismus die Stirn bot. Es war der Vater des toten US-Soldaten, seinerseits Immigrant, der mit der amerikanischen Verfassung und den Menschenrechten gegen einen Schausteller zu Felde zog. Vielleicht wäre das das Format, das das Land angesichts seiner Situation brauchen würde. Aber davon ist weit entfernt.

Die Empörung, die jetzt auch aus den eigenen Reihen dem Kandidaten entgegenschlägt, weil ein Video aus dem Jahr 2005 aufgetischt wurde, in dem sich Trump als Sexist und Chauvinist gebärdet, ist reine Heuchelei. Die Distanzierung aus den republikanischen Reihen ist der Versuch, aus der ganzen Misere dieses Spielverlaufs wieder herauszukommen. Sie alle wussten vorher, wen sie da unterstützten und sie alle haben erst einmal darauf gesetzt, dass er punkten wird. Wieder einmal liefert das Land einen wunderbaren Beweis seiner Bigotterie. Die Alternative ist nicht besser. Armes Amerika.

Gegen die systematischen Vereinfacher!

Die Radikalisierung der Politik ist längst im Alltag angekommen.Gestern war so ein Tag, an dem es wieder einmal deutlich wurde. Zuerst mittags, nahe meinem Büro liegt die Post, konnte ich einen Mann beobachten, der wutschnaubend aus dem Gebäude gestürmt kam und immer wieder vor sich hin schrie Vielen Dank, Frau Merkel, das hätten wir auch wieder geschafft. Ein Blick in das Gebäude klärte mich auf: Die Schalter waren mit dem Hinweis auf eine Betriebsversammlung geschlossen. Der brüllende Postkunde war verärgert, weil er sein Geschäft nicht erledigen konnte und inszeniert war das alles von Frau Merkel. Schön, wenn für manche die Welt so einfach ist, aber eben auch besorgniserregend, weil, egal gegen wen, der Begründungsaufwand für eine hoch emotionale Ablehnung gegen Null tendiert.

Danach hatte ich eine Besprechung. Es ging um Projekte, um Personal, natürlich um Geld und es ging um Organisation. Gegen Ende der Sitzung kam ich, ich weiß nicht mehr warum, mit meiner Nachbarin in eine Diskussion um die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten. Sie sitzt in einem Aufsichtsgremium und warf sich sehr für die Institution ins Zeug. Ich erwiderte, dass ich sehr verärgert sei über die Entwicklung dieses staatlich sanktionierten Monopols, weil die Qualität immer schlechter werde und handfest bestimmte Stimmungen erzeugt würden, die sehr wenig mit der tatsächlichen Interessenlage zu tun hätten.

Sie hingegen erzählte, was die Klagen, die neue Rechte gegen die Medien in astronomischer Zahl führten, für eine Reaktion bei den dortigen Redakteuren auslösten. Sie hätte selbst beobachtet, wie souverän auftretende Vertreter des Fachs mit zittrigen Händen am Tisch gesessen hätten, wenn ihnen die angeblichen Vergehen und die damit verknüpften juristischen Folgen vorgelesen worden wären. Und sie frage sich, was so etwas mit diesen Menschen macht, um zu schließen, sie würden beim nächsten Mal anders berichten und dem Druck nachgeben. Diese Argumente konnte ich nachvollziehen, meine Kritik an der politischen Ausrichtung der Berichterstattung generell nahm ich nicht zurück. Genauso wenig hielt ich es für sinnvoll, mich auf einen Vergleich mit privaten Kanälen einzulassen, die das alles noch viel schlechter machten.

Wir haben uns nicht geeinigt, aber wir hatten eine gute Diskussion. Wir haben uns gegenseitig zugehört und über kontroverse Themen wie den Balkan, Syrien und die Ukraine gestritten. Und wir waren uns einig, dass gerade diese Form der Kontroverse leider nicht mehr zu dem gehört, was die Gesellschaft beherrscht. Der Streit nach Regeln, der Diskurs mit dem Ziel der Klarheit, ist in dem ganzen Konsensbrei der vergangenen Jahre und Jahrzehnte außer Mode gekommen. Der Spaß an der Polemik, bei der die Beteiligten für eine gewisse Zeit die rhetorische Peitsche herausholen, um sich danach die Hand zu schütteln, existiert nicht mehr. Die Zeit, dass rhetorische Virtuosität beeindrucken kann, ist vorbei.

