Archiv für den Monat September 2022

Wir sind alle Royalisten!

Es war zu erwarten. Sollte die alte Dame irgendwann das Zeitliche segnen, würden sie den Äther erobern. Die Nachrufe, die Resümees, die Schmonzetten, und, um nicht das Wichtigste zu vergessen, der große Konditor würde erscheinen und über alles den berühmten Zuckerguss reichlich aus seiner riesigen Tube drücken. Dass das englische Königshaus und die verstorbene Queen selbst aktiv an den Arrangements teilnehmen würden, wird klar, wenn man sich das ganze Szenario anschaut. Da ist nichts dem Zufall überlassen, da fehlt es nicht an modernster PR, an traditionellen Zeremonien und nicht an der dramaturgischen Würze. Jeder Satz sitzt: London Bridge down! 

Dass der deutsche Sonderweg soweit führen würde, dass sich nicht nur die Medien in einer nicht mehr zu ertragenden Verklärung der Monarchie wiederfinden würden, was angesichts ihres dramatischen Abstiegs zu erwarten war, sondern dass auch die gesamte politische Klasse sich als Konsortium von Royalisten outete, zeigt wieder einmal, wie wenig demokratische Substanz personell wie institutionell vorhanden ist. 

Man muss kein Revanchist, kein Misanthrop und auch kein einfach unliebsamer Zeitgenosse sein, um angesichts des Todes einer betagten Dame, die sich zu benehmen wusste, dennoch in der Lage zu sein, zwischen dem persönlichen Schicksal und der Rolle der britischen Krone zu differenzieren. Dass letztere das noch verbliebene Signet eines Empire ist, welches lange Zeit als global mächtigste Kraft von Kolonialismus und Imperialismus galt, unter dessen Flagge nicht nur unzählige Verbrechen begangen wurden, von der Versklavung, vorsätzlichem Mord, über die Landnahme bis hin zum organisierten Drogenhandel, auf diese Idee kam niemand. Warum auch, das Narrativ des Kolonialismus feierte lange Zeit nicht so fröhliche Urstände wie gegenwärtig. Zwar mit neuem Vokabular, von der Substanz her jedoch unverändert.

Bei den ununterbrochenen Elogen auf das britische Königshaus habe ich es mir gegönnt, mir vorzustellen, was bei derartigen Ausführungen wohl Menschen aus Indien, China, Malaysia oder dem südlichen Afrika gefühlt haben mögen? Und was sie über einen Westen denken, der sich mit Loyalitäts- wie Royalitätsbekundungen gegenseitig zu überbieten suchte? Wenn ich raten darf, mehr als Ekel und Verachtung wäre wohl nicht zu erwarten. Den versammelten Opfern geht es nämlich so, wie es Ossip Mandelstam bei einem Interview mit einem jungen Mann in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erging. Dieser verzog bei dem Begriff der westlichen Zivilisation jedesmal angeekelt sein Gesicht. Damals, bei dem Interview in Moskau, hieß er noch anders. Später wurde er weltbekannt unter dem Namen Ho Chi Minh.

Aber, wie sollte es anders sein, alles, was stattfindet, ist ausschließlich die Sicht aus der eigenen, wie auch immer verzerrten Perspektive. Die ganzen Phrasen von gleicher Augenhöhe, Empathie, Achtsamkeit und Respekt, die auf jedem Kindergeburtstag eines bestimmten Milieus bis zum Erbrechen vorgetragen werden, haben für die internationalen Beziehungen, die der alte und neue Kolonialismus pflegt, keine Bedeutung. Da wird regelbasiert vorgegangen. Und die Regeln stellt nur einer auf. Wo kämen wir sonst hin? Und wer da nicht mitmacht und Hipp Hipp Hurra schreit, dem wird das Lachen noch vergehen!

Und wie so oft, endet bei mir eine kurze Betrachtung, die aus Unverständnis und Kritik aufgrund der Umstände begann, dann doch mit einer mandelbitteren Note der Satire. Diese stammt von unserem Finanzminister, der die Verstorbene als eine Ikone des Liberalismus bezeichnete. Wie heißt es doch auf der Straße? Der war gut!

