Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Psychedelische Drogen und deutscher Formalismus

Ein Massenphänomen treibt viele Menschen, die über ein gewisses Maß an Temperament verfügen, zur Weißglut. Es ist ein Verhalten, das der wachsenden Komplexität unserer Welt und der damit verbundenen Ambiguitäten entspricht. Letztere sind die vielen Unentschiedenheiten und die daraus resultierenden Ungewissheiten. Die Welt, sie ist unübersichtlicher geworden und das einzelne Individuum findet immer schwerer einen Kompass, um in diesem Meer der Tücken zu navigieren. Deshalb machen viele Menschen das, was andere Vertreter der Gattung in den Wahnsinn zu treiben droht. Sie halten sich an die Form, unabhängig davon, ob es Sinn macht oder nicht, unabhängig davon, ob das den Zustand verbessert oder nicht. Ihr Denken fokussiert sich auf die Kernaussage, dass der, welcher sich an die Form hält, keine Fehler macht. Und wer keine Fehler macht, ist auf der sicheren Seite.

Obwohl es einer völlig anderen Zeit entspricht, aber ein Slogan aus der frühen, der Pionierzeit des digitalen Zeitalters, als Programmierer noch ermuntert wurden, einen Trip einzuwerfen, um das Undenkbare in einen Code zu formen, zu diesen Zeiten kursierte in den Labors der USA eine Grußformel, die nun, in Zeiten der Ängstlichkeit und des Formalismus ebenso zuzutreffen scheint: SNAFU – Situation normal, all fucked up! Denn nicht nur die psychedelische Droge, auch der deutsche Formalismus ist in der Lage, die Hirne in den Sekundentod zu treiben und aus einem vermeintlichen Zustand relativer Stabilität ein anarchisches Gesamtkunstwerk zu schaffen.

Und das Phänomen ist nicht eines, welches die armen, kleinen Seelen betrifft, die, die tatsächlich zittern, wenn der gewaltige Tag auf sie zuschreitet und von dem sie nicht wissen, ob er sie zerquetschen wird und sie am Ende nicht mehr sind. Nein, der bodenlose, der außer Rand und Band geratene Formalismus ist in den Chefetagen der ganzen Republik zuhause, er herrscht in den Chefetagen der großen Konzerne, in den großen Organisationen des Landes und in der Politik. Man könnte über diese existenzielle Form einer Überlebensstrategie sogar lachen, wenn nicht gerade sie es wäre, die die Suche nach Lösungen systematisch verhindern würde.

Ein Muster für diese fehlkalkulierte Affigkeit von Menschen, die für vernünftige Entscheidungen engagiert sind, ist das Auftauchen eines Problems. Es wird jedoch nicht an der Lösung des Problems gearbeitet, sondern an dessen Regulierung, d.h. die Zielsetzung beschränkt sich darauf, wer sich wann und in welcher Abfolge mit dem Problem befasst, aber nicht, wie das Problem zu lösen ist. Im Sprachgebrauch heißt das dann, eine Regelung der Handhabung ist die Lösung des Problems.

Diese Sichtweise, die jeder kennt und die das Arbeitsleben wie den gesellschaftlichen Diskurs dominiert, von dem alle erfasst sind und dessen verheerende Wirkung die wenigsten begreifen, diese Sichtweise ist es, die das Leben immer enger macht und kaum noch Luft zum Atmen lässt. Das Dickicht der Regelungen wird immer unüberschaubarer, klare Linien sind nicht mehr zu erkennen, im Betrieb, in Brüssel und am Stammtisch hat der Formalismus die Herrschaft übernommen und die Kreativität, die Voraussetzung für ein gutes Leben ist, hat es immer schwerer. SNAFU, das ist ein gesellschaftliches Gift, das schlimmer wirkt wie Krieg und Terrorismus. Es wirkt schleichend und befällt alle, und wenn wir nicht schleunigst darüber sprechen und es überall thematisieren und den Formalismus ohne sinnhafte Begründbarkeit anprangern, dann ist alle Hoffnung dahin.

