Archiv für den Monat April 2020

Kampfjets für den Frieden?

Kampfjets sind genau die richtigen Investitionen für die im Grundgesetz vorgesehene Landesverteidigung. Ursprünglich, nach dem historisch einmaligen Desaster, war in dem Artikel, der sich mit dem Thema befasste, exklusiv nur von der Situation ausgegangen worden, dass die Anwendung militärischer Gewalt dann gestattet sei, wenn das Territorium der Bundesrepublik angegriffen würde. 1994, vier Jahre nach der Fusion mit dem Oststaat, kam dann eine Passage hinzu, die es erlaubte, im internationalen Kontext friedenserhaltender oder friedensstiftender Maßnahmen Streitkräfte zu entsenden. Der Sturz legitimer Regierungen und die Zerschlagung souveräner Staaten war damit nicht gemeint, darauf lief es in einigen Fällen hinaus. Seither befindet sich die Politik in einer gravierenden Legitimationskrise. Sie spricht von Frieden, führt jedoch Kriege mit Absichten, die sie nicht öffentlich kommunizieren kann. Regime Change, die logistische Unterstützung von Terroristen, die Luftraumüberwachung bei gezielten Luftschlägen ebenfalls „bedrohter“ NATO-Partner, alles das gehört zum Besteck eines Alltags, der weder mit dem Geist des Grundgesetzes noch mit der öffentlich kommunizierten Politik zu vereinbaren ist.

Dass die gegenwärtige Bundesverteidigungsministerin sich bei dem Kotau gegenüber den USA mit dem Gestus in der Richtung vertan hat, passt zu ihrer insgesamt wirren Performance. Die geplante Beauftragung von Kampfjets aus dem Hause Boing soll eine Loyalität gegenüber einem progressiv pathologisch agierenden US-Präsidenten und dessen Vorstellung einer gedeihlichen Zusammenarbeit in der NATO demonstrieren. Beides, die Ministerin, wie die NATO, passen schlichtweg nicht mehr in die Zeit. Wenn davon gesprochen wird, dass die Welt möglichst schnell eine andere werden soll, wenn sie denn die Existenz von Menschen als Perspektive beinhaltet, verlangt nach neuen Perspektiven. 

Wenn die grundgesetzliche Ausgangslage, nämlich der Fall von Bedrohung der Souveränität der Bundesrepublik Deutschland, ernst genommen werden soll, dann muss über Maßnahmen gesprochen werden, die tatsächlich der Landesverteidigung dienen. Alle strategischen und militärischen Überlegungen müssen diesem Ziel folgen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die NATO seit Jahrzehnten zu einem Expansionsorgan ausgewachsen hat, deren Ziel es ist, jenseits der eigenen Territorien von USA und BRD Drittstaaten zunehmend zu bedrohen. Die Vision, es potenziellen Gegnern auszutreiben, über einen Angriff auf die Mitgliedstaaten auch nur nachzudenken, könnte der Realität nicht fremder sein als jetzt.

Wenn Bündnisse militärischer Natur, dann nur mit Ländern, die a) in direkter Nachbarschaft liegen und b) ebenfalls mit der Expansion ihres eigenen Einflusses auf andere Länder, deren Souveränität zerstört werden soll, nichts zu tun haben wollen. Die Aufgabe, die daraus erwächst, ist radikal anders, als die gegenwärtige. Sie verlangt eine Umsteuerung von Politik und Streitkräften. Ihr Vorteil wäre eine breite Unterstützung durch die Bevölkerung. Das Ziel der Landesverteidigung ist legitim, die Kumpanei mit der zunehmenden Warlord-Strategie der USA findet keine Zustimmung mehr. 

Klarheit und Mut wären das Entree zu einer Verteidigungsstrategie, die den Namen verdient. An den Regalen der Waffenlobbies entlangzulaufen und in Panik einzelne Artikel auszudeuten reicht da nicht. Das mit der Entscheidung für Kampfjets die gegenwärtig Verantwortliche genau eine Waffengattung gewählt hat, die über fremden Territorien zur vollen Entfaltung kommt, ist kein Zufall und zeigt, dass weder die vorliegenden Konzepte noch das verfügbare Personal die Grundlage für einen Politikwechsel bilden können. Was nicht heißt, dass beides nicht möglich wäre oder nicht vorhanden ist. Es verhält sich wie immer im Leben: Man muss nur wollen, dann finden sich auch Wege und Menschen, die sie beschreiten wollen.

