Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 106. Freiheit und Glück

Das bürgerliche Zeitalter drehte sich immer um die Individualisierung. Es ging um die Vervollkommnung des Einzelnen, im Hinblick auf seine Fähigkeiten wie seine Bedürfnisse. Es handelt sich dabei um ein europäisches Modell der Neuzeit und nicht um ein universalistisches Prinzip, das von der Geschichte abgekoppelt ist. Berühmt bleibt der Satz des Chinesen Tschou En-Lai, der davor warnte, schnelle Schlüsse hinsichtlich des Projektes der bürgerlichen Revolution zu ziehen, denn das Ganze läge erst zweihundert Jahre zurück und eine Beurteilung sei etwas vorschnell. Als Chinese hatte er mit diesem Zeitraster zweifelsohne Recht, Europäer oder Amerikaner halten eine derartige Historisierung für weltfremd. Was bleibt, ist die Frage, ob die Individualisierung mehr Glück in die menschliche Existenz gebracht hat. Denn das war das Ziel: Freiheit und Glück.

Das Projekt der bürgerlichen Individualisierung erfährt allein schon dadurch eine Relativierung, als dass es in vielerlei Hinsicht schlicht um eine Metapher und nicht um eine tatsächliche kollektive Existenz ging. Im bürgerlichen Individuum wurde die Fähigkeit des einzelnen, kompetenten und produktiven Menschen gesehen, der in der Lage sein sollte, fern von den Zwängen der feudalen Ordnung auf einem weit agierenden Markt seine Individualität und alles, was daraus resultierte, zu vermarkten und zu einem ökonomischen Prinzip zu machen. Das gelang einem Teil der Kaufleute und zu einem Großteil den späteren Fabrikbesitzern. Diejenigen, die nicht über den Status des bürgerlichen Besitzes verfügten, d.h. diejenigen, die weder Maschinen noch Lagerhallen besaßen, hatten dort im Auftrag der Besitzer zu arbeiten. Ihre Individualität blieb immer nur ein Rechtszustand, real im Sinne wirtschaftlicher Rendite war er nie.

Da Absurde an der kurze Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft ist die immer schnellere Wiederholung des Mantras mit dem Ziel, aus seiner ursprünglichen Aussage einen Massenzustand zu machen. Was das heißt? Der Individualismus wird nicht als reale Existenzform eingelöst, sondern als Kollektivsymbol vermarktet. Der viel gepriesene Individualismus dient lediglich als Label, um die Illusion zu verkaufen, das einzelne Individuum sei kurz vor dem Ziel. Was es in der Realität jedoch nicht ist. Der Vorzug, der in diesem Vermarktungsmechanismus liegt, besteht einerseits im Verkauf der Idee und andererseits in der Verhinderung von Zusammenschlüssen von Menschen in gleicher Lage.

Das Vertreten der eigenen Interessen im Verbund mit anderen Betroffenen kann unter dem Label der Individualität nicht stattfinden, weil jedes Bekenntnis zu einem interessengeleiteten Kollektiv wie ein Verrat an der Freiheit des Einzelnen erscheint. Der jetzige Zustand des bürgerlichen Individualismus ist zu einem mächtigen Fake News degeneriert,  weil die Uniformität der Einzelnen nie größer war als auf dem heutigen Massenmarkt der Globalisierung. Alles, was noch die Note der Individualität hätte beflügeln können, ist von einem sich rasend schnell reproduzierenden Markt verschlungen. Alles, was die Bedürfnisse des einzelnen Menschen befriedigen soll, ist global gleichgeschaltet. Historische, ethnische, kulturelle und sprachliche Diversität ist ersetzt durch Marktstandards in Ware, Sprache und Verhalten. 

Das große Ziel der individuellen Vervollkommnung hat sich zu einer Orgie der Standardisierung entwickelt, in der bestimmte Serien produziert werden, die eine immer kürzere Halbwertzeit auf dem Markt haben. Freiheit und Glück sind im Massenpulsschlag nicht zu haben, wer danach strebt, dem bleibt nur die Eremitage. Für eine Gesellschaft als Modell ist das zu wenig. Für ein Kollektiv, das dennoch eine individuell akzeptable Zukunft anstrebt, auch.   

