Archiv für den Monat August 2021

Das Ende der Globalisierung?

Eine der wohl weit verbreitetsten Erzählungen ist die, dass die Kritiker der Auswirkungen der Globalisierung jene seien, die die Komplexität der neuen Welt überfordert. Damit ist jedoch nicht das mangelnde Vorstellungsvermögen gemeint, sondern die Auffassung, dass die Entwicklungen, die zu schädlichen Auswirkungen für die Lebensbedingungen in verschiedenen Teilen der Welt  bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen führen, nicht mit den vielen Vorteilen, die die Globalisierung mit sich bringt, abgewogen werden. Das ist die die Bilanz von Gewinnern. Die Verlierer sollen gefälligst verstummen. Diese Sichtweise ist egoistisch wie borniert. Wer sein Vermögen vervielfacht hat leicht reden. Wer die Arbeit verliert oder seine Lebensgrundlagen zerstört sieht, sollte nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht haben, darauf hinzuweisen. Denn Verbesserungen wird es nur geben, wenn die Bilanz offen und für alle ersichtlich auf dem Tisch liegt. 

Und tatsächlich ist die Diversifizierung von Produktionsketten genauso problematisch wie die absurden Transportwege, die ständige Generierung von neuen Märkten, ob sie zur tatsächlichen Befriedigung von wichtigen Bedürfnissen beitragen oder nicht. Das von umsichtigen Betrachtern der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung seit Jahrzehnten ausgesprochene Mantra, man solle global denken und lokal handeln, ist ein kluger Rat, der bei der entfesselten Form einer neoliberalen Wirtschaftsauffassung auf wenig Resonanz stösst. Für sie regelt der Markt alles. Im Sinne der privaten Gewinnmaximierung stimmt das, in Bezug auf die destruktiven Kräfte absoluter Freiheit trifft es nicht zu.

Was in diesem Kontext komplett unter den Tisch fällt, ist die geostrategisch zu registrierende Konkurrenz. Der Ideologie gemäß müssten sich die tüchtigsten Kräfte durchsetzen. Aber ausgerechnet dort, wo das nicht der Fall ist, sind die selbst reklamierten Befürworter der Globalisierung diejenigen, die mit den Mitteln eines antiquierten Partikularismus sich gegen das Gesetz der Dominanz der Produktivsten und Innovativsten zur Wehr zu setzen suchen. Die USA, das einstige Flaggschiff des freien Welthandels, sind zum Epizentrum einer protektionistischen Politik geworden. Dort existieren bereits über 200 Gesetze, die gegen die Wirtschaftspolitik des Konkurrenten China wappnen sollen. Die Europäische Union ist dabei, sich der Containment-Politik der USA gegenüber China und Russland anzuschließen. Protektionismus, Zölle und Sanktionen sind dabei der Werkzeugkasten. Wird diese Politik, die Ausdruck einer zunehmend schlechten Position aufgrund der eigenen Produktionsmethoden und technologischen Entwicklung sind, fortgesetzt, ist das Ende der Globalisierung in Sicht. 

So frivol es erscheint, dass die Apologeten einer immer wieder auch destruktiven Art der Globalisierung dabei sind, diese Ära zu beenden, so absurd ist es, dass sie sich noch anmaßen, den Vorzügen des weltweiten, unbegrenzten Handels und unkontrollierter Produktion in ihren politischen Statements das Wort zu reden. Da tut sich ein Widerspruch auf, an dem gearbeitet werden muss. 

Die beste Art, sich einem Wettbewerb zu stellen, der nicht die Vernichtung der anderen Akteure zum Ziel hat, sondern durch gute Verfahrensweisen, soziale Vernunft und den klugen Umgang mit Ressourcen zu überzeugen sucht, ist die radikale Verbesserung der eigenen Vorgehensweise wie das Angebot zur Kooperation. Investition in gute Bildung, eine radikale Erneuerung der Infrastruktur, die Bewerkstelligung sozialer Kohärenz sowie der Respekt vor den eigenen Grundrechten wären die richtige Antwort auf das eigene Schlittern von einer Krise in die nächste. 

