Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der Hofnarr und die Deutschen

An einem Tag wie dem heutigen tauchen wie immer viele Fragen auf. Wir Deutsche, wer sind wir eigentlich, wo kommen wir her und wo wollen wir hin? Und kaum sind die Fragen formuliert, schon geht der Ärger los. Denn einig, wie es in der Strophe unserer Hymne so schön heißt, einig sind wir uns meistens nämlich nicht. Weder, was unsere Vergangenheit betrifft, noch, was die Zukunft anbelangt. Das, was so gerne als deutsches Wesen in die Sphären des Phänomenalen gehoben wird, beginnt eigentlich mit dem Zwist. Aber davon vielleicht später. Träten wir hier in einen Diskurs über Deutschland, es wäre ein Debakel. Und wenn Situationen so komplex und verfahren sind, dann hilft manchmal ein Blick von außen, die Perspektive zweiter Ordnung.

Das Spiel, das man dabei spielen muss, ist das Sich-Hineinversetzen in einen Betrachter von außen, der sich kalten Gemütes ansieht, was dort, wo Deutschland liegt, geschieht und geschah. Diese Aufgabe ist nahezu unlösbar. Deshalb sagen wir, wir machen ein doppeltes Spiel und geben der fiktiven, nicht deutschen Person von außen die Regieanweisung, sie solle sich in die Rolle eines deutschen Hofnarren versetzen und versuchen, die unlösbare Aufgabe mit viel Humor zu lösen. Was fiele diesem Narren wohl ein?

Er, der Hofnarr, spreche davon, dass die anderen, die schon viel früher über eine Nation verfügten, auch nicht von neun anderen Ländern umzingelt seien, die alle von ihrem Wesen in das Herzland hineinstrahlten. Ganz anders zum Beispiel bei den Briten, die hatten auf der einen Seite, hinter dem Kanal, das verhasste Europa und auf der anderen nur noch Ultima Thule. Ihr Schandmaul sollten sie halten, bevor sie über Deutschland urteilten. Kompliziert nicht nur das Umfeld, sondern auch die Sprache, von der das Sonnenkind aus der Levante sprach, es sei das Einzige, was Deutschland habe und Deutsch sei. Das Wilde, für andere aufgrund anderer historischer Umstände nicht Begreifbare dessen, was deutsche Kultur genannt wird, hängt damit zusammen. Was die Toren im Rest der Welt nicht verstehen, ist, dass die deutsche Kultur nicht kongruent ist mit dem Staatsgebiet und sich deshalb immer ein Anspruch daraus ableitete, der mindestens Europa, aber meistens die ganze Welt umfasste.

Und der Hofnarr erzählte, das die Deutschen in ihrem tiefsten Innern immer Barbaren waren und sind, was sie mit etwas anderem, aber zum Nutzen der ganzen Menschheit, auszugleichen glaubten. Mit ihrem Sinn für das Brüten in dunklen Gewölben erfinden sie immer wieder Dinge, die weit über die Grenzen scheinen und den deutschen Genius populär machen. Dichter und Denker wurden sie von den Spöttern genannt, die beobachteten, dass die Menschen gleicher Zunge keinen Staat auf den Weg brachten. Besser, so der Hofnarr, betrachtete man sie heute als die Tüftler und Brüter, weil aus dem Hang zum freien Denken eher etwas geworden ist, was mit verschwörerischem Suchen zusammenhängt.

Nachgefragt nach den duftenden Braten, den knusprigen Haxen und dem hopfigen Bier, winkt der Hofnarr nur genervt ab. Er ist, so betont er, bei einer seriösen Betrachtung. Folklore ja, aber das mögen die im Ausland mehr an uns als wir selbst. Aber, so doziert er, das Organisieren, das ist noch ein Alleinstellungsmerkmal, das uns gehört. Niemand macht sich soviel Gedanken über die Art und Weise, wie etwas organisiert wird wie wir.

Gut, sagt da der Betrachter von außen, ich verlasse mal den Hofnarren. Mir wird es zu ernst, irgendwie ist der Humor schnell verpufft, wenn man an Deutschland denkt, immer wird es gleich ernst. Das durchbricht auch nicht die Kunstfigur des Hofnarren.

Dann feiert mal schön.