Freiheit und Glück
Journalists with press badges falling into a large illuminated cavern surrounded by warning signs in a neon-lit futuristic city.

Der Fall ins Bodenlose

„In früheren Jahren bediente man sich der Folter, jetzt bedient man sich der Presse. Das ist sicherlich ein Fortschritt. Aber es ist auch ein großes Übel, es schädigt und demoralisiert uns.“ So, als hätte Oscar Wilde mitbekommen, was sich im deutschen Pressewesen seit dem proklamierten Ende der Geschichte ereignet hat. Und es ist anzunehmen, dass er sich noch drastischer geäußert hätte, wäre er Zeuge von Aussagen wie der der Kanaille geworden, die sich im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf dem Balkan herumtreibt. Seine Frage an den ukrainischen Präsidenten,  was „wir“ tun könnten, um noch mehr Russen zu töten, ist leider keine Ausnahme. Sie dokumentiert jedoch, dass sich hinter diesem, wie bei den meisten der selbst ernannten Qualitätsblätter, längst nicht mehr ein kluger, sondern ein roher Kopf verbirgt.  Die Zeiten, in denen man zumindest vorgab, so etwas wie eine Zivilisation zu repräsentieren, sind vorbei. Bei der Lektüre dieser Blätter dominiert die Produktion von Feindbildern und das Kriegsgeschrei. Hinzu kommen die bis zum Erbrechen gesendeten Talk Shows, in denen auch preisgekrönte Barbie-Puppen die Renaissance des Rassismus zelebrieren dürfen, ohne dass irgend jemand von den geleasten Entertainern auch nur die Courage hätte, solche Hetzer und Demagogen aus dem Studio zu weisen.

Das Kuriose bei diesem Fall ins Bodenlose ist die Chuzpe, mit der genau diese Protagonisten es sich erlauben, vor einer Gefahr für die Demokratie zu warnen. Seit wann sind Hetzer und Kriegspropagandisten, Rassisten und Waffendealer die Wächter der Demokratie? Sie können dieses Manöver nur durchführen, weil sie glauben, es fiele dem Mob nicht mehr auf, was sie dort treiben. Der bei der denkwürdigen Belgrader Pressekonferenz befragte Selenskij hatte sich noch jüngst dagegen gewehrt, dass sich die Polacken erlaubten, gegen die Auszeichnung von ukrainischen Militärverbänden zu protestieren, die sich ihrer Historie rühmen, in Polen Pogrome gegen Juden und die Zivilbevölkerung durchgeführt zu haben. In der hiesigen Presse hieß es dazu lediglich, es bestünde eine Meinungsverschiedenheit zwischen Polen und der Ukraine in der Bewertung der Historie. Auch diejenigen, die diesen demagogischen Mist absondern, gehören zu der Kanaille, die die Hegemonie über den öffentlichen Diskurs nutzen, um alles an die Wand zu fahren, was als europäische Zivilisation einmal existiert hat.   

Die Kriminellen, die das zu verantworten haben, sind die Besitzer dieser Blätter. Und die Knechte aus einer komplett untergegangen Politikerklasse, die auch noch nach diesen Kriegstrommeln tanzen, sind die Werbeträger für die Abkehr von allem, was sie als Demokratie reklamieren. Das für sie Diabolische dabei ist, dass die sich als Alternative anbietende Fraktion nichts, aber auch gar nichts machen muss, um Zulauf zu bekommen. Mit jedem Unsinn, den das ferngesteuerte oder überforderte Konsortium veranstaltet, wächst der eigene Stimmenanteil. Und je mehr sich dieser Alternative zuwenden, desto größer wird die Evidenz, dass die Verantwortlichen es nicht können und/oder nicht wollen. 

Da kann man nur, um bei dem unappetitlichen Genre des Journalismus zu bleiben, auf die historische Wellenbewegung hoffen. Auch zu Oscar Wildes Zeiten folgte der Dominanz einmal der Abstieg. „Man amüsiert sich (…) über den Journalismus oder wendet sich mit Ekel von ihm ab, je nach dem Temperament. Aber er ist nicht mehr die Macht, die er vordem war. Man nimmt ihn nicht mehr ernst.“

Bleibt zu hoffen, dass die vermeintlichen Intellektuellen in diesem Land als Letzte dieser Erkenntnis folgen.   

