Archiv für den Monat Oktober 2023
Ukraine: Nicht im Bett einer Kriegspartei
Patrik Baab, Auf beiden Seiten der Front. Meine Reise in die Ukraine
Der mittlerweile als Dritter Golfkrieg klassifizierte Angriff der USA auf den Irak mit dem Ziel, den damaligen Herrscher Saddam Hussein zu entmachten und schließlich zu ermorden, brachte neben einem weiteren Bruch des Völkerrechts noch eine Innovation mit sich. Aufgrund der negativen Erfahrungen mit unabhängigen Kriegsreportagen ersann man ein System, das mit dem Terminus Embedded Journalism bezeichnet wurde. Was mit der Einbettung von Journalisten gemeint war, wurde sehr schnell deutlich. Sie bekamen nur eine Akkreditierung, wenn sie sich vom amerikanischen Militär führen ließen und exklusiv über das berichteten, was diese Militärs ihnen zeigten. Die Unabhängigkeit der Berichterstattung war dahin und die staatlich sanktionierte Propaganda wurde zum Standard. Was damals zu einem Aufschrei im Gewerbe des Journalismus führte, gilt heute als normal.
Der Krieg in der Ukraine ist ein Paradebeispiel für diese Art des Paradigmenwechsels. Jeden Tag kann beobachtet werden, wie der Journalismus zur Partei verkommen ist – auf beiden Seiten. Und man könnte die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen und verzweifeln, gäbe es nicht ab und zu Ausnahmen, die zu wichtigen Einsichten führen. Patrik Baab, noch vor dem Erscheinen seines Buches vom vereinigten Propagandakonsortium bis hin zu Versuchen der existenziellen Vernichtung diskreditiert, hat sich der Gefahr ausgesetzt und sich die Mühe gemacht, beide Seiten der Front zu besuchen. In seinem Buch „Auf beiden Seiten der Front. Meine Reise in die Ukraine“ schildert er nicht nur die Auswirkungen, sondern auch die Entstehung des Krieges aus beider Sicht. Letzteres haben bereits andere zur Genüge dargelegt, was bei Baab allerdings besticht, ist die Präzision, mit der er die wirtschaftlichen Verflechtungen und Interessen beschreibt, die neben dem Aspekt der Geostrategie eine immense Rolle spielen.
Das Panorama, das angesichts von Baabs Beschreibungen entsteht, ist alles andere als eindeutig und dazu geeignet, das Bild von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse zu zeichnen, welches die eingebetteten Journalisten jeden Tag bis zur Erschöpfung von sich geben. Was auffällt, ist die Dominanz der USA in der Regie wie in der Vertretung von Interessen: sowohl in Bezug auf wirtschaftliche Vorhaben als auch unter dem Aspekt von Geostrategie. Die jahrelangen Aktivitäten der NATO wie die zahlreichen Verträge durch amerikanische Konzerne sind ein Portfolio, das man unbedingt im Auge haben muss, wenn man sich ein Urteil bilden will.
Neben Geschichten von Einzelschicksalen, die immer dazugehören und die Baab in empathischer und stilistisch packender Weise zu erzählen weiß, sind die vielen Fakten des vorliegenden Buches eine echte Herausforderung. Dass er bei all den Details den Blick für das große Bild nicht aus den Augen verliert, beweist das letzte Kapitel, das den unheilvollen Titel trägt: Jalta: Promenade der Schlafwandler.
Das dort dargelegte Resümee sollte alle anregen, die noch nicht den Verstand verloren haben aufgrund der täglichen Beschallung durch den Eingebetteten Journalismus, der sich für keine unreflektierte Parteinahme zu schade ist. Patrik Baab liegt nicht im Bett einer Kriegspartei. Das macht die Lektüre so aufschlussreich.
Stell dir vor, die Katastrophe zeichnet sich ab, und keiner steht auf!
