Rituale sind Vorgehensweisen, die sich wiederholen und von der entsprechenden Gemeinschaft als Sinn stiftend betrachtet werden. Nach dem Scheitern der deutschen Mannschaft gegen Paraguay griff man auf ein alt bewährtes dieser Rituale zurück. Der exklusive Sündenbock wurde öffentlich verbrannt. Das ist nicht typisch deutsch, aber in dieser Hinsicht ist man hierzulande allerdings ganz oben in der Ranking-Skala. Der Trainer hatte alles falsch gemacht und, abgeschwächt, die Spieler haben einfach nicht das Zeug. Jede noch so blinde Krähe meldete sich krächzend zu Wort. Kaum Erklärungsversuche, keine Vergleiche, die vielleicht Türen zu einer Relativierung geöffnet hätten, wie z.B. der Verweis auf Spanien, das auch drei Weltmeisterschaften nach dem Titel sehr schlecht abgeschnitten hat, oder, jetzt, auf die Mühe Frankreichs mit dem Gegner, der Deutschland nach Hause geschickt hat. Hat man den Bock gefunden, dann ist alles in Ordnung.
Dass das DFB-Management nicht zum ersten Mal vor einem Turnier Verträge verlängert hat, kann man dem Trainer beim besten Willen nicht vorwerfen. Dass die Polit-Funktionäre dieses Verbandes die Gelegenheit nutzen, um von ihrem Dilettantismus abzulenken und in das Trainer-Bashing mit einstimmen, zeigt ihren Charakter. Und dass jetzt nahezu die gesamte Inquisitionsgemeinschaft in ein Hosianna auf den zu erwartenden Nachfolger einstimmt, zeigt das amöbenhafte kollektiver Strategie. Dieser nämlich hatte seine Kommentatorenrolle während des Turniers bereits dazu genutzt, um den verantwortlichen Trainer zu demontieren, was ihn charakterlich als nicht geeignet ausweist. Zudem hat man es bei ihm mit dem neuerlich auch in der internationalen Politik etablierten Money-Kokser zu tun. Auch das fällt nicht sonderlich auf im manischen Wunsch nach einer schnellen Lösung. Ja, der Fußball und alles um ihn herum, zeigt wieder einmal deutlich, wo der Hase im Pfeffer liegt. Selbstkritik, analytisches Denken und eine Strategie sind nicht zu finden. Schön kompensiert von kollektiver Hysterie.
Dass der in den alten Kolonialmächten so gerne genannte globale Süden bis dato gezeigt hat, dass die Zeiten der leichten Kost vorbei sind wurde hingegen deutlich. Alle vermeintlich Großen haben sich bis jetzt schwer getan und manche südlichen Lichter scheinen immer noch auf und es ist durchaus keine verwegne Prognose, dass vielleicht am Schluss jemand aus einem ausgeplünderten Kontinent die Trophäe in den Himmel heben wird.
Von der Art und Weise, wie das Spielgerät bewegt wird, ist vom System her nicht viel Neues zu berichten. Die Systeme sind etabliert und werden variiert. Den Unterschied machen Gladiatoren, die bei den großen, erfolgreichen und monetär potenten Vereinen ihr Geld verdienen und zur artistischen Weltklasse gehören. Das ist, in Bezug auf eine Massensportart, ein Grund, um sich große Sorgen zu machen. Genauso wie der Ausschluss der schauenden Massen über den Preis. Wohin diese Entwicklung führt? Only Time will tell!
Zumindest ein Deutscher ist noch im Rennen, und zwar als Trainer der englischen Nationalmannschaft. Er zeigte auch, dass in seinem Heimatland nicht nur der Fußball, sondern auch das Wort einmal groß war. Er nämlich beschrieb diese international operierenden hochklassigen Unterschiedsspieler mit Haifischen, die, wenn sie Blut wittern, sofort da sind und sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen.
Was für ein Satz! Und was für ein Turnier, wenn ein solcher Satz zu den bisherigen Highlights gehört!
