Archiv für den Monat Mai 2023

Budapest

Dohany utca, an deren Ende die große Synagoge steht, die größte Europas. Also mitten im jüdischen Viertel, das historisch und aktuell zugleich ist. Ranzige Fassaden einstiger Betriebe neben lebendigen Geschäften, in denen die Regsamkeit zuhause ist. Dass sich ausgerechnet hier ein zeitgenössisches Ausgehviertel etabliert hat, ist nicht von ungefähr. Die Nomaden dieser Welt zieht es immer wieder zueinander. Die Ideen, die Geschichte in das Jetzt herüberzuholen, mag in Gesellschaften, die sich im Umbruch befinden und deren Tempo hoch ist, besser durchsetzen als in etablierten. Das Hotel ist ein ehemaliges Bad. Alles inspiriert und passt und ich wage mir nicht vorzustellen, was deutsche Bauvorschriften aus diesem Projekt gemacht hätten. Aber ich genieße den Augenblick. Ich bin in Budapest. Genauer gesagt in Pest, Buda liegt auf der anderen Seite der Donau. 

Schon aus dem Flugzeug schlug mein Herz schneller, als ich das Fußballstadion sah, das nach dem legendären Ferenc Puskás benannt ist. Held der ungarischen Nationalmannschaft und nach der Niederschlagung des Volksaufstandes 1956 als Emigrant eine Ikone bei Real Madrid. Schon als Kind hörte ich den Namen aus dem Mund meines Vaters, wenn er mit seinesgleichen über Fußball sprach. Es hörte sich an, als sprächen sie über einen Heiligen. Am Flughafen nichts von K&K, alles sehr modern, Transporte bestens und geräuschlos koordiniert, alles funktioniert und ist technisch a jour. Und dann im jüdischen Viertel, an der Synagoge, Kommerz und Polizei und ein Stelldichein der Auserwählten, Juden wie Amerikaner, eskortiert von hoch bewaffneter Polizei. Alltagsroutine, auch ein Bild der Welt in ihrem Zustand. 

Budapest kommt mir bunter und freier vor, die Jugend probiert vieles aus und hat noch nicht die Kodizes gefunden, die wie ein Maulkorb wirken können. Es ist jener Moment der Freiheit, auf dem noch nicht das Preisschild zu sehen ist. Chinesen, die umherlaufen, inhalieren beflissen die fremde Kultur. Panoramen können schön sein, aber sie sind kein Bild des richtigen Lebens. Das ist dort zu finden, wo keine Kameras stehen. Und eines wird schnell deutlich, auch hier: Der Widerspruch von Stadt und Land muss immens sein. 

Alles riecht und schmeckt hier nach Viel-Völker. Selbst auf den Tischen der genuin ungarischen Lokale. Und im immer ausgebuchten Mazel Tov! Auf den hiesigen Speisekarten gibt es noch Chicken Kiev, das auch bei uns vor langer Zeit offeriert wurde, aber dann aus der Gastronomie verschwand. Kommt es jetzt zurück? Der Krieg als Anlass für eine weitere Geschäftsidee?

Die Schuhe am Donauufer. Dort, wo faschistische Milizen aus Jux mit Pfeil und Bogen auf Juden schossen und sie in den Fluss fielen, tot oder blutend, wenn interessierte das schon. Mein erster Gedanke, in Anbetracht des Zustandes unserer Welt, hört denn das nie auf?! 

In dieser Stadt ist alles im Umbruch. Und alles wird von Jazz-Musik begleitet. Wohltuend, zumindest mir erschließt sich dadurch vieles. Alter Glanz weicht der Dynamik.

Abends in einem alten ungarischen Restaurant. Kulisse wie in einem Film aus dem letzten Jahrtausend, 70iger Jahre, Mobiliar wie Raumaufteilung. Kellner, die ihrem Beruf gerecht werden, alles im Blick, jede Regung auf den Tischen wahrnehmend, alles begutachtend, dennoch sehr distanziert und diskret. Die Gerichte mit Namen ohne PC-Korrektur. Pork, serviced in Gypsy Style. Serviert in der Manier der alten Schule, eine kleine Schnapsfahne eskortiert das fette Ferkel. Lokale wie dieses gibt es kaum noch, ich denke an eines in Antwerpen, das ähnlich ist und den Eindruck an das alte Europa authentisch vermittelt. Es sind Leuchttürme aus einer verblichenen Welt. Sie stehen in keinem Reiseführer und sind auf keiner App zu finden. 