Unbehagen mit Katalonien

Ehrlich gesagt, die Berichte aus Katalonien erfüllen mich mit großem Unbehagen. In einer Zeit, in der doch immer wieder vor allem aus Deutschland und Frankreich darauf hingewiesen wird, dass die Rettung Europas nur mit einer Zentralisierung staatlicher Funktionen in Brüssel gelingen könne, berichten die Medien mit einer leichten Sympathie für die katalanische Autonomiebewegung. Zu Zeiten Francos hatte ich das verstanden, und da noch weitaus mehr bei den Basken, aber heute, im Spanien unserer Tage? Wird da Katalonien unterdrückt? Muss da die Kleinstaaterei beginnen, wo alles in sich zerfällt? Und schon sehe ich Sympathisanten, die darüber schreiben, als habe sich in den letzten Jahrzehnten nichts verändert. Da sind die autonomen Kräfte, die angeblich den Prozess treiben, regelrechte Heilsbringer? Und die korrupte Regionalregierung mit ihrem skandalösen Präsidenten, passt der zu den Autonomen?

Und mal wieder die Medien. Da hat das höchste Gericht in Spanien das Referendum für illegal erklärt. Es hat eindeutig den Status der Verfassungswidrigkeit. Was soll ein Staat in einer solchen Situation machen? Sich zurückziehen und mal abwarten, was so geschieht? Im Hinblick auf zukünftige Konflikte, die wir auch bei uns erleben könnten, ist es sehr hilfreich, nun genau hinzuschauen, wie das Vorgehen der spanischen Polizei kommentiert wird. Von den Medien wie von der Politik. Ich befürchte, dass der bloße Opportunismus reicht, um in eine Atmosphäre der bewährten doppelten Standards zu verfallen. Jetzt wäre einmal die Gelegenheit, zu erklären, was Rechtszustände sind.

Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass es sich bei der Unabhängigkeitsbewegung um eine demokratisch orientierte, auf Freiheit und Autonomie ausgerichtete Programmatik handelt. Trotz allen Reichtums ist auch Katalonien sehr verschuldet und das Kalkül, in einer EU mit einem besonderen Status besondere Zuwendungen zu bekommen, scheint aus jeder Formulierung des jetzigen Präsidenten. Die blaue Banane: der Industrie- und Handels- und damit der Wohlstandsgürtel des europäischen Kontinents verläuft von Rotterdam, über den deutschen Rhein bis nach Mailand und endet in Barcelona. Dort ist in den letzten Jahrzehnten das meiste Geld verdient worden, dort tummeln sich die Gewinner und von dort hört man immer mal wieder den Gedanken des Separatismus. Die Lega Nord in Italien ist auch so eine Spezialität. Man hat im nationalen Konsortium gewonnen, aber man will im nationalen Konsortium nicht teilen.

Auf den hier rebloggten Artikel „Was läuft da in Katalonien?“ antwortete ein Blogger, er könne sich nicht helfen, aber er müsse immer an Bayern denken. Ich stimmte ihm sogleich zu. Historisch ist das Unsinn, wie wir beide gleich zu Recht erfuhren. Es ging uns beiden eher um die Attitüde, die dahinter steckt. Auch aus Bayern hören wir immer wieder die Klagen über den Länderfinanzausgleich und die Vision, um wieviel besser es in Bayern laufen könnte, wenn man sich nicht an den lästigen Pflichten des Föderalismus beteiligen müsste. Dieser Gestus richtet sich gegen die ärmeren Regionen der Republik. Und das vereint Bayern mit den separatistischen Kräften in Norditalien und in Katalonien. Der Katalane Pep Guardiola ist auch so ein Kandidat. Deshalb passte er gut nach Bayern.

Ich kann mir nicht helfen: der Traum von einem autonomen, selbstbestimmten Leben harmoniert einfach nicht mit einer fortgeschrittenen Korruption in den eigenen Reihen und dem Gedanken der Ent-Solidarisierung. Da scheinen sich manche einmal wieder etwas vorzumachen und die EU muss aufpassen, dass sie nicht die allerletzte Stunde einläutet, wenn sie Spanien jetzt alleine lässt.

Was läuft da in Katalonien? — almabus blog

In diesen Tagen, in denen das katalanische Unabhängigkeits-Ultimatum des 1. Oktobers näher rückt und die Spannung der pokernden Parteien steigt, taucht das Thema Katalonien gelegentlich in unseren Medien auf. Im Allgemeinen erschreckend oberflächlich und naiv, was entweder bewusstes Kalkül hinsichtlich des Informationsstandes der Mediennutzer ist, oder ein beängstigendes journalistisches Niveau der Profis belegt. Worum geht […]

über Was läuft da in Katalonien? — almabus blog