Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der Echoraum

Metaphern und der Kontext ihres Gebrauches sind Juwelen der Erkenntnis. So richtig ins Bewusstsein kam diese Einsicht hierzulande mit dem damals bahnbrechenden Werk Theweleits, den Männerphantasien. Der hatte die deutsche Literatur von zweihundert Jahren durchwühlt und das patriarchalisch-maskuline Dominanzdenken anhand der verwendeten Metaphern dechiffriert. Seitdem gab es immer wieder Ansätze, den Gebrauch von Metaphern, die es durchaus bis hin zu Kollektivsymbolen schaffen können, wissenschaftlich zu untersuchen und auf ihren sozialen, politischen und psychologischen Gehalt zu untersuchen. Leider ist es bei Versuchen geblieben, denn der Erkenntniswert solcher Betrachtungen ist sehr groß.

Kollektivsymbole, um es noch einmal zu verdeutlichen, sind solche Metaphern, die nicht in einzelnen Werken der Literatur, sondern in der gesamten Gesellschaft benutzt werden. Das ist nur möglich, wenn sie von den unterschiedlichen Teilen einer Gesellschaft akzeptiert und tatsächlich als Bild benutzt werden. Sehr lange waren es noch Bilder aus dem Krieg (Granaten, Bomben, Haubitzen), dann folgten technisch-industrielle (Volldampf, unter Strom, Module, Schnittstellen). Die hier gewählten Begriffe sind willkürlich, aber sie illustrieren die Intention der Aussage.

In Bezug auf das Internet und die damit verbundene jüngste Entwicklung der Meinungsbildung haben sich die Fronten zwischen professionellem Journalismus und den Hobby-Bloggern dramatisch verhärtet (auch ein Kollektivsymbol aus vergangenen Zeiten), weil das Monopol der Medien durchbrochen wurde und die Ökonomie der Informationsindustrie zu dramatischen Veränderungen geführt hat. Einerseits befindet sich der professionelle Journalismus auf dem absteigenden Ast, andererseits können intelligente und schreibkundige Privatpersonen ohne nennenswerte Kosten ein großes Publikum erreichen. Das ist für die, die vom Verkauf von Informationen leben müssen, das pure Drama.

Insofern ist es kein Wunder, dass aus den Reihen des professionellen Journalismus sehr schnell eine Metapher benutzt wurde, die gut gewählt war und die es sogar schon bis zum Kollektivsymbol geschafft hat. Es ist die des Echoraumes. Was damit beschrieben werden sol,l ist die in vielen Internetforen herrschende Atmosphäre der Einigkeit. Wie bei der Schwarmintelligenz finden sich diejenigen, die eine spezielle politische, religiöse oder abenteuerliche Sicht der Dinge haben und bestätigen sich in ihrer Sicht gegenseitig. Und tatsächlich ist dieses Phänomen immer wieder zu beobachten und tatsächlich ist die Metapher von einem Echoraum, also das wiederholte Hören der eigenen Sätze und Meinungen, ein treffendes Bild.

Die Kritik, die sich mit der Metapher des Echoraumes verbindet, ist die, dass kein kritischer Diskurs mehr stattfindet und eine eindimensionale Meinungsproduktion den kritischen Journalismus ablöst. Eigenartiger Weise deckt sich dieser Vorwurf nur bedingt mit meinen eigenen Erfahrungen. Es ist wohl eine Teilwahrheit. Was allerdings auffällt, ist das Abgleiten des professionellen Journalismus in eben diesen kritisierten Zustand. Ursache dafür scheint die Ökonomie zu sein. Da war es die Monopolisierung beim Medienbesitz und die Revolutionierung der Produktion, die den Echoraum in die reale Lebenswelt dieses Metiers verwandelt haben. Monopole sind recht eindimensional was die Artikulation ihrer Interessen anbetrifft. Hinzu kommt der Zwang, sich auch auf die Billigproduktion des binären Zeitalters zu beziehen. So sind viele Mäuse in den elektronischen Archiven unterwegs, die unter prekären Arbeitsverhältnissen das liefern, was ihnen gesagt wird und fetten Katzen der Meinungsmache, die den Echoraum des Meinungsmonopols so richtig zum Schwingen bringen.

Echoraum hat es zum Kollektivsymbol geschafft und die, die den Begriff als solches kreiert haben, sitzen mitten drin.

Amsterdam, no longer what it used to be

Der Beitrag wurde vor den Wahlen in den Niederlanden veröffentlicht. Er wirft ein kritisches Licht auf die Stadtentwicklung sozialdemokratischer Prägung und prophezeit der Sozialdemokratie ein verheerendes Wahlergebnis. Letzteres ist jetzt ein Faktum, das mit dem Avancement des Populismus allein nicht erklärt werden kann.

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Amsterdam und die Niederlande waren einmal fortschrittliche Orte. Alles Geschichte. Don’t blame Geert Wilders. He is just the result of what the old political establishment did. Medium hat an einem sehr exemplarischen Beispiel gezeigt, um was  es geht. Es geht gar nicht um, den Islam, usw. – es geht um das Geld, wie immer.

Amsterdam war einmal berühmt für seinen Rotlicht-District, um die „windows“ with prostitutes. Sie wurden Jahrzehnte, if not Jahrhunderte toleriert, wirklich legalisiert wurde die Sexarbeit erst 2000. Inzwischen sind die roten Lichter im historischen Rotlichtbezirk weitgehend verschwunden. Sie wurden gentrifiziert. Das Land im historischen Stadtzentrum ist einfach zu wertvoll. Zu wertvoll für sozialdemokratische Funktionäre, um dem vielen Geld zu widerstehen, das Immobilienhaie bezahlen. Die seit Jahrzehnten von den Sozialdemokraten dominierte Stadtverwaltung startete Project 1012.

Project 1012 is a policy plan aimed to fundamentally change the Red Light District (located in postcode region 1012). Its goal is to…

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Wie immer messerscharf!

Zufällig kam mir der Gedanke, bei der immer wieder gerne versuchten Lektüre französischer Medien, daß die Franzosen überhaupt keine Wahl haben bei dieser Präsidentschaftswahl: Die Umfragen sehen Marine Le Pen von der FRONT NATIONAL als Siegerin des ersten Wahlganges und danach, in der Stichwahl, entweder Emmanuel Macron von EN MARCHE oder François Fillon von LES […]

über Drei Verdächtigte: Frankreich hat keine Wahl bei der Wahl! — almabus blog