Kann es sein, dass die Solidarität mit der Ukraine größer wird, je weiter die Entfernung? In Heidelberg Rohrbach gibt es mehr solcher Hinweise als in ganz Budapest.   

Die ferngesteuerten Amöben sind hier eher selten. Wenn, dann sind es angereiste. Immer hinter ihrem eigenen Smartphone herlaufend, Botox gepimpt und op-korrigiert, wie aus der Serie X5a. Immer wieder kontaminieren sie die Sicht, ihre Ignoranz weckt das  Gefühl tiefer Blamage für das eigene Soziotop. Es ist eine Entwicklung in zweierlei Tempi festzustellen, der Globalisierungspapp ist schneller, seinerseits der Echoraum für die meisten Touristen. 

Budapest riecht nach Zimt. Immer wieder, ohne Ankündigung. Produziert wird der Geruch durch die vielen Stände mit den Chimney Cakes, übersetzt als Baumstriezel. Olfaktorisch könnte eine Metropole an einem großen Fluß schlimmer sein. 

Es existiert eine Konkurrenz der Küchen. Hier das Ungarische, wenig Gemüse, wenn, sauer eingelegt, viel Fleisch, zumeist vom Schwein, fettriefend. Und Schaschlik, das es bei uns nicht mehr gibt! Dort die Brandings der Globalisierung: Hamburger, Pizza, Tacos, Döner und die vereinigten Asiaten. 

Dort, wo du beschaulich sitzt, wirst du umtost von Schlagbohrern und Fräsmaschinen. Der Missklang des Umbruchs. Allerweltsmarken im Herzen der architektonischen Identität.

Entfernt vom Zentrum das andere Leben. Es ist wie eine Fahrt mit der Zeitmaschine. Menschen bei der Arbeit, Schüler auf dem Weg zur Schule, Flaneure in Parks, alte Leute auf den Friedhöfen. Sonnenschein und tiefer Frieden. Zurück im Zentrum: Café New York: 1 Stück Käsekuchen, 23 Euro. Ein Rudel nach dem anderen der ferngesteuerten Amöben betritt das Etablissement, ein Pianist, der alles mit seinem Geklimper überbordet und verhunzt. Blutjunge Bedienungen mit künstlichen Wimpern in Überlänge und mit Botox-Lippen bedienen dich mit ausdruckslosen Gesichtern – eine grandiose Kulisse für den ganzen Globalisierungstrash. Dagegen in der Oper, Prokofjews Krieg und Frieden. Stehende Ovationen.

Immer wieder drängt sich ein Wort in den Vordergrund, das nur noch Historiker zu kennen scheinen: Gulaschkommunismus. Wie schön, wie romantisch, alles andere als eine negativ besetzte Diskriminierung, wie er einst gedacht war. Imre Nagy, aufrecht unterm Galgen. Budapest 1956! Schwere Kost in den Markthallen. Rollende Buchgeschäfte, anscheinend liest man hier noch Bücher. Überall Menschen ohne Manierismen. 

Ach ja, Sport spielt eine große Rolle, viele Stadien und Sportparks und eine Donauinsel exklusiv für für alle Arten der Bewegung und Ertüchtigung.   

Lektüreempfehlung: György Konrad. Das Buch Kalligaro.

Budapest. Eine Reise in Europas Zentrum. Spannend wie nie.

Sun Tzu und die Außenpolitik

Vieles, was sich im Spektrum der westlichen, und dort besonders der deutschen Außenpolitik beobachten lässt, ist mit dem, was man allgemein als gesunden Menschenverstand zu bezeichnen pflegt, nicht zu erklären. Deshalb ist die Verwirrung groß. Nicht nur im eigenen Land, dort, wo letztendlich die entscheidende Auseinandersetzung geführt werden wird, nämlich auf der Straße, reichen die Erklärungen nur noch zu zynischen Bemerkungen. International ist es nicht anders. In den Ländern, in denen die Deutschen – noch – einen guten Ruf genießen, macht man sich ernsthaft Sorgen, bei denen, die von der erratischen Irrfahrt profitieren, lacht man hinter vorgehaltener Hand und dort, wo man sich im Fadenkreuz der neuen Kreuzritter befindet, zuckt man gelassen mit den Schultern. Wer die Geschichte kennt, weiß, wie derartige Ausflüge ins Sektierertum enden.

