Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Strategie, Professionalität und menschliche Triebhaftigkeit

Es ist nicht nur ein Thema aus dem Feld der Politik. Es kann in jedem Handlungsfeld ausprobiert und durchgeführt werden. Und es ist so alt wie die Menschheit selbst. Es geht um das Prinzip, das schon in der Bibel in Worte gefasst wurde: An ihren Taten sollt ihr sie messen. Das, was da so archaisch kognitiv formuliert wurde, entspringt der alten Erfahrung, dass es einen Unterschied gibt zwischen Wort und Tat. Und, letztendlich, es Taten sind, die zählen. Selbstverständlich können wir uns mit dieser grundsätzlichen Betrachtungsweise identifizieren, denn sie entspricht dem gattungsspezifischen Empfinden von Relevanz. Aber die Erkenntnis darauf reduzieren hieße allerdings, wichtige Blickmöglichkeiten einfach zu ignorieren.

Menschliches Handeln besitzt mehrere Dimensionen. Da ist zum einen die der Strategie oder des Programms. Was will er als ferneres Ziel mit dem, was er jetzt, in diesem Augenblick, macht, erreichen? Des Weiteren ist es das Handeln selbst, das nicht nur aus der strategischen Intention heraus abgeleitet werden kann, sondern etwas zu tun hat mit den vorhandenen Fähigkeiten, den erlernten Fertigkeiten und so etwas wie der aktuellen Tagesform. Und dann ist da noch das Libidinöse, das gespeist wird von subjektivem Bedarf und Verlangen. Allein diese drei Kategorien verdienen eine genaue Aufmerksamkeit, um herauszufinden, wie sich menschliches Handeln gestaltet du von welchen Motiven es gleitet wird.

Gehen wir zurück auf das Feld der Politik, weil dort, im Jahr 2017, das interessanteste Spiel gespielt werden wird, das überhaupt gespielt werden kann. Programm und Strategie sind dort etwas, das immer mehr in den Hintergrund geraten ist, was nicht nur schade ist, sondern auch als ein Symptom der Ver-Alltäglichung der menschlichen Existenz gedeutet werden muss. Wenn jedoch Parteiprogramme vorliegen, dann sollten sie genau studiert werden, weil sie umfassend über die Absichten der entsprechenden Partei Auskunft geben.

Das Handeln der dazu gehörenden Personen ist die Betrachtungsperspektive, die medial am besten bedient wird und die unbedingt genutzt werden muss. Dort empfiehlt es sich, die Art der Betrachtung zu professionalisieren und sich genau anzusehen, inwieweit das konkrete Handeln der programmatischen Intention untergeordnet wird, was aus Affekten entsteht und wo die Triebe dominieren. Das bewusste Kalkül, die Inszenierung der Tat als Bestandteil der Strategie, sind das dort wohl interessanteste Beobachtungsfeld.

Die bediente Libido wiederum kann als das am wenigsten Erforschte im Studium des politischen Handelns gelten, macht es aber umso interessanter. Wer durch Triebmotive politische Organisationen aufmischt, kann als Naturtalent gelten und liefert gleichzeitig einen Beleg für die mangelnde professionelle Stabilität der Organisation. Interessant ist das Phänomen deshalb, weil es relativ häufig auftritt und eine Menge aussagt über die nach wie vor existierende Triebsteuerung politischen Handelns im 21. Jahrhundert.

Das immer noch überzeugende Wort von der praktischen Relevanz von Politik, das nach wie vor Geltung hat und insgesamt bei der Bewertung von Politik eine große Rolle spielen sollte, wird allerdings bereichert, wenn andere Erkenntnisquellen erschlossen werden. Strategie, Professionalität und menschliche Triebhaftigkeit sind Dimensionen, die bei der aktuellen Analyse der Politik in dem geschichtsträchtigen Wahljahr eine Rolle spielen müssen. Je genauer beobachtet, desto besser. Und je besser, desto aufschlussreicher.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Raoul Peck. Der junge Karl Marx

