Archiv für den Monat August 2023

14 Leos für Harry Kane!

Gestern schrieb eine Frau, die sich durch ihr lebenslanges politisches und gesellschaftliches Engagement alle Meriten verdient hat, die man sich verdienen kann, dass sie die Transfersumme von 100 Millionen Pfund (+)  für den englischen Stürmer Harry Kane für eine Perversion halte. Und sie rechnete vor, wieviele Wohnungen man hätte in München dafür bauen können, wieviele Kindergärten man hätte errichten können, wie viele Pflegekräfte man hätte dafür bezahlen können oder wie viele Frauenhäuser davon hätten finanziert werden können. Und sie fuhr fort und attestierte unserer Gesellschaft einen spätkapitalistischen Charakter.

Ich gebe der Autorin des Beitrags in allen Punkten recht. Und ich finde, dass vieles noch plastischer wird, wenn man andere Äquivalente aufruft, die dem vermeintlichen Wert eines Fußballspielers entsprechen. Für den Brasilianer Neymar bezahlte der sich in katarischer Hand befindliche Pariser Verein PSG vor wenigen Jahren bereits 300 Millionen Euro. Das entsprach dem Äquivalent eines Air Busses. Dagegen ist Harry Kane noch relativ preiswert. Er entspricht einer bereits geleisteten Lieferung von 14 Leopard-Panzern aus dem Bestand der Bundeswehr. 14 Leos für Harry Kane! Führt man sich das vor Augen, dann ist die Beschreibung der jetzigen Situation als spätkapitalistisch zwar richtig, aber nicht drastisch genug.

Vier Jahrzehnte des Neoliberalismus und Neokonservatismus haben nicht nur dazu geführt, dass alle Gesellschaften des Westens in Bezug auf ihre Besitzverhältnisse tief gespalten sind und astronomischer Besitz Weniger immer mehr mit der Existenz aus der Mülltonne Vieler korrespondiert, sondern auch der Begriff des Gemeinwohls zu einem Fremdwort geworden ist und alles, was der Perversion einen Tempel setzt, gefeiert wird wie ein Sieg der Zivilisation. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn der nicht mehr zu leugnende Niedergang des Westens von seinen Ursachen zu beschreiben ist, dann sind es nicht irgendwelche teuflischen Systeme, die ihn von außen infiltrieren und schwächen. Es sind die inneren Kräfte des pathologischen Egoismus, der nicht mehr einzudämmenden Gier und der Glaube, Reichtum generiere sich aus Räuberei. Was nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte auf der Strecke geblieben ist, sind Charakter, Haltung, Selbstverpflichtung, Leistung und der Respekt gegenüber der Freiheit anderer, ihren eigenen Weg zu wählen, sofern er nicht auf Kosten wiederum anderer ist. 

Eine Reise in die USA, der Führungsmacht des Westens, sollte genügen, um zu erfahren, was hier noch alles blühen wird, bevor die letzten Akte der Selbstzerstörung vollendet sind. Eine kleine Rundfahrt durch den Großraum San Francisco würde reichen, um entlang der Obdachlosenunterkünfte von Menschen mit Qualifikation und Job einerseits und den bewachten Luxus-Compounds der Digital-Billionäre andererseits eine Dystopie zu erleben, die vor dem glorreichen Einzug des Wirtschaftsliberalismus sich hätte niemand vorstellen können. Und der aktuelle Krieg, den von den Aktiven in der politischen Verantwortung niemand beenden will, wird vielleicht irgendwann noch beendet werden können. Aber dann spielen diejenigen, die heute Feuer und Flamme für diesen Krieg sind, keine Rolle mehr. Deshalb wehren sie sich auch so hartnäckig gegen jede Friedensinitiative.   

Zurück zu dem FC Bayern und Harry Kane. Es spricht Bände, dass es kaum aufstößt, dass der Verein bereits 11 mal hintereinander die Deutsche Meisterschaft gewonnen hat. Das ist ein Sieg des Monopolismus. Der Fußball ist und bleibt eine Referenz an die tatsächlich herrschenden Zustände der Gesellschaft. Und mir wäre lieber, statt der 14 Leopard-Panzer würde ein Harry Kane in die Ukraine geschickt. Vielleicht gelänge es ihm, ein Freundschaftsspiel von Mannschaften aus beiden Lagern zu organisieren. Dann würde ich mich nicht einmal über den Preis aufregen.