Es kursieren unterschiedliche Theorien, die sich an einer Erklärung dieser Außenpolitik abarbeiten. Die einen besagen, man hätte es mit einer Art 5. Kolonne zu tun, vom amerikanischen Hegemonen finanzierte Agenten, die die Interessen ihres Auftraggebers umzusetzen hätten. Betrachtet man die Biographien des handelnden Personals, so könnte man zu dem Ergebnis tatsächlich kommen. Andere wiederum führen aus, man hätte es mit einem Konsortium unterqualifizierter und eitler Karrieristen zu tun, die ohne große Agenda einfach nur das produzierten, was sie könnten, und das sei eben nicht viel. Auch dieser Deutungsversuch trifft sicherlich bei einigen Protagonisten zu.

Eine Theorie, die nicht so häufig bemüht wird, um das Desaster zu erklären, geht von einem tiefliegenden Inferioritätsgefühl aus, von dem nicht nur die handelnden Amtsträger, sondern die gesamte Bevölkerung erfasst sei. Die historische Schuld und das nach der Ära der Täterschaft logische Schlittern von einer in die nächste Abhängigkeit habe dazu geführt, dass das Handeln immer von zwei Gefühlspolen bestimmt werde, die beide kaum Raum für eine vernünftige Analyse der eigenen Lage und den logischen Schlussfolgerungen aus den eigenen Interessen ließe. Stattdessen dominierten, changierend, mal der Größenwahn und mal die Versagensangst. Aus diesem Gemenge, so diese Theorie, ließe sich das Vabanquespiel auf der einen und das Kuschen auf der anderen Seite ganz gut erklären. Bei der Begutachtung der handelnden Personen spricht auch einiges dafür.

Auffallend ist, dass alle Erklärungsansätze zu bestimmten Anteilen zutreffen. Das ist alles andere als ermutigend, weil die notwendige Konsequenz nur in einer radikalen Lösung bestehen kann. Kurz, mit dem vorhandenen Ensemble ist wahrlich nichts zu gewinnen. Ganz im Gegenteil, die Zeichen stehen auf Zerstörung und Selbstzerstörung.

Bei allem Bemühen, so sachlich wie möglich zu bleiben, sei eine Spitze dennoch erlaubt. Wie durch Zufall fiel mir „Die Kunst des Krieges“ des chinesischen Autors Sun Tzu wieder einmal in die Hände. Das wohl älteste Buch über Militärstrategien, das von allen chinesischen Amtsträgern, die aktuell als die neuen Feinde von unserem Fachpersonal auserkoren worden sind, nicht nur gelesen, sondern auch verstanden worden ist, liefert genügend Stoff und Anleitungen, um sich das Wirken der westlichen Regierungen noch einmal genauer anzusehen. Und es liefert sehr viele Perspektiven, wie einem derartig verirrten Vorgehen begegnet werden kann. Für uns heißt das:  Nicht aus feindlicher Absicht, wie als Unterstellung von den Räuberpistolen gleich geschossen werden wird. Nein, wir lesen jetzt Sun Tsu, um zu retten, was zu retten ist. Ist der Gegner ausgeruht und wohl proviantiert, ziehen wir uns in die Wälder zurück. Ist er erschöpft von langem Marsch und sucht die Ruhe, greifen wir an!  

Zum Krieg: Es ist Zeit!