Mit Raoul Peck hat sich ein wahrer Kosmopolit an ein Thema gewagt, das seit dem magischen Jahr 1990, welches mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion als das Ende der Geschichte gefeiert wurde, im Beinhaus der Geschichte zu liegen schien: Der Marxismus. Indem Peck, der sieben Jahre an der Konzeptionierung des Filmes gearbeitet hat, eine kurze Sequenz aus dem Leben des jungen Karl Marx nimmt, nämlich der entstehenden Beziehung zu dem Industriellensohn Friedrich Engels, trifft er den Scheidepunkt in Marxens Werk: Der Film beginnt im Jahr 1843, in dem Marx in seinem Pariser Exil auf Friedrich Engels trifft und er endet im Jahr 1848 mit dem Druck des Kommunistischen Manifests. Es ist der Weg des Philosophen zum Politiker, danach kam der des Ökonomen.

Etwas, das als wohl die geistesgeschichtlich intensivste Phase der Neuzeit bezeichnet werden kann, auf die dialogischen Handlungen weniger Personen zu reduzieren, ist ein riskantes Geschäft. Misslingt es, so ist nicht nur eine Chance vertan, die wesentlichen Denkrichtungen zu dokumentieren und deren Auflösung dramatisch zuzuspitzen, sondern das Ansinnen ist schlechthin diskreditiert. Raoul Peck ist es mit den Akteuren August Diehl, Stefan Konarske, Vicky Krieps und Hanna Steele gelungen, Weltgeschichte in ein filmisches Kammerspiel zu gießen.

Der junge Marx erscheint als der politische Redakteur, Jurist und Hegelianer seiner Zeit, auf der Schwelle zu dem steht, was später als der dialektische Materialismus genannt werden sollte. Ihm zur Seite steht seine Frau Jenny, eine geborene von Westphalen aus gutem Hause, die ihn fordert, fördert und inspiriert. Und diese beiden treffen auf Friedrich Engels, den Jungindustriellen, der in Manchester lebt und dort auf die irische Fabrikarbeiterin Mary Burns trifft, die ihm die Korridore in die Arbeiterklasse weist. Dieses Quartett mischt die Karten, die nicht über nur die Zukunft des wissenschaftlichen Sozialismus, sondern auch die Organisation der neuen Klasse des Proletariats entscheiden werden.

Peck dekoriert um diese vier Protagonisten das ganze Panoptikum ihrer Zeit, zumindest die thematisch relevanten, von dem französischen Sozialisten Proudhon bis zum russischen Anarchisten Michail Bakunin und dem irisch-englischen Bund der Gerechten. Peck gelingt es, die theoretischen Fragen der Zeit transparent zu machen, ohne das Profane auszublenden, das das Handeln der Menschen ausmacht. Marx stand, mittellos, am Beginn eines nahezu vierzigjährigen Exils, das in London schließlich endete, Engels stand vor dem Verlust seines Wohlstandes, weil der Bruch mit dem industriellen Vater zu erwarten war. Engels, der wohlhabende, heiratete die mittellose Fabrikarbeiterin Mary Burns, während Marx mit einer Adeligen verheiratet war, die ohne Mittel ihre Familie verlassen hatte. Die Freiheit, die sich alle Beteiligten gegenüber der Konvention nahmen, marginalisierte sie in der Gesellschaft des Ancién Regime und schweißte sie gleichzeitig zusammen.

Aus sich selbst heraus, nämlich aus der marxistischen Theorie, erklärt sich auch die Aktualität des Filmes. Ein System, das die Globalisierung mit dem Antrieb des Finanzkapitalismus beschleunigt, ist 2008 mächtig ins Stocken geraten. Es wirft damit genau Fragen auf, die Marx in seinem Werk beantwortet hat: Nach welchem Gesetz bemisst sich der Wert? Wie verhält es sich mit dem tendenziellen Fall der Profitrate? Und was bedeutet es, dass der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen zerstört? Die Aktualität ist und bleibt brisant, auch wenn die Versuche, geschichtlich einen anderen Weg zu gehen, gescheitert sind. Wer das Kino verlässt, ist sich bewusst, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist.

