Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Und Don Fidel starb doch im Bett!

Ehrlich gesagt, mir graut vor den Nachrufen auf Fidel Castro. Denn niemand hat die Welt mehr gespalten als dieser Junge aus gutem Hause, der auf der kleinen Insel Kuba die Revolution mit inszenierte und vor der Küste der USA aus einem Puff und Casino ein sozialistisches Bollwerk gemacht hat. Vom Typus, vom Charakter, war Fidel Castro, so wie sein einstiger Mitstreiter Ernesto Guevara aus dem Holz der Heroen gemacht. Sie waren jung, sie waren klug und sie waren verwegen. Nur so, meine gut situierten Damen und Herren aus den Etagen der Unternehmensberatungen, nur so ist es möglich, die Welt zu verändern. Und da, wo geschossen wird, wo Blut fließt, da ist es nicht mehr gemütlich, da geht das Zivile irgendwann von der Bühne und da wird es zunehmend barbarischer. Das ist so, wenn sich Leben und Tod gegenüberstehen. Und das war so im Leben des Don Fidel, des Herren im Kampfanzug, auch als er längst El Presidente war und mit der Zigarre zwischen den Zähnen über den Wochenmarkt Havannas spazierte, um mit den Marktfrauen Rezepte auszutauschen.

Wie sollte ein Mann nicht Kult werden, der allein mehr als 30 Attentatsversuche der CIA überstanden hatte? Was wurde nicht alles versucht, um ihm, dessen Gefahr mehr in der Hoffnung denn in harten Fakten gemessen wurde, das Licht des Lebens auszublasen. Stattdessen gab er dem Hinterhof der United Fruit Company, einem us-amerikanischen Ausschuss zur Ausplünderung Süd- und Mittelamerikas, eine gewaltige Stimme. Wenn Fidel Castro auf den Parteitagen seine legendären, fünf-, sechs-, oder gar siebenstündigen Reden hielt, dann hielt der Süden Amerikas, genauer gesagt die Geplagten, die Unterdrückten, die Rechtlosen, dann hielten sie ihren Atem an und lauschten. Sie schöpften Hoffnung auf einem Kontinent der Militärdiktaturen, der Folter und des Massenmords. Denkt daran, wenn ihr heute lest, wie undemokratisch das Kuba der Castros und Guevaras war, vergesst nicht die geschredderten und verspotteten Menschenrechte in Chile, in Bolivien, in Argentinien, in Nicaragua.

Das Morden des Dominators auf dem Kontinent hatte auch Castro hart gemacht. Sie erwischten nicht ihn, aber seinen Freund Che. In Bolivien, wo sie ihm die Hände abhackten, bevor sie ihn umbrachten. Doch Fidel, der holte zum Kopfstoß aus, egal gegen wen, aber für die Revolution. Und es passierte viel auf Kuba. Bildung und Gesundheitsversorgung für alle und im Austausch dafür Prügel und Strafe für die, die ein solches System nicht wollten. Macht euch nichts vor, Freunde, Life is no Picknick, und im Kampf gegen das mächtige Amerika ging vieles in Schieflage. Jetzt, nach Fidels Tod, mag vieles anders werden in Kuba. Aber das ist es gar nicht, worum es geht.

Fidel Castro stand für den erfolgreichen Versuch, gegen die Übermacht wirtschaftlich motivierter, imperialistisch agierender Staaten ankommen zu können. Dazu gehört ein guter Plan, Entschlossenheit und mindestens genauso wenig Skrupel bei der Ausführung wie der Feind sie besitzt. Das alles kann Fidel Castro attestiert werden. Dadurch wurde er zu einer Figur der Hoffnung für viele Menschen auf der Welt. Der Comandante, bei dem auch, wie bei Guevara, Liebe, Hass, doch nie Furcht war, ist von uns gegangen. Und das Erstaunlichste von allem: Er wurde 90 Jahre alt und starb im Bett!

