Archiv für den Monat Dezember 2022

WM: Erkenntnisse vor dem Endspiel

Was hat diese Fußballweltmeisterschaft an Erkenntnissen gezeitigt? Eine Frage, die viele Menschen bewegt, die der Überzeugung sind, dass der Fußball, so wie er gespielt und vermarktet wird, auch etwas aussagt über die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen er jeweils praktiziert  wird und in der Art, wie er sich im direkten Vergleich aufstellt. Alle, die glauben, Fußball sei ein Sport wie jeder andere, nur etwas überbewertet, sollte sich mit diesen Gedanken erst gar nicht befassen. Wo kein Resonanzkörper, ist bekanntlich auch kein Klang.

Hier, im zu einem Schwellenland mutierenden Germanistan, kursierte von Anfang an das Wort „umstritten“, um die Bedenken gegenüber dem Weltfußballverband FIFA, seinen Praktiken und dem Gastgeberland Katar und seiner Menschenrechtslage zum Ausdruck zu bringen. Dass diese Entrüstung weder bei Grand Prix-Veranstaltungen noch bei einer kürzlich dort abgehaltenen Handball-WM geäußert wurde, hängt damit zusammen, dass selbst die, die den Fußball für völlig überbewertet halten, um seine immense Wirkung wissen. Man wollte, in erster Linie für das heimische Publikum, ein Zeichen setzen, auch auf das Risiko hin, dass dabei die eigene Mannschaft scheitert. Insofern war die Veranstaltung für die Sender politisch-moralischer Botschaften ein voller Erfolg. Dass bei dieser Zurschaustellung der eigenen Vorstellungen gewaltige Risse in der Symbolik entstanden, dürfte vielen Beobachtern nicht entgangen sein. Eine Innenministerin, die noch vor wenigen Wochen in der Ukraine freundlich lächelnd neben einer Amazone mit dem T-Shirt, das die Aufschrift „Black Rifles Matter“ trug, stand, erschien dann mit dem Regenbogenemblem am Arm in Katar auf der Tribüne. Ehrlich gesagt, stellte sich gleich die Frage, was ihr wohl geschehen wäre, wenn sie mit dem Regenbogen-Symbol in der Ukraine erschienen wäre?

Aber zurück zum Fußball. Die Vergabe nach Katar ist Ausdruck für die Verschiebung der globalen Marktmacht nach Asien. Und die Art und Weise, wie in Katar Fußball gespielt wurde, brachte keine neue Spielidee zum Vorschein, sondern zeigte etwas, das in den letzten Jahrzehnten keine große Rolle gespielt hatte. Da ging es noch um die Form von Arbeitsorganisation, die Bildung von Teams und die Entwicklung von Potenzialen. Jetzt, bei dieser WM, war zu beobachten, wie man sich im Krieg aufstellt. Da spielte die primäre Sicherung der Verteidigung die größte Rolle. Wer nicht in der Lage war, sich gegen schnelle, taktisch gut durchdachte Vorstöße zu verteidigen, war schnell raus aus dem Rennen. Und wer in der Lage war, das eigene Territorium mit Zähnen und Klauen zu verteidigen und dennoch die Kraft und die Idee aufbrachte, auf dem gegnerischen Territorium für Überraschung zu sorgen, dem war auch letzten Endes der Erfolg beschieden. Jenseits der Verteidigungsfähigkeit machten einzelne Individuen den Unterschied. 

Eine weitere Kategorie, die letztendlich zum Erfolg beitrug, war die Verankerung im eigenen Umfeld. Die Mannschaften, die über ein großes, enthusiastisches Kontingent an Zuschauern verfügte, kam bei diesem Kräftemessen am weitesten. Dort, wo andere Themen eine Rolle spielten und die Unterstützung kaum zu vernehmen war, sank schnell die Moral und man fuhr frühzeitig nach Hause. Wobei wir bei der Truppe aus Germanistan angelangt wären. Da ist die Diagnose evident. Wer sich nicht verteidigen kann, dem nützt die beste Offensive nichts, wer den Fokus verliert, bietet immer gleich mehrere Angriffsflächen, wer keine Unterstützung genießt, kommt sich schnell verloren vor. Eigentlich wertvolle Erkenntnisse, oder? 