Nina Hagen meets BB

Ehrlich gesagt, ich war etwas skeptisch. Nicht, dass ich nicht zu denen gehört hätte, die Nina Hagens musikalische Vergangenheit mit der Band Spliff, eine Weiterentwicklung von Lokomotive Kreuzberg, begeistert aufgenommen hätte. Aber nach so vielen Jahren scheinbarer Ruhe schien es mir gewagt, die stets schrille Nina Hagen auf ein Literaturfestival zu holen. Lesen Hören, wie sich das Mannheimer Festival nennt, macht allerdings seit Jahren den erfolgreichen Versuch, den Link zwischen Literatur und Musik immer wieder herzustellen. Nun gut, Nina Hagen war angekündigt unter dem Titel „Nina Hagen meets BB. Ein Liederabend zur Klampfe“. Also Nina Hagen singt Songs von Bert Brecht. Die Feuerwache war bis auf den letzten Platz besetzt. Und alle, die kamen, sollten einen unvergesslichen Abend erleben.

Nina Hagen kam mit einem kleinen, aber feinen Ensemble, Akustik Bass, E-Gitarre und Flügel. In dem Outfit, indem sie Trends gesetzt hatte, setzte sie sich mit ihrer Akustikgitarre auf einen Stuhl und begann zu erzählen. Von ihrer eigenen Geschichte, vor allem von ihren frühen Tagen mit und im Berliner Ensemble, wo sie das Werk Bertolt Brechts quasi mit der Muttermilch eingesogen hatte. Und aus dem Erzählen heraus entstanden Songs, die mittlerweile zur Weltliteratur gehören. Vom Kanonensong über die Moritat von Meckie Messer, die Seeräuber Jenny, Lieder aus Mutter Courage und den Tagen der Kommune. Und immer, wenn sie anfing, musste sich die Band erst orientieren, was ihr grandios gelang, und es verwunderte nicht, dass vieles als moderner Blues oder Bluesrock herüber kam. Ihre Intonation ist immer noch beeindruckend und ihr Engagement fulminant.

Nina Hagen erzählte die Geschichte vom Kampf gegen Faschismus und Krieg. Ihre Ausgangsbasis waren immer die grandiosen Stücke von Bertold Brecht. Aber sie verwies auch auf die großartigen amerikanischen Künstler, die ihn in der einen oder anderen Weise in ihren Werken zitieren, von Bob Dylan bis zu den Doors. Die Erzählung, vorgetragen mit viel Witz und Herzblut, war eingebettet in die internationale Musikgeschichte, und Verweise selbst auf Goethe und Matthias Claudius “ ´s ist Krieg“ fehlten nicht. Nina Hagen profitierte in ihrer Glaubwürdigkeit von ihrer eigenen Biographie, sie kannte die DDR von innen, erlebte das wieder vereinte Deutschland und lebte einige Jahre in den USA. Ihre Berliner Wurzeln, systemunabhängig, sind ihr dabei geblieben, was sich niederschlägt in einer sehr lebens- und praxisbezogenen Zuspitzung all dessen, was sich Politik nennt.

Der Auftritt, der über zwei Stunden dauerte und bei dem nicht ein Augenblick der Langeweile oder Redundanz aufkam, manifestierte sich in einem Appell, der sich gegen das wachsende Kriegstreiben und das Auseinanderdriften der Gesellschaft in immer Reichere und immer Ärmere richtete. Das Gelungene an der Veranstaltung waren einerseits die künstlerischen Verweise auf ein großes Erbe, das seine Aktualität gerade in diesen Tagen quasi eo ipso unter Beweis stellt und eine politische Botschaft, die dringender denn je geboten zu sein scheint. Können, Raffinesse und Herzblut trafen da aufeinander und machten den Appell zu einem Gesamtkunstwerk. Ein Höhepunkt war dabei der Song „Hosianna Rockefeller“ aus Brechts Stück „Der Brotladen“.

Ja, Nina Hagen war an diesem Abend Literatur. Und zwar große Literatur. Es bewahrheitete sich das Wort, dass Avantgardisten schweigen, wenn sie nichts mehr zu sagen haben. Nina Hagen ist Avantgardistin geblieben. Und sie hatte viel zu sagen!