Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Es sollte sich nicht wiederholen!

Jetzt haben wir es gehört. Wie das rassistische Design den Weg zum Rednerpult des Bundestages gefunden hat. Es ging nur um den ersten Satz. Um mehr nicht, aber auch nicht um weniger. Als AFD-Vorstand Alice Weidel, ihrerseits akademisch gebildet und Mitbetreiberin einer Unternehmensberatung, zum Thema Regierungshaushalt ihre Rede eröffnete, wusste sie, dass es nur auf den ersten Satz ankam, um ihre Botschaft zu senden. Und so bezog sich dieser Satz auch nicht auf die Regierung und ihre politische Ausrichtung, sondern auf diejenigen, die ihrerseits die Verantwortung dafür tragen sollen, dass der Sozialhaushalt nicht solide finanziert werden kann.

Weidel sprach dabei von „Kopftuchmädchen, Messermännern und sonstigen Taugenichtsen.“ Das war klug, das war sehr klug, denn die gewählten Substantive trafen genau das, was als dumpfe Mischung dazu geeignet ist, ein Feindbild zu schaffen, das es in sich hat. Es ist genderdiffamierend, es ist rassistisch und es ist anti-solidarisch. Das ist ein Design, das wir seit den Nazis so kennen. Damit spielt man nicht. Und wer damit spielt, dem muss das Handwerk gelegt werden. Politisch, wirtschaftlich und strafrechtlich. Brandfackeln wie Alice Weidel einfach weiter so flackern zu lassen mit dem Verweis auf demokratische Rechte, ist so, als ermunterte man sie nur dazu, weiter mit dem Ölkännchen auf Tournee zu gehen.

Aber machen wir uns nichts vor. Das ist die eine Seite, die besorgen muss. Die andere ist die, sich einer Politik hinzugeben, die sich als moralisch überlegen und alternativlos wähnt, obwohl sie voller Unzulänglichkeiten ist. Zu vieles ist in den letzten Jahren nicht mehr erklärt worden, zu vieles strotzt voller Widersprüche, als dass sich nicht zunehmend viele Menschen als Opfer einer Machtarroganz fühlen, derer sie überdrüssig sind. Der Kampf gegen diese Art der Arroganz ist ebenso erforderlich wie der Kampf gegen den klug designten, aber auf die Dumpfheit abzielenden Faschismus.

Unterm Strich steht eine Summe, die ebenfalls nicht neu ist, mit der im Hier und Heute jedoch niemand gerechnet hat. Es ist die Erkenntnis, dass die beiden Triebkräfte des Faschismus der Elite entstammen. Es ist die Dominanz der Schamlosigkeit, die auf beiden Seiten vorherrscht. Die einen sich schamlos an der eigenen Macht und am eigenen Reichtum labend, die anderen schamlos auf die Wut und Demütigung der Übervorteilten spekulierend. Das ist es, was als Kern des Problems zu identifizieren ist.

Auch das ist nicht alt, aber das Wissen um seinen Bestand muss beflügeln. Es geht darum, schnellstens den Kampf gegen beide Flügel der Elite zu führen. Es reicht nicht, sich den Mächtigen anzuschließen, um die Hungrigen zu bekämpfen. Die Mächtigen müssen lernen, dass sie kein anderes Schicksal erwartet als diejenigen, die jetzt mit böser Zunge am Feuer spielen.

Die Abwehr dessen, was als Phalanx von Faschismus und Krieg zu begreifen ist, kann nur mit einer Doppelstrategie zum Erfolg führen: Die Neoliberalen wie die Neofaschisten gehören in einen Sack. Wer sich von nur einer Seite instrumentalisieren lässt, steht nachher geschlagen und beraubt auf freiem Feld. Auch das ist bekannt, altbekannt. Aber es sollte sich nicht wiederholen!

Im Pantheon des Journalismus

Vielleicht zeichnet die Helden unserer Tage das Phänomen aus, nicht als solche sichtbar zu sein. Zumindest nicht der alten Glorie zu entsprechen, dass da jemand steht im Glanze seiner Persönlichkeit und im Glanze seiner Leistung und alle anderen Erdenmenschen überstrahlt. Die wahren Helden unserer Tage scheinen jene zu sein, die so sind wie wir, mit Fehlern und Macken, die aber trotzdem ein Selbstbewusstsein an den Tag legen, das seinesgleichen sucht.

Aus meiner Sicht War Tom Wolfe so ein Held. Ein ziemlich arroganter Allerweltsmensch, der es nötig hatte, sich wie ein Dandy zu kleiden und zu vermarkten, weil er sonst kaum Beachtung gefunden hätte. Wolfe war ein Repräsentant seines Jahrhunderts, weil er aus dem Journalismus kam und mit dem dort gereiften Stil zu einem Literat von Weltruhm wurde. Ja, er arbeitete sich auch als Journalist durch sein Leben, knallte der Bauhausarchitektur eins vor den Bug und berichtete von der LSD-Tournee im Magic Bus. Aber das, was für mich hängen bleiben wird als groß und großartig, das sind seine drei Großstadtromane.

New York City, Atlanta und Miami. Bonfire of Vanities, A Man in Full und Back to Blood. Der überzeugte New Yorker debütierte mit dem Roman über die Metropole New York, wo es reicht, sich nur einmal zu verfahren, um in einer Odyssee, einer Reise des Lernens durch Leiden, zu enden. Ganz in der Tradition des leibhaftigen Journalismus entstand das „Fegefeuer“ zunächst als Fortsetzungsroman in der New York Times und vieles, was dort thematisiert wurde, beunruhigte das Publikum, weil zeitgleich oder kurz darauf etwas in der Metropole geschah, das es so aussehen ließ, als verfüge der Autor über eine Art Geheimwissen. Wolfe reagierte mit einem Aufsatz unter dem Titel: Dichter in den Dreck! Er, der von der literarischen Nomenklatura als Journalist verhöhnte, schlug zurück und beschrieb das Profane als Quell der Erkenntnis.

A Man in Full zeigte weniger den Moloch Atlanta, als einen Ort der Deplatzierten, der quasi über Nacht mit der Gründung von CNN zur Fabrik der Weltmeinung gemacht wurde, aber ein provinzielles Hinterland bot, das frei von den politischen Virulenzen eines Washingtons war, aber reich an niederen Intrigen. Und dann Miami in Back to Blood, die sonnenbeschienene Fassade zwischen Age Belt, kulturellem Größenwahn, russischen Oligarchen und konservativen Latinos. Tom Wolfe wusste, wo der Rhythmus war, den das moderne Amerika bewegte und Tom Wolfe wusste, wo es richtig schmerzt.

Der kalt wirkende, immer in weiße Anzüge gehüllte Dandy, dessen Zeilen reich waren an Geist, Spott und manchmal auch Zynismus, dieser scheinbar kalte Mann war ein genialer Beobachter. Und ihm gab das, was er sah, auch zu denken und zu fühlen. Nur hatte er, der Journalist, einen Vorteil, den gerade seine Profession in guten Zeiten aufwies. Er machte sich mit keiner Sache gemein. Wolfe beobachtete, Wolfe beschrieb und Wolfe komponierte seine Texte. Was herauskam war genial, weil es ohne Belehrung auskam.

Seine Texte wirkten. Sie hatten gesellschaftliche Explosivität. Und sie trugen die Leserschaft durch eine klare, leuchtende, Erkenntnis fördernde Distanz. Tom Wolfe ist gegangen. Ins Pantheon des Journalismus. Kein schlechter Ort!