Crowd leaving a festival with fire and thick black smoke in city background

Verursachtes Unglück

Auch an der Reaktion auf bestimmte Ereignisse lässt sich sehr gut ablesen, wie es um eine Gesellschaft bestellt ist. Der jüngste Anschlag auf Teilnehmer des Berliner CSD ist ein gutes Beispiel für diese These. Es begann kurz danach bereits in den Nachrichtensendungen. Dort wusste man eigentlich noch nichts, und die Berichte lauteten „es hat wohl, es wird vermutet, mutmaßlich etc.“, die ganze Litanei, die man kennt, wenn Aufmerksamkeitserreger nicht das Wasser halten können, bis die Kräfte, die vor Ort in der Verantwortung sind, berichten. Als nächstes, als dann deutlich wurde, womit man es zu tun hatte, wer als Täter in Frage kam, welche und wie viele Opfer zu beklagen waren, sprangen die professionellen Deuter aus allen Ecken und – auch das eine Phrase aus dem großen Schrank der allgegenwärtigen Propaganda – ordneten die Tat ein.

Den einen war sehr schnell klar, dass der radikale Islamismus hinter der Tat steckt. Andere wiederum beklagten, dass sie nicht von einem weißen, deutschstämmigen Mann begangen wurde. Dann wurde anderen wiederum sehr schnell deutliich, dass eigentlich die AFD dafür verantwortlich zu machen sei, während besonders gut informierte Kreise von einem russischen Sabotageakt sprachen. Und natürlich war die homophobe Atmosphäre maßgeblich dafür verantwortlich oder, wie es der immer bestens informierte Kanzler erklärte, die dummen Witze, die im Volke kolportiert werden.

Und, wir lägen nicht in der Abendsonne Germanistans, wenn nicht nahezu das gesamte politische Lager entweder gravierende Versäumnisse in der Früherkennung beklagten und – wie immer,  seit eh und je in solchen Fällen – sich von einer Verschärfung der Gesetze mehr Sicherheit für die Zukunft versprächen.  Und das, auch wie immer, ohne jemals die über Jahrzehnte anhaltende Verschärfung der Gesetzeslage auf ihre Wirkung hin evaluiert zu haben. Und natürlich durfte auch der Vorwurf nicht fehlen, nicht konsequent genug Menschen aus Ländern, in denen der Islam die vorherrschende Religion ist, abgeschoben zu haben. 

Und, als handelte es sich um ein kollektives, Sinn stiftendes Ritual, es wurde in allen Varianten getrauert, auch von Menschen, denen die ganze Episode eigentlich egal ist. Und diese wiederum wurden dann, bei einem lustigen Schwätzchen am Rande einer solchen Kondolenzveranstaltung gefilmt und der Vorgang der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Der Gesamtzustand, der sich aus so etwas ableitet, ist mehr als beklagenswert. Er zeigt nämlich, dass die tägliche, millionenfach publizierte Mystifikation über große Zeiträume hinaus dazu in der Lage ist, größere Zusammenhänge nicht mehr herstellen zu können. Um Tolstoi zu kolportieren: Unglücklich ist jede Familie und jeder Mensch für sich allein, und auf eine eigene Weise. Aber es  existieren gesellschaftliche und politische Vorraussetzungen, die über das Glück oder Unglück der Einzelnen mit entscheiden. Und zu was großes Unglück führt, das einem vielleicht sogar aufgezwungen wurde, davon berichten die Nachrichten zuhauf. Nur eben nicht, was wiederum dazu geführt hat und wer dafür verantwortlich ist.

Nur, um bereits parate Einwände zu blocken: Jeder Mensch ist und bleibt verantwortlich für das, was er tut. Und natürlich auch für das, was er unterlässt. Aber dennoch sei einmal die Frage erlaubt, ob vieles, was wir in unseren Tagen beklagen, nicht mit den völkerrechtswidrigen Kriegen in Afghanistan, Syrien, Libyen, dem Libanon etc. eine Erklärung findet? Oder haben Massaker, Bombardements und die Vertreibung von Hunderttausenden mit all dem gar nichts zu tun? Und ist das Ausmaß der Opfer, so beklagenswert und traurig es auch ist, mit der Dimension zu vergleichen?

