Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Bewegung im Spiel

In Zeiten der Krise kommt vieles in Bewegung. Da werden Dinge, die vorher als zementiert galten, plötzlich ganz flüssig. Die Reaktionen auf den Wahlausgang haben gezeigt, wie viele Akteure, von denen man glaubte, sie kennten das Regiebuch, regelrecht dumm aus der Wäsche guckten. Ja, glaubten sie denn selbst, dass sie machen konnten, was sie wollten, ohne dass irgendwann, und das ist in unserer Gesellschaft der Tag der Wahl, große Teile derer, die man schlecht behandelt oder ignoriert hat, dass diese Menschen nicht dazu in der Lage sind, zumindest ihre Befindlichkeit zur Abstimmung zu bringen?

Und so haben diejenigen ein Befinden, mit denen Politik etwas gemacht hat und es haben die anderen ein Befinden, die Politik selbst gemacht haben. Die der Regierungskoalition waren alles andere als amused, als sie wahrnehmen mussten, dass viele Wählerinnen und Wähler sie nicht mehr unterstützten und stattdessen zu anderen Parteien abgewandert sind. Am meisten schmerzte da die Wanderung zur AFD, weil letzterer immer noch einige Gesten reichen, um gewählt zu werden. Bei den genauen Analysen sollte man aber auch genau bleiben: nach dem desaströsen Bild, das die FDP in der letzten Regierungskoalition abgegeben hat und wofür sie sogar aus dem Parlament gebannt wurde, ist das Votum für diese genauso ein unreflektierter, emotional aufgeladener Protest gegen die Regierung wie die Wahl der AFD. Das wollen die hochstapelnden Akteure mit ihrer Burschikosität gerne vergessen machen, aber außer Klientelismus und außenpolitischen Fehleinschätzungen von historischem Format war bei der letzten Regierungsbeteiligung nichts, woran man sich erinnern könnte.

Bei signifikanten Verlusten ist die Suche nach Schuldigen ein bewährtes Muster. Dass vor allem die Vertreter der Regierungskoalition, allen voran die CSU nun die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten für das gute Abschneiden der AFD mitverantwortlich machen, ist an pathologischer Obszönität kaum zu überbieten. Vorgeworfen wird den Medien, AFD-Vertreter zu oft eingeladen zu haben und zu unkritisch mit ihnen umgegangen zu sein und das auch noch überproportional. Dazu sei nur angemerkt, dass genau dieser Vorwurf bezogen auf den Umgang mit der Regierungskoalition zu der tiefen Vertrauenskrise zwischen Bevölkerung und der vierten Gewalt geführt hat. Allein das Duell Merkel – Schulz hat die ganze Misere verdeutlicht: ein kritischer Journalismus gegenüber der Regierung fand nicht mehr statt. Zuweilen konnte man den Eindruck gewinnen, die öffentlichen Kanäle seien zu Werbeagenturen der geschäftsführenden Regierung verkommen.

Die Art und Weise, wie jetzt die Medien ihrerseits reagieren, mutet schon eher hilflos an. Während die leitenden Gremien heftig leugnen, dass an den Vorwürfen etwas ist, bemühen sich die Programme, in einen Dialog mit dem Publikum zu kommen, um zu erfahren, worin das wirkliche Interesse besteht. Da das schon eher naiv anmutet, sei ein Zuruf erlaubt, der sich nicht auf Schnörkel einlässt: Lernt endlich, was ein kritischer Journalismus ist, lernt gegen den Strom zu schwimmen und lernt, die Geschäfte der Regierung kritisch zu hinterfragen!

Das ist nicht schwer, zumal die Recherche nie so reichhaltig belohnt wurde wie heute, aber es erfordert Courage und Unabhängigkeit. Vielleicht sind das die eigentlichen Mängel, denn Courage wird oft mit dem Knebel prekärer Arbeitsverhältnisse bekämpft und die Absicherung läuft in starkem Maße über Lobbys, die sich in diesem Metier Think Tanks nennen.

Eines ist gewiss: Es ist Bewegung ins Spiel gekommen und dafür ist der Wählerschaft zu danken.