Heute las ich ein Zitat eines in Deutschland lebenden Juden. Der Mann meldet sich seit Dekaden immer wieder zu Wort und ist ein scharfer Beobachter dessen, was am besten als die deutschen Verhältnisse beschrieben werden kann. Der Mann ist streitbar und vertritt oft Positionen, die ich nicht teile. Dennoch ist er eine wichtige Stimme und trifft mit seinen Analysen oft ins Schwarze. Seine Aussage, die mich nachdenken ließ und mich sofort ansprach, bezog sich auf die deutsche Vergangenheit wie Gegenwart. Wenn ihr euch die Frage stellt, so formulierte er, wie es in Bezug auf die faschistische Katastrophe so weit kommen konnte, dann lautet die Antwort, weil die Leute damals so waren, wie ihr es heute seid.
Das ist starker Tobak. Und es ist treffend. Denn nichts geschieht, das auf den Wegmarken zur Katastrophe liegt, was zu dem führen würde, das einer lebendigen Demokratie entspräche. Aufschrei, Aufstand, Widerstand. Man sehe sich an, was bis zur jetzigen Katastrophe in Israel geschah. Hunderttausende gingen täglich auf die Straße, um die Gleichschaltung der Justiz zu verhindern. Auch in Polen war der Widerstand groß. In vielen Ländern regt sich bereits der Widerstand gegen die allgegenwärtige Kriegsmentalität. Aber es geht immer weiter. Biden, als Vertreter eines außer rand und band geratenen militärisch-industriellen Komplexes seines Landes, legt die Lunte an alle Fässer, die herumstehen und der deutschen Politik fällt nichts anderes ein, als diesem Feuerteufel blindlings zu folgen. Da ist keine Ratio, kein Verstand und keine Courage. Da ist Untertanengeist, der, wenn man ihm kein Einhalt gebietet, in der Selbstverbrennung endet.
Doch solange die Doppelmoral floriert, scheint sich ein Großteil der Bevölkerung noch nicht zum Existenzkampf motivieren zu können. Solange die medial gefeierten Scharlatane noch soufflieren dürfen, dass wir die Guten sind, bleibt ein Restgift im Körper, das das Vermögen des Aufstehens verhindert. Dabei ist die Verlogenheit augenscheinlich. Nichts wird in der großen weiten Welt dazu führen, dass man diesem Konsortium, das den Krieg als Ultima Ratio gewählt hat, noch ein Wort glauben wird. Wer seine journalistische Kamarilla in die Ukraine schickt, um von den dortigen Opfern des Krieges zu berichten und sie keinen Schritt in den Gaza-Streifen wagen, der darf sich nicht wundern, wenn die eigene Reputation komplett dahin ist. Das Bundesverdienstkreuz für die Berichte der selbst mit inszenierten Kriege, in denen eine einzige Partei Trägerin der Wahrheit sein soll – und schmallippiges Schweigen, wenn woanders Tausende im Feuerofen verbrennen? Das ist ein Verhalten, das die eigene Glaubwürdigkeit ruiniert.
Es gibt immer zwei Seiten. Und beide gehören zur Wahrheit. Wer sich etwas anderes erzählen lässt, hat auch das Grundprinzip der Demokratie nicht begriffen. Und es existiert etwas, das zur Grundbedingung des eigenen Überlebens zu zählen ist. Es ist die Bereitschaft, für das Richtige zu kämpfen. Wer das nicht begreift, hat den Weg in die Katastrophe bereits geebnet. Warum fällt mir gerade jetzt das Zitat Bert Brechts ein, in dem es heißt: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!“ Analog zu der Vorstellung des eingangs zitierten jüdischen Landsmannes könnte die jetzige Lage mit einer anderen Variation am besten beschrieben werden: Stell dir vor, die Katastrophe zeichnet sich ab, und keiner steht auf!
Oder, um auf Shakespeare zurückzugreifen:
„Wir wissen nichtmal er wir sind.
Es kommt, was kommen muss,
Und das geschwind!“

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.