Stattdessen dominieren die Feindbilder und die Ressourcen fließen in immer größerem Ausmaß in Kriegsmaschinerie. Es ist der falsche Weg. Und wer, wie zur Zeit überall zu hören, sich diesem Irrweg nicht anschließt, sei nicht regierungsfähig. Eine derartige Form der Regierungsfähigkeit ist die falsche Qualität zur falschen Zeit.  

Do it again, Sam?

Wenn sich die Zeiten und die Verhältnisse ändern, ruft die menschliche Psyche oft nach Trost aus der Vergangenheit. Das ist verständlich, helfen tut es nicht. Der Wunsch nach dem Vergangenen wird umso stärker, je mehr die Gegenwart überfordert. Das trifft nicht nur auf das private, individuelle Schicksal zu, sondern auch auf die Prozesse, in denen sich große Kollektive befinden. Die Geschichte ist voll von solchen Episoden, die nichts anderes produziert haben als handfeste Tragödien. Immer, wenn sich das Chaos von existenziellen Krisen ausbreitete, griffen betroffene Kollektive auf die Erlebnisse zurück, die illustrierten, wie erfolgreich sie auch sein konnten. Karl Marx beschrieb diesen Umstand in seinem 18. Brumaire des Louis Bonaparte mit den Worten: In der Geschichte passiert alles zweimal: einmal als Tragödie, und einmal als Farce. Die Worte sollten in der Bewertung historischer Ereignisse Geschichte machen.

Das, was sich gegenwärtig in Afghanistan abspielt und die Gemüter in Aufruhr bringt, bringt vieles mit sich, um es unter dem Aspekt der Trauma-Bewältigung mit dem Rückgriff auf bessere Zeiten zu betrachten. Es is handelt sich dabei, aus Sicht der USA, um einen doppelten Trugschluss. Denn die erfolgreichen Geschichten militärischer Intervention greifen weit, sehr weit in der Geschichte zurück. Und sie wurden nicht durch das getragen, was das Debakel in Vietnam und nun das in Afghanistan in einem besseren Licht erscheinen lassen könnten. Die glorreichen Zeiten der USA, in denen sie die Position erreichen konnten, die sie für lange Zeit zu einer die Welt beherrschenden Supermacht gemacht hatten, waren die Interventionen in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Dort hatten sie einerseits die Zeit auf ihrer Seite und andererseits Alliierte, die schnell danach zu ihren Rivalen wurden. 

Das, was danach zu großen Debakeln führte, waren einseitige Interventionen, die von der Hybris getragen wurden, durch kriegerisch inszenierten Regime-Change die Welt zu einer besseren machen zu wollen. Dabei setzten sie Mittel ein, die nichts mit ihrer eigenen Staatsdoktrin zu tun hatten, die ein Gegenentwurf zu Kolonialismus und Imperialismus war, obwohl diese selbst von der Entstehungsgeschichte selbst bereits durch doppelte Standards kontaminiert wurde. Sie proklamierten Freiheit und Menschenrechte und pflegten gleichzeitig noch die Sklaverei. Somit trugen sie immer den Keim einer Begrenzung der eigenen Überzeugungskraft in sich. 

Die endgültige Etablierung als Welt-Hegemon war die Stunde, in der sich die Überzeugungskraft einer befreienden Macht wandelte in ihr Gegenteil. Eine nicht enden wollende Blutspur durchzieht ihr Wirken im 20. und im 21. Jahrhundert. Allein die unter dem Slogan des Regime-Change geführten Kriege in den letzten Jahrzehnten hat nach vorsichtigen Schätzungen nicht nur zu unzähligen Toten geführt, sondern 38 Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Die Bilanz ist jedermann zugänglich und sollte dazu führen, sowohl innerhalb der USA als auch außerhalb über die Ursachen nachzudenken. Dieser Weg, so sehr er auch von dem Vokabular der amerikanischen Konstitution geprägt ist, führt zu nichts Gutem. Es ist Zeit, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Joe Bidens Reaktion auf den Anschlag am Kabuler Flughafen war geprägt von der Vergeltungsterminologie, die auch George W. Bush benutzt hatte. Das waren, im Vergleich zu den sonstigen Freiheitshymnen, ehrliche wie verhängnisvolle Worte. Und sie zeigten, dass Lernprozesse von dieser Administration nicht zu erwarten sind. Onkel Sam ist senil geworden, gefährlich ist er geblieben.