Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Mesut und Ilkay bei Onkel Osman

Wie sehr galten sie als Beispiele für ein gelungenes Projekt der Integration. Die Fußballer mit Migrationshintergrund, wie es die verschwurmelte Sprache der Umschreibung ausdrückt. Gerade ein Mesut Özil wurde immer wieder als leuchtendes Beispiel genannt, weil sein erfolgreiches Auftreten in der deutschen Nationalmannschaft identitätsstiftender sei als die Bemühungen soundso vieler Integrationsprogramme. Doch, wie das Leben so spielt, und so treffend es Frank Sinatra beschrieb, „riding high in April, shot down in May“. Leider, leider haben gerade Mesut Özil und der aus der gleichen Gelsenkirchener Zechensiedlung stammende Ilkay Gündogan mit einem Schlag die große Illusion platzen lassen wie einen Ballon auf einem Kindergeburtstag.

In einem Londoner Hotel trafen sie den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, seinerseits nicht nur dauerhafter Brecher des Völkerrechts, sondern auch der, der die Gleichschaltung des türkischen Staates nach dem Muster der faschistischen Machtergreifung in Deutschland betreibt. Hunderttausende sitzen ohne Verfahren in den überfüllten Gefängnissen, darunter nicht wenige Richter und ehemalige Staatsanwälte, darunter Journalisten und darunter auch Fußballer, die es gewagt hatten, sich kritisch zu äußern. 

Aus taktischen Gründen, weil die Opposition momentan aufgrund der Massenverhaftungen und der kriegerischen Akte in Syrien ein bißchen schwächelt, hat eben dieser Erdogan Neuwahlen anberaumt, für die er nun auf Werbetour geht. Unter anderem bei den Auslandstürken, denn ihre Zahl geht in die Millionen, sie haben nicht direkt unter dem diktatorischen Terror zu leiden und sie verbindet eine nostalgische Erinnerung an die alte Heimat.

Just in diesem Moment tauchen Özil, Gündogan und Tosun auf, um Erdogan zu begrüßen wie den lieben Onkel Osman, der aus der alten Heimat rübergekommen ist, um seine verlorenen Söhne zu begrüßen. Und artig tanzen sie, an, sprechen ihn mit Herrn Präsident an und überreichen ihm auch noch ein Trikot mit einer netten Widmung. 

Es geht nicht darum, sich moralisch zu empören, sondern es geht darum zu erkunden, was passieren kann, obwohl eine Biographie so verlaufen ist wie die der beiden Gelsenkrichener. Aufgewachsen als typische Vertreter der Arbeiterklasse in einem fremden Land, Straßenfußballer, der Aufstieg durch den Fußball bis zum Status als Multimillionär. Aufgewachsen in einem Land, dass auf seine demokratischen Werte verweist, nicht ohne selbst unter ständigen Unterminierungsversuchen zu leiden. Dennoch: Irgend etwas hätte hängen bleiben müssen, bevor sich Menschen mit einer solchen Biographie zu einem Werbetermin für einen Diktator hinreißen zu lassen, oder? Mit alleiniger Armut im Geiste kann es jedenfalls nicht erklärt werden.

Der Auftritt hat zu Recht zu einer heftigen Diskussion geführt. Es deutet sich jedoch an, dass nicht Fragen nach der Zukunft gestellt werden, d.h. wie mit dem Phänomen nostalgisch verklärender Gefühle von Einwanderern in Bezug auf ihre alte Heimat politisch umgegangen werden kann. Nein, es geht, wie immer, um die rückwärtsgewandt Frage danach, wer was falsch gemacht hat. Warum werden die Spieler nicht direkt gefragt und kritisiert? Das wäre doch einmal etwas. 

Der Ruf nach Nichtnominierung für die Nationalmannschaft ruft das alte Problem hervor, dass niemand sanktioniert werden kann für eine Straftat, die als solche nicht existiert. Selbst Minister der Regierung haben schon mit dem Erdogan-Machtzentrum gefreundelt und wurden nicht belangt. Die Spieler selbst haben sich keinen Gefallen getan, denn die Sympathie ist bei vielen dahin. Jedes Tor, dass sie schießen, wird mit eisigem Schweigen kommentiert werden und jeder Fehler, den sie machen, wird von dem enttäuschten Publikum mit Gold aufgewogen werden. Zu Recht. 

