Archiv für den Monat März 2021

Afghanistan: Schillernde Moralappelle

Die Moral hat einen merkwürdigen Beigeschmack bekommen. Immer mehr Menschen fühlen sich nicht mehr wohl, wenn von Moral die Rede ist. Dann geht es allerdings zumeist um Erscheinungen, die besser mit dem Terminus des Moralismus versehen werden. Denn dann handelt es sich nicht um eine aus einem tiefen inneren Wert resultierende Einstellung oder Handlung, sondern um ein ausgeklügeltes System der Täuschung und Irreführung. Indem an das Gute im Menschen appelliert wird, werden Vorschläge gemacht, wie genau das Gegenteil bewirkt werden soll. 

Beispiele? Alle moralischen Appelle, die kriegerische Handlungen legitimieren sollen. Pioniere für diese Vorgehensweise, die natürlich so alt ist wie die Menschheit, aber Pioniere für diese Vorgehensweise in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik waren die Grünen und ihr damaliger Außenminister Joschka Fischer, die die militärische Intervention im ehemaligen Jugoslawien mit dem Erbe von Auschwitz zu legitimieren suchten. Unterstützt von internationalen Werbeagenturen, die dem staunenden Publikum immer wieder mit Slogans aufs Hirn klopften, bis einige glaubten, deutsche Piloten an Belgrads Himmel brächten mehr Gerechtigkeit in die Welt.

Und weil das so gut geklappt hat, mit kleinen Ausnahmen wie der Bemerkung Gerhard Schröders, der als einziger bis heute die Souveränität hatte zuzugeben, dass der Balkankrieg eine Verletzung des Völkerrechts gewesen sei, ist die Methode beliebter denn je. Immer, wenn es um Interventionen geht, werden moralische Prinzipien, Werte und Gerechtigkeitsfragen aus dem Arsenal der Täuschungsinstrumente hervorgeholt, um dem heißen Krieg einen ideologischen vorausgehen zu lassen. Es ist immer dasselbe und es wird Zeit, denjenigen, die mit ihrem im Glanz der Sonne liegenden System von Korruption, Kollusion und Nepotismus und ihrer eigenen Verkommenheit zuzurufen, dass auf ihre Moralappelle in toto gepfiffen wird. 

Der Unmut entspringt der Dreistigkeit der Manöver, die sich aus Faulheit und eigener Unzulänglichkeit wiederholen. Erinnern Sie sich noch? Vor zwanzig Jahren, als es darum ging, in dem von den USA angeführten Krieg gegen den Terror eine Intervention in Afghanistan mit Kräften der Bundeswehr zu unterstützen? Da schwadronierte nicht nur ein sozialdemokratischer Minister, die Freiheit der Republik würde auch am Hindukusch verteidigt, sondern es gab auch eine breit angelegte Werbekampagne, die die moralische Legitimation vorbereiten sollte.

Auf allen Kanälen wurde darüber berichtet, was die Herrschaft der Taliban in Afghanistan für die Frauen und Mädchen in dem Land bedeutete. Keine Schule für die Mädchen, keine Rechte für Frauen, Zwangsverheiratungen, Freiheitsberaubung, Todesstrafe für vorehelichen Sex, keine freie Berufswahl etc. etc.. Nicht, dass derartige Zustände gutgeheißen werden sollten, aber sind das die moralischen Voraussetzungen für eine kriegerische Intervention? Und wenn ja, warum marschiert die Bundeswehr dann nicht in Saudi-Arabien ein? 

Nun, zwanzig Jahre nach dem Beschluss, sich mit Streitkräften nach Afghanistan zu begeben, um den vermeintlichen Menschenrechten Geltung zu verschaffen, und zwanzig Jahre ohne Erfolgsmeldungen, z.B. dass die Mädchen wieder zur Schule dürfen, Frauen ihr Leben selbst bestimmen etc. tauchen plötzlich mehrmals wöchentlich wieder jene Berichte auf, die zu Beginn der Mission Impossible den Boden für die Intervention mit geebnet haben. Die Kriegspropaganda hat die afghanischen Frauen wiederentdeckt! Immer noch sind die Zustände verheerend, auch mit Intervention, aber wieder sollen sie die Legitimation für eine Verlängerung der Intervention liefern. 

Achten Sie darauf! Es ist offensichtlich. Die Moral wird bemüht, um Waffen zu verkaufen, um eine Kriegsmaschine am Laufen zu halten, um das Völkerrecht zu verletzen, um die Zustände geht es – nicht!    