Verursachtes Unglück

9 Gedanken zu „Verursachtes Unglück

  1. Avatar von gkazakougkazakou

    man braucht sie ja nur nebeneinanderzuhalten – eine Pride-Parade und eine Szene im bombardierten Libanon -, um den mörderischen Wahn zu verstehen, der so manchen Menschen befällt, der beides zugleich wahrnimmt und psychisch nicht vereinbaren kann.

    Derlei allzu krasse Gegensätze brechen überall auf und schlagen die gewohnten Maßstäbe zwischenmenschlichen Verhaltens in Stücke.

    1. Avatar von Gamma HansGamma Hans

      Der Gedanke, dass starke Kontraste unsere Wahrnehmung und unser Mitgefühl herausfordern, ist nachvollziehbar. Dennoch sollten wir vorsichtig sein, aus solchen Gegenüberstellungen direkte Erklärungen für Gewalttaten abzuleiten. Wissenschaftliche Forschung zeigt, dass politische Gewalt und Terrorismus in der Regel durch ein komplexes Zusammenspiel von Ideologie, Radikalisierung, persönlichen Faktoren und gesellschaftlichen Umständen entstehen – nicht durch das bloße Nebeneinander widersprüchlicher Bilder oder Lebenswelten. Gerade deshalb sind Rechtsstaatlichkeit, eine sorgfältige Aufklärung und die Achtung der universellen, unteilbaren Menschenwürde entscheidend. Das Leid von Menschen im Libanon, in der Ukraine, im Sudan, in Gaza oder anderswo mindert weder die Rechte von Minderheiten noch umgekehrt. Menschliches Mitgefühl ist keine begrenzte Ressource, sondern gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn es allen Opfern von Krieg, Terror und Hass gleichermaßen

      1. Avatar von gkazakougkazakou

        ich habe keine Kausalität unterstellt. Im Übrigen hat die Polizei kurzen Prozess gemacht und den Täter erschossen, ihn also nicht nur seiner Menschenwürde, sondern auch seines Lebens beraubt. Befragen können wir ihn nicht mehr, was ihn persönlich dazu gebracht hat, in eine Pride Parade reinzufahren und Leute niederzumetzeln. Und komm mir bitte nicht mehr mit solchem KI-Geschmonze, sondern schreib mir, was du zu dem Fall denkst. Danke.

      2. Avatar von Gamma HansGamma Hans

        Liebe gkazakou,

        danke für die Klarstellung. Sie haben recht: Bei einer Gewalttat dieser Art sollte man vorsichtig sein, bevor man Motive vermutet oder politische Zusammenhänge herstellt. Solange die Ermittlungen keine eindeutigen Erkenntnisse liefern, bleiben Erklärungen über die persönliche Motivation des Täters Spekulation.

        Dass die Polizei in einer akuten Gefahrenlage handeln musste, um weitere Menschen zu schützen, ist ein zentraler Bestandteil des staatlichen Gewaltmonopols. Gleichzeitig bleibt auch nach dem Tod eines Täters der rechtsstaatliche Anspruch bestehen, seine Beweggründe zu verstehen – nicht um die Tat zu entschuldigen, sondern um ähnliche Gefahren künftig besser verhindern zu können.

        Die Menschenwürde gilt jedoch universell. Sie bedeutet nicht, dass jede Handlung folgenlos bleibt, sondern dass auch bei schwersten Verbrechen der Mensch nicht entmenschlicht werden darf. Gerade eine demokratische Gesellschaft zeigt ihre Stärke darin, Opfer zu schützen, Täter zur Verantwortung zu ziehen und dennoch an rechtsstaatlichen Prinzipien festzuhalten.

        Mir erscheint wichtig, den Fokus auf die Betroffenen zu legen: auf die verletzten Menschen, die Angehörigen und die Frage, wie Hass, Radikalisierung oder psychische Krisen frühzeitig erkannt werden können. Die Suche nach Wahrheit sollte dabei Vorrang vor vorschnellen politischen Deutungen haben.