Kulturkämpfe

Nein, ich schreibe nicht über “Die Guten” (linksliberale Demokraten) vs “Die Bösen” (AfD). Solche Texte habt ihr schon genug gelesen, es gibt davon sehr viele. Ich frage mich, warum ist Identität, Kultur, auf einmal so wichtig. Warum brauchen so viele Leute die Auseinandersetzung mit den anderen, um ihre eigene Identität zu finden oder zu festigen? […]

über Kulturkämpfe — sunflower22a

Die Arbeiterklasse, das Export-Bier und neue Allianzen

Es existiert eine alte Korrelation, die bei der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht genug beachtet wurde. Es ist die Wechselwirkung der Verkaufszahlen von Export-Bier und der Zustimmung zur Politik der SPD. Das hört sich absurd an, spiegelt aber ein Verhältnis wider, das tatsächlich existiert. Export-Bier, die preiswerteste und die Urform des Bieres, ist das Getränk der klassischen Arbeiterklasse. Mit dem dramatischen Absinken der Verkaufszahlen des Export-Bieres hätte klar werden müssen, dass sich die Gesellschaft dramatisch verändert. Der Trend ist die Verbildlichung des Verschwindens der klassischen Arbeiterklasse. Und ohne klassische Arbeiterklasse keine erfolgreiche SPD. Das wiederum klingt plausibel und es ist auch anhand anderer Entwicklungen durchaus nachvollziehbar zu veranschaulichen.

Alle Versuche der Partei, ihr so genanntes klassisches Klientel zu bedienen, müssen verpuffen, wenn dieses Klientel in dieser Form nicht mehr existiert. Und selbst diese Versuche hatten oft den Charakter von betriebsrätlicher Arbeit. Nicht, dass dagegen etwas einzuwenden wäre, denn gewerkschaftliches Handeln hat immer dafür gesorgt, dass sich die Arbeiterklasse mit dem hat beschäftigen können, worum es eigentlich ging. Nämlich um die Vision von einer Gesellschaft, die anders aussieht, als die bestehende. So ist es folgerichtig den Schluss zu ziehen, dass es keinen Sinn ergibt, eine Politik für die Arbeiterklasse zu machen, wenn die in der Form nur noch rudimentär existiert. Und es erscheint noch weniger sinnvoll, nach politischen Mehrheiten zu streben, wenn man die Mittel für das einstige Klientel zum Programm, zur gesellschaftlichen Vision erklärt.

Nun kann die SPD die Hände in den Schoß legen und um den Verlust der eigenen Klientel trauern. Und die Teile der Gesellschaft, die immer von diesem starken Motor profitiert haben, können das ebenfalls tun. Helfen wird es nichts. Was die Gesellschaft braucht, ist eine neue Vision, um die Dinge, die Sache der Öffentlichkeit, in eine neue Richtung zu treiben. Und was bietet sich, vor allem aufgrund der erfolgreichen Geschichte und Bilanz, mehr an, als die Quelle für neue Inspiration und die daraus resultierende Programmatik dort zu suchen, wo alles anfing? Es muss der Ort sein, wo die Wertschöpfung stattfindet, es muss die Arbeit sein.

Die Arbeit in Zeiten des digitalisierten globalen Weltmarktes hat neue Akteure hervorgebracht, die sehr unterschiedlichen Charakter haben und die sich durch sehr unterschiedliche Tätigkeiten auszeichnen, die aber an der gleichen Prozessen beteiligt sind und eines gemein haben: Sie sind nicht die Nutznießer dessen, was sie herstellen. Insofern existieren durchaus Analogien zwischen den völlig entrechteten, mit den klassischen Mitteln der Ausbeutung konfrontierten Arbeitern an den Rändern der merkantilen Zentren, die ohne jeden Schutz die Rohstoffe bergen und die basalen Industriearbeiten entrichten und denjenigen, die in den hochentwickelten Zentren die Produkte designen, die auf Veräußerung und Revenue warten. Hier existiert noch die Arbeitsteilung zwischen denen, die die Grundlagenarbeit machen und denen, denen die kreative Kür vorbehalten ist. Auch sie werden nicht entsprechend ihrer Wertschöpfung entlohnt und überleben in starkem Maße durch Selbstausbeutung.

Von einer neuen Arbeiterklasse zu sprechen, wäre nicht zutreffend, denn die einen befinden sich auf einem relativ erträglichen Wohlstandsniveau, während die anderen durchaus ihr Dasein so fristen müssen, wie Friedrich Engels sie in der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschrieben hat. Aber es existieren neue, mögliche Allianzen. Ihr Band ist die Wertschöpfung. Und das sollte Anlass genug sein, hinsichtlich neuer politischer Ausrichtungen genauer hinzuschauen.