White-collar crime: Wirecard, Maskendeals, Greensill — Neue Debatte

Als hätte ein nichts ahnender Kretin eine brennende Kippe in eine Scheune voll trockenen Strohs geworfen, lodern die Flammen des Entsetzens im sowieso schon dunklen Himmel. Der Beitrag White-collar crime: Wirecard, Maskendeals, Greensill erschien zuerst auf Neue Debatte.

White-collar crime: Wirecard, Maskendeals, Greensill — Neue Debatte

Geplatzter Kragen

Menschen, die an das Gute glauben, werden zunehmend enttäuscht. Als hätte ein nichts ahnender Kretin eine brennende Kippe in eine Scheune voll trockenen Strohs geworfen, lodern die Flammen des Entsetzens im sowieso schon schon dunklen Himmel. Was sich da an wirren Bildern abzeichnet, müssen sich die armen Betrachter erst einmal zusammenreimen. Verzerrte Physiognomien, glitzernde Bürokonstrukte und wummernde Regierungsgebäude. Erst kommt ein kleiner Parvenü daher und lässt sich von amerikanischen Firmen für seine hoch qualitative Beratung fürstlich honorieren. Dann sacken andere Abgeordnete des höchsten Hauses Tantiemen ein, als es um die Vermittlung von Masken ging. Es folgt ein Bundestagspräsident, der die Offenlegung derartiger Aktivitäten verhindert, indem er auf den Datenschutz verweist. Dann war da ja auch noch Wirecard, ein Unternehmen, das durch Luftbuchungen Anleger wie Fiskus böse hinter das Licht führte, seinerseits allerdings beste Referenzen von renommierten Wirtschaftsprüfern bekam. Und nun poppt die Pleite der Bremer Greensill Bank auf, die ebenso makellose Testate von Wirtschaftsprüfern bekam. 

Wenn der flackernde Schein nicht trügt, werden noch weitere Dinge zu Tage treten, die das schöne Bild von einem geordneten, auf Recht und Gesetz basierenden politischen System bis zur Unkenntlichkeit in dreckigem Rauch verhüllen. Der Verdacht drängt sich auf, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, in denen missratene Charaktere ihre politische und gesellschaftliche Stellung dazu nutzten, um eine wie auch immer erklärbare Gier zu befeuern, unabhängig wie die Wirkung auf das staunende Publikum. Was bei ihnen auffällt und wovon alle berichten, die diese Figuren über einen längeren Zeitraum aus der Nähe beobachten konnten, ist die Offenheit, mit der sie ihre Machenschaften verfolgten und ihre Immunität gegen das, was der gemeine Mann und die gemeine Frau als moralische Bedenken bezeichnen würden. 

Dass in einer bestimmten Kohorte immer auch Exemplare dabei sind, die von der Norm abweichen, ist ein Allgemeinplatz der Soziologie. In funktionierenden Sozialsystemen ist es allerdings auch so, dass sich der Rest schnell und deutlich von ihnen distanziert, weil er weiß, dass der systemische Schaden verheerend sein wird, wenn das nicht geschieht. Schweigt jedoch der große Teil der Kohorte und sucht gar die Machenschaften der Delinquenten zu vertuschen, dann wird die Krise existenziell. Und selbst die personifizierte Gutgläubigkeit ist, nach dem ersten Schock und der ersten Enttäuschung, dazu verleitet, dass es sich bei der der unappetitlichen Mischung aus Korruption, Kollusion und Nepotismus ihrerseits um den wahren Charakter dessen handelt, von dem man glaubte, es sei der große Wert, auf dem alles ruht. Und wenn dann noch genau diese Art der kriminellen Syndikalisten anfangen von Werten zu faseln, dann ist es dahin mit der Geduld.

Ein Schluss, der in unseren Breitengraden in solchen Augenblicken immer wieder aufblitzt, ist der, dass Politik an sich eine schmutzige Sache sei. Das, so sei all den Enttäuschten deutlich gesagt, ist allerdings die dümmste aller Reaktionen. Das ist die weiße Flagge, die endgültige Kapitulation vor denen, die den Verdruss bereiten. Politik ist die grundlegende Notwendigkeit, um gesellschaftlich neue Wege zu gehen, wenn dies erforderlich ist. Und dass dem so ist, zeigen im Moment genau die Elemente, die durch ihre Impertinenz und Selbstsicherheit überführt worden sind. Und, damit der Zorn nicht destruktiv wird und sich wohl möglich als Selbsthass organisiert, weil geglaubt wird, man könne sowieso nichts ändern, kann versichert werden: auch ein geplatzter Kragen kann ein gutes Entree für einen Neuanfang sein!