Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Zum Finale: Flaschenpost in der Spree

Die Verstörung ist groß. Auch unter jenen, die Noch-Präsident Obama stets ein gutes Zeugnis ausgestellt hatten. Groß waren seine Pläne gewesen, als er vor acht Jahren mit einer fulminanten Unterstützung ins Weiße Haus gewählt wurde. Die Herausforderungen waren nicht von schlechten Eltern: Da lag ein Land nach dem Finanzdebakel ziemlich in Trümmern, die Immobilienblase war geplatzt, die Arbeitslosenquote schoss in die Höhe, massenweise wurden Menschen aus Häusern vertrieben, deren Hypotheken sie nicht mehr bedienen konnten, das Land hatte, was die Ökologie anbetraf, wichtige Jahre verschlafen, die Gesundheitsversorgung war mehr denn je ein Privileg für die reicheren Amerikaner, und die USA waren als Weltpolizist an ihre Grenzen gestossen. Obama wollte das alles ändern. Gelungen ist ihm einiges. Doch er ist auch grandios gescheitert. Nun, eher Tage als Wochen vor seiner Abdankung, scheint ihn ein Trauma zu Taten zu treiben, die sein Land beschädigen, aber nichts an seinen Optionen ändern werden.

Ja, die Gesundheitsreform war ein Jahrhundertwerk, ja, die Durchbrechung des Monopols der Ostküstendynastien in den höchsten Ämtern des Staates war ein beachtlicher, mit zahlreichen Opfern errungener Erfolg. Die Neudefinition der Weltmacht Nr. 1 jedoch ist nicht zustande gekommen. Zwar haben sich die USA vor allem militärisch aus einigen Konflikten herausgehalten, dafür jedoch auf eine Karte gesetzt, die verheerende Folgen mit sich brachte. Die militärische, ja terroristische Verfolgung der eigenen Interessen durch Drohneneinsätze und die Unterstützung von kriminellen Schergen wie im Falle Syriens haben die USA zwar keine eigene Soldaten, aber in hohem Maße Einfluß gekostet. Das Desaster par excellence spielte sich in den letzten Tagen des Kampfes um Aleppo ab. Die USA mussten mitansehen, wie die eigenen Terrorzöglinge in die Enge getrieben und ausgetrocknet wurden. Da nützte auch kein moralischer Shitstorm in den Vereinten Nationen etwas. Der Meister der Rhetorik hatte sich militärstrategisch böse verspekuliert.

Was bleibt, die Frage, die immer dann gestellt wird, wenn eine Periode sich dem Ende neigt, ist ein fader Geschmack bei allen, die von der Größe träumen, aber nicht den ungeheuren Preis zahlen wollen, den diese erfordert. Wie tief muss ein Welthegemon gesunken sein, wenn er noch einmal nach Berlin reist und Angela Merkel sein Testament verstohlen in die Hände drückt. Deutschland, ausgerechnet Deutschland, soll im Geiste des freien Westens den Ballermann aus ihrem Jacket ziehen und dem Russen unter die Nase halten. Der Aufmarsch an Russlands Grenzen war auch so eine Eskapade, die nicht zu Ende gedacht wurde. Wer, wenn nicht die USA, sollte die verspottete Kontinentalmacht in die Knie zwingen? Da mussten schon große Schwärmer ins Spiel kommen, die sich eine solche Rolle zuweisen ließen. Merkel, von der Leyen und Gauck als Kampfansagen an den neuen Zaren im Kreml? Wie möchten sie sich sehen, später einmal, im Museum der deutschen Geschichte? Vieles spricht für die berühmten Fußnoten.

Obama selbst reiste, nachdem er seine bedeutsame Flaschenpost in die Spree geworfen hatte, zurück nach Hause und ließ noch einmal die Sau raus. Israel offen zu attackieren hinterlässt dort böse Spuren, egal was der Nachfolger auch machen wird und russische Diplomaten auszuweisen ist ein Fakt, dem sich Trump nur schwer wird postum widersetzen können. Doch auch das wird als leidliche Regelverletzung in einer Fußnote enden. Alles verändern zu wollen und zänkisch zu enden, das ist ein schweres Los.