Bei Uncle Sam ist Remmidemmi

Jetzt werden alle sagen, sie hätten es gewusst. Mit Donald Trump käme das Chaos und mit dem Chaos die Gefahr. Die Bemerkung ist zwar richtig, aber sie ist dennoch falsch. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton Nordkorea bei Fortsetzung der Raketenversuche nicht mit einer Intervention gedroht hätte. Und es mehr als unwahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton nicht einem der Hauptlieferanten des so lebenswichtigen Öls, Venezuela, gedroht hätte, wenn seine politische Entwicklung diese Aufgabe in Frage stellen könnte. Und es ist mehr als unwahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton es hätte verhindern können, dass der rechtsradikale Mob in Charlottesville in voller Montur erscheint, wenn die Statue eines General Lee, der im amerikanischen Bürgerkrieg für die Verteidigung der Sklaverei stand, auf Beschluss des Gemeinderats aus Stadtpark entfernt wird.

Vieles spricht dafür, dass die Mühe erforderlich ist, die gegenwärtige Befindlichkeit des Imperiums als Ganzes zu betrachten als sich an der primitiven Reduzierung auf die Figur Donald Trumps zu beteiligen. Was in diesem Kontext an Plattitüden verbreitet wird, ist ein Ausweis hoher Unterschätzung politischer Komplexität, um es einmal ganz vorsichtig auszudrücken. Die immer wieder karikierte Person des US-Präsidenten bedient alle Impulse, die zur Klamotte erforderlich sind. Und gerade darin besteht die Gefahr. Das Imperium bringt gegenwärtig alles mit, um unterschätzt zu werden. Eine sehr gute Voraussetzung, um richtig loszuschlagen und die eigene Position strategisch zu stärken.

Dass die Hörner, die in der Regel zum Krieg blasen, auch hier in den Werkstätten des großen Aggressors gestimmt wurden, macht die Sache nicht leichter. Nordkorea, ein Land, das keine spontanen Impulse der Sympathie ausstrahlt, hat jedoch seit dem Bürgerkrieg und der Teilung des Landes im Jahr 1951 und von einigen kleinen Grenzzwischenfällen einmal abgesehen, kein einziges Land der Erde angegriffen oder bedroht. Bei den USA werden von Experten, die sich mit derartigen Statistiken befassen, Ziffern zwischen 45 und 50 von den USA ausgehenden massiven Kriegshandlungen genannt. Nordkoreas Friedensangebot, welches es nicht einmal in die Nachrichten schafft, offeriert, sofort die Raketenprogramme einstellen zu wollen, sollten keine militärischen Manöver mehr zwischen den USA und Südkorea unternommen werden und die Zeichnung eines Friedensvertrags. Die Reaktion der USA, man könne Nordkorea nicht trauen, kommt in dieser Hinsicht von den Richtigen.

Es geht um die US-Strategie, im pazifischen Raum keinen Jota vor China zurückzuweichen, weil die nächste Schlacht um die Weltvorherrschaft mit dem Reich der Mitte geschlagen werden wird. Darum geht es. Aber so kann es kommen, bei einer allzu schlichten Reduzierung der Geschichte auf Personen, dann geht der Irre aus Pjöngjang auf den Irren aus Washington los. Da kann schnell der Gedanke kommen, doch froh sein, dass in Berlin nur Schlafmützen sitzen, sonst wäre man noch beteiligt.

Dass die Wahl Donald Tumps ein neues Zeitalter im Imperium markieren würde, ist das Einzige, was unzweifelhaft über allen Sichtweisen steht. Seine Rolle ist die, den de-personalisierten und de-nationalisierten Charakter des globalen Finanzkapitalismus auszublenden und Amerika, das von den Untaten dieser Couponschneider genauso geschreddert wurde und wird wie andere Teile dieser Welt, dass Amerika diesem Finanzkapitalismus wie in den guten alten Zeiten wieder ein amerikanisches Gesicht verleiht, das auch noch in der Lage ist, dem Publikum etwas von Werten und von Gut und Böse zu erzählen. Selbstverständlich wird dieser Versuch scheitern – unter Umständen nicht bei ARD und ZDF. In Charlottesville zeigt sich, was noch alles zu erwarten ist, an inneren Verwerfungen allein. Und nicht nur dort. Aber wie immer, bei Uncle Sam fängt meistens alles an.