Archiv für den Monat August 2023

Über die Menschenbildung eines Diplomaten

Amélie Nothomb. Der belgische Konsul

Zunächst mutet es an, als seien zwei unterschiedliche Teile wahllos aneinander getackert worden. Obwohl der Roman „Der belgische Konsul“ von Amélie Nothomb wirkt, als gehörten manche Dinge nicht zusammen, ist von der ersten Zeile an ein beschwingter Lesefluss garantiert. Und das trotz eines Sujets, von dem man glauben könnte, es sei aus der Zeit gefallen. Ein belgischer Konsul, der vor einem Erschießungskommando kongolesischer Rebellen steht, leitet erzähltechnisch die eigne Geschichte als Kind und Jugendlicher im Belgien der dreißiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein. Und die Leserinnen und Leser bekommen einen Einblick in konservative Sichtweisen, in unterschiedliche Erziehungskonzepte, in Standesdünkel, in die Existenz verarmten Adels, in das Abarbeiten an einer künstlerischen Karriere und den Weg in die Adoleszenz. Das alles ist unterhaltsam wie aufschlussreich.

Was im Kopf bei dieser Lektüre immer wieder verstört, ist die Erinnerung an den Anfang, an die ehemalige Kolonie des Kongo und ihren Bruch mit der belgischen Macht. Irgendwie glaubt man, die Autorin, ihrerseits übrigens die Tochter eines belgischen Diplomaten, hätte vergessen, womit sie die Erzählung begonnen hat. Und dann, nachdem man der Erzählung gefolgt ist bis zu dem Punkt, an dem der junge Protagonist davon berichtet, dass er die diplomatische Laufbahn eingeschlagen hat und ihn seine erste Station in den Kongo geführt hat, ist man am Anfang der Geschichte angelangt.

Da wird dann, bei einem Aufstand in Stanleyville (heute Kisangani), der historisch verbürgt ist, findet man den jungen Diplomaten wieder, wie er sich tatsächlich als Diplomat und Geisel zu einem Wortführer in den Palabres macht. Letzteres sind von den Rebellen institutionalisierte Dauerdiskurse, die lebensgefährlich werden können, wenn man als Geisel in argumentative Fallen läuft. Und der Bericht über diese Palabres ist es, der en passant eine Idee von dem Begriff der Diplomatie vermittelt. Das was dort geschieht, unterscheidet sich von der Proklamationsdiplomatie heutiger Tage von Grund auf und vermittelt einen Eindruck von der tatsächlichen Macht diplomatischen Geschicks. Von der feinen Art zu denken und zu argumentieren, ohne jemals die andere Seite zu brüskieren, auch wenn es um Leben und Tod geht. Auch der Begriff des Stockholm-Syndroms wird eher nebenbei noch einmal präzisiert und von seiner mehrheitlich vulgären Deutung befreit.

Und der kurze, aber fulminante Schluss, der der Geschichte über eine Sozialisation eines Jungen im Belgien vergangener Tage eine Klammer bietet, liefert dann doch den Lesern genug Stoff, um über die Bildung von Menschen nachzudenken, die sich später für eine diplomatische Karriere entscheiden. Es sind Qualitätsmerkmale, die nahezu in toto als antiquiert gelten und ohne die die Diplomatie ihren Namen nicht verdient. Nur wer die Härten und Widrigkeiten des Lebens sinnlich erfahren hat, ist mit dem Vermögen ausgestattet, den Diskurs mit Menschen, die anderen Zwängen unterliegen, in zivilisierter Form zu führen. 

„Der belgische Konsul“ ist ein Roman von gerade einmal 140 Seiten, aber er strotzt vor Beobachtungen, die langes Nachdenken ermöglichen. Und trotzdem liest er sich leicht und gewährt den Lesern alle Freiheiten hinsichtlich eines eigenen Urteils.

  • Herausgeber  :  Diogenes; 1. Edition (21. Juni 2023)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  144 Seiten
  • ISBN-10  :  3257072317
  • ISBN-13  :  978-3257072310
  • Originaltitel  :  Premier sang
  • Abmessungen  :  11.9 x 2 x 18.3 cm

Afghanistan, Ukraine: Lesen Sie die politische Bilanz!