Am Boden

Jetzt hatten wir es wieder. Eine Bückling und ein Kniefall nach dem anderen. Mal real, mal figurativ. Wer sich die Frage stellt, wie eine selbstbewusste Politik aussieht, sollte in diesen Zeiten konsequent wegschauen. Neulich traf ich wieder einen von denen, die ihr ganzes Leben lang für eine andere, aus ihrer Sicht bessere Gesellschaft gekämpft haben und nun, im fortgeschrittenen Alter, auf die Knie sinken, um sich das schüttere Haupt von denen streicheln zu lassen, die sie für lange Zeit als die Vertreter der Interessen ausgemacht hatten, die für die widrigen Umstände verantwortlich zeichneten. Ein Krieg von russischer Seite, den USA und NATO über Jahre vorbereitet hatten, dient ihnen nun,  in den Chor der imperialistischen Claqueure mit einzufallen und von einem Völkerrecht zu schwadronieren, das gerade ihre neuen Patrone immer nur dann geachtet hatten, wenn es in den eigenen Kram passte. Die unzähligen Putsche, Kriege, Bombardements und Sabotageakte, gegen die eine heute seniorisiete und dekadente Linke in vergangenen Zeiten protestiert, demonstriert und gekämpft hatte, sind vergessen und bei der Wiederholung dieser Akte der Aggression ist man ganz vorne dabei. Mit der fragwürdigen Begründung der Rettung des Völkerrechts.

Kann es sein, dass Worte und Bilder im Halse stecken bleiben? Jedenfalls drängt sich der Eindruck auf, wenn man sich die mittlerweile staatlich subventionierten Hetztiraden von Leuten anhört, die sich mal Kommunisten nannten und jetzt, vom Staat und von kriminellen Oligarchen gefördert, in Funk und Fernsehen alle Menschen, die für den Frieden plädieren, bestenfalls als Volltrottel oder als fünfte Kolonne der gegnerischen Kriegspartei diffamieren. Oder wenn sich Abgeordnete vor den schlimmsten Schergen einer autoritären Staatsdoktrin, deren Revers noch von den Überresten enormer Korruption bekleckert ist, auf die Knie werfen, um die Lebensleistung zu preisen. Oder wenn die woken Damen im Pelzmäntelchen ihre Verkommenheit vor den Banderolen glitzernder Monopole grinsend zur Schau stellen. 

Das Beruhigende, auch wenn es im Ruin endet, ist die Prognose, dass dieser Krieg verloren ist. Alle Spekulationen über die Vernichtung des Gegners basieren auf einer Illusion, die fleißig in die Köpfe gehämmert wurde und die zu sitzen scheint. Hört man sich um, so frieren tatsächlich Menschen, die es sich leisten könnten, trotzdem bereits freiwillig für den Endsieg. Diejenigen, die appellieren, das zu tun, machen das sicher nicht und diejenigen, die frieren, obwohl sie es nicht wollen, haben im Moment keine Stimme, die den Unmut und den Willen zur Veränderung zum Ausdruck bringt. Diejenigen, deren Stunde jetzt schlagen würde, haben die Seite gewechselt. Auch wenn sie es nicht merken, ihr Kapitel in den Geschichtsbüchern ist bereits zugeschlagen. An dem, was noch kommen wird, werden sie nicht mehr beteiligt sein. Weil sie keiner mehr will. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wer nicht mehr kämpft, auch.

Und wer von diesen Menschen tatsächlich glaubt, sein Seelenheil durch die Hinwendung zu Onkel Sam in dieser Kontroverse retten zu können, denen sei gesagt, dass sie damit wiederum falsch liegen. Denn bei der amerikanischen Administration verhält es sich so, wie mit Dostojewskis Großinquisitor aus den Brüdern Karamasow: Er glaubt selbst nicht an Gott. Und so ist es mit Trump wie Biden, beide glauben nicht an die amerikanische Demokratie. Dieselben Oligarchen. Anti-Amerikanismus? Ja, dort, bei denen, die den Krieg um Weltherrschaft reklamieren.