Das bürgerliche Zeitalter drehte sich immer um die Individualisierung. Es ging um die Vervollkommnung des Einzelnen, im Hinblick auf seine Fähigkeiten wie seine Bedürfnisse. Es handelt sich dabei um ein europäisches Modell der Neuzeit und nicht um ein universalistisches Prinzip, das von der Geschichte abgekoppelt ist. Berühmt bleibt der Satz des Chinesen Tschou En-Lai, der davor warnte, schnelle Schlüsse hinsichtlich des Projektes der bürgerlichen Revolution zu ziehen, denn das Ganze läge erst zweihundert Jahre zurück und eine Beurteilung sei etwas vorschnell. Als Chinese hatte er mit diesem Zeitraster zweifelsohne Recht, Europäer oder Amerikaner halten eine derartige Historisierung für weltfremd. Was bleibt, ist die Frage, ob die Individualisierung mehr Glück in die menschliche Existenz gebracht hat. Denn das war das Ziel: Freiheit und Glück.
Das Projekt der bürgerlichen Individualisierung erfährt allein schon dadurch eine Relativierung, als dass es in vielerlei Hinsicht schlicht um eine Metapher und nicht um eine tatsächliche kollektive Existenz ging. Im bürgerlichen Individuum wurde die Fähigkeit des einzelnen, kompetenten und produktiven Menschen gesehen, der in der Lage sein sollte, fern von den Zwängen der feudalen Ordnung auf einem weit agierenden Markt seine Individualität und alles, was daraus resultierte, zu vermarkten und zu einem ökonomischen Prinzip zu machen. Das gelang einem Teil der Kaufleute und zu einem Großteil den späteren Fabrikbesitzern. Diejenigen, die nicht über den Status des bürgerlichen Besitzes verfügten, d.h. diejenigen, die weder Maschinen noch Lagerhallen besaßen, hatten dort im Auftrag der Besitzer zu arbeiten. Ihre Individualität blieb immer nur ein Rechtszustand, real im Sinne wirtschaftlicher Rendite war er nie.
Da Absurde an der kurze Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft ist die immer schnellere Wiederholung des Mantras mit dem Ziel, aus seiner ursprünglichen Aussage einen Massenzustand zu machen. Was das heißt? Der Individualismus wird nicht als reale Existenzform eingelöst, sondern als Kollektivsymbol vermarktet. Der viel gepriesene Individualismus dient lediglich als Label, um die Illusion zu verkaufen, das einzelne Individuum sei kurz vor dem Ziel. Was es in der Realität jedoch nicht ist. Der Vorzug, der in diesem Vermarktungsmechanismus liegt, besteht einerseits im Verkauf der Idee und andererseits in der Verhinderung von Zusammenschlüssen von Menschen in gleicher Lage.
Das Vertreten der eigenen Interessen im Verbund mit anderen Betroffenen kann unter dem Label der Individualität nicht stattfinden, weil jedes Bekenntnis zu einem interessengeleiteten Kollektiv wie ein Verrat an der Freiheit des Einzelnen erscheint. Der jetzige Zustand des bürgerlichen Individualismus ist zu einem mächtigen Fake News degeneriert, weil die Uniformität der Einzelnen nie größer war als auf dem heutigen Massenmarkt der Globalisierung. Alles, was noch die Note der Individualität hätte beflügeln können, ist von einem sich rasend schnell reproduzierenden Markt verschlungen. Alles, was die Bedürfnisse des einzelnen Menschen befriedigen soll, ist global gleichgeschaltet. Historische, ethnische, kulturelle und sprachliche Diversität ist ersetzt durch Marktstandards in Ware, Sprache und Verhalten.
Das große Ziel der individuellen Vervollkommnung hat sich zu einer Orgie der Standardisierung entwickelt, in der bestimmte Serien produziert werden, die eine immer kürzere Halbwertzeit auf dem Markt haben. Freiheit und Glück sind im Massenpulsschlag nicht zu haben, wer danach strebt, dem bleibt nur die Eremitage. Für eine Gesellschaft als Modell ist das zu wenig. Für ein Kollektiv, das dennoch eine individuell akzeptable Zukunft anstrebt, auch.

…stimmt leider alles. der mensch hat sich zur Ware gemacht. – aber was ist die Lösung?
Fragen
In Zeiten der sog. ‚Aufklärung’: Universale Menschenrechte, die jedoch nicht für ‚Wilde’ galten.
Heute ein Pappschild auf einer Demonstration gegen ‚rechts’ gesehen: ‚Menschenrechte statt rechter Menschen’. Was wird man mit diesen ‚Rechten’ machen? Was ist dann ‚rechts’, was heißt dann ‚links’?
Die propagierte ‚Vielfalt’, der man sich so rühmt und dahinter, bald hegemonial ‚political correctness’. Wer bestimmt das? Was geschieht mit den Abweichlern?
Grundgesetzlich schein-garantierte Meinungsfreiheit und Sanktionen gegen abweichende Meinungsäußerungen. Wann sind wir alle Baud? Oder machen wir uns bereits schon vorher zu Selbstsanktionierten? Und wer wird dann noch Individuum sein, wenn wir alle ‚individuell’ formiert sind?
‚Es ist ja alles so schön bunt hier’, sang einst Nina Hagen, Doch was wird aus der Farbenbuntheit, wenn einzelne Farben fast dekrethaft ganz verschwinden? Das muntere Farbenspiel so zu einem Einheitsbrei verrührt, dass alle Unterschiede verschwinden? Ja, grau ist auch eine Farbe. Aber alle Farben zusammengemischt ergeben eben nur ‚grau’ – Die Herrschaft/Frauschaft der Grau*innen?
Individuen sich nennende Uniformierte ??
Medial zur Massenwaren Geformte ??
Individuen nur noch in der anscheinend unterschiedlichen Konsumtion ??
Früher fragte ein Kabarettist ‚Gnädige Frau, wo lassen Sie denn denken?’
Heute gibt KI selbst darauf eine Antwort
Eine meiner Großmütter legte bei einer Nazi-schein-Volksbefragung statt des Stimmzettels den Bibelspruch, ‚nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selbst’ in den Stimmkasten.
Fragen gibt es viele.
Doch wo sind die Antworten?
Die müssen wir selber finden.
Und form7 hilft dabei.
Deshalb
DANKE