Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Das Vulgäre des unverdienten Reichtums

Der Parvenü schämt sich für nichts. Das war ein Statement, das sich in vergangenen Zeiten noch Vertreter aus dem traditionellen Bürgertum getrauten laut von sich zu geben. Denn da gab es noch keine politische Korrektheit, die es verbot, Dinge so zu benennen, wie das viele dachten, auch wenn es falsch sein konnte. Der Codex ersetzt die Wirklichkeit nicht, aber das ist hier nicht von Relevanz. Das gesetzte, saturierte Bürgertum misstraute allen, die irgendwo aus dem Kleinbürgertum, oder sogar dem Proletariat und noch schlimmer, dem Lumpenproletariat entstammten, um wie Kometen in die Welt des Geldes und der Macht aufzusteigen. Neureiche wurden sie genannt und den Eintritt in die bessere Gesellschaft erhielten sie nicht, wieviel sie auch dafür taten, da nutzten die pompösen Luxuslimousinen genauso wenig wie ihre wie Beiwerk ausstaffierten Vasallinnen oder die protzigen, mit Brillanten besetzten Uhren an ihren Handgelenken. Das traditionelle Bürgertum, das auf Kontinuität, Tradition und Bildung verweisen konnte, rümpfte nur die Nase und die Türen blieben verschlossen.

Das, was heute als eine wachsende Permissivität der Klassenschranken, eine soziale Dynamisierung und somit eine Demokratisierung der Gesellschaft genannt wird, hat das alte Bürgertum so geschockt, dass es von einer Proletarisierung der Gesellschaft spricht. Das ist nachvollziehbar und wahr, wenn da nicht die Diskreditierung des Proletariats im Spiel wäre, das seinerseits, zumindest solange es als Klasse in großem Maße Bestand hatte, ebenso traditionell und historisch bewusst agierte wie das von diesem wiederum verschmähte Bürgertum. Bourgeoisie und Proletariat hatten viele Gegensätze, in manchen Punkten waren sie sich aber auch einig, wenn es um die Existenz als Klasse ging.

Sowohl die Bourgeoisie als auch das Proletariat misstrauten dem Parvenü. Galt er der Bourgeoisie als Eindringling, der mit seinem Gebaren und ungeschliffenen Auftreten abstieß, so ekelte sich das Proletariat vor dem Verräter, der sich erniedrigte und kulturell prostituierte. Was die beiden erwähnten, mächtigen Klassen sich zu ihrer Blütezeit nicht vorstellen konnten, war die Tatsache, dass es irgendwann Zeiten geben würde, in denen die Parvenüs zu einer großen, mächtigen Kohorte innerhalb der Gesellschaft heranwachsen würden, die relevanter werden würde als die tradierten Klassen.

Als der Kapitalismus den Turbo einlegte und über die Börsen ein Spiel installierte, das entgegen seinem ursprünglichen Sinn der Finanzierung von Investitionen das Roulette der Spekulation ersetzte, schossen die Parvenüs wie Pilze aus dem herbstlichen Waldboden. Gleichzeitig wurden die Produktionsprozesse technisiert und optimiert, dass  das klassische Proletariat immer mehr obsolet wurde und die Börsengewinne toppten alles, was aus ehrlicher Produktion am Markt erreichbar war. Bourgeoisie und Proletariat waren zunehmend mit dem Typus des Parvenüs konfrontiert, der ihnen beiden kulturell, in Bezug auf ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse und auch sozialethisch unterlegen war. Dafür stank er nach Geld und zwar so, dass es allen anderen schwindlig wurde.

Nicht, dass der Eindruck erweckt würde, es habe eine gute alte Zeit der Klassengesellschaft gegeben. Die war nicht minder borniert und ungerecht. Und dennoch ist es möglich, aus falschen historischen Umständen bestimmte Phänomene treffend beschreiben zu können. Die anfangs zitierte Äußerung, der Parvenü schäme sich für nichts, gehört zu jenen richtigen Urteilen. Leider ist es sogar eine Beschreibung, die als Massenphänomen angesehen werden kann. Das Vulgäre des unverdienten Reichtums dominiert unsere Lebenswelt.