Wieviel Erde braucht der Mensch?

Das Ausmaß der Ressourcen, über die ein Mensch verfügen muss, sobald der Fortbestand seiner Existenz gesichert ist, wird im eigenen Kopf bestimmt. Es ist eine einfache Wahrheit, die immer wieder überblendet wird von Mythen, die sein Umfeld produziert. Es existieren keine objektiven, von geostrategischen Überlegungen determinierten Zwänge, die ihn veranlassen sollten, anzunehmen, er müsse sich dazu bewegen, die Ressourcenverfügbarkeit zu vergrößern. Die Legende besagt etwas anderes. Sie suggeriert, der Zugriff auf ein Maximum an Ressourcen korreliere mit dem Glück.

Glück ist eine subjektive Größe. Sie speist sich aus der Souveränität des Individuums. Wenn das Individuum seine eigene Existenz gesichert hat, ist es frei, Entscheidungen über die eigene Zweckbestimmung zu räsonieren. Geht es um Macht und Einfluß, oder geht es um Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, geht es um Autonomie oder Abhängigkeit von Faktoren, auf die es selbst keinen Zugriff mehr hat? Diese Frage stellen sich die wenigsten, weil wir in einem Zeitalter der Fremdbestimmung leben. Alles wird von ihr überschattet und es geht nicht um das Sein, sondern den Schein. Eine der wesentlichen Determinanten der Souveränität ist die Selbstachtung. Wenn sie gespeist wird aus der Gewissheit, nach eigener Bestimmung zu existieren, dann ist das Phänomen, das mit dem Zustand des Glücks bezeichnet wird, in greifbarer Nähe.

Nährt sich die Selbstachtung aus Faktoren, die gar nicht vom wahren Sein des Individuums genährt wird, so ist das keine Selbstachtung, sondern gesellschaftliche Reputation, die auf dem Schein beruht. So einfach das klingt, so schwer ist die Autonomie zu erringen. Sie erfordert Klarheit und Konsequenz, Disziplin und Vision zugleich. Daran zu arbeiten, das ist eine Aufgabe, die das Leben in Gänze stellt, das ist keine Episode, die sich aus einer Laune herstellen lässt. Nur wer es schafft, den Atem zu halten, mit Rückschlägen zu leben und das Gen des Widerstands in sich verspürt, kann sich in dem überdimensionalen Warenhaus, in dem wir unser schnelllebiges Dasein fristen, auf den Weg zu einer Souveränität aufmachen, die tatsächlich den Namen verdient. Und keine Anstrengung, die diesem Ziel dient, ist vergeblich. Denn wer sich der Wahrheit in Bezug auf sich selbst verschreibt, hat auch das Recht auf seiner Seite. Es ist das Recht auf Selbstbestimmung, Freiheit und Glück.

Leo Tolstoi hatte alles erreicht, als er sich zurückzog auf sein Gut Jasnaja Poljana, dort in eine einfache Hütte einquartierte und damit begann, Geschichten zu schreiben, die die Erkenntnisse seines großen Schaffens verarbeiteten und die lesbar sein sollten für all jene, die gerade damit begonnen hatten, die zivilisatorische Technik des Lesens zu erwerben. Eine seiner großen Geschichten aus dieser Sammlung trägt den Titel „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ Sie handelt von dem Bauern Pachom, der aus einer bescheidenen, aber sicheren Existenz in den Teufelskreis auf der Suche nach Reichtum gerät. Immer wieder zieht er weiter Richtung Osten, wo der Boden billiger, aber fruchtbarer ist. Und zunächst erfüllen sich alle Prognosen. Mit jeder Aktion, die ihn weiter in den Osten treibt, wachsen Reichtum und Einfluss. Bis er schließlich dorthin gelangt, wo ihn seine Gier in einen Anspruch treibt, den er mit dem Leben bezahlt. Und mit dem letzten Satz wird auch die Frage der Geschichte beantwortet: „Da hob der Knecht die Schippe auf und grub für Pachom ein Grab; es war drei Arschin lang, gerade so groß, wie Pachom vom Kopf bis zu den Füßen war.“

Tolstoi schrieb die Geschichte 1886, da war Karl Benz gerade mit dem ersten Automobil gefahren und Sigmund Freud hatte seine Praxis in Wien eröffnet.