Bürokraten in der Mittagspause

Für viele Arbeitende sind die Mittagspausen der Korridor ins richtige Leben. Vor allem jene, die sich im Rumpf der Bürokratie bewegen, sind während der Arbeitszeit von grundsätzlich anderen Regeln und Werten umgeben als die da draußen, die sich so benehmen können, wie es ihrem sozialen Stand und ihren Werten entspricht. Bei jeder abhängigen Arbeit ist das anders. Da gibt das Unternehmen vor, nach welchen Regeln und wie gearbeitet, kommuniziert und miteinander verkehrt wird. Und das ist anders als im eigenen Leben, nur die Logik ähnelt sich. In der Bürokratie hingegen herrschen nicht nur andere Regeln, sondern auch eine andere Logik.

Die Logik der deutschen Bürokratie wirkt kalt und unempathisch, aber sie entspringt einer gewaltigen Liebeserklärung an die Demokratie. Das klingt absurd, stimmt aber genau. Genau das Anonyme, Kalte und Unpersönliche zeigt, dass die Zweckausrichtung der öffentlichen Verwaltung in Deutschland der Gleichheitsgrundsatz in Kombination mit der Rechtstreue ist. Und diejenigen, die diese Ausrichtung als zu wenig individuell und anonym kritisieren, sollten sich einmal mit Menschen austauschen, die aus Kulturkreisen kommen, wo man individuell von den staatlichen Instanzen alles bekommt, wenn man über genug Geld oder Beziehungen verfügt, der große Rest jedoch mit einem Apparat der Willkür konfrontiert wird, der es in sich hat und unberechenbar ist. Sie beschreiben diese Zustände als die Hölle und schauen romantischen Blickes auf die deutsche Kälte, die allen gleich garantiert wird.

Die Logik, die innerhalb dieser Bürokratie herrscht, ist von ihrem Zweck unverzichtbar, aber dennoch macht sie etwas mit den Menschen, die ihr immer folgen müssen. Auf Dauer, und das ist das nicht Überraschende, aber das Kuriose, auf Dauer werden die menschlichen Partikel dieser Bürokratie im richtigen Leben zu Fremdkörpern, die von den übrigen Sozialpartnern mit Skepsis beobachtet werden. Dabei ist es nur natürlich, dass man die Angewohnheiten, die bei der Arbeit zur guten Routine gehören, auch auf das private Verhalten ausdehnt. Und dort fangen die Probleme dann an.

Gute Bürokraten leben nach dem Grundsatz der ständigen Effektivierung. Es gehört zu ihren Aufgaben, im Sinne der verantwortungsvollen Mittelverwendung, denn wir reden von Steuergeldern, nach Mitteln und Wegen zu suchen, wie mit weniger Geld mehr erreicht werden kann. Allein diese Einstellung kann eine Ehe bereits bis zur Grenze belasten. Eine andere Geschichte ist die bei jedem neu auftretenden Phänomen die obligatorische Mahnung an sich selbst, dass die Art und Weise, wie dieses Phänomen behandelt wird, die Dimension eines Präzedenzfalles haben könnte. Für die öffentliche Bürokratie ist das eine essenzielle Frage, im Kontext privater menschlicher Beziehungen ein mächtiger Störfaktor, der situatives Handeln und Spontaneität ausschließt. Wer bei jeder neuen Lebenssituation den Präzedenzfall reflektiert, hat bereits den Passierschein in die Isolation.

Eine weitere Besonderheit aus dem Bauche der Bürokratie ist das Verhältnis von persönlichem Impuls und der von Disziplin geprägten Ordnung. Wer dem Lustprinzip folgen will, ist in der Bürokratie deplaziert, denn dort gilt die Disziplin, gepaart mit Gefühlskälte, als eine der höchsten Tugenden. Sich dieses auch noch in einem normalen, privaten sozialen Konsortium vorzustellen, bedeutet endgültig das Überschreiten der Grenze zur Satire. In den Mittagspausen, wenn die Bürokraten in das richtige Leben schreiten, lässt sich beobachten, wie irritiert die Bürokraten auf das Leben und wie verwundert die Restgesellschaft auf die Bürokraten reagiert. Aber es ist oberflächlich und mit Leichtmut zu ertragen. Dorthin, wo sich die eigentlichen Tragödien abspielen, gelangen sie alle nicht, in der Mittagspause, das findet erst am Abend statt.