Mystery Train

Nun war sie wieder unterwegs. Mit dem Nachtzug versteht sich, aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. In Kiew fühlt sich die Außenministerin eher zuhause als bei ihren misanthropischen Landsleuten, die partout nicht verstehen wollen, dass in der Ukraine die liberale Demokratie verteidigt wird. Während dort alle wehrfähigen Männer bis zum letzten Jüngling erschossen werden, baden sich die dortigen Oligarchen im Erlebnis nie da gewesener Übergewinne, zum großen Teil finanziert aus den in der geostrategischen Pflicht der NATO stehenden europäischen Staaten, die das Wohlergehen der eigenen Bevölkerung den imperialen Plänen auf dem globalen Schlachtfeld untergeordnet haben. 

Dass die militaristische Heraldine, die es im Land der kulturellen Selbstnarkosisierung bis zur Außenministerin geschafft hat, sich einen Dreck um Semantik schert, hat sie bereits zuverlässig unter Beweis gestellt. Sie, wie ihre Partei-Komplizen von der staatlich geförderten Stiftung, die auch im Namen von Liberalität faselt, arbeiten kontinuierlich an der semantischen Transformation von Liberalität hin zu kriminellem Militarismus. Dabei ist ihnen keine Gesellschaft schlecht genug, Hauptsache sie verströmt die Aura von Korruption, Kollusion und Nepotismus. Unter diesem Aspekt ist die erneute Reise mit dem Nachtzug nach Osten nur folgerichtig. 

Wer Frieden will, so die Weisheit, seit dem es Kriege gibt, die übrigens selten gerecht waren, der muss beginnen, dafür etwas zu tun. Momentan ist es zumindest der Konsens eiskalter Lobbyisten, einfallsloser Politiker und billiger Lohnschreiber, wieviel sie auch verdienen mögen, dass ein Frieden nicht erstrebenswert sei. Der Ruin der anderen Seite, expressis verbis immer wieder ausgesprochen, macht keinen Hehl aus der zu erwartenden Perspektive: Krieg bis zum bitteren Ende. Zuerst die Ukraine mit der Zukunft großer Zerstörung, Entvölkerung und der Existenz marodierender, bis an die Zähne bewaffneter Überreste eines unsinnigen wie vermeidbaren Krieges, dann die ökonomisch ruinierten Gesellschaften der EU und vielleicht noch eine Prolongierung bis hin zum südchinesischen Meer. Und wenn dann alles in Schutt und Asche liegt, dann hat die liberale Demokratie obsiegt und wir betreten die Epoche der liberalen Moderne.

Ehrlich gesagt, wenn man sich die Formulierungen und Visionen dieser Akteure genauer ansieht, dann fallen Analogien auf, an die man vor wenigen Jahren nicht geglaubt hätte. Da ist vieles nah, sehr nah an den Gestaltungsversuchen des Massenmörders Pol Pot, den, bei genauerer Recherche, die älteren der heutigen Akteure der Kriegs- und Notgemeinschaft, in jungen Jahren sogar offen bewundert haben. Aber wollen wir nicht nachtragend sein. Ihr heutiger Beitrag zählt, und er reicht völlig aus, um sich das Ende auszumalen.

Entweder es gelingt, einen Flächenbrand zu entzünden, der der europäischen Zivilisation als Ganzem das Licht ausbläst oder es durchzuckt die europäischen Völker in einer allerletzten, doch noch vorhandenen Selbsterhaltungsreaktion, nach diesen Kriegstreibern zu schnappen und sie aus dem Verkehr zu ziehen. Das scheinen viele Menschen momentan nicht mehr zu erhoffen, weil sie sich haben hypnotisieren lassen von einer ganzen Industrie der Vernebelung.

Trotz dieser nicht zu unterschätzenden Erfahrung sind die in der Genetik gespeicherten Programme der Selbsterhaltung nicht eliminiert. Sobald ein bestimmter Reizpunkt erreicht ist, werden sie aktiviert und der Gegenangriff wird stattfinden. Und man soll sich auch dabei keine Illusionen machen: Es geht dabei um Leben und Tod. Den einen, die momentan im Mystery Train durch die unheilvolle Nacht rauschen, ist das zumeist in Ansätzen aufgegangen. Den anderen, die momentan noch so paralysiert in die Welt schauen, noch nicht. Umso mehr werden sie von sich selbst überrascht sein.