Die Notbremse glänzt in der Sonne

Es ist merkwürdig. Obwohl das Maß an Kritik, dass sich überall zeigt, so groß ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr, liegt eine seltsame Ruhe über dem Land. Nur dort, wo die Kritik in den einfachen, enthemmten Trieb umschlägt, da brennen die Bäume. Nur ist es nicht dort, woher das Kritisierte kommt. Sündenböcke haben Hochkonjunktur. Das ist übrigens nichts Neues. In einem Land, in dem die Angst eine lange, aufwendige und politisch immer wieder bediente Tradition hat, in einem solchen Land wird nur sehr selten frontal das angegangen, was eigentlich als die Verursachung für das Böse gilt. Nein, da wirft man sich lieber auf Schutzlose, auf zufällige Boten oder auf welche, die so weit weg sind, dass man gar nichts machen muss. Eine Heldengeschichte ist das nicht gerade. Und von Adoleszenz bei einer Nation wie der deutschen zu sprechen, ist absurd wie schädlich.

Die Gründe, die für das Rumoren zu finden sind, sind fundamental. Es haben sich, vor allem im letzten Jahr, besondere Akzente herausgebildet, an die vorher niemand so richtig geglaubt hat. Das für viele Beobachter Erstaunliche ist das, was immer geleugnet und als der deutsche Sonderweg bezeichnet wurde. Mit Gefälligkeitswissenschaftlern wie dem Historiker Winkler, der die Warnung vor dem deutschen Sonderweg vor sich herträgt wie ein Mantra, wurde eine der geschicktesten Täuschungen überhaupt manövriert. Wurde mit der Warnung vor dem deutschen Sonderweg immer das Abweichen von dem Bündnis mit den USA genannt, so stellte sich nach der Wahl Donald Trumps heraus, dass die eigentlichen Scharfmacher bei der Konfrontation mit Russland nicht in Washington, sondern in Berlin sitzen. Und die Reaktionen auf jegliche Spekulation, inwieweit sich Moskau und Washington nach der Wahl des neuen Präsidenten annähern könnten, sind blanke Hysterie.

Das ist ein Grund, warum die Notbremse in der Sonne glänzt. Die Bundesrepublik hat sich mit dieser Regierung zu einer international aggressiv operierenden imperialen Macht entwickelt. Das ist längst nicht mehr mit dem zu rechtfertigen, die eigenen, tollen Autos verkaufen zu wollen. Die Studien, vor allem auch von dem Think Tank Wissenschaft und Politik, der seit Jahren unter anderem für das Auswärtige Amt arbeitet, zeigen, dass es um die Sicherung von Seltenen Erden in Afghanistan und Gaslieferungen aus Katar in Syrien geht. Das ist das Spiel, das die USA ein ganzes Jahrhundert lange getrieben haben und das sich so manch aufgeblasener Zwerg in Berlin. Jetzt als angemessen erdenkt. Da ging es in der Ukraine natürlich um das mögliche Fracking im Donbas und nicht um die berühmten Hähnchen aus dem Westen des Landes. Es ist bitter, aber so geht das nicht weiter, sonst kommt der Krieg, an dem das Land bereits in vielen Teilen der Erde heiß beteiligt ist, auch ins eigene Land. Das Hemd ist bekanntlich näher als der Rock.

Gedanklich inszeniert wird das in den Köpfen der Dogmatiker des Wirtschaftsliberalismus. Denen ist hier und jetzt der Krieg zu erklären. In den USA, dem Land der brutalen Pragmatiker, sind sie schon längst zum Teufel gejagt. Hier feiern die Schäubles und ihre Epigonen eine schwarze Messe nach der anderen. Daher beflügelt die Aussicht auf zwei Ereignisse, die mindestens im nächsten Jahr stattfinden müssen: Die Demission besagten Großinquisitors der Finanzdiktatur und die Ächtung der Regierungsbauchredner in den öffentlich-rechtlichen Meinungsfabriken.