Die Reduktion politischer Begründung auf offensichtlichen Schwachsinn gehört, neben einer möglichen Demontage der staatlichen Institutionen, zu den größten Gefahren, mit denen wir in der Krise konfrontiert sind. Ersteres politisiert die staatlichen Organe, letzteres senkt die Hemmschwelle für destruktive Manöver. Beides ist etwas, das wir mittlerweile jeden Tag erleben können. Beides ist aber etwas, auf das wir aktiv reagieren können. Es ist schon lange an der Zeit, Position zu beziehen. Nicht unter Gleichgesinnten, sondern sondern auch und vor allem gegen die systematischen Vereinfacher.

Neue Inquisitoren

Was geschieht, wenn ein einigermaßen aufgeklärter Mensch mit einer Meinung konfrontiert wird, die er selbst nicht teilt? Zunächst versucht er, die Kernaussage zu identifizieren. Dann rekonstruiert er den Gedankengang, der zu dieser Aussage geführt hat. Und wenn er – oder natürlich in allen Fällen sie – verstanden hat, wie diese Meinung gemeint und wie sie entstanden ist, dann formuliert der aufgeklärte Mensch eine Replik. Die Replik bezieht sich auf Genese und Struktur der zu kritisierenden Meinung und versucht, sie im Kern zu widerlegen oder auf Brüche in ihrer Genese zu verweisen. Sollte aus dieser Replik eine Interaktion entstehen, dann ist ein interessanter Diskurs zu erwarten. Voraussetzung für eine solche Interaktion ist allerdings, dass es sich bei beiden Seiten um aufgeklärte Menschen handelt.

Ist die eine Seite dagegen nicht aufgeklärt, sondern eher emotional, apologetisch oder dogmatisch, dann wird die eigene Position wiederholt. Und ist aus dem eigenen Gedankengang an Substanz nicht mehr herauszuholen als die bloße Wiederholung, dann gesellt sich sehr schnell noch die Verunglimpfung des Gegenübers hinzu. Derlei Gesprächsentwicklung entgleitet dann sehr schnell in eine destruktive Atmosphäre. Es geht nicht mehr um eine konsensfähige, nachvollziehbare Position, sondern um Rechthaberei auf der einen Seite und die Diskriminierung auf der anderen.

Bei Betrachtung der Art und Weise, wie gegenwärtig sowohl die Politik wie die offiziellen Medien mit Kritik an den von ihnen vertretenen Positionen umgehen, dann wird sehr schnell deutlich, dass wir uns in keinem Diskurs mehr befinden, bei dem es um richtige, oder auch gute Positionen ginge, sondern um Rechthaberei und Diskriminierung. Die Beispiele dafür liefern leider nicht diejenigen, die die Handelnden kritisieren, sondern die Kritisierten selber. Diejenigen, die den Kurs der Regierung in der Ukraine kritisierten und tatsächlich viele gute Argumente anführten, wurden schlicht zu Russland- oder Putin-Verstehern erklärt, und schon erschien es überflüssig, sich noch mit ihren Argumenten auseinandersetzen zu müssen. Analog verhielt und verhält es sich mit der Kritik an der Europapolitik der Regierung, die viele Felder des gutgründigen Dissenses mit sich brachte, angefangen bei der Bankenrettung, weiter gehend über die bürokratische Zentralisierung und endend bei den Erweiterungsmaßnahmen ohne politische Qualitätssicherung. Alle, die sich damit ernsthaft auseinandersetzten, waren sehr schnell als Europa-Hasser identifiziert, mit deren Argumenten sich niemand mehr ernsthaft auseinandersetzen musste.

Das Herausstehlen aus einer Kontroverse, in der es jeweils um vieles geht, hat sicherlich etwas zu tun mit der Einführung inquisitorischer Denkweisen. Dieses Phänomen entstand nicht über Nacht, sondern es reifte in den Kreisen, die Politik nicht als das Spiel unterschiedlicher Interessen begriff, sondern sie als eine Konkurrenz moralischer Kategorien umdeutete. Mit dem Kanon dessen, was allgemein als political correctness bezeichnet werden kann, wurde ein moderner Hexenhammer etabliert, der es ermöglichte, sich nicht mehr mit den Inhalten von Kritik auseinandersetzen zu müssen, sondern der bei der Form ihrer Äußerung bereits stehen bleiben und Todesurteile aussprechen konnte. Insofern befindet sich die den gesellschaftlichen Diskurs führende Klasse rhetorisch wie bewusstseinsmäßig in einem Stadium mittelalterlicher Inquisition.

Der logische Schluss kann nur lauten, alle Hebel in Bewegung setzen zu müssen, um aufklärerischem Denken neue Foren zu geben und dem zeitgenössischen Obskurantismus Paroli bieten zu können. Das ist ein langer Weg, der viele Frustrationen mit sich bringen wird. Aber, das haben historische Vorlagen bereits an Erkenntnis geliefert, nach dem Dunkel kommt das Licht.