Der Konflikt von West und Ost im alten Rom

Lion Feuchtwanger. Die Josephus-Trilogie (Der jüdische Krieg. Die Söhne. Der Tag wird kommen)

Das Exil ist ein hartes Brot. Nicht nur, dass die Bedingungen des eigenen Schaffens sich beständig und dramatisch ändern, sondern auch die Bewertung dessen, was die Betroffenen treiben, bekommt ein neues Maß. Beides, sowohl die ungewollten Unterbrechungen und Neuanfänge beim Schreiben als auch die lästige Diskussion um die Frage, ob historische Romane nicht eine Flucht vor den harten Bedingungen von Diktatur und Krieg seien, haben das Gelingen der Josephus-Trilogie von Lion Feuchtwanger nicht beeinträchtigt. Das Werk, ursprünglich auf zwei Bände geplant, dann aber durch die aktuellen Ereignisse doch zu einer Trilogie ausgewachsen, handelt von dem römischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus. Seine eigene Biographie machte ihn zu einer schillernden Figur der Geschichte: Mitglied des jüdischen Priesteradels, Anführer beim militärischen Aufstand Galiläas gegen Rom, Sklave und Freigelassener des Kaisers Vespasian, römischer Bürger und Geschichtsschreiber.

Das Werk umfasst drei Bände. Im ersten, „Der jüdische Krieg“, geht es um den Aufstand Judäas gegen Rom und endet mit Eroberung und Niederschlagung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr.. Der zweite Band, „Die Söhne“, handelt von dem Versuch des Josephus, Orient und Okzident in seinem eigenen Leben und dem seiner Söhne zu vereinigen, was nicht gelingt. Und im dritten Band, „Der Tag wird kommen“, geht es um die Fragen des Judentums, ob es mit der esoterischen Deutung der Schriften, mit der Pflege der Tradition oder mit dem Streben nach politischer, weltlicher Macht zu bewerkstelligen sei, dem Judentum gerecht zu werden. Das beinhaltet auch die nahezu unmögliche Kommunikation zwischen Ost und West, mit der Ratio, mit Zählen, Messen und Wiegen des Westens und der Intuition, der Emotion und der Fantasie des Ostens. 

Die Rezeption der Josephus-Trilogie wurde der Bedeutung des Werkes nie gerecht. Das lag zum einen an den unglücklichen und weit auseinander liegenden Erscheinungszeitpunkten (1932, 1935 und 1942) der verschiedenen Bände und den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen. Dabei kann nicht nur von der Aufarbeitung des tatsächlichen historischen Stoffes gesprochen werden, dessen Kenntnis bis hin zur Klärung der heutigen Verhältnisse in Israel und dem Nahen Osten sehr hilfreich ist, sondern auch von der Erschließung der kulturellen Differenzen zwischen Ost und West, zu der die Trilogie profund beiträgt. Die Konfrontation von Rom und Judäa sind das historischen Grundmuster, das bis heute als ungelöste Aufgabe vor der Weltgemeinschaft steht.

Ein weiterer Aspekt, der weit über die historische Dokumentation hinausgeht, ist die Frage von Migration, Integration und Assimilation. An den inneren und äußeren Konflikten des Juden Joseph Ben Matthias und dem Römer Flavius Josephus wird deutlich, was sich in den von der Mobilität der Globalisierung geprägten Gesellschaften als Massenphänomen abspielt: Der Verlust alter Identitäten und die Suche nach neuen. Und, auch das noch ein Argument, welches für die historische Figur des Flavius Josephus als auch für den weitsichtigen Autor Lion Feuchtwanger spricht: Es ist die Vision des Weltbürgertums, die beide leitet. Damit sind beide gescheitert. Was, bei der Dimension von Geschichte nichts heißen muss. Die Mühen, die damit verbunden sind, sind in den drei Bänden umfangreich beschrieben. 

Der Konflikt von Ost und West im alten Rom. Etwas Spannenderes gibt es kaum! Es wäre sehr zu begrüßen, wenn es wieder verlegt würde!