Der Fall ins Bodenlose
Woman in casual jacket talking on a therapy couch with therapist taking notes in neon-lit room

Und schelmisch winkt das Nirvana

Vor Jahren gab es einen satirischen Artikel in der Zeitschrift Titanic mit der Überschrift „Was brummt denn da im Kopf von Dr. Stoiber?“. Bei letzterem handelte es sich um einen jahrelangen Kofferträger von Franz Josef Strauß, der es danach selbst zum CSU-Vorsitzenden gebracht hatte und später sogar einmal Kanzlerkandidat werden sollte. In dem Artikel bewegten sich die Journalisten in Stoibers Geburtsort und suchten topographische Stellen danach ab, wo ein Sturz, bei dem Besagter hätte auf den Kopf fallen können, hätte stattfinden können. Die Überschrift blinkte in meinem Gedächtnis auf, als ich in der Ausgabe der heutigen BILD-Zeitung ein Zitat von dem ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten und GRÜNEN-Politiker Kretschmann las, das besagte, wahrscheinlich seien 15 Prozent der Deutschen per se Nationalisten. Er wollte damit die wachsende Abwendung der Wählerschaft von dem erklären, was sich gerne die liberale Mitte nennt und die damit verbundene Zunahme der Stimmen für die AFD. Eine neue Folge in der Titanic wäre das Naheliegendste. Denn dümmer oder demagogischer kann man nicht aus der Wäsche gucken. Aber es ist ja kein Novum, dass der Aufenthalt in einer von den gesellschaftlichen Gravitationskräften verschonten Blase zu einem Weltbild führt, das alle möglichen Diagnosen einer Dysfunktion des Hirnapparates zulässt.

Tief in seinem Innern scheint sich ein Schematismus breit gemacht zu haben, der nicht auf einen Sturz in seiner heimatlichen Umgebung zurückzuführen ist, sondern in einem kollektiven Verdrängen dessen, was als Erkenntnis bereits einmal vorhanden war, sich allerdings als kategorisches Hindernis für eine Karriere in einer dem Kapitalismus verpflichteten Administration herausgestellt hat. Denn Leute mit der Vergangenheit Kretschmanns verdingen sich heute noch als Taxifahrer oder prekäre Freischaffende, wenn sie der Erkenntnis, dass Imperialismus Krieg bedeutet und nationale Souveränität etwas anderes ist als militanter Nationalismus nicht abgeschworen haben. Die haben zwar im Gegensatz zum Herrn Minischder a.D. ein materiell karges Dasein gefristet, ihnen ist zumindest die Verwüstung des Hirnapparates erspart geblieben.

Allein steht dieser Mann mit dieser funktionalen Schädigung natürlich nicht. So, wie es aussieht, handelt es sich um ein Massenphänomen in seiner Partei. Da wird mit Begriffen aus längst vergangenen Zeiten operiert, die ihrerseits das verdecken sollen, was aktuell an Militarismus, Rassismus, Inquisition, Intoleranz und Dogmatismus verbreitet wird. Insofern sollte man noch einmal dankbar sein für die an den Tag gelegte Evidenz.

Die eine Variante ist und bleibt die Satire. Und wie zu sehen ist, wird sie trotz massiver Versuche der Einschüchterung auch weiterhin erfolgreich betrieben. Andererseits bietet sich die Möglichkeit an, Psychotherapeuten und Psychoanalytikern das Wort zu geben, um die Historie dieser intellektuellen Dysfunktion zu erhellen. Wenn ein Kollektiv kollektiv verdrängt, winkt schelmisch das Nirvana.

Und so wie quantifizierbar ist, mit welcher Größenordnung wir es auf diesem Feld zu tun haben, abzulesen in den Margen der Grünen Stammwählerschaft, so existieren auch Hinweise darüber, wie groß die Masse derer ist, die sich von diesem Irrsinn abzuwenden bereit ist. Das ist per se keine neue Qualität. Aber immerhin ein Wink in die richtige Richtung. Wer sich vom Falschen distanziert, macht den ersten Schritt zur eigenen Unabhängigkeit. Und das Brummen im Kopf bleibt bei denen, von denen es ausgeht. Friede mit denen, die klaren Blickes sind!

Und schelmisch winkt das Nirvana