Die ungesichteten Kassiber des Grauens

Ralf Rothmann. Im Frühling sterben

In Zeiten, in denen der Krieg näher kommt, aber kaum jemand aus eigener Anschauung weiß, was das im Detail bedeutet, ist es ratsam, mit denen zu sprechen, die selbst noch einen Krieg erlebt haben. Da wir in der glücklichen Situation waren, im Gegensatz zu anderen Regionen in dieser Welt, über Jahrzehnte weit weg von kriegerischen Handlungen zu leben, ist die Vorstellung vom Schlachthaus Krieg verblichen und diejenigen, die noch darüber erzählen könnten, sterben weg. Ein zweifelsohne exzellente Erzähler unter den zeitgenössischen Schriftstellern deutscher Sprache, Ralf Rothmann, hat, bereits im Jahr 2016, einen Roman verfasst, der die Geschichte seiner Elterngeneration als junge Leute im Krieg zum Thema hat.

In dem unter die Haut gehenden Werk mit dem Titel „Im Frühling sterben“ erzählt Rothmann die Geschichte zweier junger Männer in Deutschlands Norden, die noch an die Front gezogen werden und am Frontverlauf in Ungarn die Schrecken und den Wahnwitz eines Krieges erleben, der von den Aggressoren mit einem grausamen Zynismus und in dem Endstadium zumeist unter vielfältigem Drogenkonsum zu Ende geführt werden soll. Und obwohl Rothmann der Leserschaft die unbeschreiblichen Details der Vernichtung, des Leids und der Verstümmelung erspart, findet er Wege, um das ganze Drama plastisch werden zu lassen. Es sind eher lapidare Sätze, die ein gestochen scharfes Bild von der tatsächlichen Situation zeichnen, in der sich eine Aggressionsarmee auf dem Rückzug befand. Eine Kostprobe möge genügen:

„Dabei weiß inzwischen jeder, dass dieser Krieg nichts mehr bringt. Unsere Offiziere werfen ihren eigenen Leuten Handgranaten in die Hacken, damit sie überhaupt noch angreifen.“

Der Abgleich zwischen Propaganda und den tatsächlichen Verhältnissen ist grotesk und entpuppt sich mit dem heutigen Wissen als eine Stereotype des Krieges. Folgerichtig wird einem der beiden Hauptfiguren die innere Ablehnung des Kriegs zum Verhängnis und der andere repräsentiert das Gros derer, die davon gekommen sind. Manche Erlebnisse haben sie in ihrem Inneren verschlossen und bis zu ihrem Ende Jahrzehnte später niemandem erzählt. Es sind die nie gesichteten Kassiber des Grauens, die ein Krieg hervorbringt.

In einem Epilog schildert Rothmann den vergeblichen Versuch seinerseits, das Grab der Figuren, von denen er erzählt, noch zu finden. Es gelingt ihm nicht und was bleibt, ist die Stille. Es drängt sich der Begriff auf, den diejenigen, die zu den Augenzeugen des Massakers wurden, so oft benutzten und der aus der Mode gekommen ist: das Unsägliche.  

Angesichts der Kriegsgeilheit, mit der wir täglich konfrontiert sind und der Leichtigkeit, wie zu einem Angriff geblasen wird in einem Land, von dem aus die größten Verbrechen der Neuzeit ausgegangen sind, sei diese schlichte, einfach erzählte und unter die Haut gehende Geschichte zur Lektüre empfohlen. Allen, die in ihrer Kriegsgegnerschaft Bestätigung brauchen und allen, deren Phantasie nicht ausreicht, um sich auszumalen, was der Krieg in der Lage ist anzurichten.  

  • Herausgeber  :  Suhrkamp Verlag; 7. Edition (8. August 2016)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  233 Seiten
  • ISBN-10  :  3518466801
  • ISBN-13  :  978-3518466803
  • Abmessungen  :  11.8 x 2 x 19 cm