Durchgefallen!

Christopher Nolan. Dunkirk

Wenn schon einen Kriegsfilm drehen, dann aber mit einer Haltung! Man kann sich die großen Schlachtbewegungen des II. Weltkrieges aussuchen und versuchen, ihre strategischen Positionen transparent zu machen. Dünkirchen 1940 stellte eine Situation dar, über die bis heute viele Historiker rätseln. Die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang war die, warum die Deutsche Wehrmacht nicht nachsetzte, um die Invasion der Briten zu einem vollkommenen Debakel zu machen. Der Krieg hätte wohl eine dramatische Wende genommen. Ob das über Sieg oder Niederlage entschieden hätte, sei dahingestellt. In seinem Film Dunkirk macht der bekannte Regisseur Christopher Nolan (u.a. Batman) jedoch etwas anderes.

Es ist ein Film der Bilder. Und zwar von Bildern mit dem großen Besteck der Animation. Das tatsächlich nachweisbare große Elend, das trotzdem aus dem glimpflichen Rückzug der britischen Streitkräfte nach einer missglückten Invasion im belgischen Dünkirchen resultierte, geht unter in einem Orkus faszinierender, in Farben getränkter Bilder über den Strand, die See und die zwischen Himmel und Meer stattfindenden Luftkämpfe. Die spärlichen Dialoge können keinen Schlüssel bieten über den tatsächlichen kriegshistorischen Kontext. Zu sehen sind verzweifelte Individuen, die versuchen, zu retten, was zu retten ist. Die gewaltigen Bilder gehen einher mit der mächtigen Geräuschkulisse einer tobenden Kriegsmaschinerie. Und ganz nebenbei, unterschwellig, wird die Sympathie mit denen deutlich, die vor dem Schicksal standen, quasi schutzlos flüchten zu müssen.

Und auch diese Thematik hätte Gelegenheit geboten, eine mehr als aktuelle Frage zu stellen. Wie, so hätte sie geheißen, muss es Menschen gehen, die jenseits staatlich organisierter Flucht vor dem gleichen Schicksal stehen? In einer Zeit, in der Millionen Menschen aufgrund militärischer Kampfhandlungen auf der Flucht sind, wäre das ein Aspekt gewesen, der vielleicht dabei geholfen hätte, ein Publikum zu sensibilisieren für die unvermeidbaren Folgen von Kriegen.

Stattdessen, und diesen Vorwurf kann ich der Regie nicht ersparen, fand eine Ästhetisierung von Kriegshandlungen durch einen Rausch von Bildern statt, die jenseits des historischen Kontextes Bestand hätten. Es wäre eine Umfrage wert, was dieser Film mit denen macht, die ihn ansehen. Bei meinem Kinobesuch und der Beobachtung des Publikums und seiner Gespräche nach Ende der Vorstellung hatte ich durchweg den Eindruck, dass, wenn überhaupt, die Reaktion eine emotionale war. Erstens, Krieg erzeugt Leid, was ja noch akzeptabel ist und zweitens, faszinierende Bilder, was ein Armutszeugnis darstellt. Aus dem Gemetzel auch dieser folgenschweren Episode des II. Weltkrieges eine Faszination der Bilder zu machen, ist eine unzulässige Romantisierung.

Zudem hätte mich interessiert, ob die Zuschauerinnen und Zuschauer durch den Film einen Eindruck davon bekommen hätten, was Dünkirchen historisch wirklich bedeutet hat. Ich wage die Antwort: Keinen! Insofern stelle ich in Bezug auf den wegen seiner technischen Realisierung allenthalben gelobten Film die Frage, was das soll? Geht es darum, Krieg zu einem Faszinosum zu machen, das gottgewollt über die Menschheit hereinbricht? Eine traurige Bilanz! Alles ist legitim, aber es muss sich einer kritischen Reflexion stellen. Und da fällt Dunkirk durch.