Es häufen sich die Berichte über die aus westlicher Sicht untragbaren Zustände in Afghanistan. Hauptaugenmerk gilt dabei dem Schicksal der Frauen, die unter der Herrschaft der Taliban und ihrer Auslegung der Scharia besonders zu leiden haben. Daran gibt es nichts zu relativieren. Und dennoch muten diese journalistischen Beiträge verwegen an. Sie gleichen denen, die vor zwanzig Jahren platziert wurden, als man dabei war, dem Land ohne völkerrechtliches Mandat und auf einen bloßen Verdacht hin mit einer Allianz der Willigen den Krieg zu erklären. Konkret ging es um eine Gruppe von Personen, denen die USA die Planung und Beteiligung an den Anschlägen auf das World Trade Center anlasteten. Vor allem der Anführer dieser Gruppe, Osama Bin Laden, war weder Afghane noch von der afghanischen Regierung zu einer solchen Tat autorisiert, aber das spielte keine Rolle. Man erklärte dem Land kurzerhand den Krieg, weil man vermutete, dass sich Teile von Al Quaida dort versteckten. 

Irgendwie musste man es der jeweiligen Bevölkerung schmackhaft machen. Der damalige Verteidigungsminister der Bundesrepublik erhöhte die kriegerische Verbrecherjagd zu einer Verteidigung der Demokratie am Hindukusch und die bereits vor zwanzig Jahren zahnlosen Medien erzählten von den untragbaren Verhältnissen im Land und vor allem von der Rechtlosigkeit der Frauen. Das sollte die emotionale Unterstützung durch die hiesige Bevölkerung sichern. Mit den tatsächlichen Motiven hatte es nichts zu tun. Als Beleg sollte die unbedachte Äußerung des damaligen Bundespräsidenten Köhler gelten, der davon sprach, in Afghanistan ginge es auch um Seltene Erden. Wenige Tage später musste er zurücktreten.

Und nun, nach zwanzig Jahren kriegerischer Präsenz, die selbstverständlich der offiziellen Geschichtsschreibung zufolge als eine Periode der Demokratiebildung dargestellt werden, wiederholt sich die Geschichte. Dem Land geht es immer noch schlecht, die Frauen werden weiterhin unterdrückt und die Auslegung der Scharia durch die Taliban ist immer noch ein Fiasko. Aus historischer Perspektive betrachtet, ähneln sich die Zustandsbeschreibungen sehr und man könnte den Versuch machen, die historischen Reportagen heute noch einmal zu senden und darauf zu achten, ob das dem Gros der Konsumenten überhaupt auffällt.

Die letzte Verteidigungsministerin der Bundesrepublik hatte ihrerseits kurz nach ihrer Vereidigung angekündigt, dass es erforderlich sei, den 20jährigen Einsatz der Bundeswehr nach dem überstürzten Abzug aus Afghanistan zu evaluieren. Doch dann kam, wie immer in den letzten Jahrzehnten, sehr viel dazwischen. Russland marschierte in die Ukraine ein, die Ministerin entsprach nicht mehr der erneuten folgsamen Politik gegenüber der Führungsmacht USA und erlaubte sich die eine oder andere Unzulänglichkeit und wurde durch einen nassforschen Mann ersetzt, der am liebsten selbst die Panzer an die Front bringen würde. 

Und auch dieses Mal geht es um die Demokratie, genauer gesagt die liberale Demokratie, die am Donbas und vor der Insel Krim verteidigt wird. Und wieder haben die USA und die von ihr administrierte NATO die Finger im Spiel gehabt und, so wie es aussieht, wird es wieder zu einem Ausgang kommen, bei dem die verheerenden Opfer in keiner auch nur rechnerischen Relation zu dem stehen werden, was erreicht worden ist.

Wenn etwas aus den militärischen Konflikten, die in der nibelungentreuen Folgsamkeit gegenüber den amerikanischen Bellizisten mitgetragen wurden, gelernt werden sollte, dann ist es das Lesen der politischen Bilanz dieser Kampagnen. Und liest man diese Bilanz, dann verbietet sich jede Art der Wiederholung, weil die eigene Existenz auf dem Spiel steht.