Es ist Zeit! Gestern las ich einen sehr klugen Artikel, der sich damit befasste, welche Staaten tatsächlich ein Interesse an einer Beendigung des Krieges in der Ukraine hätten. Wohlgemerkt, welche Staaten mit den gegenwärtigen Regierungen. Dass die Völker, ob in der Ukraine oder in Russland, und ansonsten egal wo auch, kein Interesse an dieser systematischen Zerstörung von Natur, Mensch und Zivilisation haben, sei vorausgesetzt. Der Autor kam zu dem Schluss, dass weder das momentane Russland, noch die Ukraine, noch die von den USA geführten Staaten der  NATO zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Krieg beenden wollten. Und einmal angesehen von vielen Staaten in Afrika, die davon betroffen sind und Ländern in Asien, die einen Flächenbrand befürchten sowie Ländern in Südamerika, die gerade dabei sind, sich tatsächlich einer Unabhängigkeit zu nähern, sei nur China zu identifizieren, das in der Lage wäre, sich als Vermittler anzubieten. China hat den Krieg nicht befürwortet, China vertritt sehr konsequent die territoriale Souveränität, China hat ein großes wirtschaftliches Interesse an einem friedlichen Asien wie Europa, hat es doch sehr viel in die Neue Seidenstraße investiert. Und China begreift die unterschiedlichen Motive, die zu diesem Krieg geführt haben.

Die Überlegung hat etwas für sich. Sie verrät andererseits, in welche irreversible Sackgasse Europa geraten ist. Von Souveränität keine Spur. Wer vor allem in Deutschland das Wort in den Mund nimmt, ist von einer realistischen Einschätzung der eigenen Lage am weitest möglichen Punkt entfernt. Neben den militärischen und politischen Abhängigkeiten, die das gesamte politische Personal hierzulande zu Besatzungsverwaltern hat degenerieren lassen, verdirbt die psychologische und nachrichtendienstliche Kriegsführung die Möglichkeiten eines vernünftigen Diskurses. Der mentale Blutrausch hat die Vernunft ersetzt.  

Noch irgend etwas zu erhoffen, das durch politisches Handeln zu einer Verbesserung der Perspektiven führen würde, ist nackte Illusion. Das politische Personal beweist jeden Tag aufs Neue, dass es nicht die Potentiale birgt, das Ruder noch einmal herumzureißen. Die einzige Hoffnung, so kürzlich eine kluge Analytikerin, dass nämlich bei den Kontrahenten in Ost wie West systemische Dysfunktionalitäten den ganzen Unsinn stoppen könnten, erscheint zwar nicht unmöglich, ist als einzige Orientierung aber etwas zu vage. Denn verlassen kann man sich eben nicht darauf, dass das Kriegsgerät nichts taugt, der Treibstoff oder die Munition ausgeht. Das alles scheint immer einmal wieder auf beiden Seiten vorzukommen, aber noch funktionieren die Lieferketten des organisierten Mordens. Und wenn es nicht zum Aufschrei führt, dass die EU, wie soeben beschlossen, eine weitere Milliarde locker macht, um die Munitionsversorgung zu sichern und dieses aus dem Friedensfond finanziert, dann wird ersichtlich, in welch erbärmlicher Lage sich das Projekt Europa befindet.

Es ist Zeit! Es ist Zeit, sich nicht nur Gedanken darüber zu machen, wie dieser Krieg zu beenden ist. Es ist Zeit, selber aktiv zu werden und ein Bündnis zu schaffen, das praktische Hinweise gibt, was zu tun ist, um die zivilisatorische Kloake, in die wir geraten sind, trocken zu legen. Keine Stimme mehr den Parteien und Politikern, die diesen Krieg rechtfertigen und keine Vorstellung davon haben, wie er beendet werden kann! Boykottierung aller Lieferwege von kriegerischem Gerät. Keinen Cent mehr für Waffen. Boykott der Firmen, die am Krieg verdienen. Kein Zug und kein Flug mehr, der Material in den Krieg transportiert. Kein Kauf mehr von Produkten aus Verlagen, die sich durch Zeitungen oder Bücher für den Krieg aussprechen. Kein Auftritt mehr von Künstlern, die den Krieg verherrlichen, keine Preise mehr für Hetzer und Rassisten, keine Plattform für Propagandisten des Krieges, keine Gebühr mehr für die Kriegshetzer. Es ist Zeit. Und: Solidarität mit den Opfern, auf allen Seiten! Drehen wir den Spieß um!