Augstein und das Tourette-Syndrom

Es existiert ein Phänomen, das sich aus einer emotionalen Überladung speist und eine eigenartige Wirkung erzielt. Es beschreibt die Situation, in der eine Person oder eine Gruppe von Personen die Auffassungen und Haltungen einer wiederum anderen mit exaltiert übertriebenen Begriffen attackiert, so dass letztere sich angegriffen fühlen müssen. Um es schlicht auszudrücken, handelt es sich dabei um eine sittenwidrige Übertreibung. Ziel einer solchen Aktion ist es, die attackierten Gruppen oder Personen entweder der Lächerlichkeit preisgeben zu wollen oder aber zu einem Hassobjekt machen zu wollen. Beides stammt aus dem Arsenal der Propaganda und führt nicht zur Klärung der Verhältnisse. Um mit Marshall McLuhan zu sprechen, lädt es die Verhältnisse nur auf.

Beispiele dafür kennen wir alle. Jemanden, der vielleicht ein- oder zweimal zu spät zu einem Arbeitstreffen erscheint, gleich als Saboteur zu beschreiben, gehört genauso dazu wie die Beschreibung eines Gelegenheitsdiebes mit einem Vokabular für das hoch organisierte Verbrechen. Im politischen Leben wird diese Methode gleich wesentlich dramatischer. Da ist das Phänomen weitaus bekannter, was die Situation allerdings nicht besser macht. Da wird aus einem, der mal einen Fehler bei der Reisekostenabrechnung gemacht hat, vielleicht sofort ein durch und durch korrupten Politiker oder jemand, der eine konsequente Position vertritt, sehr schnell ein Kriegstreiber.

Isoliert betrachtet fällt sehr schnell auf, wie absurd vieles, was da fabriziert wird, wirkt und wie fern der Realität es spielt. Umgekehrt funktioniert das Spiel natürlich genauso. Da kann aus einem Kriegstreiber sehr schnell ein Pazifist werden und aus einem Liquidator öffentlichen Eigentums ein Philosoph des freien Marktes. Die Terminologie, so ist zu sehen, liegt nicht nur im Auge des Beschauers, sondern auch deren Deutung. Und das Unseriöse, mit dem wir in sehr vielen Fällen zu kämpfen haben, entstammt den Zielvorstellungen derer, die die Emotionen erzeugen wollen.

Man kann, auch das sei eingestanden, die politische Diskussion durch die eine oder andere terminologische Bezeichnung würzen. Denn wenn Emotionen im Spiel sind, wächst der Mut, Dinge zu benennen, die ansonsten dem Tabu unterliegen. Insofern kann durchaus in dem einen oder anderen Fall ein Feuer frei! durchaus befreiende Wirkung haben.

Was allerdings momentan zu bemerken ist, ist ein kollektives Befremden über Ereignisse, die nicht in das eigene Kalkül passen und die aufgrund dessen mit Termini bedacht werden, die jenseits von Gut und Böse weilen und die den Verdacht erhärten, dass diese aus der Emotion entstandene Diffamierung sich in hohem Maße von den vorher geschilderten unterscheidet. Es handelt sich um eine Beschimpfung aus Frustration.

Da nimmt doch der Verlauf der Welt tatsächlich eine Wendung, die so weder gewünscht noch vorausgesagt war und schon verfallen die glühendsten Verfechter des Wandels und der Innovation in ein bitteres Gezeter, so ganz im Sinne der ansonsten gerne verhöhnten Stockkonservativen.  Das sollte nachdenklich stimmen und vielleicht dazu dienen, in aller Ruhe, ganz ohne Zwang, die eigenen Positionen zu überdenken. Und wenn es sich bei den besagten Klageweibern auch noch um renommierte Journalisten handelt, die sich als Avantgarde des Fortschritts wähnten und jetzt mit Kollabieren und bedenklich lange anhaltenden cholerischen Anfällen reagieren, dann handelt es sich vielleicht bereits um eine pathologische Dimension, die ihrerseits Rückschlüsse zulässt. So ein Inzident war Augsteins Spiegel-Kommentar über die US-Wahlen, die er als Geburtsstunde des Faschismus bezeichnete. Für große Teile des deutschen Journalismus war es eher die Einführung des Tourette-Syndroms in die tägliche Arbeitsroutine.