„Etwas Besseres als den Tod findest du überall“

Von Bertolt Brecht stammt das kluge Wort, Fortschritt bedeute nicht, fortgeschritten zu sein, sondern fortzuschreiten. Wem es an dieser Stelle bereits zu kompliziert ist, möge gleich aussteigen. Das ist kein arrroganter Hinweis, sondern ernst gemeint. Tatsächlich ist die Frage der Erneuerung und Veränderung eine sehr komplizierte. Das, was zunächst schlicht aussieht, wird schwierig angesichts fast als archetypisch anzusehender Verhaltensmuster des Menschen. Denn selbst die, die einer gewissen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie leben, aufgeschlossen gegenüber stehen, wünschen sich schon bald nach der Anstrengung etwas Ruhe. Sei es, um das Veränderte zu erleben und zu bewerten, bevor sie sich erneut Gedanken über die Notwendigkeit weiterer Veränderungen zu machen, sei es, weil sie die neuen Verhältnisse so nach ihrem Vorteil geraten sehen, dass sie befürchten, nach weiteren Veränderungen in eine schlechtere Position zu kommen. 

Ja, alles steht auf dem Prüfstand, wenn die Veränderung namens Fortschritt in die bestehenden Verhältnisse rauscht und das Leben der Menschen durcheinander wirbelt. Wichtig ist, dass die Menschen, die davon betroffen sind, mit sich im Reinen sind. Sie sollten wissen, dass es sich um einen Prozess handelt, in dem sie Subjekt und nicht Objekt sind. Ist das gegeben, dann kann sich etwas Vernünftiges entwickeln. Aber, und diese Überlegung drängt sich mit aller Macht auf, wie können Menschen, die seit langer Zeit als Objekte ge- und behandelt wurden, plötzlich zu Subjekten werden? Um es gleich zu sagen: Gar nicht. Es sei denn, sie wähnen sich in einer solchen Lage, dass sie bereit wären, der Maxime Till Eulenspiegels zu folgen: Was Besseres als den Tod findest du überall!

Die Perspektive, die die vielleicht ungewollten Veränderungen des Fortschritts zeichnet, muss so verheerend sein, dass sich ein Großteil der Menschen nicht mehr getraut, darüber nachzudenken. Dann werden jene Selbsterhaltungskräfte mobilisiert, die aus Objekten Subjekte machen. Diese Subjekte sind jedoch nicht die mit dem Plan für eine vernünftige Veränderung. Nein, bei ihnen handelt es sich um Angst gesteuerte, in ihrer Existenz bedrohte Menschen, die vermeintlichen Konzepten der schnellen Lösung folgen. Das, was normalerweise dann auch verheerend wirkt, ist nicht notgedrungen alles nur emotional, irreal und destruktiv. Im Kern befindet sich auch bei dieser Gruppe eine durchaus als sehr real empfundene Vorstellung von dem, was ist, und dem, was nicht sein darf.

Die jahrzehntelange Entmündigung großer Teile der Gesellschaft durch eine zunächst als Fürsorgeideologie zu bezeichnende Bevormundung hat dazu geführt, dass nahezu die einzige verändernde Kraft aus den Reihen der großen Masse in einem Kampfdenken gegen das besteht, was vielleicht am besten als die rasende tägliche Veränderung bezeichnet werden kann. Diese Kräfte spüren, dass da etwas in die falsche Richtung gegangen ist und geht und nichts mit dem zu tun hat, was als die große Chance der Veränderung von einigen Kreisen propagiert wird. 

In diesem Kontext von Fortschritt zu sprechen, fällt schwer. Richtig wäre es, von Veränderungsprozessen auszugehen, die die Gesellschaft überrollen. Mit gemeinsamem Fortschreiten hat das wenig zu tun. Da werden Verhältnisse geschaffen, die angeblich keine Zeit lassen, darüber zu reflektieren und sich Zeit zu nehmen. Das ist das Wesen der Technokratie. Sie schafft Verhältnisse, die nur wenigen Nutzen bringen, aber die als unausweichlich charakterisiert werden. Ein falsches Spiel. Und ein böses Ende.