        Mit freundlichen Grüßen
        Hans Gamma

      3. Avatar von gkazakougkazakou

        „den Fokus auf die Opfer legen“ – wer hat dir diesen Satz diktiert, lieber Hans? Dein Herz? Oder deine Künstliche Intelligenz?
        Deine abstrakte Sprache ist fürchterlich und menschenfeindlich. Früher hattest du deine eigene Sprache. Was ist passiert? Grüße, Gerda

      4. Avatar von Gamma HansGamma Hans

        Liebe Gerda,

        vielen Dank für Ihre offene Rückmeldung. Sprache berührt Menschen – deshalb ist Kritik daran ernst zu nehmen. Zugleich erscheint mir der Gedanke, den Fokus auf die Opfer zu legen, weder künstlich noch unpersönlich, sondern ein Grundprinzip von Ethik, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit. Das Völkerrecht, die Menschenrechte und auch die meisten religiösen und philosophischen Traditionen erinnern daran, dass jedes menschliche Leben den gleichen Wert besitzt – unabhängig von Herkunft, Überzeugung oder politischer Einordnung.

        Gerade in einer Zeit weltweiter Konflikte ist eine präzise, überprüfbare und respektvolle Sprache wichtiger als emotionalisierende Zuschreibungen. Wissenschaftlich betrachtet können Worte deeskalieren oder polarisieren; historisch zeigt sich immer wieder, dass eine entmenschlichende Sprache Gewalt begünstigen kann. Deshalb sollten wir unterschiedliche Sichtweisen kritisch, aber mit gegenseitigem Respekt diskutieren.

        Vielleicht ist nicht entscheidend, ob ein Gedanke von einem Menschen oder mit Unterstützung einer KI formuliert wurde, sondern ob er wahrheitsgemäß, nachvollziehbar, menschenwürdig und verantwortungsvoll ist.

  2. Avatar von Gamma HansGamma Hans

    Vielen Dank für Ihren nachdenklichen Beitrag. Jede Gewalttat verlangt zunächst eine sorgfältige, rechtsstaatliche Aufklärung auf der Grundlage überprüfbarer Beweise – nicht vorschnelle Schuldzuweisungen oder politische Instrumentalisierung. Historisch zeigen zahlreiche Konflikte, dass Krieg, Terror, ideologische Radikalisierung und Menschenrechtsverletzungen langfristige Folgen für Gesellschaften haben können. Zugleich trägt jeder Täter die persönliche strafrechtliche und moralische Verantwortung für sein Handeln. Aus völkerrechtlicher, ethischer und religiöser Sicht sind Angriffskriege, Terrorismus und gezielte Gewalt gegen Zivilpersonen gleichermaßen mit der universellen und unteilbaren Menschenwürde unvereinbar. Dies gilt unabhängig davon, ob sie von staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren ausgehen. Nur die konsequente Achtung der Menschenrechte, des Völkerrechts, des Rechtsstaats sowie eine Kultur der Wahrheit, der Verhältnismäßigkeit und des Dialogs können Vertrauen stärken und den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen.

  3. Avatar von Gamma HansGamma Hans

    Liebe Gerda,

    vielen Dank für Ihre offene Rückmeldung. Sprache berührt Menschen – deshalb ist Kritik daran ernst zu nehmen. Zugleich erscheint mir der Gedanke, den Fokus auf die Opfer zu legen, weder künstlich noch unpersönlich, sondern ein Grundprinzip von Ethik, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit. Das Völkerrecht, die Menschenrechte und auch die meisten religiösen und philosophischen Traditionen erinnern daran, dass jedes menschliche Leben den gleichen Wert besitzt – unabhängig von Herkunft, Überzeugung oder politischer Einordnung.

    Gerade in einer Zeit weltweiter Konflikte ist eine präzise, überprüfbare und respektvolle Sprache wichtiger als emotionalisierende Zuschreibungen. Wissenschaftlich betrachtet können Worte deeskalieren oder polarisieren; historisch zeigt sich immer wieder, dass eine entmenschlichende Sprache Gewalt begünstigen kann. Deshalb sollten wir unterschiedliche Sichtweisen kritisch, aber mit gegenseitigem Respekt diskutieren.

    Vielleicht ist nicht entscheidend, ob ein Gedanke von einem Menschen oder mit Unterstützung einer KI formuliert wurde, sondern ob er wahrheitsgemäß, nachvollziehbar, menschenwürdig und verantwortungsvoll ist.

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